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Gesetz und Frau



Zweiter Theil.

Erstes Kapitel.

Der Prozeß Vorbereitungen.

Ehe ich über den Prozeß Bericht erstatte, muß ich noch eine Schwäche bekennen. Ich vermag es nicht über mich, noch einmal jenes entsetzliche Titelblatt zu copiren, welches den Namen meines Gatten dem Publikum gegenüber als entehrt hinstellte.

Die erste Seite also umschlagend, fand ich auf der zweiten eine Note, welche dem Leser die absolute Correctheit des Berichtes und aller Vorgänge des Prozesses versichert. Es waren von allen Seiten und in jeder Beziehung so außerordentliche Vorsichtsmaßregeln getroffen, daß kein Fehler, kein Versehen stattfinden konnte. Ich kann nicht leugnen, daß diese Note mich mit größerer Sammlung und Ruhe an die Lectüre gehen ließ.

Die nächste Seite interessierte mich noch mehr. Sie zählte die in dem juridischen Drama handelnden Personen auf, die Männer, welche meines Gatten Ehre Und Leben in ihren Händen hielten. Dies ist die Liste:

Der Lord-Richter Clerk      |
Lord Drumfennill            | Richter.
Lord Noblekirk              |

Der Lord-Anwalt (Mintlaw)   | Syndici
Donald Drew, Esqre (Anwalts | der
-Substitut)                 | Krone.

Mr. James Arlifs, W. S., Agent der Krone.

Der Decan der Facultät      | Syndici der
(Farmichael)                | Jury (oder des
Alexander Crocket, Esqre    | Angeklagten.)
(Advocat)                   |

Mr. Thorniebank, W. S.      | Agenten der
Mr. Playmore, W. S.,        | der Jury.

Nun folgte die Anklage gegen den Gefangenen. Ich will nicht die wunderliche Ausdrucksweise copiren, voll von unnützen Wiederholungen (und, wenn ich irgend etwas von der Sache verstehe, ebenso schlecht grammatikalisch), in der mein unschuldiger Gatte feierlich und fälschlich angeklagt wurde, seine erste Frau vergiftet zu haben. Je weniger von dieser falschen und gehässigen Bezichtigung auf diesem Blatte steht, desto besser und wahrer wird das Blatt in meinen Augen aussehen.

Um also kurz zu sein, Eustace Macallan wurde »auf Veranlassung von David Mintlaw, Esqre, dem Anwalt Ihrer Majestät, im Interesse Ihrer Majestät bezichtigt und angeklagt« der Ermordung seiner Frau durch Gift an seinem Wohnort Gleninch in der Grafschaft Mid-Lothian. Das Gift sollte von dem Gefangenen seiner Frau Sara in gemeiner, hinterlistiger Weise bei zwei Gelegenheiten beigebracht sein, und zwar in Gestalt von Arsenik im Thee, der Medizin »oder anderen Nahrungsmitteln oder Getränken, die dem Ankläger unbekannt waren, oder in einer andern dem Ankläger unbekannten Weise.« Es wurde weiter erklärt, daß die Frau des Gefangenen an dem ihr so von ihrem Gatten bei einer oder der andern oder bei beiden der erwähnten Gelegenheiten beigebrachten Gift gestorben und daß sie somit von ihrem Gatten ermordet wäre. Der nächste Passus constatirte, daß der besagte Eustace Macallan, vor den Advocaten John Daviot, Esqre, Sheriff-Substituten von Mid-Lothian, geladen, in seiner Gegenwart zu Edinburgh (an einem bestimmten Tage, nämlich dem 29. October; eine Erklärung unterschrieb, die seine Unschuld an dem vorliegenden Verbrechen versicherte: diese Erklärung war der Anklage beigefügt zusammen mit gewissen in einem Inventar aufgezählten Documenten, Papieren und Gegenständen die zur Ueberführung des Gefangenen dienen sollten. Die Anklage schloß mit der Erklärung, daß, falls das Verdict die gegen den Gefangenen erhobene Beschuldigung bestätigen sollte; er, besagter Eustace Macallan, »mit den gesetzlichen Strafen zu belegen wäre, um Andere von der Begehung der gleichen Verbrechen für alle Zukunft abzuschrecken.«

So viel in Betreff der Anklage Ich bin fertig mit ihr — und ich bin froh, mit ihr fertig zu sein.

Ein langes Inventar von Papieren, Documenten und Gegenständen folgte auf den drei nächsten Seiten. Diesem wieder folgte die Liste der Zeugen und die Namen der Geschworenen (15 an der Zahl), die für den speciellen Fall ausgelost waren. Schließlich begann dann der Bericht über die Verhandlungen. Er gliederte sich meines Erachtens in drei Hauptfragen: Man lasse mich ihn hier wiedergeben, wie er sich mir zur Zeit darstellte.



Kapiteltrenner

Zweites Kapitel.

Erste Frage — starb die Frau an Gift?

Die Verhandlungen begannen um 10 Uhr.

Der Gefangene erschien vor dem Schwurgericht von Edinburg. Er verbeugte sich respectvoll , vor den Richtern und beantragte mit leiser Stimme das Nichtschuldig.

Das Antlitz des Gefangenen zeigte die Spuren tiefen geistigen Leidens; er war tödtlich blaß. Sein Auge wandte sich niemals zum Publikum. Wenn gewisse Zeugen gegen ihn er schienen, blickte er dieselben mit augenblicklicher Aufmerksamkeit an. Sonst hielt er die Blicke stets zu Boden geheftet. Als die Zeugenaussagen seines Weibes Krankheit und Tod berührten war er tief ergriffen und bedeckte das Antlitz mit den Händen. Es setzte allgemein in Erstaunen daß der Gefangene, obwohl ein Mann weit weniger Selbstbeherrschung in seiner Sache zeigte, als seine Vorgängerin welche mit Zeugenaussagen gegen sich beinahe überbürdet war. Nur eine geringe Minorität der Anwesenden deutete diesen Mangel an Fassung zu Gunsten des Gefangenen. Selbstbeherrschung in einer so entsetzlichen Lage war nach ihrer Ansicht gleichbedeutend mit der Gefühllosigkeit und Herzlosigkeit eines raffinierten Verbrechers, gleichbedeutend mit Schuld anstatt mit Unschuld.

Der erste vorgerufene Zeuge war John Daviot, Esqre, Sheriff-Substitut von Mid-Lothian. Von dem Lord-Anwalt als Ankläger befragt, äußerte er folgendes:

»Der Gefangene wurde unter der schwebenden Anklage vor mich gebracht. Er entwarf und unterschrieb eine Erklärung vom 29. October. Das Schriftstück wurde aus freiem Antriebe aufgesetzt, nachdem der Gefangene pflichtmäßig gewarnt und zur Wahrheit ermahnt worden war.

Nachdem sich der Sheriff-Substitut von der Identität der Declaration überzeugt und von dem Decan der Facultät als Vertheidiger in’s Kreuzverhör genommen war, setzte er seine Aussage mit folgenden Worten fort:

»Die Anklage gegen den Gefangenen ist Mord. Dies wurde ihm mitgetheilt, ehe er die Declaration niederschrieb. Die dem Gefangenen vorgelegten Fragen geschahen theils durch mich selbst, theils durch einen andern Beamten den fiskalischen Procurator. Die Antworten wurden bestimmt und rückhaltlos gegeben.

Ein Schreiber in dem Secretariat des Sheriffs legte dann die Declaration nieder und bekräftigte die Zeugenaussage seines Vorgängers.

Das Erscheinen des nächsten Zeugen rief eine allgemeine Sensation hervor. Es war die Wärterin welche Mrs. Macallan in ihrer letzten Krankheit gepflegt hatte. Sie hieß Christina Ormsay.

Nach den ersten formellen Antworten die sie dem Lord-Anwalt gegeben hatte, ließ sie sich folgendermaßen aus:

»Am 7. October ward zu mir geschickt, da mit ich der verstorbenen Mrs. Macallan in ihrer Krankheit Hilfe leiste. Sie litt damals an einer schweren Erkältung, begleitet von einer rheumatischen Affection des linken Kniegelenks. Vor diesem Anfall sollte ihre Gesundheit nichts zu wünschen übrig gelassen haben. Sie war keine angenehme Kranke, wie man zu sagen pflegt; man mußte mit ihr umzugehen verstehen. Die Dame hatte keinen angenehmen Character. Sie war eigensinnig und heftig, sehr leicht leidenschaftlich erregt und in ihren Ausbrüchen von Zorn sowohl in Worten als Handlungen ziemlich unzurechnungsfähig. Wenn diese Stimmungen über sie kamen bin ich überzeugt, daß sie oft nicht wußte, was sie that. Nach meiner Ansicht war ihr Temperament durch häusliches Unglück ein noch erregteres geworden. Von Zurückhaltung war keine Rede bei ihr. Im Gegentheil, sie war zu mittheilend in Bezug auf sich und ihre Bekümmernisse, selbst gegen Leute, welche, wie ich, weit unter ihr standen. Sie nahm z. B. nicht den geringsten Anstand, mir zu erzählen, daß sie sich sehr unglücklich fühle, und sprach in wenig zärtlichen Ausdrücken von ihrem Gemahl. Einstmals in einer schlaflosen Nacht sagte sie zu mir: —

Der Decan der Facultät, welcher die Interessen des Gefangenen wahrnahm, unterbrach hier die Zeugin mit der Bemerkung an die Richter, ob es erlaubt sei, daß ein solch’ loses und unzusammenhängendes Zeugniß wie dieses überhaupt vom Gerichtshof angenommen werden dürfe. Der Lord-Anwalt im Interesse der Krone beanspruchte es als sein Recht, auch solche Zeugnisse zu Protokoll zu nehmen; denn es sei in diesem Fall von der größten Wichtigkeit, zu zeigen, in welchen Beziehungen Mr. und Mrs. Macallan zu einander standen. Die Zeugin wäre eine sehr achtbare Frau. Sie hatte sich das Vertrauen der unglücklichen Dame, die sie bis an ihren Tod pflegte, gewonnen und verdient.

Nach einer kurzen Berathung entschieden die Richter einstimmig dahin, daß ein solch’ ab schweifendes Zeugniß nicht zulässig sei. Nur was die Zeugin mit eigenen Augen von dem ehelichen Leben der Macallans gesehen, könne als Zeugniß vor dem Gerichtshofe gelten.

Christina Ormsay fuhr nun in ihrer Aussage fort:

»Ja meiner Stellung als Wärterin hatte ich Gelegenheit, tiefere Einblicke in das Leben der Mrs. Macallan zu thun, als es irgend einer anderen Person gestattet war.«

»Wie ich schon einmal bemerkt, sah ich deutlich genug, daß Mr. und Mrs. Macallan uneinig mit einander lebten. Ich erlaube mir, ein Beispiel aus meiner eigenen Beobachtung mitzutheilen: Als meine Beschäftigung bei Mrs. Macallan sich bereits ihrem Ende zuneigte, kam eine junge Wittwe Namens Mrs. Beanly, eine Nichte von Mr. Macallan, nach Gleninch zum Besuch. Mrs. Macallan war eifersüchtig auf die Dame, und sie zeigte es öfters in meiner Gegenwart, so auch an dem Tage vor ihrem Tode, als Mr. Macallan in ihr Zimmer kam, um sich zu erkundigen, wie sie die Nacht geschlafen. »O,« sagte sie, »bekümrnere Dich doch nicht um meinen Schlaf! Das kann Dir ja ganz gleichgültig sein! Wie hat denn Mrs. Beanly die Nacht zugebracht? Ist sie diesen Morgen noch schöner als sonst? Bitte, geh’ doch zurück zu ihr. Was verschwendest Du Deine Zeit an meinem Krankenbett?« In dieser Weise beginnend, sprach sie sich zuletzt in völlige Wuth. Ich war gerade dabei, ihr das Haar zu bürsten, und da ich sah, daß meine Anwesenheit unter diesen Umständen überflüssig sei, machte ich Miene, das Zimmer zu verlassen Sie verbot es mir. Mr. Macallan, welcher wohl von demselben Gefühl beherrscht sein mochte als ich, bat mich in milden Worten, daß ich gehen möchte. Mrs. Macallan aber bestand auf mein Bleiben und äußerte dies in einer so heftigen und insolenten Weise gegen ihren Gatten, daß dieser sagte:

»Wenn Du so wenig Selbstbeherrschung hast, muß entweder die Wärterin das Zimmer verlassen oder ich.« Mrs. Macallan opponirte noch immer. »Eine hübsche Entschuldigung,« sagte sie, »zu Mrs. Beanly zurückzukommen. Geh!« Er nahm sie beim Wort und verließ das Zimmer. Kaum hatte sich die Thür hinter ihm geschlossen, als sie in der beleidigendsten Weise über ihn herzog. Sie behauptete unter Anderem, daß alle Nachrichten der ganzen Welt ihm nicht so angenehm sein würden, als die Nachricht von ihrem Tode. Ich erlaubte mir, ganz bescheiden Einspruch dagegen zu thun. Da nahm sie die Haarbürste, warf sie mir an den Kopf und hieß mich gehen. Ich verließ das Zimmer und wartete unten, bis der Wuthanfall vorüber sein würde. Dann kehrte ich zurück, und es war wieder eine Weile ruhig.

Es mag nicht unangemessen sein, noch ein Wort hinzuzufügen, welches zur Motivirung von Mrs. Macallan’s Eifersucht gegen ihres Gatten Nichte dienlich sein könnte. Mrs. Macallan war eine durchaus unschöne Person. Sie schielte auf einem Auge, und ihr Teint war so schmutzig und sinnig, wie ich es in meinem Leben noch nicht gesehen hatte. Mrs. Beanly dagegen besaß ein sehr anziehendes Wesen. Ihren Augen wurden allgemein bewundert, und ihre Haut war von der Weiße eines Lilienblatts. Die arme Mrs. Macallan sagte immer, aber gewiß mit Unrecht, daß sie sich schminkte. Die Unvollkommenheiten in der äußern Erscheinung der verstorbenen Lady standen aber in durchaus keiner Beziehung zu ihrer Krankheit. Diese schien, so weit ich es beurtheilen kann, mehr lästig und beschwerlich als gefahrvoll. Bis zum letzten Tage hatten sich durchaus keine beunruhigenden Symptome gezeigt. Die rheumatische Anschwellung ihres Knies war natürlich schmerzhaft und das ewige Imbettbleiben unangenehm, — das war aber auch alles. Sie hatte Bücher und Schreibmaterial auf einem invaliden Tisch, der sich um seine Axe drehte und ihr daher sehr bequem war, neben dem Bette stehen. Zu Zeiten las und schrieb sie viel. Manchmal lag sie aber auch still, mit ihren Gedanken beschäftigt, oder mit mir und einigen Freundinnen sprechend, die sie tagtäglich besuchten.

Ihren Schreiberei, so weit ich es beurtheilen kann, bestand größtentheils in Verse machen, worin sie eine bedeutende Fertigkeit hatte. Ich mußte manche Gedichte lesen. Dieselben sprachen gewöhnlich Verzweiflung über sich selbst aus, Unzufriedenheit, daß sie überhaupt geboren, und was des Unsinns noch mehr war. Ihrem Gatten ertheilte sie auch manchen wuchtigen Hieb wegen seines grausamen Herzens und weil er die Verdienste seines Weibes nicht anerkannte. Mit einem Wort, sie machte ihrem Unmuth so wohl mit der Feder als mit der Zunge Luft. Es gab Stunden, in denen ein Engel hätte vom Himmel kommen können, ohne daß es ihm gelungen sein würde, Mrs. Macallan zu genügen.

Während der ganzen Dauer ihrer Krankheit bewohnte die verstorbene Lady dasselbe Zimmer. Ja! der Plan des Zimmers ist ganz richtig gezeichnet. Eine Thür führte in den großen Corridor, auf den auch alle anderen Thüren münden; eine zweite Thür (auf dem Plan mit B bezeichnet) führte in Mr. Macallan’s Schlaf zimmer, eine dritte dieser gegenüber liegende Thür (C auf dem Plan) communicirte mit dem kleinen Studir- oder Bücherzimmer, welches, wie mir erzählt wurde, Mr. Macallans Mutter bewohnte, wenn sie in Gleninch war. Sonst kam , dort selten Jemand hinein. Die Thür zwischen dem Schlafgemach und dem Studirzimmer war verschlossen und der Schlüssel abgezogen; wer den Schlüssel in Verwahrung hatte, kann ich nicht angeben. Ich habe die Thür niemals offen gesehen; nur von einer andern Seite habe ich einmal einen Blick hineingeworfen.

Nun komme ich zu dem plötzlichen Wechsel, welcher in der Krankheit der Mrs. Macallan eintrat, der mit ihrem baldigen Tode endete. Nach des Doctors Anweisung mußte ich mir in jener Zeit über verschiedene Dinge Noten machen, die mir vollständig gegenwärtig sind.

Vom 7. October an, dem Tage, wo ich zu ihr gerufen wurde, bis zum 20. desselben Monats besserte sich die Kranke langsam, aber sichtlich. Ihr Knie, obgleich noch schmerzhaft, war nicht mehr so entzündet als sonst. Eine Schwäche, vom langen Bettliegen abgerechnet, und die dadurch verstärkte schlechte Laune konnten eigentlich als der Nest ihres Unwohlseins bezeichnet werden. Ihr Schlaf wer allerdings immer schlecht, weshalb sie vom Doctor verordnete beruhigende Tränke erhielt.

Am Morgen des 21., wenige Minuten nach 6, machte ich zuerst die Entdeckung, daß es mit Mrs. Macallan nicht richtig sei.

Um die angegebene Zeit ward ich von dem Geklingel der Handglocke erweckt, die sie vor ihrem Bette stehen hatte. Ich war um 2 Uhr Morgens vor Müdigkeit auf dem Sopha eingeschlafen. Mrs. Macallan wachte zu jener Zeit; sie war wieder einmal nicht gut auf mich zu sprechen. Ich hatte sie nämlich bewegen wollen, mich ihr Toilettenkästchen vom Nachttisch nehmen zu lassen nachdem sie es gebraucht. Es nahm viel Raum ein, und sie bedurfte dessen bis zum nächsten Morgen nicht mehr. Sie wollte es aber durchaus nicht missen. Es befand sich ein Spiegel in dem Kästchen und obgleich sie so häßlich war wie die Sünde, wurde sie doch nicht müde, ihr Angesicht zu betrachten. Ich ließ ihr also das Kästchen und da ich sah, daß sie zu eigensinnig war, um mit mir sprechen und aus meiner Hand ihren Abendtrunk nehmen zu wollen, so legte ich mich auf das Sopha und schlief, wie ich bereits gesagt habe, ein.

So wie ich die Klingel hörte, war ich munter und wieder an ihrem Bett.

Ich fragte, was sie wünsche Sie klagte über Schwäche und Bedrückung und sagte, daß sie sich übel fühle. Ich erkundigte mich, ob sie während meines Schlafes etwas zu sich genommen habe; sie antwortete mir, daß vor ungefähr einer Stunde ihr Gatte hereingekommen sei und, da er sie schlaflos gefunden ihr den beruhigenden Trank gegeben habe. Mr. Macallan welcher im anstoßenden Zimmer schlief, kam herein, während sie noch sprach. Er war ebenfalls von dem Klingeln erweckt worden Er hörte, was Mrs. Macallan über den Beruhigungstrank sagte, und machte keine Bemerkung dazu. Er schien über die Schwäche seiner Frau Besorgniß zu fühlen. Ich schlug vor, daß sie etwas Wein oder Cognac in Wasser nehmen möge, sie antwortete, daß sie so scharfe Sachen nicht zu sich nehmen könne, weil sie bereits einen brennenden Schmerz im Magen empfände. Ich legte meine Hand ganz leicht auf ihre Magengegend, und sie schrie auf bei der bloßen Berührung.

Dies Symptom beunruhigte uns. Wir sandten sogleich ins Dorf zum Arzt Mr. Gale, welcher Mrs. Macallan während ihrer Krankheit behandelt hat. Der Doctor schien nicht weniger besorgt als wir. Nachdem die Kranke über Durst geklagt ließ er sie etwas Milch trinken. Nicht lange darauf folgte Erbrechen, das wohlthätig auf sie zu wirken schien. Dann wurde sie müde und schlief ein. Mr. Gale verließ uns mit der strengen Weisung, sofort nach ihm zu schicken wenn die Kranke wieder schlechter werden sollte.

In den nächsten drei Stunden oder mehr ereignete sich nichts der Art. Gegen halb zehn erwachte sie und fragte nach ihrem Gatten. Ich theilte ihr mit, daß er in sein Zimmer zurückgekehrt, und fragte, ob ich nach ihm schicken sollte. Sie verneinte. Ich fragte weiter, ob sie etwas zu essen oder zu trinken wünsche. Sie verneinte abermals und schickte mich dann hinunter, damit ich frühstücken solle. Auf der Treppe begegnete ich der Haushalterin; sie lud mich zum Frühstück in ihr Zimmer, anstatt daß ich es wie sonst mit dem übrigen Gesinde zusammen nahm. Ich blieb bei der Haushalterin ungefähr eine halbe Stunde.

Auf meinem Wege zurück traf ich das Unterhaus-Mädchen, welches die Treppe fegte.

Sie theilte mir mit daß Mrs. Macallan während meiner Abwesenheit eine Tasse Thee getrunken habe.

Mr. Macallans Diener habe den Thee im Aufträge seines Herrn für seine Herrin bestellt. Das Unterhaus-Mädchen bereitete den Thee und trug ihn selbst nach Mrs. Macallans Zimmer. Der Herr, sagte sie, öffnete auf ihr Klopfen die Thür und nahm ihr die Tasse aus der Hand. Er öffnete die Thür weit genug, um sie sehen zu lassen, daß sich Niemand weiter im Zimmer befände als er und seine Frau.

Nachdem ich noch einige Worte mit dem Unterhaus-Mädchen gewechselt kehrte ich in das Krankenzimmer zurück. Mrs. Macallan war allein und lag vollkommen ruhig mit mir abgewandtem Antlitz auf ihren Kissen. Indem ich mich dem Bett näherte, stieß mein Fuß an etwas. Es war eine zerbrochene Theetasse. Ich fragte Mrs. Macallan wodurch die Tasse zerbrochen worden sei. Sie antwortete, ohne mich anzusehen mit undeutlicher mürrischer Stimme, sie habe sie fallen lassen. »Ehe Sie den Thee tranken Madame,« fragte ich. »Nein« sagte sie, »als ich Mr. Macallan nachdem ich getrunken die Tasse zurückgab.« Ich hatte nämlich die Frage nur deshalb gethan um zu wissen ob noch mehr Thee nöthig sei, wenn sie die Tasse zerbrochen ehe sie getrunken Ich fragte weiter, ob sie lange allein gewesen sei. »Ja,« entgegnete sie kurz, »ich versuchte einzuschlafen.« Während der ganzen Zeit behielt sie ihr Antlitz nach der Wand gekehrt. In dem ich mich über sie beugte, um ihre Betttücher zu ordnen blickte ich nach dem Tisch. Sie mußte geschrieben haben, denn eine der Federn war naß von Tinte.

»Sie haben gewiß wieder gedichtet Madame?« fragte ich. Sie stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. »Ja,« sagte sie, »gedichtet!« »Das ist hübsch,« entgegnete ich, »da befinden Sie Sich gewiß besser.« Sie antwortete nur mit einer ungeduldigen Bewegung der Hand. Ich verstand das Zeichen und ließ sie allein.

Es verfloß ungefähr eine halbe Stunde, ohne daß die Klingel ertönte. Es war mir nicht ganz gut zu Muthe, obgleich ich mir nicht Rechenschaft geben konnte, weshalb. Der hohle Ton ihrer Stimme hatte mir nicht gefallen. Es war mir fatal, sie allein zu lassen und dennoch wagte ich nicht zurückzukehren, aus Furcht ihren Zorn zu erwecken. Endlich wagte ich mich in ein Zimmer, gewöhnlich das Morgenzimmer genannt um Mr. Macallan zu befragen.

Obgleich er sonst immer des Vormittags hier anwesend war, fand ich das Zimmer jetzt leer. Eben wollte ich die Thür schließen als ich des Herrn Stimme draußen auf der Terrasse hörte. Ich ging hinaus und fand ihn im Gespräch mit einem gewissen Mr. Dexter, einem alten Freunde von ihm, der gleich Mrs. Beanly als Gast im Hause anwesend war. Mr. Dexter, ein Krüppel, saß im Rollstuhl an einem Fenster der ersten Etage, und Mr. Macallan sprach zu ihm hinauf:

»Dexter, wo ist Mrs. Beanly? Haben Sie sie nicht gesehen?«

Mr. Dexter antwortete verneinend. Dann trat ich vor und bat meine Störung zu entschuldigen. Ich war eben im Begriff, ihm die Schwierigkeit zu schildern, in der ich mich befände, als ein Diener mit der Meldung eintrat daß Mrs. Macallan heftig klingele.

Es war nahe an elf; ich eilte in das Krankenzimmer zurück.

Ehe ich die Thür öffnete, hörte ich Mrs. Macallan stöhnen. Sie litt schreckliche Pein durch Hitze im Magen und in der Kehle; auch fühlte sie wieder die Übelkeit , von der sie schon am Morgen befallen gewesen. Der zweite Anfall trat entschieden heftiger auf als der erste. Nachdem ich nach einem Diener geklingelt den ich an Mr. Macallan senden könnte, öffnete ich in meiner Ungeduld die Thür und bemerkte auf dem Corridor Mrs. Beanly, welche, wie sie sagte, aus ihrem Zimmer kam, um sich nach Mrs. Macallan’s Befinden zu erkundigen. Ich sagte zu ihr: »Mrs. Macallan ist ernstlich krank, Madame. Wollen Sie so freundlich sein dies Mr. Macallan mitzutheilen und nach dem Doctor zu schicken?« Sie rannte sofort die Treppe hinab.

Es dauerte nicht lange, so kamen Mr. Macallan und Mrs. Beanly zusammen in’s Krankenzimmer. Mrs. Macallan warf einen seltsamen gar nicht zu beschreibenden Blick auf die Beiden und hieß sie wieder gehen Mrs. Beanly, die sich sehr zu fürchten schien zog sich augenblicklich zurück. Mr. Macallan trat einige Schritte näher an’s Bett. Seine Frau blickte noch einmal in jener unheimlichen Weise nach ihm, dann schrie sie halb drohend halb bittend: »Laß mich mit der Wärterin allein geh!« Er flüsterte mir zu, daß nach dem Doctor geschickt sei und verließ dann das Zimmer.

Ehe Mr. Gale anlangte, wurde Mrs. Macallan heftig übel. Was sie auswarf war schaumig und trüb, leicht mit Blutstreifen durchzogen. Als Mr. Gale das sah, hörte ich ihn leise sagen: »Oh, oh! was ist denn das!« Nach einem Weilchen schien Mrs. Macallan weniger zu leiden; dann kam wieder eine verstärkte Uebelkeit. Als ich sie zurecht legte, fühlte ich, daß ihre Hände und Füße kalt wurden. Der Doctor meinte vom Pulse, er sei kurz und schwach. Gleich darauf äußerte Mr. Gale, daß er die Verantwortlichkeit allein nicht langer übernehmen könne, und daß man noch einen Edinburgher Arzt zu Rathe ziehen solle.

Das schnellste Pferd aus den Ställen von Gleninch wurde in einen leichten Wagen gespannt und der Kutscher fuhr, was das Zeug halten wollte, nach Edinburgh, um den berühmten Doctor Jerôme zu holen. Während wir auf den Arzt warteten kam Mr. Macallan mit Dr. Gale in das Zimmer seiner Frau. Schwach, wie sie war, erhob sie ihre Hand und winkte ihm, daß er sie verlassen möge. Er versuchte durch einige besänftigende Worte sie zu bewegen daß sie ihm erlauben möge, bei ihr zu bleiben Sie bestand darauf, daß er das Zimmer verlasse. Mr. Macallan schien das in Gegenwart des Doctors unangenehm zu sein. Ehe die Kranke ihres Gatten ansichtig geworden war er schnell an ihr Bett getreten und hatte ihre Stirn geküßt. Sie war mit einem Schreckensruf von ihm zurückgewichen Mr. Gale legte sich darauf ins Mittel und veranlaßte Mr. Macallan sich dem Wunsch seiner Gattin zu fügen, damit die Aufregung ihr nicht schade.

Am Nachmittag kam Dr. Jerôme.

Der berühmte Arzt langte gerade an um Mrs. Macallan in einem neuen Anfall von Uebelkeit zu sehen. Er beobachtete sie, ohne ein Wort zu sprechen. Ich glaubte, er würde nie mit seinen Beobachtungen zu Ende kommen. Endlich blickte er auf und sagte mir, daß ich ihn mit Mr. Gale allein lassen möge. Er würde klingeln wenn er meiner bedürfe.

Es dauerte lange, ehe das geschah. Der Kutscher wurde gerufen ehe man mich in das Krankenzimmer zurück befahl. Der Kutscher ging mit einer zweiten Sendung nach Edinburgh, um den ersten Assistenzarzt des Dr. Jerôme zu bestellen, daß dieser für die nächsten Stunden nicht zurückkehren werde. Ich zog daraus einen Schluß zu Ungunsten der Mrs. Macallan. Andere waren wieder der Meinung, daß der Doctor sie retten aber lange Zeit dazu gebrauchen würde.

Endlich schickte man nach mir. Als ich eintrat verließ Dr. Jerôme das Zimmer, um mit Mr. Macallan zu sprechen Mr. Gale blieb zurück. Von diesem Augenblick an bis zum Ende der Kranken war ich nie mehr allein mit ihr. Einer der beiden Doctoren war stets im Zimmer. Arzneien wurden der Kranken nicht verschrieben. Daran schienen beide Aerzte gar nicht mehr zu denken, sondern nur darauf bedacht zu sein bei der Kranken Wache zu halten. Das setzte mich in Erstaunen, denn das Wache halten war doch eigentlich die Sache der Wärterin.

Als die Lampe angezündet ward, sah ich, daß das Ende nicht mehr fern war. Mit Ausnahme eines leichten Krampfgefühls in den Beinen schien sie weniger zu leiden; aber ihre Augen waren tief eingesunken die Haut fühlte sich kalt und feucht an, die Lippen erschienen bläulich blaß. Sie war gleichgültig gegen alles bis auf den letzten Versuch ihres Gatten sie zu sehen. Er trat mit Dr. Jerôme ins Zimmer, gleich einem Manne, der vom Schreck überwältigt ist. Sie war gerade im Begriff, mit mir zu sprechen. In dem Augenblick aber, als sie ihn zu Gesicht bekam, machte sie schwache Zeichen welche wiederum ihren Willen ausdrückten, daß er ihr nicht nahe kommen möge. Mr. Macallan verließ abermals das Zimmer. Keine andere Person durfte die Kranke sehen. Mr. Dexter und Mrs. Beanly baten darum, wurden aber abgewiesen. Als der Abend hereindunkelte, saßen beide Doctoren zu jeder Seite des Bettes und schienen auf ihren baldigen Tod zu warten.

Gegen acht Uhr schien sie den Gebrauch ihrer Arme und Hände verloren zu haben. Ein wenig später sank sie in einen tiefen dumpfen Schlummer. Nach und nach schwächten sich ihre schweren Athemzüge ab. Zwanzig Minuten nach neun hieß mich Dr. Jerôme die Lampe ans Bett bringen. Er blickte sie an und legte die Hand auf ihr Herz. Dann sagte er zu mir: »Sie können hinuntergehen, es ist alles vorbei.« Ehe ich seinem Verlangen willfahrte, sagte er zu Mr. Gale: »Wollen Sie nicht fragen ob Mr. Macallan uns empfangen kann?« Ich öffnete Mr. Gale die Thür und folgte ihm hinaus. Dr. Jerôme rief mich für einen Augenblick zurück und sagte mir, ich solle ihm den Schlüssel zu der Thür geben. Ich that es, obgleich ich mich darüber wunderte. Als ich in das Gesindezimmer herunterkam, fand ich eine Stimmung vor, als wenn etwas nicht ganz richtig wäre. Wir alle fühlten uns unbehaglich und wußten nicht, weshalb.

Nach einer kleinen Weile verließen die beiden Aerzte das Haus. Mr. Macallan war gänzlich unfähig gewesen sie zu empfangen und zu hören was sie ihm zu sagen hatten. In dieser unangenehmen Lage hatten sie insgeheim mit Mr. Dexter gesprochen, Mr. Macallans altem Freunde und dem einzigen Gentleman in Gleninch. Vor Schlafengehen ging ich hinauf, um die Ueberreste der verstorbenen Lady für den Sarg vorzubereiten. Das Zimmer, in welchem sie lag, war verschlossen ebenso die beiden Thüren welche zu Mr. Macallan’s Zimmer und dem Corridor führten Mr. Gale hatte die Schlüssel mit sich genommen. Zwei Diener waren vor das Sterbezimmer postiert um Wache zu halten. Sie sollten um vier Uhr Morgens abgelöst werden, war alles, was sie mir erzählen konnten.

Bei dem Mangel jeglicher Instruction für mich nahm ich mir die Freiheit an Mr. Dexter’s Thür zu klopfen. Aus seinem Munde er hielt ich zuerst die entsetzliche Nachricht. Beide Aerzte hatten sich geweigert den gebräuchlichen Todtenschein zu geben. Am nächsten Morgen sollte noch eine specielle Aufnahme über den Leichenbefund stattfinden.«

Hier endete die Aussage der Wärterin Christina Ormsay.

Unbekannt, wie ich mit den Gesetzen war, konnte ich dennoch beurtheilen, welcher Eindruck durch die vorhergegangene Zeugenaussage auf die Mitglieder des Gerichtshofes ausgeübt werden sollte. Nachdem erst dargethan war, daß sich meinem Gatten zwei Gelegenheiten boten das Gift beizubringen einmal in der Medizin, das andere Mal im Thee, führte der Syndicus der Krone den Gerichtshof zu der Folgerung, daß der Gefangene beide Gelegenheiten wahrgenommen um sich von einem häßlichen und eifersüchtigen Weibe zu befreien dessen abscheuliches Temperament er nicht länger ertragen konnte.

Nachdem der Lord-Anwalt auf diese Weise seinen Zweck erreicht hatte er vorläufig keine Frage mehr an die Zeugin zu richten. Nun erhob sich der Decan der Facultät um im Interesse des Gefangenen durch Kreuzverhör der Wärterin die günstigen Seiten im Character der verstorbenen Mrs. Macallan herauszukehren. Wenn ihm dies gelang, so war es möglich, daß der Gerichtshof seine Ansicht von neuem dahin modificirte, daß die Frau durch die Fehler ihres Temperaments ihren Gatten nicht zur Verzweiflung getrieben. Wo blieben dann in diesem Fall die Motive, sie zu vergiften und wo blieb ferner die Behauptung für des Gefangenen Schuld?

Durch den geschickten Juristen gepreßt und gedrängt wurde die Wärterin veranlaßt den Character der verstorbenen Lady von einer ganz neuen Seite zu beleuchten.

Nachstehendes zog der Decan der Facultät aus Christina Ormsay heraus:

»Ich beharre auf meiner Aussage, daß Mrs. Macallan ein sehr heftiges Temperament hatte. Sie pflegte jedoch auch gern um Entschuldigung zu bitten wenn sie Jemand wehe gethan. Das kann ich aus meiner eigenen Erfahrung bezeugen. Im ruhigen Zustande konnte ihr Benehmen sogar gewinnend genannt werden. Ihre Sprache war gewählt und höflich. Nun zu ihrer äußern Erscheinung. Obgleich häßlichen Antlitzes hatte sie doch eine schöne Figur. Man erzählte mir, daß ihre Hände und Füße einem Bildhauer zum Modell gedient. Auch war sie musikalisch und hatte eine hübsche Stimme. Von ihrem Mädchen hörte ich, daß sie außerordentliche Toilette gemacht. Obgleich Mrs. Beanly in hohem Grade ihre Eifersucht erregte, hatte sie doch oft bewiesen daß sie ihr Gefühl bemeistern konnte. Mrs. Beanly befand sich übrigens auf ihren, nicht auf Mr. Macallan’s Wunsch im Hause. Mrs. Beanly hatte ihren Besuch wegen Mrs. Macallan’s Krankheit hinausschieben wollen. Mrs. Macallan aber, nicht ihr Gatte, veranlaßte sie, es beim Alten zu lassen. Trotz ihres heftigen Temperaments war Mrs. Macallan beliebt bei ihren Freunden, populär bei ihren Dienern. Im ganzen Hause war kein trockenes Auge, als sich die Nachricht von ihrem Tode verbreitete.« — Schlußfolgerung der Richter und moralischer Eindruck auf die Geschworenen: War dies die Frau welche ihren Mann dahin bringen konnte, sie zu vergiften? Und ferner: War dies der Mann, der fähig sein konnte, eine solche That zu verüben?

Nachdem der Decan der Facultät diesen Gegeneindruck hervorgebracht, setzte er sich, und die ärztlichen Sachverständigen wurden aufgerufen.

Hier gestaltete sich die Zeugenaussage noch schlagender.

Dr. Jerôme und Mr. Gale erhärteten eidlich, daß die Symptome der Krankheit identisch seien mit den Symptomen der Arsenikvergiftung. Dann folgte der Arzt welcher die Section vorgenommen hatte. Er beschwor ebenfalls, gleich lautend mit Dr. Jerôme und Mr. Gale, daß die inneren Organe der Todten auf Arsenikvergiftung schließen ließen. Endlich, um dies überwältigende Zeugniß noch zu bestätigen erschienen zwei Chemiker, welche dem Gerichtshofe das in der Leiche gefundene Arsenik in einer Quantität vorzeigten, welche hinreichend gewesen wäre, zwei Personen anstatt einer zu tödten. Einem solchen Zeugniß gegenüber war das Kreuzverhör eine leere Form. Die erste aufgeworfene Frage: Wurde die Frau vergiftet? beantwortete sich daher bejahend mit Ausschluß auch des allerleisesten Zweifels.

Die nächsten Zeugen hatten nun die neue und entsetzliche Frage zu beantworten: Wer vergiftete sie?



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Zweite Frage — Wer vergiftete sie?

Die Vernehmung der Aerzte und der Chemiker schloß die Verhandlungen am ersten Tage s des Prozeßverfahrens.

Am zweiten Tage hatte das von der Anklage beizubringende Beweismaterial im voraus ein allgemeines Gefühl der Neugier und des Interesses wachgerufen Der Gerichtshof sollte jetzt vernehmen was von denjenigen Personen , gesehen und geschehen war, welche amtlich bestellt sind, solche Fälle eines muthmaßlichen Verbrechens, wie den in Gleninch geschehenen zu verificiren Der fiscalische Procurator als die offiziell dazu bestellte Person die Voruntersuchung nach den gesetzlichen Vorschriften zu leiten, war der erste Zeuge, der am zweiten Tage der Verhandlungen vernommen wurde.

Von dem Lord-Anwalt verhört machte der Fiscal folgende Aussage: »Am 26.

October erhielt ich eine Mittheilung von Dr. Jerôme in Edinburgh und von Mr. Alexander Gale, practischem Arzt wohnhaft in dem Dorf oder Flecken Dingdovie bei Edinburgh. Die Mittheilung bezog sich auf den unter verdächtigen Umständen im Hause ihres Gatten, dicht bei Dingdovie in Gleninch, er folgten Tod der Mrs. Eustace Macallan. Gleich zeitig wurden mir mit dem eben erwähnten Document zwei Berichte eingesandt. Einer verzeichnete die Ergebnisse einer Section der verstorbenen Lady, und der andere constatirte die bei einer chemischen Analyse gewisser innerer Organe ihres Körpers gemachten Befunde. Das Resultat führte in beiden Fällen zu dem Schluß, daß Mrs. Eustace Macallan an Arsenikvergiftung gestorben war.

»Unter diesen Umständen beantragte ich eine Haussuchung in Gleninch und etwa anderswo sonst, einfach zu dem Zweck, Licht in die Verhältnisse zu bringen, unter denen der Tod der Lady erfolgt war.

»In meinem Büreau wurde in Veranlassung des Todesfalls keine Criminal-Anklage gegen irgend Jemanden erhoben, weder in der Mittheilung, welche ich von dem Arzt erhielt noch in irgend einer andern Weise.

Die Nachforschungen in Gleninch und anderswo, die am 26. October begannen, wurden erst am 28. beendet. Unter diesem letzteren Datum erhob ich — auf Grund gewisser Entdeckungen welche mir gemeldet wurden und meiner eigenen Prüfung von Briefen und anderen Documenten welche meinem Büreau zugegangen waren, — eine Criminal-Anklage gegen den Gefangenen und erhielt den Befehl, ihn festzunehmen. Er wurde vor dem Sheriff vernommen am 29. October und diesem Gerichtshofe behufs Verhandlung der Sache überwiesen.«

Nachdem der Fiscal seine Angaben gemacht und (lediglich in Bezug auf technische Fragen) ins Kreuzverhör genommen war, wurden zunächst die in seinem Büreau beschäftigten Beamten vernommen. Diese Leute hatten eine Mittheilung vom höchsten Interesse zu machen. Ihrer Kunst gelangen die fatalen Entdeckungen welche den Fiscal berechtigt hatten, meinem Gatten den Mord seiner Frau zur Last zu legen. Der erste der Zeugen war aus der Amtsstube des Sheriffs. Er gab als seinen Namen Isaiah Shoolcraft an.

Befragt von Mr. Drew — Anwalts-Substituten und Syndicus der Krone neben dem Lord-Anwalt — erklärte Isaiah Shoolcraft.

»Am 26. October erhielt ich den Befehl, nach dem mit dem Namen Gleninch bezeichneten Landhause bei Edinburgh zu gehen. Ich nahm Robert Lorrie, Assistenten des Fiscals, mit mir. Wir untersuchten zuerst den Raum, in welchem Mrs. Eustace Macallan gestorben war. Auf dem Bett und auf einem Rolltisch, welcher vor demselben stand, fanden wir Bücher und Schreibmaterialien und ein Blatt mit einigen unvollendeten Versen als Manuscript von dem später constatirt wurde, daß es die Handschrift der Verstorbenen war. Wir schlugen diese Sachen in einen Bogen Papier ein und versiegelten denselben.

»Demnächst öffneten wir eine Chiffonnière in dem Schlafzimmer. Hier fanden wir viel mehr Verse auf viel mehr Blättern Papier in derselben Handschrift. Auch entdeckten wir zu nächst einige Briefe und dann ein zusammengeballtes Papier, das in einen Winkel von einem der Regale bei Seite geworfen war. Bei genauerer Untersuchung fand sich auf diesem Stück Papier der Firma-Stempel eines Chemikers. Auch fanden wir darin einige zerstreute Körnchen eines weißen Pulvers. Das Papier und die Briefe wurden sorgfältig eingewickelt und wie die andern Gegenstände versiegelt.

»Eine fernere Untersuchung des Zimmers ergab nichts, was irgend ein Licht auf die in Frage stehende Sache werfen konnte. Wir unter suchten die Kleider, das Silberspind und die Bücher der Verstorbenen, welche wir sofort verschlossen und versiegelten. Ferner versiegelten wir ihr Toilettenkästchen welches wir dem Büreau des Fiscals übergaben, ebenso wie die an deren in dem Zimmer gefundenen Gegenstände.

»Am nächsten Tage wurde die Untersuchung des Hauses fortgesetzt, nachdem in der Zwischenzeit neue Instructionen vom Fiscal eingetroffen waren. Wir begannen unsere Arbeit in dem Schlafzimmer, welches mit dem Nebenzimmer der Mrs. Macallan in Verbindung stand. Da wir hier durchaus nichts von Wichtigkeit vorfanden begaben wir uns in ein Gemach auf demselben Flur, in welchem Mr. Macallan bettlägerig krank lag.

»Sein Unwohlsein sollte in einer nervösen Aufregung bestehen, verursacht durch den Tod seiner Gattin und die damit verbundenen Umstände. Der Diener berichtete uns, daß er ganz unfähig sei, sich zu erheben und fremde Personen zu empfangen. Wir bestanden dennoch darauf, in das Zimmer eingelassen zu werden. Als wir ihn fragten, ob er irgend etwas aus dem Schlaf- und Sterbezimmer seiner Frau in das seinige gebracht habe, gab er keine Antwort. Er blieb mit geschlossenen Augen liegen und schien uns gar nicht einmal zu bemerken. Ohne ihm ferner beschwerlich zu fallen, begannen wir die Durchsuchung des Zimmers und die in dem selben enthaltenen Gegenstände.

»Während wir noch damit beschäftigt waren wurden wir durch ein seltsames Geräusch unterbrochen. Es schien uns das Rollen von Rädern auf dem Corridor zu sein.

»Die Thür öffnete sich, und es erschien ein verkrüppelter Gentleman der sich selbst in einem Rollstuhl fuhr. Er bewegte sich, ohne auf uns Rücksicht zu nehmen zu einem kleinen Tisch, welcher neben des Gefangenen Bett stand, und flüsterte ihm etwas zu, was wir nicht verstehen konnten. Der Gefangene öffnete die Augen und beantwortete die Anrede durch ein schnelles Zeichen. Wir gaben dem verkrüppelten Gentleman sehr respectvoll zu verstehen, daß er sich in diesem Zimmer nicht aufhalten dürfe. Er schien anderer Ansicht zu sein. Seine einzige Antwort war: »Mein Name ist Dexter. Ich bin einer von Mr. Macallans alten Freunden. Sie sind hier die Eindringlinge, nicht ich bin es. Wir sagten ihm noch einmal, daß er das Zimmer verlassen müsse, und berührten mißbilligend den Umstand, daß er seinen Stuhl gerade in einer Weise an’s Bett gerollt hatte, welche uns verhinderte, dasselbe zu untersuchen. Er lachte dazu. »Können Sie denn nicht sehen, daß es ein einfacher Tisch ist?« Als Antwort hierauf theilten wir ihm mit, daß er sich unserm legalen Auftrage widersetze, und daß er in Unannehmlichkeiten gerathen dürfte, wenn er uns fernerhin an der Ausübung unserer Pflicht verhinderte. Da wir sahen, daß durch Güte nichts mit ihm anzufangen war, rollte ich seinen Stuhl fort, während Robert Lorrie den Tisch in die andere Ecke des Zimmers trug. Der verkrüppelte Gentleman wurde furchtbar wüthend auf mich, weil ich es gewagt hatte, seinen Stuhl zu berühren. »Mein Stuhl ist ich,« sagte er, »wie können Sie Sich unterstehen mich anzufassen?« Als Antwort darauf öffnete ich die Thür, gab seinem Stuhl von hinten einen kräftigen Stoß und beförderte ihn auf diese Weise sicher und sanft aus dem Zimmer.

»Nachdem wir die Thür verschlossen um fernere Invasionen zu verhindern, machten Robert Lorrie und ich uns daran, den Tisch zu untersuchen. Er hatte eine Schieblade, und diese Schieblade war verschlossen.

»Wir verlangten vom Gefangenen den Schlüssel dazu. Er weigerte sich, ihn uns zu geben, und sagte, wir hätten kein Recht, seine Schiebfächer aufzuschließen. Er war so aufgebracht, daß er erklärte, wir könnten von Glück sagen, daß er zu schwach sei, um aufzustehen. Wir erwiderten ihm, daß es unsere Pflicht sei, das Fach zu untersuchen, und daß, wenn er sich noch länger weigere, den Schlüssel herauszugeben wir uns genöthigt sehen würden, den ganzen Tisch mitzunehmen, um ihn vom Schmied aufbrechen zu lassen.

»Als wir noch im vollen Disputiren mit ihm waren, klopfte es an die Thür.

»Ich öffnete dieselbe vorsichtig Anstatt des verkrüppelten Gentlemans, den zu sehen wir erwartet hatten, stand ein anderer Fremder auf dem Flur. Mr. Macallan redete ihn als Freund und Nachbar an und bat dringend, daß er ihn gegen uns in Schutz nehmen möge. Der andere Gentleman theilte uns mit, daß Mr. Dexter nach ihm geschickt habe, und daß er selbst Jurist sei. In dieser Eigenschaft verlangte er, unsern schriftlichen Befehl zu lesen. Nachdem er einen flüchtigen Blick darauf geworfen, theilte er dem Gefangenen zu dessen großem Erstaunen mit, daß er sich der Untersuchung der Schieblade, jedoch unter Protest, fügen müsse. Dann nahm er ohne weiteres den Schlüssel und öffnete uns selbst die Schieblade.

»Wir fanden darin verschiedene Briefe und ein großes Buch mit einer Kramme, das in goldenen Buchstaben die Worte trug: »Mein Tagebuch.« Selbstverständlich ergriffen wir Besitz von den Briefen und dem Tagebuch und versiegelten sie behufs Uebergabe an den Fiscal. Gleichzeitig schrieb der Gentleman für den Gefangenen einen Protest nieder und übergab uns seine Karte. Die Karte belehrte uns, daß er Mr. Playmore war — gegenwärtig einer der Agenten für den Gefangenen. Die Karte und der Protest wurden zusammen mit den anderen Documenten zum Depositum des Fiscals genommen. Andere Entdeckungen von Wichtigkeit wurden in Gleninch nicht gemacht.

»Unsere nächsten Untersuchungen führten uns nach Edinburgh — zu dem Droguisten, dessen Firma wir auf dem zusammengeballten Stück Papier gefunden hatten, und zu anderen Droguisten, die wir gleichfalls auszufragen Befehl hatten. Am 28. October war der Fiscal im Besitz aller Informationsstücke die wir hatten beibringen können, und wir hatten unsere zeitweilige Amtspflicht erfüllt.«

Hiermit war die Zeugen-Aussage von Shoolcraft und Lorrie geschlossen. Sie wurde nicht in Kreuzverhör genommen und bewies sich als durchaus ungünstig für den Gefangenen.

Als die nächsten Zeugen vernommen wurden, gestaltete sich die Sache noch schlimmer. Zuerst erschien der Drogist, dessen Firma-Stempel auf dem zusammengeballten Stückchen Papier gefunden worden war, um die Stellung meines unglücklichen Gatten noch kritischer zu machen, als sie es bisher gewesen.

Andrew Kinlay, Droguist in Edinburgh, legt folgende Aussage nieder: Ich führe ein Special-Registerbuch über alle Gifte, die bei mir verkauft werden und lege dasselbe hiermit den Richtern vor. An dem darin angezeichneten Datum erschien der Angeklagte, Mr. Eustace Macallan in meinem Laden und sagte, daß er Arsenik zu kaufen wünsche. Ich fragte ihn, zu welchem Zweck er sich desselben bedienen wolle. Er entgegnete mir, sein Gärtner wolle eine Auflösung davon machen, um schädliches Insect im Treibhause zu vertilgen. Gleichzeitig nannte er auch seinen Namen: Mr. Macallan zu Gleninch. Ich bat meinen Assistenten, die geforderten zwei Unzen abzuwiegen und notirte dieselben in meinem Buch. Mr. Macallan unterzeichnete die Eintragung und ich gegenzeichnete als Zeuge. Er bezahlte das Arsenik und nahm es, in zwei Stücken Papier gewickelt, mit sich. Auf dem äußeren Papier standen mein Firma-Stempel , nebst Adresse und das Wort Gift in großen Buchstaben, auf ein Haar ähnlich dem Papier, welches in Gleninch gefunden und hier vorgezeigt wurde.

Der nächste Zeuge Mr. Stockdale, eben falls Droguist in Edinburgh, ließ sich folgender maßen aus:

Der Gefangene erschien, zwei Tage nachdem er bei Mr. Kinlay gewesen war, auch in meinem Laden. Er forderte für sechs Penny Arsenik. Mein Gehilfe, an den er sich gewandt, rief mich herbei, weil es bei mir Regel ist, daß Gifte nur von mir selbst verkauft werden dürfen. Ich fragte den Gefangenen, wozu er das Arsenik bedürfe. Er antwortete, er wolle damit Ratten in seinem Hause zu Gleninch vertilgen. Ich sagte: Habe ich die Ehre, mit Mr. Macallan zu sprechen? — Er entgegnete, daß dies sein Name sei. Ich verkaufte ihm die verlangten 1½ Unzen Arsenik, wickelte die Flasche in ein Stück Papier mit meinem Firma-Stempel und schrieb eigenhändig »Gift« daraus. Er unterzeichnete das Register, bezahlte, und nahm das Arsenik mit sich.

Nachdem das Kreuzverhör beendet, blieb das entsetzliche Factum unberührt, daß mein Gatte in beiden Fällen das Gift selbst gekauft.

Die nächsten Zeugen, der Gärtner und der Koch zu Gleninch, machten den Verdacht gegen meinen Gatten noch erbarmungsloser.

Auf Befragen versicherte der Gärtner auf seinen Eid:

»Ich habe niemals, weder von dem Gefangenen noch von irgend einer anderen Person Arsenik empfangen, und weder ich noch meine Leute bedienten sich jemals einer Auflösung dieses Giftes im Treibhanse oder im Garten. Ich mißbillige überhaupt die Anwendung von Arsenik zur Vertreibung schädlicher Insekten auf Blumen oder Gesträuchen.«

Der nun vorgerufene Koch gab eine ebenso positive Aussage wie der Gärtner.

»Weder mein Herr noch andere Personen gaben mir Arsenik zur Vertilgung von Ratten. Ich versichere auf meinen Eid, daß ich im Hause von Gleninch weder jemals Ratten gesehen, noch von deren Anwesenheit gehört.«

Andere Diener und Dienerinnen aus dem Haushalt von Gleninch legten ähnliche Zeugnisse ab. Die Kreuzverhöre führten auch zu keinen besseren Resultaten. Die Erwerbung des Giftes blieb ganz allein auf meinem Gatten haften.

Die nächsten Zeugen thaten ihr Bestes, um die Lage meines Gatten noch zu verschlimmern. Die Schlußfolgerung was er mit dem Gift gemacht habe, lag auf der Hand.

Der Diener des Gefangenen sagte aus, daß sein Herr, am Sterbetage seiner Herrin, zwanzig Minuten vor zehn nach ihm geklingelt und eine Tasse Thee für die Kranke verlangt habe. Der Mann empfing den Befehl an der offenen Thüre von Mrs. Macallan’s Zimmer und konnte beschwören, daß zur Zeit kein Anderer als Mr. Macallan und seine Gemahlin in demselben anwesend waren.

Das nun aufgerufene Unter-Hausmädchen sagte, daß sie den Thee bereitet und denselben noch vor zehn Uhr nach Mrs. Macallans Zimmer getragen habe. Der Herr habe ihr die Tasse in der offenen Thür aus der Hand genommen. Sie konnte deutlich bemerken, daß kein Dritter in dem Zimmer gewesen.

Die Wärterin, Christan Ormsay, nochmals vorgerufen, wiederholt, was Mrs. Macallan an dem ersten Tage ihres ernstlichen Krankseins gesagt. Sie hatte, und zwar um 6 Uhr Morgens, geäußert: »Mr. Macallan kam vor ungefähr einer Stunde herein. Er fand mich noch nicht eingeschlafen und reichte mir den beruhigenden Trank. — Dies war um 5 Uhr Morgens geschehen, als die Wärterin noch eingeschlafen auf dem Sopha lag. Ferner beschwor die Wärterin, daß, seit sie der Kranken den letzten Trank gereicht, eine Portion in der Flasche gefehlt habe.

Bei dieser Gelegenheit erregte das Kreuzverhör besonderes Interesse. Die an die Wärterin und das Unter-Hausmädchen gerichteten Schlußfragen verriethen zum ersten mal, welchen Character die Vertheidigung annehmen werde.

Das Kreuzverhör, welches der Dekan der Facultät mit dem Unter-Hausmädchen vornahm, gestaltete sich folgendermaßen:

»Bemerkten Sie jemals, wenn Sie der verstorbenen Lady Zimmer reinigten, daß das in der Karaffe oder im Waschbecken zurückgebliebene Wasser eine schwärzliche oder bläuliche Farbe hatte?« Die Zeugen entgegneten, daß sie nie etwas Derartiges gesehen.

Der Dekan der Facultät fuhr fort:

»Fanden Sie jemals unter dem Kopfkissen oder in irgend einem Winkel in Mrs. Macallans Zimmer, Bücher oder Recepte, welche Mittel gegen den schlechten Teint angaben?«

Die Zeugin antwortete mit »nein«?

Der Dekan der Facultät fragte weiter:

»Hörten Sie jemals Mrs. Macallan sagen, daß Arsenik im Waschwasser oder als innerliches Mittel heilsam gegen schlechten Teint sei?«

Die Zeugin verneinte abermals.

Aehnliche Fragen wurden nun auch an die Wärterin gerichtet und alle in derselben Weise beantwortet.

Hier machte sich, trotz der verneinenden Antworten, den Richtern und dem Auditorium zum ersten Male der Plan zur Vertheidigung in schwachen Umrissen bemerkbar. Um auch nur der entfernten Möglichkeit eines Irrthums in einer so wichtigen Angelegenheit zuvorzukommen, legte, nach Abgang der Zeugen, der oberste Richter dem Vertheidiger des Gefangenen folgende einfache Frage vor:

Die Richter und die Geschworenen, sagte seine Lordschaft, wünschen zu wissen, ob es in der Theorie der Vertheidigung liegt, daß Mrs. Macallan das von ihrem Gatten gekaufte Arsenik als Mittel zur Verbesserung ihres schlechten Teints gebraucht habe?«

Der Dekan der Facultät antwortete:

»Gewiß, Mylord! Das ist es, was wir als Grundlage der Vertheidigung annehmen wollen. Wir sehen uns außer Stande, die Zeugenaussage der Mediciner, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei, zu bestreiten; aber wir behaupten, daß sie an einer zu großen, unbewußt genommenen Dosis Arsenik, welche sie als Mittel gegen die festgestellte schlechte Beschaffenheit ihres Teints brauchte, starb. Die Erklärung des Gefangenen vor dem Sheriff betont expreß, daß das Arsenik auf Verlangen seiner Gattin von ihm gekauft worden sei.«

Hierauf fragt der oberste Richter, ob Jemand etwas dagegen habe, daß die eben erwähnte Erklärung vorgelesen würde, ehe der Prozeß seinen Fortgang nehme.

Der Dekan der Facultät spricht sich sofort für die Lesung aus. Wenn er sich des Ausdrucks bedienen dürfe, würde es dem Urtheil der Geschworenen zum leichteren Verständniß seiner Vertheidigung den Weg bahnen.

Der Lord-Anwalt als Haupt der Anklage, stimmt seinem gelehrten Bruder bei, indem er äußert, daß, so lange die in der Erklärung enthaltenen Behauptungen nicht bewiesen wären, sie nur der Gegenpartei von Nutzen sein könnten.

Darauf wird die eigene Erklärung des Gefangenem seine Unschuld betreffend, öffentlich vor gelesen, wie folgt:

»Bei beiden namhaft gemachten Gelegenheiten kaufte ich zwei Päckchen Arsenik auf den ausdrücklichen Wunsch meiner Frau.

Bei der ersten Gelegenheit sagte sie mir, der Gärtner habe das Gift für sein Treibhaus verlangt; bei der zweiten Gelegenheit sollte sie der Koch zur Vertreibung von Ratten darum angegangen haben.

Ich übergab beide Päckchen Arsenik sofort nach meiner Rückkehr den Händen meiner Frau. Nachdem ich es gekauft, hatte ich mit dem Gift nichts mehr zu thun. Ich war von meiner Frau gewohnt, daß sie stets persönlich mit dem Gärtner und dem Koch verkehrte. Ich selbst that dies niemals. Ich legte meiner Frau keine l weiteren Fragen über den Verbrauch des Arsenik vor, weil mich die Sache durchaus nicht interessirte. Ich kam manchmal monatelang nicht ins Treibhaus, und um die Ratten kümmerte ich mich noch weniger. Ich hielt einfach die Sache für abgethan.

Meine Frau äußerte niemals zu mir, daß sie das Arsenik als Remedium für ihren schlechten Teint anwenden wolle. Außerdem wäre ich gewiß der Letzte gewesen, der dies Toilettengeheimniß erfahren hätte.

Ich bekräftige in bestimmtester Form, daß ich mit meiner Frau auf gutem Fuße lebte.

Kleine ehrliche Unannehmlichkeiten und Zerwürfnisse kommen ja überall vor. Den Kummer, den ich über gewisse Enttäuschungen empfand, verschloß ich als Gatte und Gentleman in mein Inneres, eher ihn meine Frau blicken zu lassen. Ich fühlte nicht allein aufrichtiger Schmerz bei ihrem unerwarteten und frühzeitigen Tode, sondern es beschlichen mich auch der Selbstvorwurf und die Reue darüber, daß ich bei ihren Lebzeiten nicht aufmerksam und liebevoll genug gegen sie gewesen.

Schließlich erkläre ich hiermit feierlich, daß ich nicht weiß, auf welche Weise das Arsenik in ihren Körper gekommen. Ich bin unschuldig daran, selbst nur im Gedanken das arme Weib gekränkt zu haben. Ich goß den Beruhigungstrank direct aus der Flasche in den Löffel. Später reichte ich ihr die Tasse Thee, wie ich sie aus den Händen des Unter-Hausmädchens empfangen. Nachdem ich meiner Frau das Gift überreicht, habe ich es nie wieder zu Gesicht bekommen. Ich bin gänzlich unschuldig daran, was nachher mit dem Arsenik geschah. Ich er kläre vor Gott: ich bin unschuldig an dem entsetzlichen Verbrechen, dessen man mich beschuldigt hat.

Mit der Vorlesung dieser glaubhaften rührenden Worte ward der zweite Tag des Processes beschlossen. Ich muß gestehen daß bis hierher die Lectüre des Processes mein Gemüth bedrückt, meine Hoffnungen herabgestimmt hatte. Das ganze Gewicht der Zeugenaussagen sank nach Beendigung des zweiten Tages, zu Ungunsten meines Gatten in die Wagschale.

Der erbarmungslose Lord-Anwalt hatte bewiesen daß Eustace das Gift gekauft, daß der Grund, den er dem Droguisten angegeben, ein falscher gewesen sei, und daß er zwei Gelegenheiten benutzt habe, um seiner Frau insgeheim das Arsenik beizubringen. Was hatte dagegen der Decan der Facultät als Vertheidiger bewiesen? — Bis jetzt eigentlich gar nichts. Die in der Erklärung des Gefangenen niedergelegten Behauptungen seiner Unschuld entbehrten des gesetzmäßigen Beweises. Es war auch nicht ein Atom von Wahrscheinlichkeit vorhanden, daß Mrs. Macallan insgeheim das Gift gegen ihren unreinen Teint gebraucht habe.

Mein einziger Trost bestand darin, daß die bisherige Lectüre des Processes mir wenigstens zwei Personen gezeigt hatte, aus deren Hilfe und Sympathie ich wohl unter allen Umständen rechnen durfte.

Der verkrüppelte Mr. Dexter hatte sich bereits als treuer Freund meines Gatten bewiesen. Mein Herz schlug dem Manne warm entgegen der seinen Stuhl an das Bett meines armen Eustace gerollt hatte, um dessen Papiere so lange wie möglich den Dienern des Gesetzes vorzuenthalten. Es war fest in meinem Inneren beschlossen, daß Mr. Dexter der Erste sein sollte, dem ich mein Vertrauen schenken würde. Den zweiten Freund glaubte ich in dem Advocaten Mr. Playmore zu besitzen, der gegen die Beschlagnahme der Papiere meines Gatten Protest eingelegt.

Durch diese Entschlüsse gestärkt, wandte ich das Blatt um und las die Verhandlungen des dritten Proceßtages.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Dritte Frage — Welches war sein Grund?

Die erste Frage: Wurde die« Frau vergiftet? war positiv beantwortet worden. Die zweite Frage: Wer vergiftete sie? hatte keine günstige Lösung für meinen Gatten gefunden. — Nun blieb noch die dritte und letzte Frage übrig: Welches war sein Grund?

Die zur Beantwortung herbeigerufenen Zeugen bestanden aus Freunden und Verwandten der Verstorbenen Lady Brydehaven, Wittwe des Contre-Admirals Sir George Brydehaven von dem Kronanwalt Mr. Drew befragt, legte folgende Aussage nieder:

»Die verstorbene Mrs. Macallan war meine Nichte. Sie war das älteste Kind meiner Schwester und lebte nach dem Tode derselben in meinem Hause. Ich widersetzte mich ihrer Heirath aus Gründen, die von anderen Freunden für fantastisch und sentimental gehalten wurden und die öffentlich auszusprechen mir sehr peinlich ist. Nichtsdestoweniger werde ich sie der Wahrheit gemäß berichten.

Der Gefangene befand sich zu der Zeit, von der ich spreche, als Gast in meinem Hause. Auf einem Spazierritt erlitt er einen Unfall, welcher eine ernste Verletzung eines seiner Beine zur Folge hatte. Derselbe Fuß war schon ein mal verletzt worden während er als Soldat in Indien diente. Dieser Umstand machte die zweite Verwundung bedeutend gefährlicher. Er mußte wochenlang in liegender Stellung auf dem Sopha verharren und die Damen im Hause wechselten sich ab, um ihm vorzulesen oder auf andere Weise die Zeit zu verkürzen. Meine Nichte war ebenfalls unter diesen Pflegerinnen. Sie spielte ausgezeichnet Clavier und der Kranke liebte die Musik über Alles.

Die Folgen dieser anfänglich ganz unschuldigen Unterhaltungen endeten unglücklicherweise damit, daß meine Nichte sich leidenschaftlich in Mr. Eustace Macallan verliebte, ohne in diesem ein gleiches Gefühl zu erwecken.

Ich that mein Möglichstes, meine Nichte von ihren Gedanken zurückzubringen so lange es noch Zeit war.

Unglücklicherweise versagte sie mir ihr Vertrauen Sie leugnete auf das Entschiedenste, ein wärmeres Gefühl für Mr. Macallan zu empfinden als freundschaftliches Interesse. Diese Unwahrheit machte es mir unmöglich die Beiden zu trennen ohne daß ich mit dem wirklichen Grunde hervorgetreten wäre, welcher vielleicht einen Scandal heraufbeschworen hätte, der dem Rufe meiner Nichte nur schaden konnte. Mein Gatte lebte noch zu jener Zeit, und das Einzige was ich thun konnte, bestand darin ihn zu bitten daß er mit Mr. Macallan spräche und es ihm zur Ehrensache machte, uns aus dieser fatalen Situation zu befreien ohne meine Nichte in irgend einer Weise zu compromittiren.

Mr. Macallan benahm sich außerordentlich in der Angelegenheit. Obgleich er noch immer nicht gehen konnte, ersann er einen Grund, uns zu verlassen dem man von keiner Seite entgegentreten konnte. Bereits zwei Tage, nachdem mein Gatte mit ihm gesprochen ließ er sich aus dem Hause schaffen.

Das Mittel war gut in der Absicht; aber es kam zu spät und schlug daher gänzlich fehl. Das Unglück war einmal geschehen. Meine Nichte siechte augenscheinlich dahin und weder ärztlicher Beistand noch Luftveränderung vermochten ihr zu helfen Im Laufe der Zeit, nachdem Mr. Macallan seine Gesundheit wieder erlangt, machte ich die Entdeckung daß meine Nichte, mit Hilfe ihres Mädchens, einen heimlichen Briefwechsel mit ihm unterhielt. Seine Briefe waren sehr überlegt und reservirt geschrieben. Dessenungeachtet hielt ich es für meine Pflicht der Correspondence Einhalt zu thun.

Meine Einmischung brachte die Sache zur Crisis. Eines Tages fehlte meine Nichte beim Frühstück. Am nächsten Tage erfuhren wir, daß das arme Geschöpf zu Mr. Macallan nach London gegangen und von einigen ihn besuchenden Freunden im Schlafzimmer verborgen gefunden worden sei.

Für dieses Unglück war Mr. Macallan in keiner Weise zu tadeln. Indem er draußen Jemand kommen hörte, blieb ihm nur noch Zeit, sie im nächsten Zimmer zu verbergen und das nächste Zimmer war zufällig sein Schlafgemach. Die Sache hatte sich natürlich herumgesprochen und war in der niedrigsten Weise ausgelegt worden Mein Gatte hatte eine abermalige Unterredung mit Mr. Macallan. Letzterer benahm sich wiederum untadelhaft. Er erklärte nämlich öffentlich, daß meine Nichte ihn als sein angetrautes Weib besucht habe. Vierzehn Tage nachher ließ er sich wirklich insgeheim mit ihr trauen und brach so dem Skandal die Spitze ab.

Ich allein hatte mich der Verbindung widersetzt denn ich hielt dieselbe, als was sie sich auch nachher herausgestellt für einen unglücklichen Irrthum.

Es würde schon traurig genug gewesen sein« wenn Mr. Macallan sie ohne irgend welche Gegenliebe von seiner Seite geheirathet hätte. Um die Sache aber noch schlimmer und hoffnungsloser zu machen, war er zur nämlichen Zeit das Opfer einer unglücklichen Leidenschaft die er zu einer Dame hegte, welche einem an deren Manne verlobt war. Ich weiß sehr wohl, daß er dies aus Mitleid leugnete, ebenso wie er aus Mitleid zu meiner Nichte Liebe affectirte, als er sie heirathete. Seine hoffnungslose Anbetung der vorhin erwähnten Dame wurde von seinen Freunden als unbestrittenes Factum hingestellt; auch muß noch hinzugefügt werden daß ihre Verheirathung der Seinen voranging.

Als er meine Nichte zur Frau nahm, hatte er unwiederbringlich das Weib verloren, das er mit ganzer Seele liebte, stand er ohne Hoffnung, ohne Aussicht auf Lebensglück in der Welt.

Nach meinem Dafürhalten hätte meine Nichte, wenn sie ledig geblieben, von keinem Unglück betroffen werden können, das dem vergleichbar war, welches sie in ihrem Eheleben erlitt. Niemals konnten zwei Menschen zusammengebracht werden die weniger zu einander paßten als meine Nichte und Mr. Macallan.

Die Aussage dieser Zeugin Verursachte große Erregung unter den Zuhörern und Geschworenen. Das Kreuzverhör zwang Lady Brydehaven ihre Ansicht dahin zu modificiren, daß die hoffnungslose Neigung des Gefangenen zu einer andern Dame vielleicht nur ein Gerücht gewesen sein könne. Die Facta in ihrer Erzählung blieben aber unerschüttert und legten deshalb dem meinem Gatten zugeschriebenen Verbrechen den Anschein der Möglichkeit bei, welcher in dem ersten Theil dieser Zeugenaussage nicht zu erzielen war.

Nun wurden zwei andere Damen (intime Freundinnen der Mrs. Macallan) aufgerufen. Diese wichen in einigen Nebensachen von der Ansicht der Lady Brydehaven ab; in allen an deren Hauptpunkten aber stimmten sie der Aussage ihrer Vorgängerin bei und hielten daher den tiefen Eindruck wach, welchen jene unter den Richtern und im Auditorium hervorgebracht hatte.

Das nächste Zeugniß, welches nun geprüft werden sollte, war die stillschweigende Aussage der Briefe und des Tagebuches, welche in Gleninch gesunden worden waren.

Der Lord-Anwalt erklärte, daß die er wähnten Briefe von Freunden des Gefangenen und seiner verstorbenen Frau geschrieben wären und daß verschiedene Stellen in denselben direct auf die Bedingungen hinwiesen unter denen die beiden Gatten ihr eheliches Leben eingegangen und dasselbe geführt. Das Tagebuch hatte als Zeugniß noch größere Wichtigkeit. Es enthielt den täglich niedergeschriebenen Bericht des Gefangenen über häusliche Begebenheiten und theilte gleichzeitig die Gedanken und Gefühle mit, welche ihn bei denselben beschäftigt und bewegt.

Nach dieser Erklärung folgte eine höchst peinliche Scene.

Obgleich ich lange Zeit nach Ablauf jener Begebenheiten erzähle, kann ich dennoch nicht umhin detaillirt zu beschreiben was mein unglücklicher Gatte in jenem verzweiflungsvollen Stadium des Processes sagte und that. Tief erregt durch die Aussage der Lady Brydehaven hatte er große Selbstbeherrschung anwenden müssen um sie nicht in ihrer Rede zu unterbrechen. Als sie jedoch zu Ende war, verlor er plötzlich alle Gewalt über sein Gefühl. In durchdringenden durch den ganzen Saal hallen: den Tönen protestirte er gegen die öffentliche Verletzung seiner und seiner verstorbenen Gattin heiligsten Interessen. »Hängt mich, obgleich ich unschuldig bin,« rief er aus; »aber erspart mir fernere Scenen wie diese letzte es war!« Der Eindruck dieses Gefühlsausbruches auf alle Anwesenden soll ein unbeschreiblicher gewesen sein. Die Aufregung war allgemein; einige Frauen fielen in Ohnmacht; endlich ward die Ruhe durch den Dekan der Fakultät wieder hergestellt dem es gelang, den Gefangenen zu besänftigen und welcher dann, in beredter, rührender Ansprache die Richter um Nachsicht für seinen unglücklichen Clienten bat. Die Rede, das Meisterstück eines Impromptu schloß mit einem gemäßigten aber ernsten Protest gegen die öffentliche Lesung der in Gleninch gefundenen Papiere.

Die drei Richter zogen sich zur Berathung zurück, und die Sitzung wurde über eine halbe Stunde unterbrochen.

Wie es in ähnlichen Fällen in der Regel geschieht theilte sich die Aufregung im Saal der auf der Straße harrenden Menge mit, welche, durch Schreiber oder Aufseher von dem Gange der Verhandlung unterrichtet Partei gegen den Gefangenen nahm. Wenn die Briefe und das Tagebuch vorgelesen werden sagte der brutale Pöbel, dann werden sie ihn an den Galgen bringen.

Bei der Rückkehr der Richter wurde bekannt gemacht daß die Majorität sich für die Lesung der Briefe als wichtige, nicht zu über gehende Zeugnisse, ausgesprochen habe. Dann nahm der Proceß seinen Fortgang. Die Lesung , der Briefe, natürlich im Auszuge, und des Tagebuches begann.



Kapiteltrenner

Fünftes Kapitel.

Dritte Frage, — Welches war sein Grund? (Fortsetzung.)

Die ersten Briefe waren die, welche man in der Chiffonniére, in Mrs. Macallans Zimmer gefunden. Sie waren an die Verstorbene von Freundinnen gerichtet, mit denen sie laufend in Correspondence stand. Drei verschiedene von drei verschiedenen Correspondenten angefertigte Extracte waren zur öffentlichen Lesung gewählt worden.

Erster Correspondent: — »Ich kann Dir gar nicht sagen, meine liebe Sarah, wie Dein letzter Brief mich betrübt hat. Vergieb mir, wenn ich meine Ansicht ausspreche, daß Deine sehr sensitive Natur, unbewußt natürlich, die Vernachlässigung übertreibt und falsch deutet, welche Du von Deinem Gatten erdulden zu müssen glaubst. Ich bin mit den Eigenthümlichkeiten seines Characters zu wenig bekannt, um mir ein klares Bild seiner Handlungsweise machen zu können. Aber, mein liebes Kind, ich bin ein ganz Theil älter als Du, und meine Erfahrung hat einen so tiefen Einblick in die Lichter und Schatten des ehelichen Lebens gethan, daß Du meiner Meinung schon Gehör schenken kannst , Jungverheirathete Frauen welche, wie Du, ihren Gatten innig zugethan sind, begehen in der Regel einen sehr großen Fehler, indem sie viel zu viel von ihrem Manne erwarten. Die Männer sind aber nicht wie wir, meine arme Sarah Ihre Liebe, selbst wenn sie es gut und aufrichtig meint, gleicht nicht der Unsrigen. Sie ist nicht die einzige Hoffnung, der einzige Gedanke ihres Lebens, wie dies bei uns der Fall. Uns bleibt keine Alternative, als uns in diesen Unterschied zwischen der männlichen und weiblichen Natur stillschweigend zu fügen. Ich beabsichtige durchaus nicht, die Kälte Deines Gatten zu entschuldigen. ist zum Beispiel entschieden unrecht von ihm, daß er Dich nie ansieht, wenn er mit Dir spricht, und daß er Deinen Bestrebungen ihm gefallen zu wollen nicht die geringste Aufmerksamkeit schenkt. Es ist noch mehr unrecht ja es ist sogar grausam von ihm, daß er niemals Deinen Kuß erwidert. Aber, mein Kind, bist auch gewiß, daß er stets absichtlich kalt s und grausam ist? Mag nicht sein Benehmen oft die Folge von Verdrießlichkeiten und Sorgen sein, welche, Dir unbekannt auf feiner Seele lasten? Wenn Du sein Betragen von dieser Seite betrachtest, wirst Du vieles verstehen und entschuldigen, was Dich jetzt bekümmert. Habe Geduld mit ihm, Kind. Halte Deine Klagen s gegen ihn zurück und dränge ihm nicht Deine Liebkosungen auf, wenn er präoccupirt und übelgelaunt ist. Bei Deiner heißen Liebe zu ihm ist dieser Rath gewiß schwer zu befolgen; aber sei überzeugt daß die Wurzel unseres ehelichen Glückes in Resignation und stillem Dulden zu finden ist, die ich Dir hiermit dringend anempfehle. Denke darüber nach, was ich Dir geschrieben und lasse bald wieder von Dir hören.«

Zweiter Correspondent: »Wie kannst Du so thöricht sein, Sarah, Deine Liebe an einen so kaltherzigen rohen Menschen wegzuwerfen wie Dein Gatte es ist. Allerdings bin ich noch nicht verheirathet, sonst würde ich vielleicht nicht so erstaunt über Dich sein. Wenn ich aber einmal in den Ehestand getreten sein werde, und mein Gatte behandelte mich, wie Mr. Macallan Dich behandelt, würde ich sofort auf Scheidung bestehen. Lieber möchte ich mich schlagen lassen, wie die Weiber der niederen Klassen es von ihren Männern erfahren, als daß ich mich mit so höflicher Vernachlässigung und Verachtung behandeln ließe, wie Du sie mir in Deinen Briefen schilderst. Bei dem bloßen Gedanken daran glühe ich vor Indignation. Es muß unerträglich sein. Lasse Dir das nicht länger gefallen, Sarah. Verlasse ihn und eile zu mir. Mein Bruder ist Jurist wie Du weißt. Ich las ihm einige Stellen Deines Briefes vor, und er ist der Ansicht daß Du eine Separation durchsetzen würdest. Komme und besprich Dich mit ihm.«

Dritter Correspondent: »Sie wissen meine liebe Mrs. Macallan welche Erfahrungen ich bei den Männern gemacht habe. Ihr Brief setzt mich nicht im Geringsten in Erstaunen. Ihres Gatten Benehmen gegen Sie läßt nur einen Schluß zu: er liebt eine Andere, der er alles das zuwendet was er Ihnen entzieht. Ich kenne das, weil ich dasselbe erlebt. Machen Sie es zur Aufgabe Ihres Lebens, Ihre Nebenbuhlerin aufzufinden. Vielleicht sind es sogar Mehrere. Darauf kommt es aber nicht an. Haben Sie nur eine entdeckt dann machen Sie ihm sein Leben eben so elend, wie er Ihnen das Ihre gemacht. Bedürfen Sie meiner Hilfe, dann sprechen Sie, und ich stehe zu Ihrem Dienst. Von dem zweiten nächsten Monats an kann ich nach Gleninch kommen und eine Zeit bei Ihnen bleiben.«

Mit diesen verabscheuungswürdigen Zeilen schloß das Vorlesen der Briefe. Der längste derselben hatte den tiefsten Eindruck gemacht, alle drei aber, obgleich sie von verschiedenen Standpunkten ausgingen, kamen doch zu dem selben Schluß: Mrs. Macallan war ein unglückliches, vernachlässigtes Weib.

Jetzt kamen die Briefe und das Tagebuch des Gefangenen an die Reihe.

Die Briefe waren mit einer Ausnahme, sämmtlich von Männern geschrieben und obschon sie sich weit gemäßigter ausdrückten als die von zarter Hand entworfenen so kamen auch sie ebenfalls zu demselben Schluß: Das Leben des Mr. Macallan in Gleninch war gleich trostlos als das seiner Frau.

Einer der Freunde lud ihn ein, auf seiner Yacht mit ihm eine Reise um die Welt zu machen. Ein Anderer schlug einen sechsmonatlichen Aufenthalt auf dem Continent vor. Ein Dritter empfahl die Zerstreuungen des Sport. Alle kamen aber schließlich auf eine mehr oder weniger vollständige Separation zurück.

Der letzte der zur Lesung kommenden Briefe war von Damenhand und nur mit einem Vornamen unterzeichnet.

»Mein armer Eustace, welch’ grausames Schicksal hat uns getroffen! Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen wenn ich daran denke, daß Ihr Leben diesem elenden Weibe gewidmet ist. Wenn wir Beide Mann und Frau geworden wären, wie sollte es meine Lebensaufgabe gewesen sein, dem besten und edelsten der Männer die irdische Glückseligkeit zu bereiten. Aber wir müssen uns in Ruhe dem Unvermeidlichen fügen. Wir sind geschieden für dieses Leben, geschieden durch Umstände, die wir Beide betrauern, die wir aber respectiren müssen. O, mein Eustace, es giebt auch noch jenseits eine Welt. Dort werden unsere Seelen nebeneinander fliegen und in eine ewige, himmlische Umarmung zerfließen in eine Entzückung, welche uns auf Erden nicht gegönnt ward. Weshalb mußten Sie auch dies Weib heirathen? Trösten Sie Sich mit mir durch den Gedanken an unsere Vereinigung nach dem Tode. Verbrennen Sie sofort diesen eilig hingeworfenen Brief und denken Sie recht oft an Ihren Helena.«

Einer der Richter fragte, ob der Brief kein Datum oder keine Adresse trüge.

Der Lord-Anwalt Verneinte Beides. Es war nur ersichtlich, daß das? Schreiben in London zur Post gegeben sei. Dann schlug ein Richter vor, einige Stellen ans dem Tagebuche zu lesen, in welchen der unterzeichnete Name mehr denn einmal vorkäme. Vielleicht war hieraus die Persönlichkeit der Schreiberin festzustellen.«

Nun kamen die erwähnten Stellen zur Lesung. Die erste datirte beinahe ein Jahr vor Mrs. Macallan’s Tode. Sie lautete folgendermaßen:

»Heute mit der Morgen-Post Nachrichten, die einen überwältigenden Eindruck auf mich machten. Helena’s Gatte starb vor zwei Tagen am Herzschlage.

Sie ist frei . . . meine geliebte Helena ist frei! — Und ich? —

Ich bin an meine Frau gefesselt, mit der ich in keinem einzigen Punkt in Uebereinstimmung lebe. Helena ist für mich verloren, durch meine eigene Schuld. Ah! Jetzt erst habe ich die Macht der Versuchung kennen gelernt und wie leicht das Verbrechen ihr folgen möge. Wenn ich an meine Lage denke, möchte ich wahnsinnig werden.«

Die nächste Stelle, von etwas jüngerem Datum, behandelte dasselbe Thema.

»Von allen Thorheiten, die ein Mann begehen kann, ist die größte auf Antrieb eines ; Andern zu handeln. Ich that dies, indem ich das unglückliche Geschöpf heirathete, das nun mein Weib ist.

Wie ich leider zu voreilig urtheilte, war mir Helena damals verloren. Sie hatte den Mann geheirathet, dem sie sich unbesonnen verlobte, ehe sie mich kennen lernte. Er war jünger und vielleicht euch hübscher als ich. So weit ? ich blicken konnte, war mein Schicksal für dieses Leben besiegelt. Helena hatte mir einen Abschiedsbrief geschrieben und mir Lebewohl gesagt. Meine Aussichten waren entschwunden, meine Hoffnungen erloschen. Mir schien nichts anderes mehr zu thun, als eine ritterliche Handlung, als einen Art der Resignation und Selbstverleugnung zu begehen.

Die obwaltenden Umstände begünstigten diesen Gedanken. Das unselige Weib, das, Gott weiß es, ohne mein geringstes Zuthun, sich an mich geheftet, hatte, grade zu jener Zeit, ihren Ruf der Barmherzigkeit der Welt preisgegeben. Es ruhte in meiner Hand die geschwätzige Zunge des Scandals zu beschwichtigen. Helena verloren, konnte ich kein Glück mehr erwarten. Eine Frau war mir ebenso gleichgültig als die andere. Eine großmüthige Handlung aber konnte Sarah retten. — Weshalb sie also nicht vollbringen? Dies berücksichtigend heirathete ich sie, — heirathete ich sie mit demselben Gefühl, das mich veranlaßt haben würde, in’s Wasser zu zu springen und sie herauszuziehen, wenn sie dem Ertrinken nahe gewesen wäre.

»Und nun steht das Weib, dem ich dies Opfer gebracht, zwischen mir und meiner Helena . . . meiner Helena, nun frei und ledig, den Mann, der sie anbetet, mit allen Schätzen ihrer Liebe zu beglücken!

»Thor! Wahnsinniger! Weshalb zerrenne ich mir nicht den Schädel an der Wand, während ich diese Zeilen schreibe?

»Dort in der Ecke steht mein Gewehr. — Ein schwacher Fingerdruck und . . . . Nein! Meine Mutter lebt noch. Meiner Mutter heiliger Liebe darf ich diesen Schmerz nicht anthun. Ich habe nicht das Recht, mir das Leben zu nehmen, das sie mir gab. So muß ich mich denn unterwerfen und dulden. Oh, Helena! Helena!«

Ein dritter Extract war ungefähr zwei Je Monate vor dem Tode der Mrs. Macallan geschrieben.

»Noch mehr Vorwürfe auf mich gehäuft! — Ich habe nie ein Weib so viel klagen gehört. Sie lebt fortwährend in einer Atmosphäre von schlechter Laune und Unzufriedenheit.

»Ich habe ihr also zwei neue Beleidigungen zugefügt. Ich bitte sie nie mehr, mir etwas vorzuspielen, und wenn sie, um mir zu gefallen, ein neues Kleid anzieht, bemerke ich es nicht. — Gott im Himmel! Das ist ja eben die gewaltsame Anstrengung meines Lebens, sie nie und nirgends zu bemerken, sie möge sprechen und thun, was sie wolle. Wie könnte ich meinen Unwillen beherrschen, wenn ich mich nicht sorgfältig bemühte, jegliches tête-à-tête mit ihr zu vermeiden. — Und ich beherrsche meinen Unwillen. Ich bin nie hart, noch führe ich harte Sprache gegen sie. Sie hat doppeltes Anrecht auf meine Geduld, weil sie ein Weib ist, zu dem unser Gesetz sie gemacht. Das rufe ich mir stets in’s — Gedächtniß zurück; aber ich bin nur ein Mensch. Je weniger ich sie sehe, desto mehr vermag ich es, mich zu beherrschen.

»Ich kann mir eigentlich keine klare Rechenschaft darüber geben, weshalb sie mir so unangenehm ist. Sie ist häßlich; aber ich habe häßliche Frauen gesehen deren Liebkosungen ich hätte ertragen können ohne jenen Schauder, den ich jedes mal empfinde, wenn sie meine Hand nimmt oder mich küssen will. Ich verberge diesen Widerwillen aber, soviel ich kann. Sie liebt mich, die Arme, und ich bemitleide sie. Ich wünschte, ich könnte mehr für sie thun. — Ich wünschte, ich könnte nur ein klein wenig die Neigung erwidern die sie für mich hegt. Aber nein . . . nein . . . ich habe nichts für sie als Mitleid. Wenn sie mit einem freundschaftlichen Zusammenleben zufrieden sein wollte, könnten wir noch erträglich miteinander auskommen Sie verlangt aber Liebe, das unglücklichste aller Gottes-Geschöpfe verlangt Liebe!

»Oh, meine Helena! Ich habe keine Liebe für sie zurückbehalten. Mein Herz ist ganz Dein!

»Letzte Nacht träumte mir, mein armes Weib wäre todt. Der Traum war so lebhaft, daß ich ans dem Bett sprang, die Thüre ihres Zimmers öffnete und horchte.

»Ihr ruhiges, regelmäßiges Athmen war deutlich hörbar in der Stille der Nacht. Sie , lag in tiefem Schlummer. Ich schloß die Thüre wieder, zündete ein Licht an und las. Helena belebte mein ganzes Sein, und ich mußte mir Mühe geben meine Aufmerksamkeit auf das Buch zu heften. Alles Andere war aber besser als ins Bett zurückzukehren und vielleicht zum zweiten mal zu träumen, daß ich frei sei.

»Welch’ ein Leben führe ich! — Und welch’ ein Leben führt sie! — Wenn das Haus in Flammen stände, möchte ich wohl wissen ob ich einen Versuch machen würde, mein Leben zu retten, oder das Ihre. —

Das Folgende war von späterem Datum.

»Ein schwacher Lichtschein ist in mein dunkles Leben gedrungen.

»Helena ist nicht länger zur Abgeschlossenheit der Wittwenschaft verdammt. Die Zeit gestattet ihr, sich wieder in die Gesellschaft zu mischen. Sie besucht Freundinnen in unserem Theil Schottlands und, da wir Cousin und Cousine sind, ist es eigentlich selbstverständlich, daß sie mich, ehe sie den Norden verläßt, auf einige Tage in Gleninch besuchen werde. Sie schreibt mir darüber, daß ihr Besuch, wie peinlich er auch sein möge, dennoch gemacht werden müsse, um dem Schein zu genügen. — Ich werde also den Engel in meinem Fegefeuer sehen! —

»Aber wir müssen sehr vorsichtig sein. Helena schreibt unter Anderem: »Ich komme zu Ihnen als eine Schwester, Eustace. Entweder müssen Sie mich als Bruder oder gar nicht empfangen. Ich werde, wegen des Tages meiner Ankunft, mit Ihrer Frau in Correspondence treten. — Und schließlich werde ich nicht vergessen . . . . vergessen Sie es ebenfalls nicht . . . . daß ich mit Erlaubniß Ihrer Gattin zu Ihnen komme.«

»O, wenn ich sie nur sehen kann! Alles Andere will ich gerne entbehren und ertragen«

Der dritte und letzte Extract bestand nur aus wenigen Zeilen:

»Ein neues Unglück! Meine Frau ist krank geworden. — Grade zu der Zeit, in welcher Helena erwartet wurde, nöthigte sie eine rheumatische Erkältung das Bett zu hüten. Ich muß aber gestehen daß sie sich bei dieser Gelegenheit sehr liebenswürdig benommen. Sie schrieb an Helena, daß durch den kleinen Zwischenfall der Besuch einer Cousine bei ihrem Cousin nicht aufgeschoben werden dürfe und daß es daher bei dem festgesetzten Tage der Ankunft bleiben müsse.

»Das ist ein großes Opfer von Seiten meiner Frau. — Eifersüchtig auf alle Damen unter zwanzig Jahren muß sie natürlich auch eifersüchtig auf Helena sein; aber sie beherrscht sich und vertraut mir.

»Ich bin ihr Dankbarkeit dafür schuldig und will sie ihr beweisen. Von diesem Tage an gelobe ich, ihr mehr Zuneigung zu zeigen. Heute Morgen habe ich sie zärtlich geküßt, und ich hoffe, das arme Geschöpf hat nicht die Selbstüberwindung bemerkt, die es mich gekostet.«

Hiermit schlossen die Vorlesungen ans dem Tagebuch.

Dieselben waren mir unter allen Phasen des Processes am allerunangenehmsten gewesen, denn einige Ausdrücke, deren sich Eustace bedient, schmerzten mich nicht allein, sondern erschütterten auch die Achtung, die ich bisher für ihn gehegt. Ich würde alle meine Habe darum gegeben haben hatte ich einige Stellen des Tagebuches ungeschrieben machen können. Einige leidenschaftliche Liebesergüsse gegen Mrs. Beanly fuhren mir wie zweischneidige Schwerter durch die Seele. Als er mir den Hof machte, hatten meine Ohren ähnliche Worte getrunken. Ich hatte keine Ursache zu zweifeln daß er mich treu und innig liebte. Aber die Frage war: hatte er vor mir Mrs. Beanly ebenso treu und innig geliebt? War sie es oder ich, die zuerst sein ganzes Herz gewonnen? Wie oft hörte ich seine Erklärung, daß er nur geliebelt, ehe er mich gekannt — Ich hatte ihm Glauben geschenkt. Ich glaubte ihm noch heute. — Aber ich haßte Mrs. Beanly!

Die Vorlesung der Briefe und des Tagebuches schienen den peinlichen Eindruck auf Richter und Auditorium nur noch erhöht zu haben.

Die Aussage des letzten Zeugen welchen der Ankläger aufrief, that noch mehr, die Lage des Gefangenen zu verschlechtern.

William Enzie, Untergärtner in Gleninch, wurde vereidigt und ließ sich dann folgendermaßen aus:

»Am zwanzigsten October, um elf Uhr Vor mittags, wurde ich nach den demjenigen Theil des Gartens, welcher der »Holländische Garten« genannt wird, zunächst gelegenen Anlagen zur Arbeit geschickt. In dem holländischen Garten , steht ein Sommerhaus, das seine Hinterfront den buschigen Anlagen zukehrt. Der Tag war, für die vorgerückte Jahreszeit wunderschön hell und warm.

»Ich kam auf meinem Wege an der Hinterfront des Sommerhauses vorbei. Ich hörte Stimmen im Innern eine Männer- und eine Frauenstimme. Die Stimme der Frau war mir unbekannt. Die Stimme des Mannes erkannte ich als die meines Herrn. Der Boden in den Anlagen war weich, und meine Neugier erregt. Ungehört und unbemerkt kehrte ich zu dem Sommerhause zurück und horchte.

»Die ersten Worte, die ich unterscheiden konnte, sprach mein Herr. Er sagte:

»Hätte ich voraussehen können daß Sie eines Tages frei sein würden, wie glücklich wäre ich gewesen!« — Die Damenstimme antwortete »Still doch! Wie können Sie so etwas sprechen ?« — Mein Herr entgegnete daraus: »Ich muß sprechen was ich denke, und ich muß stets daran denken daß ich Sie verloren habe.« — Nach einer kleinen Pause fuhr er fort: »Erzeigen Sie mir eine Gunst mein Engel! Versprechen Sie mir, Sich nicht wieder zu verheirathen.« Die Dame fragte darauf in scharfem Ton: »Was wollen Sie damit sagen?« — Mein Herr sagte »Ich wünsche dem armen Geschöpf das wie ein Alp auf meiner Seele liegt, nichts Böses; aber wenn der Fall einträte,« . . . »Machen Sie keine Voraussetzungen!« entgegnete die Lady; »kommen Sie zurück ins Haus.«

»Mit diesen Worten erschien sie zuerst im Garten und winkte meinem Herrn zu ihr zu kommen. Ich konnte jetzt deutlich ihr Antlitz sehen und erkannte sofort die junge Wittwe, welche zum Besuch in Gleninch war. Mrs. Beanly und mein Herr gingen nun langsam ins Haus zurück. Ich konnte nicht weiter hören was sie miteinander sprachen.

Das Kreuzverhör des Zeugen ergab einige Schwankungen in dem ersten Theil seiner Aussage; bei den letzten zwischen seinem Herrn und der Dame gewechselten Worten blieb er aber fest stehen; auch behauptete er unverbrüchlich, daß jene Dame Mrs. Beanly gewesen sei.

Nach diesem Verhör stand der Beantwortung der dritten Frage des Processes nichts mehr entgegen.

Die allgemeine Meinung erklärte sich gegen meinen Gatten. Dieser schien das auch selbst zu fühlen. Als er am Ende des dritten Tages den Saal verließ, war er so niedergedrückt und erschöpft daß er sich auf den Arm des Gefängnißwärters stützen mußte.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Die Zeugenaussage für die Vertheidigung.

Am vierten Tage war das Interesse für den Proceß noch gewachsen — Es sollte jetzt die Zeugenaussage für die Vertheidigung gehört werden.

Die erste unter ihnen legte des Gefangenen Mutter ab. Als sie ihren Schleier lüftete, um Vereidigt zu werden, warf sie einen Blick auf ihren Sohn. Er brach in Thränen aus. In diesem Moment pflanzte sich die für die Mutter gefühlte Sympathie auch auf ihren unglücklichen Sohn fort.

Von dem Dekan der Fakultät befragt, gab die ältere Mrs. Macallan ihre Antworten mit außerordentlicher Würde und Selbstbeherrschung. Nach einigen Fragen über Unterhaltungen, die zwischen ihr und ihrer verstorbenen Schwiegertochter stattgehabt, erklärte sie, daß Letztere sehr viel auf ihre äußere Erscheinung gegeben. Sie war ihrem Gatten wahrhaft zugethan, und die größte Sorge ihres Lebens bestand darin, sich ihm so anziehend wie möglich darzustellen. Die Unvollkommenheiten ihres Aeußeren und hauptsächlich ihres Teints verursachten ihr den lehhaftesten Kummer. Zeugin hatte sie wieder hofentlich sagen gehört, daß sie kein Mittel scheuen würde, ihre Hautfarbe zu verbessern. »Die Männer,« meinte sie, »werden nur durch äußerliche Schönheit gewonnen. Mein Gatte würde mich mehr lieben, wenn ich einen besseren ; Teint hätte.«

Befragt, ob die Extracte aus dem Tagebuche ihres Sohnes als verläßliches Zeugniß gelten könnten, d.h. Ob sie Eigenthümlichkeiten seines Characters und die wahren Gefühle gegen seine Frau zur Anschauung brächten, verneinte Mrs. Macallan dies in der bestimmtesten Weise.

»Die Extracte ans meines Sohnes Tagebuch sind ein Pasquill auf seinen Character,« sagte sie. »Ein um so größeres Pasquill, als das Tagebuch von ihm selbst geschrieben wurde. Soweit ich meinen Sohn kenne, muß er jene Zeilen unter dem unbeherrschbaren Einfluß der Verzweiflung hingeworfen haben. Kein Mann mit ruhigem Verstande und gerechtem Sinn beurtheilt einen Mitmenschen nach schnellen, leidenschaftlichen Worten, die ihm in unzurechnungsfähigen Stimmungen entfahren sein mögen. Soll also mein Sohn verurtheilt werden, weil er diese Worte zufällig niedergeschrieben, anstatt sie zu sprechen? Die Feder ist in diesem Falle sein tödtlichster Feind gewesen. Ich gebe zu, daß er nicht glücklich in seiner Ehe war, aber ich muß hinzufügen, daß er sich stets aufmerksam gegen seine Frau benahm. — Ich besaß das Vertrauen Beider und hatte Gelegenheit, in die geheimsten Falten ihres Herzens zu blicken. Trotz alle Dem, was die Frau an ihre Freundinnen geschrieben, erkläre ich, daß mein Sohn ihr niemals Ursache zu gerechter Klage über Vernachlässigung und Grausamkeit gegeben.«

Diese, fest und überzeugend gesprochenen Worte machten einen tiefen Eindruck auf die Anwesenden.

Der Lord Anwalt, überzeugt, daß dieser Eindruck sich nicht werde abschwächen lassen, beschränkte sich daher im Kreuzverhör nur auf zwei Fragen:

»Wenn Ihre Schwiegertochter über ihren schlechten Teint sprach,« sagte er, »spielte sie dabei jemals auf den Gebrauch von Arsenik an?«

»Nein!«

»Empfahlen Sie ihr Arsenik, oder erwähnten Sie nur desselben zu dem gedachten Zweck?«

»Niemals!«

Der Lord-Anwalt setzte sich wieder. Mrs. Macallan, die ältere, zog sich zurück.

Die Erscheinung des nächsten Zeugen beachte wieder ein ganz neues Interesse in die Richter und das Auditorium. Der nächste Zeuge war keine Andere als Mrs. Beanly selbst. Der Bericht schildert sie als eine Dame von außerordentlich anziehender Persönlichkeit, bescheiden und weiblich in ihrem Wesen und, allem Anschein nach, tief niedergedrückt durch die öffentliche Stellung, die ihr jetzt angewiesen war.

Der erste Theil ihrer Aussage war eigentlich nur eine Wiederholung dessen, was die Mutter des Gefangenen bereits mitgetheilt, nur mit dem Unterschiede, daß sie von der Verstorbenen thatsächlich nach einem Mittel gegen schlechten Teint gefragt sein wollte. Mrs. Macallan hatte die Weiße und Glätte ihrer Haut gelobt und sich dabei erkundigt, ob sie künstliche Mittel zu deren Erhaltung anwende. Zeugin habe verneinend auf diese Frage geantwortet, auch geäußert, daß ihr überhaupt kein Mittel zur Verbesserung des Teint bekannt sei, worauf eine Erkältuug zwischen den beiden Damen ein getreten wäre.

Nach ihren Beziehungen zu dem Gefangenen befragt, leugnete Mrs. Beanly mit Indignation, daß weder sie noch Mr. Macallan der Verstorbenen jemals die leiseste Veranlassung zur Eifersucht gegeben. Es sei der Zeugin unmöglich gewesen, Schottland zu verlassen, ohne ihrem nahen Verwandten einen kurzen Besuch abgestattet zu haben. Die Unterlassung dieser Höflichkeit würde ihr von sämmtlichen Freunden und Bekannten verdacht worden sein. Sie leugnete nicht, daß Mr. Macallan, als sie Beide noch ledig gewesen, ihr den Hof gemacht habe. Von dem Augenblicke an aber, wo er und sie sich anderweitig verheirathet hätten, wären sie einander stets als Bruder und Schwester begegnet. Mr. Macallan sei ein Gentleman, der sehr gut wisse, welche Pflichten er gegen Mrs. Beanly und seine eigene Frau zu erfüllen habe. Sie würde niemals sein Haus betreten haben, wenn sie hiervon nicht fest überzeugt gewesen. Was die Aussage des Unter-Gärtners anbeträfe, so müsse sie dieselbe für wenig mehr als bloße Erfindung bezeichnen. Der größte Theil der von ihm den Richtern hinterbrachten Unterhaltung sei rein aus der Luft gegriffen und hätte niemals stattgefunden. Das wenige Wahre daran sei scherzend hingeworfen worden. Auch sie müsse bekräftigen, daß Mr. Macallans Benehmen gegen seine Frau stets unveränderlich gut und aufmerksam gewesen sei. Während ihrer Krankheit pflegte er sie, wie er konnte, und äußerte sein aufrichtiges Beileid für ihren Zustand. Als Mrs. Macallan, an ihrem Todestage dem eigenen Gatten und der Zeugin befohlen habe, das Zimmer zu verlassen, hatte Mr. Macallan gleich darauf zu ihr geäußert: »Wir müssen ihre Eifersucht zu ertragen suchen, um so mehr, als wir sie nicht verdienen.« Mit dieser himmlischen Geduld begegnete er stets den leidenschaftlichsten Ausbrüchen ihres heftigen Temperaments von Anfang bis zu Ende.

Das Haupt-Interesse beim Kreuzverhör der Mrs. Beanly gipfelte in einer Frage, die ihr ganz am Schluß vorgelegt wurde.

»Es ist ein, nur mit Helena unterzeichneter und an den Gefangenen adressirter Brief vorgelesen worden,« sagte der Lord-Anwalt, ihr denselben hinhaltend. »Ist das Ihre Handschrift?«

Bevor Zeugin antworten konnte, protestirte der Dekan der Fakultät gegen diese Frage. Die Richter schlossen sich dem Protest an und er klärten die Frage für unzulässig Mrs. Beanly zog sich darauf zurück. Als man des Briefes Erwähnung gethan, und ihr denselben vor die Augen gehalten, hatte sie eine deutlich bemerkbare Aufregung verrathen, welche auf verschiedene Weise beurtheilt wurde. In der Hauptsache aber hatte ihr Zeugniß den günstigen Eindruck für den Gefangenen noch verstärkt, zu welchem die Aussagen der Mutter bereits den Grund gelegt.

Die nächsten Zeugen, beides Damen und Schulfreundinnen der verstorbenen Mrs. Macallan, nöthigten dem Gerichtshofe wiederum ein neues Interesse ab. Sie fügten gewissermaßen der Kette der Aussagen die fehlende Schake hinzu.

Die erste der beiden Damen erklärte, daß sie gegen Mrs. Macallan des Arseniks als Remedium gegen schlechten Teint erwähnt habe. Sie hätte es selber niemals angewendet, aber in verschiedenen Büchern gelesen, daß der Genuß von Arsenik unter dem steyrischen Landvolk häufig vorkomme, um sich ein blühendes und gesundes Ansehen zu verschaffen.

Die zweite Zeugin, welche bei vorstehender Unterhaltung zugegen gewesen, bestätigte nicht allein die Aussage ihrer Vorgängerin, sondern fügte auch noch hinzu, daß sie eines der betreffenden Bücher, auf Wunsch der verstorbenen Mrs. Macallan angeschafft und per Post nach Gleninch geschickt habe.

In den beiden Aussagen war noch ein uns genauer Punkt, den das Kreuzverhör sofort aufdeckte. Beide Damen wurden nacheinander gefragt, ob Mrs. Macallan, direct oder indirect, die Absicht gegen sie geäußert habe, das Arsenik wirklich gegen ihren schlechten Teint nehmen zu wollen. In beiden Fällen war die Antwort auf diese außerordentlich wichtige Frage: Nein! Mrs. Macallan hatte von dem Mittel gehört und das Buch erhalten. Ueber ihre Absichten, ob sie das Mittel gebrauchen wolle, war ihr kein Wort entfallen. Sie hatte beide Damen gebeten, nicht darüber sprechen zu wollen, und damit hatte die Sache ihr Ende erreicht.

Es gehörte keines Juristen Auge dazu, um den fatalen Defect zu bemerken, welcher nun in der Zeugenaussage der Vertheidigung erweckt worden war. Jedes mit gesundem Menschenverstande ausgerüstete Mitglied der Versammlung konnte sehen, daß die Chance einer ehrenvollen Freisprechung des Gefangenen jetzt darin bestände, darzuthun, auf welche Weise er das Gift seiner verstorbenen Gattin eingehändigt, oder wenigstens zu beweisen, daß er es überhaupt auf ihren ausdrücklichen Wunsch angeschafft. In beiden Fällen würde dann die Erklärung der Unschuld des Gefangenen die Unterstützung der Zeugnisse in Anspruch nehmen, welche, so indirect sie auch sein möchten, dennoch die Zustimmung jedes ehrenhaften, intelligenten Mannes auf ihrer Seite haben mußten. — Sollte dieser Fall eintreten? — Hatte die Vertheidigung ihre Hilfequellen noch nicht erschöpft?

Das dichtgedrängte Auditorium wartete in athemloser Spannung auf die Erscheinung des nächsten Zeugen. Es ging ein Flüstern herum, daß nun ein alter Freund des Gefangenen seine Aussage machen würde.

Nach einer kurzen Pause entstand eine lebhafte Bewegung im Saal, und einen Moment darauf nannte der Gerichtsdiener den außergewöhnlichen Namen des nächsten Zeugen:

»Miserrimus Dexter.«



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Das Ende des Prozesses.

Der Aufruf des neuen Zeugen rief ein lautes Gelächter im Auditorium hervor, das wohl hauptsächlich dem seltsamen Namen des selben galt.

Der Lord-Richter Clerk erklärte, daß er den Saal räumen lassen würde, im Fall die Unterbrechung sich erneuern sollte.

Während des Schweigens, das nun folgte, erschien der Zeuge.

Er rollte sich in seinem Räderstuhl selbst durch die ihm nothdürftig platzmachende Menge, und da bei diesem Drängen die Decke herabfiel, welche über seinen Stuhl geworfen war, erblickte die staunende Neugier faktisch nur einen halben Menschen, das heißt Kopf, Rumpf und Arme. Die unteren Gliedmaßen fehlten vollständig. Um diese Deformität noch schlagender und entsetzlicher zu machen, war das, was von dem Unglücklichen übrig geblieben, von ganz außergewöhnlicher Schönheit. Sein langes, seiden weiches, kastanienbraunes Haar fiel auf zwei kräftige Schultern vom schönsten Ebenmaß herab. Sein Antlitz strahlte von Lebhaftigkeit und Intelligenz. Seine großen, lichtblauen Augen und seine schmalen, weißen Hände glichen denen eines schönen Weibes. Man hätte ihn überhaupt für eine Frau halten können, wären nicht Hals, Brust und Schultern ungewöhnlich , ausgebildet gewesen und hätte nicht sein langer, wallender Schnurr- und Vollbart den Rest des Gegenbeweises geführt. Niemals hatte die Natur einen größeren oder grausameren Irrthum begangen, als da sie diesen Mann schuf.

Er leistete den Eid natürlich in seinem Stuhl sitzend. Nachdem er seinen Namen genannt, verbeugte er sich vor den Richtern und bat um die Erlaubniß, vor seiner Zeitgen Aussage noch einige erläuternde Worte sprechen zu dürfen.

»Die Leute lachen gewöhnlich, wenn sie meinen seltsamen Vornamen hören,« sagte er mit einer klaren, sonoren Stimme, welche bis in die entferntesten Winkel des Saales drang. »Ich erlaube mir den guten Leuten mitzutheilen, daß viele unserer gebräuchlichsten Namen ihre Bedeutungen haben. Dasselbe ist mit dem Meinen der Fall. »Alexander« bedeutet z.B. im Griechischen »einen Helfer von Menschen.« »David« bedeutet im Hebräischen »der Geliebte« Mein Name »Miserrimus« ist im Lateinischen gleichbedeutend mit »sehr elend.« Ich erhielt ihn von meinem Vater wegen der Mißgestalt, welche ich mit auf die Welt brachte. Nun werdet Ihr nicht mehr über meinen Namen lachen! — Nicht wahr!« —

»Nun stehe ich zu Diensten, Herr Dekan!« wandte er sich dann an diesen, um befragt zu werden. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich den Gang der Verhandlung auch nur um einige Minuten aufgehalten habe.«

Dann leistete er, vom Dekan aufgefordert, seine Aussage wie folgt:

»Zur Zeit, da Mrs. Macallan krank wurde und starb, war ich als Gast in Gleninch anwesend,« begann er. Doctor Jerôme und Mr. Gale wünschten mich in geheimer Unterredung zu sprechen, weil sich der Gefangene in einem Zustande geistiger und körperlicher Zerrüttung befand, die es ihm nicht erlaubten, seinen Pflichten als Hausherr nachzukommen. Bei dieser Unterredung erschreckten mich die beiden Aerzte aufs Aeußerste durch die Erklärung, daß Mrs. Macallan vergiftet worden sei. Sie überließen es mir, die entsetzliche Nachricht dem Gatten der Verstorbenen zu hinterbringen, und sie theilten mir gleichzeitig mit, daß der todte Körper einer Obduction unterworfen werden würde.«

»Wenn der Fiscal meinen alten Freund gesehen hätte, als ich ihm die Botschaft der Aerzte ausrichtete, würde er es schwerlich gewagt haben, ihn des Mordes an seiner Gattin anzuklagen. Nach meiner Ansicht war die Anklage nichts weiter als die Zufügung einer Schmach. Weil ich die Sache in diesem Sinne auffaßte, widersetzte ich mich der Beschlagnahme des Tagebuches und der Briefe des Gefangenen. Nun Extracte aus dem Tagebuche vorgelesen sind, stimme ich mit der Mutter des Mr. Macallan in dem Ausspruch überein, daß dieselben nicht als Zeugniß gegen ihn zu betrachten sind. Ein Tagebuch ist in der Regel, wie auch in dem vorliegenden Falle, nichts besseres als der bemitleidenswerthe Ausdruck der ärmsten und schwächsten Characterseiten Dessen, der es geschrieben. In neun Fallen unter zehn ist es stets die mehr oder weniger verächtliche Aeußerung von Gefühlen der Selbstsucht und Eitelkeit, welche der Schreiber gegen keinen Andern zu thun wagt, als gegen sich selbst. Ich bin der älteste Freund des Gefangenen. Ich erkläre hiermit feierlich, daß ich ihm niemals solchen Unsinn zugetraut habe, wie er ihn in sein Tagebuch niedergelegt.

»Er sein Weib tödten! Er sein Weib vernachlässigen und grausam behandeln! Ich wage, nachdem ich den Gefangenen zwanzig Jahre gekannt, den Ausspruch, daß Niemand in dieser ganzen Versammlung weniger der Grausamkeit und des Verbrechens fähig ist, als der Mann, der hier als Angeklagter vor den Schranken steht. Da ich einmal im Zuge bin, lassen Sie mich noch ein wenig weiter sprechen.

»Ich habe gehört, was die unwissende und vorurtheilsvolle Wärterin Christina Ormsay über die verstorbene Lady ausgesagt. Nach meiner eigenen Beobachtung bestreite ich jedes Wort ihres Zeugnisses Mrs. Macallan war, die Mängel ihrer äußeren Erscheinung abgerechnet, eines der reizendsten Wesen, denen ich je begegnete. Sie hatte eine wahrhaft vortreffliche Erziehung genossen. Niemals bewunderte ich ein lieblicheres Lächeln, graciösere Bewegungen. Ihre Stimme, ihr Anschlag beim Clavierspiel wurde von allen Sachverständigen hoch gerühmt Ihre Unterhaltung war leicht, fließend und geistvoll. Wer aber behauptet daß ein solches Weib wie dies, von dem Mann . . nein, von dem Märtyrer, der dort steht . . erst grausam vernachlässigt und dann noch gar ermordet werden konnte, der möge ebenso gut behaupten, daß der Himmel sich nicht über der Erde wölbe.

»Ich weiß, daß die Briefe ihrer Freundinnen beweisen, wie bitter die Verstorbene sich über ihren Gatten beklagt. Erinnern Sie Sich aber auch, was die klügste dieser Freundinnen auf ein solches Schreiben erwidert: »Vergieb mir, weint ich meine Ansicht ausspreche, daß Deine sehr sensitive Natur, unbewußt natürlich, die Vernachlässigung übertreibt und falsch deutet, welche Du von Deinem Gatten glaubst erdulden zu müssen.« In dem einen Satz liegt die ganze Wahrheit Mrs. Macallan’s Natur war die sensitive, selbstquälende Natur der Dichterin. Keines Sterblichen Liebe würde sie jemals befriedigt haben. Kleinigkeiten, welche von weniger empfindsamen Frauen gänzlich übersehen worden wären, lasteten auf ihrer Seele wie Centnergewichte. Es giebt Menschen, die zum Unglück geboren sind, und die arme Mrs. Macallan gehörte zu diesen. Nun habe ich genug geredet.«

»Nein! — Ein Wort muß ich doch noch hinzufügen.

Es dürfte vielleicht den Herren Richtern noch nicht bekannt sein, daß der Tod seiner Frau, in pecuniärer Beziehung, ein schwerer Verlust für Mr. Macallan war. Die Verstorbene hatte darauf bestanden, daß sie allein über ihr Capital und Zinsen zu verfügen haben solle. Ihre Mittel erhielten den Glanz des gastlichen Hauses von Gleninch. Des Gefangenen eigenes Einkommen würde lange nicht hingereicht haben, einen solchen Train zu führen. Dies vorausgeschickt kann ich bekräftigen, daß mein Freund Eustace durch den Tod seiner Frau zweier Drittheile seiner Revenüen beraubt wurde. Dennoch ist er hier als ein selbstsüchtiger und grausamer Mann angeklagt worden, der wohlüberlegt sein Weib getödtet haben soll, um sich da durch für Lebenszeit in beschränkte Verhältnisse zu bringen.

»Es ist nutzlos, mich zu fragen, ob ich in dem Benehmen des Gefangenen gegen Mrs. Beanly irgend etwas bemerkt hätte, das einer Frau Berechtigung zur Eifersucht gegeben haben könnte. Ich habe mich um Mrs. Beanly nicht sonderlich viel bekümmert und ich habe noch weniger meinen Freund veranlaßt mir etwas von ihr zu erzählen. Er war überhaupt ein Verehrer schöner Frauen, soviel ich es aber beurtheilen kann, in durchaus unschuldiger Weise. Wenn er Mrs. Beanly nicht hübscher gefunden hätte als seine Frau, müßte er keine Wahrnehmungswerkzeuge gehabt haben. Den Mangel derselben habe ich aber niemals bei ihm entdecken können.

»Was nun die Frage betrifft auf welche Weise der Gefangene das Arsenik seiner Frau übergeben, so will ich darüber eine Aussage machen, die der Aufmerksamkeit des hohen Gerichtshofes nicht unwerth sein wird.

»Ich war während der Prüfung der Papiere und der übrigen in Gleninch aufgefundenen Gegenstände im Bureau des Fiscals anwesend. Das der Verstorbenen gehörige Toilettenkästchen ward mir gezeigt ehe dessen Inhalt vom Fiscal selbst officiell untersucht wurde. Ich habe, wie man zu sagen pflegt, einen sehr glücklichen Griff. Indem ich das Kästchen in die Hand nahm, entdeckte ich auf der inneren Seite des Deckels ein verborgenes Fach, das zwischen beiden Wänden des Deckels angebracht war. In diesem kleinen Raum fand ich die Flasche, welche ich die Ehre habe, hiermit vorzuzeigen.«

Während die den Richtern übergebene Flasche mit denen verglichen wurde, welche eigentlich zu dem Toilettenkasten gehörten, wurde das fernere Verhör des Zeugen unterbrochen.

Diese letzteren Flaschen waren vom feinsten, geschliffenen Glase und höchst eleganter Form, gänzlich ungleich der Flasche aus dem verborgenen Fach des Kastens, welche die ordinaire Gestalt derer zeigte, die bei Chemikern in Anwendung kommen. Nicht ein Tropfen Flüssigkeit nicht ein Atom irgend einer festen Substanz waren in derselben bemerkbar. Kein Geruch drang aus dem Innern und, noch unglücklicher für die Vertheidigung, kein Etiquett klebte an der Außenseite.

Der Chemiker welcher dem Gefangenen die zweite Dosis Arsenik verkauft wurde herbeigerufen. Er erklärte, daß die vorgezeigte Flasche derjenigen auf ein Haar ähnlich sei, in welche er das Arsenik gethan. Für dieselbe konnte er sie aber dennoch nicht ausgeben, weil sie hundert Anderen in seinem Laden ebenfalls ähnlich war und weil das Etiquett fehlte, auf das er eigenhändig das Wort »Gift« geschrieben. Das Toilettenkästchen sowie auch das ganze Zimmer der verstorbenen Lady war sorgfältig nach jenem Firmastempel durchsucht worden, im Fall er vielleicht durch Zufall von der Flasche abgefallen sein könnte; aber vergebens. Nach bloßer moralischer Ueberzeugung mußte die gefundene Flasche allerdings für identisch mit derjenigen erklärt werden welche das Gift enthalten hatte. Gesetzlich war nicht der geringste Beweis dafür vorhanden.

Hiermit endete die letzte Anstrengung der Vertheidigung, das von dem Gefangenen gekaufte Arsenik bis in den Besitz der Todten zu verfolgen.

Die wieder aufgenommene Befragung von Miserrimus Dexter berührte Fragen von nicht allgemeinem Interesse. Das Kreuzverhör bestand in einem geistigen Kampf zwischen dem Lord-Richter Clerk und dem Zeugen und endete mehr zu Gunsten des Gefangenen. Aus dem ganzen Hin- und Herblitzen des Geistes will ich nur eine Frage und eine Antwort herausheben die mir von ganz besonderer Wichtigkeit erschienen.

»Ich glaube, Mr. Dexter,« sagte der Lord-Richter Clerk in seiner meist ironischen Weise, »daß Sie eine eigene Theorie haben, nach welcher der Tod der Mrs. Macallan Ihnen nicht als Geheimniß erscheint.«

»Mag sein, daß ich über diesen wie auch über andere Gegenstände meine eigenen Ideen habe,« entgegnete der Zeuge; »aber lassen Sie mich eine Frage an Ihre Lordschaften wie an den Richter thun: Bin ich hier, um Theorien zu erörtern oder um Thatsachen zu bestätigen?«

Ich machte mir eine Note bei dieser Antwort Mr. Dexters »Ideen« waren die Ideen eines treuen Freundes meines Gatten und eines Mannes von mehr als gewöhnlichem Geschick. Dies konnte mir für die Folge von unberechenbarem Vortheil sein.

Dieser Bemerkung fügte ich eine zweite hinzu. Während seiner Aussage hatte Mr. Dexter von Mrs. Beanly so leichthin ich möchte fast sagen, so wegwerfend gesprochen daß der Gedanke nahe lag, er möchte nicht viel von ihr halten, vielleicht gar ihr mißtrauen. Dies war eine neue, dringend an mich herantretende Ursache, unter allen Umständen die Bekanntschaft des Mr. Dexter zu machen.

Nun war der letzte Zeuge verhört worden. Der Räderstuhl mit dem halben Menschen rollte zurück und verschwand in einem entfernten Winkel des Saals.

Der Lord Anwalt als Ankläger erhob sich, um den Gerichtshof anzureden.

Ich zögere keinen Augenblick auszusprechen daß ich nie etwas Infameres gelesen habe, als die Rede dieses großen Juristen. Er schämte sich nicht zu erklären daß er von der Schuld des Gefangenen fest überzeugt sei. — Mit welchem Recht durfte er einen solchen Ausspruch thun? Lag in seinen Händen die Entscheidung? Vereinigte er in seiner Person den Richter und die Geschworenen? Nachdem der Lord-Anwalt damit begonnen, nach eigener Autorität den Gefangenen zu verdammen fuhr er fort indem er mit glänzender Beredtsamkeit den unschuldigsten Handlungen des unglücklichen Mannes einen schlechten und gehässigen Character beilegte. Ich will nur einige Beispiele herausheben: Als Eustace, auf deren Sterbebett, die Stirn seiner Frau küßte, that er nur, um bei dem Arzt und der Wärterin einen günstigen Eindruck zu machen. Wenn der Kummer ihn zu übermannen schien, triumphirte er in seinem Inneren über das Gelingen der Schandthat. Wenn Ihr in sein Herz blicken könntet würdet Ihr auf dem Grunde desselben tödtlichen Haß für seine Frau und leidenschaftliche Liebe für Mrs. Beanly entdecken! Alles, was er gesprochen war Lüge gewesen, in jeder seiner Handlungen hatte er sich als herzloser Bösewicht bewiesen. — So redete der oberste Richter von dem armen Gefangenen der schwach und hilflos vor ihm stand. An meines Gatten Stelle würde ich ihm etwas an den Kopf geworfen haben, wenn ich ihm nichts anderes hätte anhaben können. Jetzt mußte ich mich darauf beschränken die elende Rede aus dem Proceß zu reißen und sie mit Füßen zu treten. Das erleichterte mich etwas; obgleich ich mich bald nachher der unwürdigen Rache schämte.

Der fünfte Tag des Processes begann mit einer Rede für die Vertheidigung. Welcher Contrast zwischen der edlen Darlegung des Dekans der Facultät und den Infamien welche der Lord-Anwalt ausgesprochen hatte!

»In der Bemitleidung der Vergifteten,« begann er, »stehe ich hinter Niemand zurück. Aber ich spreche es ebenso offen aus, der Märtyrer in diesem Fall, von Anbeginn bis zum Ende, das ist der Gefangene! Was auch die arme Frau erduldet haben mag, der unglückliche Gatte erduldete mehr und duldet noch. Wenn er nicht der beste Mensch und Ehemann wäre, würde er gar nicht hier vor Gericht stehen. Ein Mann von gewöhnlicherer, härterer Natur, würde sofort Verdacht geschöpft haben, als seine Frau ihn bat das Gift für sie zu kaufen, er würde ihre Pläne durchschaut und sich entschieden geweigert haben, auf ihr Verlangen einzugehen. Der Gefangene war zu gut für seine ränkevolle Gemahlin, zu kurzsichtig und unschuldig die gefährlichen Folgen vorherzusehen welche seine Gefälligkeit haben konnte. Und was ist nun das Resultat? Dort steht er, als Mörder gebrandmarkt weil er zu hochherzig war, seiner Frau zu mißtrauen. — Der Lord-Anwalt hat mit bitterer Ironie gefragt weshalb uns der Beweis mißlang, daß der Gefangene das Gift den Händen seiner Frau übergeben. Ich antworte darauf: Wir haben bewiesen, erstens, daß Mrs. Macallan ihrem Gatten leidenschaftlich zugethan war, zweitens, daß sie schmerzlich die Unvollkommenheiten ihrer äußeren Erscheinung beklagte, und drittens, daß sie von dem Remedium des Arseniks als innerliches Mittel da gegen in Kenntniß gesetzt war. Es gehört nur geringe Menschenkenntniß dazu, hierin des Beweises genug zu sehen. Will mein gelehrter Freund allen Ernstes behaupten, daß Frauen ihrer geheimen Schönheitsmittel gegen Jedermann Erwähnung thun? Oder noch mehr, glaubt er vielleicht, daß es eine Dame selbst ausplaudern würde, wenn sie ihren schönen Teint der Anwendung eines tödtlichen Giftes wie Arsenik verdankte? Eine solche Behauptung ist geradezu absurd! Deshalb hörte ja auch Niemand Mrs. Macallan von Arsenik sprechen. Deshalb überraschte sie ja auch Niemand beim Gebrauch desselben. Es liegt ja deutlich aus der Hand, daß sie nicht einmal mit der Freundin darüber sprechen wollte, die ihr das Buch verschafft. Sie bat die beiden Vertrauten, gegen Jedermann über diese Unterhaltung zu schweigen. Das arme Wesen bewahrte ihr Geheimniß, geradeso wie sie es verschwiegen haben würde, wenn sie falsches Haar oder falsche Zähne getragen. Und dort sehen Sie ihren Gatten in Lebensgefahr, weil sein Weib handelte, wie alle Frauen, selbst die der Herren Richter, gehandelt haben würden, wenn sie sich in ähnlicher Lage befunden.«

Nach dieser glänzenden Rede sprach nur noch der Lord-Anwalt zu den Geschworenen.

Seine Lordschaft bemerkte zuerst, daß sie einen directen Beweis für die Vergiftung nicht erwarten dürften. So schlagende Beweise kämen überhaupt bei Vergiftungen selten vor. Die Herren Geschworenen müßten sich daher mit einem den Umständen entnommenen Beweise begnügen, der hier auf der Hand läge 2c. 2c.

Nach dieser trockenen Rede zogen sich die Geschworenen zur Berathung zurück.

Dann kehrten sie nach einer Weile wieder und gaben ihr schüchternes und zitterndes schottisches Verdict in folgenden Worten:

»Nicht bewiesen.«

Es folgte ein schwacher Applaus des für einen Augenblick enttäuschten Publikums. Der Gefangene durfte sich zurückziehen. Er that dies langsam, gebrochen, den Kopf aus die Brust gesenkt. Er blickte nicht auf und antwortete keine Silbe, wenn seine Freunde ihn anredeten. Der Unglückliche fühlte das Brandmal, welches das Verdict ihm ausgedrückt.

»Wir sagen nicht, daß Du an dem, Dir zur Last gelegten, Verbrechen unschuldig bist; wir sagen nur, daß es an Beweisen mangelt, Dich für schuldig zu erklären.«

Mit diesem lahmen, ohnmächtigen Schluß endeten damals die Verhandlungen.

Und so würde es für alle Zeiten geblieben sein, wenn ich nicht gewesen wäre.



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Ich sehe meinen Weg.

Der Morgen des nächsten Tages dämmerte bereits, als ich die Lectüre des Processes beendete.

Ich war durchaus nicht von Müdigkeit überwältigt und fühlte nicht das geringste Bedürfniß zum Schlafen. Mir war zu Muthe, als wenn ich geruht hätte und eben erwacht wäre, ein anderes Weib mit einer neuen Seele.

Jetzt konnte ich wenigstens verstehen, weshalb Eustace mich verlassen. Für einen Mann von so zarten Gemüth würde es ja ein Märtyrerthum gewesen sein, seinem Weibe ins Auge zu blicken nachdem es gelesen, was aller Welt von ihm berichtet war. Ich fühlte das in meinem tiefsten Herzen. Ich vergab ihm, daß er von mir gegangen und hoffte auf seine baldige Wiederkehr.

Ein kleiner Umstand lastete mir aber, trotz meiner Philosophie, auf der Seele. Liebte Eustace noch im Stillen Mrs. Beanly? oder war jene Leidenschaft bereits in ihm erloschen! Zu welcher Art von Schönheit mochte die Dame wohl gehören?

Das Fenster meines Zimmers blickte nach Osten. Ich zog das Rouleau auf und sah die Sonne strahlend am Horizont emporsteigen. Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen auszugehen und die frische Morgenluft zu athmen. Ich setzte den Hut auf, schlang den Shawl um die Schultern und nahm den Bericht des Processes unter den Arm. Eine Minute später befand ich mich in Benjamins kleinem Garten.

Getröstet und gestärkt durch die Einsamkeit und die erquickende Luft, fand ich Muth genug der ernsten Frage über meine Zukunft entgegenzutreten.

Ich hatte den Proceß gelesen. Ich hatte es mir zur heiligen Lebensaufgabe gemacht, die Unschuld meines Gatten an den Tag zu bringen. Wie sollte ich einsames, verlassenes Weib meine Ausgabe beginnen?

Der kühnste Anfang war jedenfalls der beste. Mein erster Gedanke war an Miserrimus Dexter. Wie er auch meine Handlungsweise beurtheilen mochte; jedenfalls mußte das Experiment gemacht werden. Ich hatte Vertrauen zu dem verwachsenen Mann mit dem seltsamen Namen. Wenn er mich fragen würde: »Was gedenken Sie zu thun?« oder: »Wie kann ich Ihnen dabei behilflich sein?« Konnte ich ihm ans diese beiden Fragen antworten? Gewiß! Mr. Dexter war der einzige Mensch, dem ich die geheimen Gedanken hätte anvertrauen mögen die sich, während der Lectüre des Processes, in meiner Seele gebildet.

Ich vermochte es nicht, den gefaßten Verdacht länger zurückzudrängen. Der Lord-Anwalt hatte mir den ersten Anstoß dazu gegeben, in dem er durch seine Reden meinen Gatten in das allerungünstigste Licht stellte. Daß Mrs. Macallan aus Versehen, sich selber vergiftet habe, glaubte ich nicht, sondern ich war ganz entschieden der Ansicht, daß sie im Besitz des Giftes gewesen sei, um es als Remedium gegen ihren schlechten Teint zu gebrauchen. Eine andere Person mußte ihr nachher das Gift in todtbringender Dosis beigebracht haben; da diese andere Person aber nicht mein Gatte sein konnte; wer war es sonst? — Mein Verdacht fiel sofort auf ein Weib, und der Name dieses Weibes war Mrs. Beanly.

Blicken wir einmal zurück auf jenen Brief, der nur mit »Helena« unterzeichnet und an Mr. Macallan adressirt war. Kein vernünftiger Leser wird daran zweifeln daß Mrs. Beanly jenes Schreiben verfaßt Gut! In dem Inhalt dieses Schreibens sehe ich deutlich die Absicht der schönen Dame, die sie bei ihrem Besuch in Gleninch hegte.

Wie lauteten die betreffenden Worte?

»Mein armer Eustace! Mein Herz zieht sich schmerzlich zusammen wenn ich daran denke, daß Ihr Leben diesem elenden Weibe gewidmet ist.«

Und dann sagt sie weiter: »Wenn wir Beide Mann und Frau geworden wären wie sollte es meine Lebensaufgabe gewesen sein, dem besten und edelsten der Männer die irdische Glückseligkeit zu bereiten.«

Ist dies nicht die Sprache eines Weibes, die schamlos und fast wahnsinnig in einen Mann verliebt ist, den sie nicht Gatten nennt? Sie ist dermaßen bezaubert von ihm, daß sie den Traum ihres Verhältnisses sogar bis in die andere Welt fortsetzt. In dieser Seelen und Körperbeschaffenheit sieht sich die Dame plötzlich durch den Tod ihres Gatten wieder frei. Ihren Liebkosungen und Zärtlichkeiten sehen sich ebenfalls der drückenden Fessel entledigt. Sobald es irgend der Anstand erlaubt, Besuche zu machen macht sie Besuche und wird im Laufe der Zeit der Gast des Mannes, den sie anbetet. Die Gattin desselben liegt krank im Bett. Der einzige, andere Besuch in Gleninch ist ein Krüppel, der sich nur im Räderstuhl fortbewegen kann. Die Lady hat also das Haus mit dem geliebten Gegenstande fast ganz für sich allein. Es steht nichts zwischen ihr und dem Idol ihrer Seele als eine kranke, häßliche Frau, für die Mr. Macallan nicht einen Funken von Neigung fühlt.

Ist es so vollkommen absurd zu denken daß ein Weib wie dies, von solchen Motiven geleitet und in einer ähnlichen Situation nicht eine so günstig dargebotene Gelegenheit ergreifen sollte, um ein Verbrechen zu begehen?

Was äußerte sie in ihrer eigenen Aussage?

Sie giebt zu mit Mrs. Macallan eine Unterredung gehabt zu haben, in welcher die Letztere sie um cosmetische Mittel zur Verbesserung des Teint befragt. Sollte sich während dieser Unterredung nicht noch mehr ereignet haben? Sollte Mrs. Beanly nicht vielleicht mit Mrs. Macallan ein Experiment gemacht haben das später so unheilvolle Folgen hatte?

Mrs. Beanly erwähnte dessen nicht.

Und was sagte der Gärtner aus?

Er belauschte eine Unterhaltung zwischen Mr. Macallan und Mrs. Beanly, welche wenigstens die Möglichkeit zeigte, daß Letztere einmal die Stelle der gegenwärtigen Gattin ersetzen konnte. Sie bricht das Gespräch darüber als zu gefährlich ab, während der keinen bösen Gedanken hegende Mr. Macallan ruhig arglos weiter geplaudert haben würde.

Was erzählte die Wärterin Mrs. Ormsay?

Am Todestage von Mrs. Macallan wird sie entlassen und hinunter geschickt. Sie verläßt die von ihrem ersten Anfall sich bessernde Kranke, die ihre Zeit mit Schreiben verbringen will. Mrs. Ormsay bleibt wohl eine halbe Stunde unten und wundert sich dann daß die Klingel sie nicht zurückruft. Sie begiebt sich in’s Morgenzimmer, um Mr. Macallan darüber zu befragen. Hier vernimmt sie, daß Mrs. Beanly vermißt wird. Mr. Macallan weiß nicht wo sie ist und fragt Mr. Dexter, ob er sie nicht gesehen habe. — Mr. Dexter verneint es. Wann verschwindet also Mrs. Beanly? Zu derselben Zeit wo Christina Ormsay Mrs. Macallan allein gelassen hat.

Endlich ertönt die Klingel heftig. Die Wärterin kehrt fünf Minuten vor elf in’s Krankenzimmer zurück und findet daß die alten Symptome von heute Morgen im verschlimmerten Maße wieder eingetreten sind. Höchstwahrscheinlicherweise ist also der Kranken während der Abwesenheit der Wärterin und seit dem verschwinden der Mrs. Beanly eine zweite, verstärkte Dosis des Giftes gereicht worden. Als die Wärterin um Hilfe zu suchen auf den Corridor hinausblickt begegnet sie Mrs. Beanly, die grade aus ihrem Zimmer kommt, um sich nach dem Befinden der Kranken zu erkundigen.

Etwas später begleitet Mrs. Beanly Mr. Macallan zum Besuch seiner Frau. Die Sterbende wirft einen seltsamen Blick auf die Beiden und fordert sie auf, das Zimmer zu verlassen Mr. Macallan betrachtete diese Aeußerung als eine Folge körperlichen Leidens und wartet im Zimmer, um der Wärterin zu sagen daß nach dem Arzt geschickt sei. Und was thut Mrs. Beanly? Sie verläßt bei dem Blick der Mrs. Macallan in panischem Schrecken das Zimmer. Selbst Mrs. Beanly scheint ein Gewissen zu haben.

Findet nach solchen Vorgängen der Verdacht noch keine Berechtigung?

Mir ist die Schlußfolgerung ganz klar.

Die zweite Dosis Arsenik ward von Mrs. Beanly’s Hand gegeben. Dies zugestanden muß sie ihr auch die erste Dosis gereicht haben. Auf welche Art konnte sie dies bewerkstelligen? Gehen wir auf die Zeugenaussage zurück. Die Wärterin giebt an, daß sie von Morgens zwei bis sechs Uhr im festen Schlaf lag. Sie spricht ebenfalls von einer verschlossenen Verbindungsthür, deren Schlüssel, man wußte nicht von wem, entfernt worden. Er mußte also gestohlen sein. Weshalb nicht von Mrs. Beanly?

Weiter!

Miserrimus Dexter hatte beim Kreuzverhör indirect zugestanden daß er seine eigenen Ideen über Mrs. Macallan’s Tod habe. Gleichzeitig hatte er von Mrs. Beanly in einem Tone gesprochen der deutlich genug verrieth, daß er ihr nicht freundlich gesinnt war. Hatte er ebenfalls Verdacht gegen sie? — Die Frage mußte ihm vorgelegt werden ehe irgend etwas Anderes geschah. Wenn er ebenso über sie dachte, wie ich es that, war mir mein Weg klar vorgezeichnet. Ich mußte sorgfältig meine Identität verbergen und mich Mrs. Beanly als harmlose Fremde vorstellen.

Die erste Schwierigkeit bei meinem Unternehmen war die, zu Miserrimus Dexter zu gelangen.

Der beruhigende Einfluß der frischen Luft hatte mich müder gemacht als die nächtliche Lectüre es gethan. Als ich beim offenen Fenster vorüberging, blickte mich mein Bett einladend an.

Nach fünf Minuten folgte ich der Einladung und sagte für kurze Zeit meinem Kummer und meinen Sorgen Lebewohl. Kaum hatte ich mich niedergelegt als ich fest entschlummerte.

Ein bescheidenes Klopfen an der Thür er weckte mich.

»Liebes Kind!« hörte ich draußen Benjamins Stimme sprechen. »Wenn Sie noch länger schlafen werden Sie verhungern. Es ist ein Uhr durch, und ein Freund von Ihnen wird mit uns frühstücken.«

Ein Freund von mir? Wer konnte das sein?

— Mein Gatte war weit weg, und Onkel Starkweather hatte mich aufgegeben.

»Wer ist es?« rief ich von meinem Bett aus, durch die geschlossene Thüre.

»Major Fitz-David!« antwortete Benjamin.

Ich sprang aus dem Bett. Grade der Mann dessen ich bedurfte, wartete auf mich. Major Fitz-David kannte alle Welt. Eng befreundet mit meinem Gatten würde er mir gewiß etwas von dessen altem Freunde Miserrimus Dexter sagen können.

Ich machte sorgfältige Toilette und ließ das Frühstück warten. Kein lebendes Weib würde anders gehandelt haben, wenn sie vom Major Fitz-David eine Gunst zu erbitten gehabt hätte.



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Der Major macht Schwierigkeiten.

Als ich die Thür des Eßzimmers öffnete, eilte mir der Major entgegen. Er trug wieder sein gewinnendes Lächeln zur Schau und küßte mir galant die Hand. Es war mir förmlich angenehm, dem modernen Don Juan zu begegnen.

»Ich brauche Sie nicht nach Ihrer Gesundheit zu fragen,« sagte der alte Herr; »Ihren Augen antworten mir, bevor ich um Auskunft gebeten. In Ihrem Alter ist ein langer Schlaf der beste Verjüngungstrank. Nur recht lange im Bett das ist das einfache Geheimniß, ein hohes Alter zu erreichen.«

»Ich bin nicht so lange im Bett gewesen, als Sie zu glauben scheinen. Ich habe die ganze Nacht über ein Buch gelesen.«

Major Fitz-David zog erstaunt die Augen brauen in die Höhe.

»Wie nennt sich das glückliche Buch, das Ihr Interesse in so hohem Grade in Anspruch nahm?«

»Der Prozeß meines Mannes, wegen Vergiftung seiner ersten Frau,« antwortete ich.

Das Lächeln des Majors erstarb auf seinen Zügen und er trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Erwähnen Sie nicht dieses entsetzlichen Buches!« rief er aus. »Sprechen Sie nicht von diesem entsetzlichen Gegenstande. Was haben Anmuth und Schönheit mit Prozessen und Vergiftungen zu thun? Weshalb entwürdigen Sie Ihre schönen Lippen, indem Sie von solchen Dingen reden? Weshalb die Liebesgötter verscheuchen, welche aus Ihrem Lächeln blicken? Vergönnen Sie einem alten Knaben sich von der Sonne Ihres Lächelns erwärmen zu lassen. Uebrigens ist das Frühstück fertig. Frühstücken wir also und seien wir lustig.«

Er führte mich zu Tische und füllte mir Teller und Glas, als wenn er sich dem wichtigsten Geschäft der Welt hingebe.

»Major Fitz-David bringt Ihnen einige Neuigkeiten,« eröffnete Benjamin die Unterhaltung. »Ihren Schwiegermutter Mrs. Macallan ist heute hierher gekommen um Sie zu besuchen.«

»Meine Schwiegermutter? Hat sie etwas von meinem Gatten gehört?« fragte ich schnell.

»Ich glaube, daß sie von ihm gehört hat ebenso von Ihrem Onkel, dem Prediger,« sagte der Major. »Unser vortrefflicher Starkweather hat ihr geschrieben und dieser Brief ist die Veranlassung ihres Herkommens. Ich traf die alte Dame gestern in Gesellschaft und bot alles auf, um etwas von ihr heraus zu bekommen aber vergebens. Freilich muß ich zu meiner Schande gestehen daß ich mit alten Damen nicht umzugehen weiß. Nehmen Sie also den Willen für die That meine süße Freundin.« —

Diese Worte boten mir die Gelegenheit nach der ich trachtete.

»Ihr gütiges Entgegenkommen ermuthigt mich, Ihnen eine Frage vorzulegen und nach deren Beantwortung um eine fernere Gunst zu bitten.«

Major Fitz-David nahm das Weinglas von den Lippen und blickte mich mit athemlosem Interesse an.

»Befehlen Sie über mich, meine theure Lady. Ich bin ganz der Ihre,« sagte der galante alte Herr. »Welche Frage wünschen Sie mir vorzulegen?«

»Kennen Sie Miserrimus Dexter?«

»Gott im Himmel!« rief der Major; »das , ist allerdings eine unerwartete Frage. Gewiß kenne ich ihn. Was wollen Sie von ihm?«

»Vorläufig möchte ich Sie nur um eine Karte bitten, die mich bei dem genannten Herrn einführt.«

Der Major erbleichte unter seiner Schminke, und die kleinen grauen Augen blickten mich mit unverhehlbarem Schrecken an.

»Sie wollen Miserrimus Dexter kennen lernen?« wiederholte er, wie ein Mann der an seinen eigenen Sinnen zweifelt. »Mr. Benjamin sollte ich Zuviel von Ihrem vortrefflichen Wein getrunken haben? Bin ich das Opfer einer Täuschung, oder hat mich Ihre schöne Freundin wirklich gebeten sie bei Miserrimus Dexter ein zuführen?«

»Das Letztere glaube ich allerdings,« sagte Benjamin mich ebenfalls erstaunt anblickend.

»Und was ist in meiner Frage so befremdliches?« sagte ich.

»Der Mann ist wahnsinnig!« rief der Major. »Ist ganz England hätten Sie keinen ungeeigneteren Mann zur Vorstellung bei einer jungen Dame finden können als Mr. Dexter. Haben Sie von seiner entsetzlichen Verkrüppelung gehört?«

»Ich habe davon gehört und es schreckt mich nicht ab.«

»Schreckt Sie nicht ab? Meine theure Lady, des Mannes Geist ist ebenso verkrüppelt wie sein Körper.

Er ist ein Gemisch von einem Tiger und einem Affen. In einem Augenblick erschreckt er sie zum Tode, und im anderen reizt er sie zum lauten Lachen. Ich will damit nicht sagen daß er nicht auch gute Eigenschaften besitze und daß er Gewaltthaten begangen oder wissentlich Jemand beleidigt habe. Vor allen Dingen aber ist er verrückt. Können Sie mir die Frage verzeihen was Sie von Mr. Dexter wollen?«

»Ich will ihn zu Rathe ziehen wegen meines Mannes Prozeß.«

Major Fitz-David stöhnte und suchte für einen Augenblick Trost in seinem Weinglase.

»Wieder jene entsetzliche Geschichte!« rief er aus. »Weshalb denn immer und ewig dabei verharren ?«

»Ich muß bei dem verharren was zu meiner einzigen Beschäftigung zu meiner einzigen Lebenshoffnung geworden ist,« sagte ich.

»Ich bin der Ansicht, daß Mr. Dexter mir helfen könne, den Flecken vom Character meines Mannes zu waschen mit welchem der schottische Gerichtshof ihn gebrandmarkt hat. Möge er nun Tiger oder Affe sein ich wage es dennoch bei ihm einzudringen. Deshalb bitte ich noch einmal um Ihre Empfehlungskarte.«

Der Major blickte kläglich aus Mr. Benjamin und schüttelte den Kopf, und Mr. Benjamin blickte kläglich auf den Major und schüttelte auch den Kopf.

»Wenn sie darauf besteht kann ich nicht die Verantwortlichkeit übernehmen die Dame allein zu Mr. Dexter zu schicken,« sagte der Major.

»Soll ich sie begleiten Sir?« fragte Benjamin.

Der Major überlegte einen Augenblick und wandte sich dann schnell zu mir.

»Meine reizende Freundin,« sagte er zu mir, »lassen Sie uns die Sache zu einem Vergleich kommen, was sagen Sie zu einem kleinen Diner?«

»Ein kleines Diner?« wiederholte ich, ohne ihn zu verstehen.

»Ganz recht ein kleines Diner,« sagte der Major noch einmal. »Ja meinem Hause. Sie bestehen darauf, bei Dexter eingeführt zu werden und ich kann nicht darin willigen Sie mit ihm allein zu lassen. Der einzige Punkt in dem wir zusammen kommen können ist die Vereinigung beider Parteien zu einem kleinen Diner unter dem Schutze meines Daches. Wir können noch einige andere Schönheiten dazu bitten Madame Mirliflore ist in London. Sie wird Ihnen sehr gefallen. Und wen sonst noch? Lady Clarinda? Ebenfalls ein reizendes Weib! Mr. Benjamin, Sie sollen neben ihr sitzen. Einen größeren Beweis meiner Hochachtung kann ich Ihnen nicht geben. Wollen wir meine kleine Primadonna nach dem Essen singen lassen? Ich denke. Sie ist so schön. Sie wird die Häßlichkeit des Mr. Dexter verdunkeln helfen. Die Sache ist also abgemacht. Wollen wir sagen heut über 8 Tage?« fragte der Major sein Taschenbuch hervorziehend.

Ich willigte, obgleich nicht gerne, in den Vergleich. Mit einem Empfehlungsbrief hätte ich Mr. Dexter noch heute Nachmittag sehen können. So mußte ich noch acht Tage warten. Doch was half es? Wenn der Major einmal seinen Eigensinn aufsetzte, wie ich, dann konnte noch weit mehr verloren werden.

»Also Punkt acht Mr. Benjamin,« wiederholte der Major. »Schreiben Sie es ebenfalls in Ihr Buch.«

Benjamin gehorchte, indem er mir einen Blick zuwarf, den ich recht gut verstand. Mein alter Freund hatte keine große Lust mit einem Herrn zu diniren der halb Tiger und halb Affe war, und der Vorzug neben Lady Clarinda zu sitzen, schreckte ihn mehr ab, als er ihn entzückte. Mein bittender Gegenblick stimmte ihn zu meinen Gunsten und er notirte die Stunde in seinem Buche. Der Major sah auf seine Uhr und er hob sich schnell.

»Es ist später, als ich dachte,« sagte er. »Ich habe mich mit einer Freundin verabredet. Ein ganz reizendes Geschöpf! Sie thut mir die Ehre an, mich um mein Urtheil über alte Stickereien zu befragen. Ich verstehe etwas von alten Stickereien. Ich studire Alles, was mich Ihrem bezauberndem Geschlechte nützlich machen kann.«

Er nahm meine Hand und betrachtete sie mit kritischen Blicken.

»Eure reizende Hand,« sagte er. »Verargen Sie es mir nicht wenn ich sie küsse. Schöne Hände gehören zu meinen kleinen Schwächen. Vergehen Sie mir also. Ich verspreche Ihnen zu bereuen und zu büßen.«

»In Ihrem Alter, Major, sollten Sie nicht so viel Zeit zu verlieren haben,« sagte eine fremde Stimme hinter uns.

Wir alle drei blickten uns nach der Thüre um. Da stand meines Mannes Mutter mit einem satyrischen Lächeln auf den edlen Zügen.

Der alte Soldat war schnell mit der Antwort fertig.

»Das Wort Alter ist ein relativer Ausdruck, Mrs. Macallan« sagte er. »Es giebt Leute, die nie jung gewesen sind und wieder Andere, die nie alt werden. Ich gehöre zu den letzteren. Auf Wiedersehen!«

Mit dieser Antwort warf der unverbesserliche Major uns eine Kußhand zu und verließ das Zimmer.

Benjamin öffnete die Thür zu seiner kleinen Bibliothek und bat Mrs. Macallan und mich einzutreten.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

Meine Schwiegermutter setzt mich in Erstaunen

Ich setzte mich auf einen Stuhl in respectvoller Entfernung von Mrs. Macallan welche auf dem Sopha Platz genommen hatte. Die alte Dame lächelte und winkte mich an ihre Seite. Als Feindin war sie sicherlich nicht zu mir gekommen. Es kam nun darauf an, zu er fahren in wie fern sie meine Freundin sein wollte.

»Ich habe einen Brief von Ihrem Onkel, dem Prediger, erhalten,« begann sie. »Er forderte mich auf, Sie zu besuchen und ich schätze mich glücklich, seinem Verlangen nachkommen zu können. Unter anderen Umständen würde ich mich schwerlich in Ihre Nähe gewagt haben. Mein Sohn hat so schlecht und unentschuldbar gegen Sie gehandelt daß ich als seine Mutter mich beinahe schäme, Ihnen in’s Auge zu blicken. Ihr Onkel erzählte mir, was Sie nach der harten Prüfung und nachdem Sie mein Sohn verlassen, zu thun beabsichtigten. Der gute Prediger bittet mich, meinen ganzen Einfluß auf Sie anzuwenden damit Sie von Ihren gefaßten Ideen abstehen und in’s Vaterhaus zurückkehren. Ich stimme durchaus nicht mit der Ansicht Ihres Onkels überein. So wild und kühn Ihre Pläne auch sein mögen so außerordentlich wenig Erfolg ich mir von ihnen verspreche, so bewundere ich doch Ihren Muth, Ihre Treue und Ihren unerschütterlichen Glauben an meinen unglücklichen Sohn, nachdem er sich so unverzeihlich gegen Sie benommen. Geben Sie mir einen Kuß, liebes Kind. Sie verdienen die Gattin eines Helden zu sein und haben den schwächsten Mann unter der Sonne geheirathet. Gott vergebe mir, daß ich so von meinem eigenen Sohne spreche.

Diese Beurtheilung meines Gatten selbst von seiner Mutter, konnte ich nicht ertragen. »Ich fühle mich aufrichtig erhoben durch Ihre gute Meinung von mir,« sagte ich. »Aber ich kann nicht mit Ihrer Ansicht übereinstimmen daß Eustace der schwächste Mann unter der Sonne sein solle.«

»Sie machen es wie alle guten Ehefrauen indem Sie den geliebten Mann zum Helden er heben obgleich er es nicht verdient. Ich kenne Eustace besser als Sie. Er besitzt eine Menge guter Eigenschaften. Von dem Augenblick an aber, wo er Ihres Onkels Haus betrat ist sein Betragen nicht zu rechtfertigen. Was glauben Sie, daß er nun jetzt wieder gethan? Er ist einer barmherzigen Brüderschaft beigetreten und mit einem rothen Kreuz auf dem Arm, in den Krieg nach Spanien gezogen anstatt seiner Frau zu Füßen zu fallen und sie zu bitten daß sie ihm vergeben möge.«

Diese Nachrichten erschreckten und betrübten mich. Also nicht allein Trennung von ihm ich mußte ihn jetzt noch in Gefahr wissen.

»Was ich am meisten an meinem Sohn beklage,« fuhr die grausame alte Frau fort »ist, daß er Sie so gänzlich mißverstehen konnte. Weshalb konnte er Sie nicht durchschauen wie ich es schon nach so kurzer Bekanntschaft mit Ihnen thue. Anstatt sich unter falschem Namen Ihrer Liebe zu versichern mußte er Ihnen von vorneherein die volle Wahrheit gestehen. Er hat nicht einen Blutstropfen von mir, sondern ist feig und schwach in allen seinen Handlungen, und leider Gottes dabei auch unvernünftig und eigensinnig. Das ist die reine Wahrheit. Werden Sie mir nicht böse darüber. Ich liebe ihn wie Sie ihn lieben. Ich erkenne seine Verdienste an. Eines der hervorragendsten ist das, ein muthiges und treues Weib geheirathet zu haben, so lieb zu ihm, daß seine eigene Mutter es nicht wagen darf, die Fehler ihres Sohnes aufzudecken Mein gutes Kind, ich liebe Sie dafür, daß Sie mich hassen.«

»Ich hasse Sie durchaus nicht verehrte Frau! Ich sollte nur meinen daß Sie eine Verwechselung machen zwischen einem feinfühlenden und einem schwachen Mann.«

»Lassen Sie uns zu einem andern Thema kommen liebes Kind.«

»Und welches wäre dies, Madame?«

»Wenn Sie mich Madame nennen werde ich es Ihnen nicht sagen. Nennen Sie mich Mutter«

»Und welches wäre dies, Mutter?«

»Daß Sie gesonnen sind, sich selbst in einen Gerichtshof zu verwandeln um die Welt zu zwingen ein anderes Urtheil über Ihren Mann zu sprechen. Sind Sie dies noch Willens?«

»Ich bin es.«

»Sie wissen, wie sehr ich Ihren Muth bewundere,« entgegnete die alte Frau. »Ich kann Sie aber nicht gegen Unmöglichkeiten ankämpfen sehen ich kann nicht zugeben daß Sie Ihren Ruf und Ihr Glück aufs Spiel setzen ohne Ihnen wenigstens eine wohlmeinende Warnung zugerufen zu haben. Geben Sie Ihr Vor haben auf.«

»Ich fühle mich Ihnen tief verpflichtet für das Interesse, das Sie an mir nehmen; aber, ob Recht ob Unrecht ob leicht oder gefahrvoll, werde ich meinen Plan dennoch verfolgen!«

»O Jugend! O Jugend!« sagte meine Schwiegermutter seufzend. »Und was gedenken Sie nun zunächst zu beginnen?«

In diesem Augenblick schoß mir ein Gedanke durch den Kopf. Sie konnte mich bei Miserrimus Dexter einführen, sie mußte ihn ja kennen als einen alten Freund ihres Sohnes.

»Ich denke Miserrimus Dexter zu consultiren,« antwortete ich kühn.

Mrs. Macallan rückte mit einem lauten Ausruf des Erstaunens von mir fort.

»Sind Sie von Sinnen?« fragte sie.

»Ich habe Grund anzunehmen daß Mr. Dexter’s Rath mir von Nutzen sein könne.«

»Und ich,« entgegnete Mrs. Macallan, »habe Ursache zu glauben daß Sie ebensogut einen Wahnsinnigen befragen können als Mr. Dexter. Erschrecken Sie nicht Kind, ich will damit nicht gesagt haben daß er Sie in irgend einer Weise verletzen könnte, sondern ich meine nur, daß es keinen ungeeigneteren Menschen giebt einer jungen Dame Rath zu ertheilen als Mr. Dexter.«

Seltsam! Dieselbe Warnung, beinahe in denselben Worten wie der Major sie ausgesprochen. Ich schlug sie aber in den Wind, wie die vorige.

»Sie setzen mich in Erstaunen,« sagte ich. »Mr. Dexters Aussage beim Prozeß erschien mir sehr klar und vernünftig.«

»Gewiß!« antwortete Mrs. Macallan. »Die Stenographen drücken die Aussage zusammen ehe sie sie niederschreiben. Wenn Sie gehört hätten was ich gehört habe, würden Sie ihm entweder sehr gezürnt oder sehr über ihn gelacht haben. Der Anfang war sehr vernünftig, im Verlauf aber zeigte sich sofort der Narr. Er wurde mehrere Male zur Ordnung gerufen und wegen Beleidigung des Gerichtshofes sogar mit persönlicher Haft bedroht. Manchmal schien er völlig im Delirium. Mit einem Wort, er ist der unbefähigste Rathgeber, der je gelebt. Ich denke, nun werden Sie mich nicht mehr bitten, Sie bei ihm einzuführen.«

»Nach dem, was Sie mir soeben gesagt, werde ich noch eine Woche warten, bis zu ( Major Fitz-Davids Diner. Er hat versprochen, mir Mr. Dexter bei dieser Gelegenheit vorzustellen.«

»Das sieht dem Major ähnlich!« rief die alte Dame. »Wenn Sie dem Mann vertrauen, thun Sie mir leid. Er ist so glatt wie ein Aal. Dexter verabscheut ihn, mein Kind. Der Major weiß so gut wie ich, daß Mr. Dexter nicht zu seinem Diner kommen wird. Er brauchte nur diese Ausflucht, um nicht offen heraus nein sagen zu müssen, wie ein ehrlicher Mann es gethan haben würde.«

Das waren schlechte Nachrichten, aber sie drückten mich nicht nieder.

»Im schlimmsten Falle kann ich ihm auch schreiben und ihn um eine Unterredung bitten,« sagte ich.

»Und womöglich selber zu ihm gehen?« fragte Mrs. Macallan.

»Gewiß.«

»Und Sie glauben, daß ich das erlauben werde?«

»Wodurch wollten Sie es verhindern ?«

»Indem ich Sie begleite. Ich kann ebenso eigensinnig sein wie Sie. Können Sie die bereits in Vergessenheit gerathene Sache nicht ruhen lassen, anstatt sie wieder aufzurühren? Sie sind eine thörichte junge Person. Dennoch liebe ich Sie und will Sie nicht allein zu Mr. Dexter gehen lassen. Setzen Sie Ihren Hut auf.«

»Jetzt gleich ?« fragte ich.

»Gewiß! Mein Wagen steht vor der Thür. Je schneller es vorüber ist, desto besser.«

In zehn Minuten waren wir auf dem Wege zu Miserrimus Dexter.



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

Miserrimus Dexter! Erste Begegnung.

Die Sonne verbarg sich hinter schweren Wolken, und die frühe herbstliche Dämmerung begann hernieder zu sinken, als wir noch unterwegs waren.

Wir nahmen, wie ich bemerken konnte, die Richtung nach der großen nördlichen Vorstadt London’s.

Ueber eine Stunde lang rollte der Wagen durch ein Labyrinth von Straßen, die immer enger und enger, immer schmutziger und schmutziger wurden. Dann kamen wir bei zunehmender Dunkelheit über wüste, unbebaute Flächen. Und hinter diesen lagen einige zerstreute Häusergruppen dunkel in der dunklen Atmosphäre. Der Anblick wurde immer trauriger, bis der Wagen endlich hielt, und Mrs. Macallan mir mit scharfem, ironischen Tone ankündigte:

»Wir sind am Ziel unserer Reise. Dies ist Prinz Dexter’s Palais. Wie gefällt es Ihnen?«

Ich blickte mich um und wußte nicht, was ich davon denken sollte.

Wir verließen den Wagen und standen nun auf einem ungeebneten Kiespfade. Rechts und links erblickte ich im Abzudunkeln mehrere im Bau begriffene Häuser, im ersten Stadium ihres Daseins. Ueberall lagen Bretter, Balken und Steine umher, und riesenhafte schaffotähnliche Gerüste erhoben sich aus dieser Einöde, wie große Bäume ohne Zweige und Aeste. Hinter uns breitete sich ein noch gänzlich unbebauter Platz aus, aus dem weite Kalkgruben geisterhaft hervorleuchteten. Vielleicht hundert Schritte vor uns unterschieden meine, sich an das Dunkel gewöhnende Augen ein niedriges langes Haus mit einer Hecke von wucherndem Immergrün vor seiner Front. Der Diener ging uns voran und führte uns durch Steinhaufen, über Austernschaalen und zerbrochenem Küchengeräth dem Gebäude zu. Und dies war Prinz Dexter’s Palais.

Mit Mühe fanden wir eine Klingel. Als der Diener sie zog, klang sie beinahe so laut wie eine Kirchenglocke.

Während wir darauf warteten, eingelassen zu werden, deutete Mrs. Macallan auf das alte Haus.

»Das ist auch eine von seinen Thorheiten,« sagte sie. »Speculanten haben ihm für den Grund und Boden, auf dem die alte Baracke steht, mehrere tausend Pfund geboten. Sie war ursprünglich das herrschaftliche Gebäude dieses Distrikts. Dexter kaufte es vor vielen Jahren in einer seiner abenteuerlichen Launen. Das alte Ding fällt ihm beinahe über dem Kopf zusammen, und das gebotene Geld würde er gut gebrauchen können. Aber nein! Er wies die Speculanten mit folgenden Worten ab: »mein Haus ist ein stolzes Monument des Pittoresken und Schönen zwischen den häßlichen, entwürdigenden und abgeschmackten Konstruktionen einer häßlichen, entwürdigenden und abgeschmackten Zeit. Ich behalte mein Haus, Gentleman, als eine lehrreiche Lection für Sie. Betrachten Sie es, während Sie rund um mich herbauen, und erröthen Sie, wenn Sie es können, über Ihr eigenes Werk.«

»Doch still! Ich höre Schritte im Garten. Da kommt seine Cousine. Ich muß Sie darauf aufmerksam machen, weil Sie sie sonst im Dunkeln für einen Mann halten könnten.«

Eine rauhe, tiefe Stimme fragte von jenseits des Thores:

»Wer ist da?«

»Mrs. Macallan,« antwortete meine Schwiegermutter.

»Was wünschen Sie?«

»Wir wünschen Herrn Dexter zu sprechen.«

»Sie können ihn nicht sprechen.«

»Weshalb nicht?«

»Wie war Ihr Name?«

»Macallan. Mrs. Macallan. Eustace Macallan’s Mutter. Nun werden Sie mich verstanden haben.«

Die Stimme murmelte etwas vor sich hin, dann knarrte das Schloß der Gartenthür, und wir wurden eingelassen.

In dem Dunkel der Gebüsche konnte ich nur unterscheiden, daß die Cousine einen Männerhut trug. Nachdem sie das Thor wieder geschlossen, führte sie uns, ohne ein Wort der Bewillkommnung nach dem Hause.

»Eine hübsche Familie«, flüsterte mir meine Schwiegermutter zu. »Diese Cousine ist das einzige Frauenzimmer im Hause und außerdem schwachsinnig.«

Wir traten in einen geräumigen Flur mit niedriger Decke, welcher, von einer kleinen Oellampe nothdürftig erleuchtet war. Es hingen Bilder an den Wänden, deren Darstellungen ich nicht unterscheiden konnte.

»Nun sagen Sie mir,« wandte sich meine Schwiegermutter an die Cousine mit dem Männerhut, »weshalb können wir Mr. Dexter nicht sprechen?«

Die Cousine nahm ein Blatt Papier von dem Flurtisch und reichte es Mrs. Macallan.

»Der Herr hat geschrieben,« entgegnete das seltsame Geschöpf in heiserem Flüsterton, als wenn ihr der bloße Gedanke an den Herrn Entsetzen einflößte. »Lesen Sie es, und gehen, oder bleiben Sie, wie Sie wollen.«

Sie öffnete eine unsichtbare Seitenthür in der Mauer, verschwand wie ein Geist vor unseren Blicken und ließ uns allein auf dem Flur.

Mrs. Macallan näherte sich der Oellampe und blickte auf das Papier, daß die Cousine ihr gegeben. Ich sah ihr über die Schulter. Das Papier enthielt einige groß und wunders schön geschriebene Zeilen:

»Nachricht:

Meine Phantasie ist im Arbeiten. Mächtige Visionen entrollen sich vor meinem Blick. Die alte Heroenzeit lebt in mir wieder auf. Das Gehirn glüht in meinem Kopf. Wer mich unter den gegenwärtigen Umständen stört, thut es auf Gefahr seines Lebens. —

Dexter«

Mrs. Macallan sah mich mit sardonischem Lächeln an.

»Bestehen Sie noch darauf, bei ihm eingeführt zu werden,« fragte sie.

»Wenn ich Ihr Leben nicht in« Gefahr bringe, ja!«

Meine Schwiegermutter legte, ohne zu antworten, das Papier wieder auf den Tisch und führte mich dann zu einer niedrig gewölbten Thür, hinter welcher ich die breiten Stufen einer Treppe bemerkte.

»Folgen Sie mir,« sagte Mrs. Macallan emporklimmend. »Ich weiß, wo ich ihn zu finden habe.«



Kapiteltrenner

Zwölftes Kapitel.

Miserrimus Dexter! Erste Begegnung.

Wir stiegen bis zum ersten Ruheplatz empor, die zweite Treppenflucht, welche sich der entgegen gesetzten Richtung zuwandte war ebenfalls durch eine Oellampe matt erleuchtet. Oben angekommen schritten wir über einen kurzen Corridor, und Mrs. Macallan, sein altes Stück Tapete emporhebend, führte mich jenseits desselben.

»Hören Sie!« flüsterte sie mir zu.

Ich befand mich jetzt in einer halbdunkeln Passage, an deren Ende ich eine geschlossene Thür bemerkte. Ich lauschte und hörte hinter jener Thüre eine laut sprechende Stimme welche von einem Hin- und Herrollen begleitet war, das meines Erachtens nach über einen großen Raum ging. So sehr ich mich auch bemühte, konnte ich doch nicht die einzelnen Worte unterscheiden. Außerdem vermochte ich mir nicht zu erklären, wodurch das seltsame Rollen hervor gebracht wurde.

»Was geht denn dort vor?« fragte ich meine Schwiegermutter.

»Kommen und sehen Sie,« entgegnete sie mit leiser Stimme.

Dann öffnete sie geräuschlos die Thür.

In dem Schatten der Passage bleibend, sahen wir jetzt, ohne gesehen zu werden.

Ich erblickte ein langes dunkles Zimmer mit niedriger Decke. Der ersterbende Glanz eines schlecht erhaltenen Feuers bildete die einzige Erleuchtung, die mich Gegenstände und Entfernungen beurtheilen ließ. Die Mitte des Zimmers, unserer Stellung gegenüber, schwamm in unbestimmt röthlichem Licht, während die Umgebungen in totaler Finsterniß gehüllt waren. Kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als ich das seltsame Rollen näher kommen hörte. Ein hoher Rollstuhl fuhr durch den röthlichen Schein, und ein Mann saß darin mit lang wallendem Haar, wild mit den Armen gesticulirend und die Maschine zur äußersten Schnelligkeit antreibend.

»Ich bin Napoleon beim Sonnenaufgang von Austerlitz!« rief der Mann in dem Stuhl, als er durch den Feuerschein rollte. »Ich spreche ein Wort, und Throne sinken, und Könige fallen, und Nationen zittern und Tausende fechten und sinken blutend dahin!«

Der Stuhl rollte vorbei, und der Mann in demselben wurde ein anderer Held.

»Ich bin Nelson,« rief die gellende Stimme weiter. »Ich führe die Flotte nach Trafalgar. Ich weiß bestimmt, dass ich siegen und sterben werde. Ich sehe meine eigene Apotheose, mein öffentliches Begräbniß, die Thränen meiner Nation. Die Zeit wird meinen Namen forttragen auf ihren Schwingen, und Dichter werden mir lobsingen in unsterblichen Versen!«

Der Stuhl verschwand und kam wieder; der moderne Centaur, halb Mensch, halb Maschine flog wieder durch das ersterbende Licht.

»Ich bin Shakespeare!« rief das phantastische Geschöpf. »Ich schreibe den König Lear, die Tragödie der Tragödien. Ich bin der Dichter aller Dichter! Die Zeilen fließen wie Lava aus dem Krater meiner vulkanischen Seele!«

Als er sich dem Kamin näherte flammte ein unversehrtes Stück Kohle plötzlich auf, und zeigte ihm unsere Gestalten in der offenen Thür. Mit gewaltigem Ruck hielt er seinen Rollstuhl an, gab ihm eine andere Richtung und flog wie ein wildes Thier auf uns zu. Wir traten bei Seite und der Stuhl rannte in die herunterhängende Tapete. Das seltsame Wesen gebot seinen Rädern Stillstand und blickte uns an, daß das Blut in meinen Adern erstarrte.

»Habe ich sie zu Staub zermalmt?« sagte er zu sich selbst. Dann uns abermals erblickend fuhr er fort: »Goneril und Regan! meine beiden unnatürlichen Töchter, welche gekommen sind, mich in die düstere Nacht hinaus zu treiben!«

»Durchaus nicht,« sagte meine Schwiegermutter so ruhig, als wenn sie ein vernünftiges Wesen anredete. »Ich bin Ihre alte Freundin, Mrs. Macallan, und ich habe Eustace Macallan’s zweite Frau mitgebracht, die Ihre Bekanntschaft zu machen wünscht.«

Bei den Worten »Eustace Macallan’s zweite Frau« stieß der Mann in dem Rollstuhl einen entsetzlichen Schrei aus und sprang in die Luft, als wenn er von einem Schuß getroffen worden sei. Einen Augenblick sah man ein menschliches Wesen in der Luft schweben, der gänzlich beider Beine beraubt war. In der nächsten Secunde sank das entsetzliche Geschöpf, mit der Geschicklichkeit eines Affen, auf seine beiden Hände herab und hüpfte so, mit bewunderungswürdiger Schnelle durch das Zimmer bis an den Kamin. Dann kroch er über die verglimmenden Kohlen, schüttelte sich als wenn ihn fröre und rief wohl ein dutzendmal hintereinander: »O! O! Habt Mitleid mit mir! Habt Mitleid mit mir!«

Das war der Mann, dessen Rath ich hatte erbitten, dessen Beistand ich hatte in Anspruch nehmen wollen in der Stunde der Noth.



Kapiteltrenner

Dreizehntes Kapitel.

Miserrimus Dexter! Zweite Begegnung.

»Ich hatte Unrecht und Sie hatten Recht,« flüsterte ich erschreckt meiner Schwiegermutter zu.

»Lassen Sie uns gehen.«

»Nein!« rief Mr. Dexter, der es gehört hatte »Eustace Macallans zweite Frau soll hier bleiben. Ich bin ein Gentleman ich muß sie um Entschuldigung bitten. Ich bin ein Kenner weiblicher Charactere ich wünsche sie zu sehen.«

Der Mann schien wie mit einem Zauberschlage verändert. Er sprach so weich, wie ein Weib, das eben Thränen vergossen. War es neubelebter Muth oder war es neubelebte Neugierde? Als Mrs. Macallan mich fragte: »Wollen Sie noch gehen? Der Anfall ist jetzt vorüber« — antwortete ich: »nein, lassen Sie uns wieder eintreten.«

»Es thut mir leid, Sie erschreckt zu haben,« sagte die sanfte Stimme am Kamin. »Es giebt Menschen, die mich für periodisch wahnsinnig halten. Wenn jene Leute Recht haben, kamen Sie gerade zu einer solchen Zeit. Meine Einbildungskraft läuft manchmal mit mir fort und ich sage seltsame Dinge. Wenn man bei diesen Gelegenheiten jenes entsetzlichen Prozesses erwähnt, werde ich in die Vergangenheit zurück geworfen und bekomme Nervenschmerzen. Ich bin ein sehr gefühlvoller Mensch. Nehmen Sie also meine Entschuldigung an, treten Sie näher und haben Sie Mitleid mit mir.«

Er würde jetzt kein Kind mehr erschreckt haben. Das Zimmer wurde dunkler und dunkler. Wir konnten nichts unterscheiden als die hockende Figur am Kamin.

»Wollen Sie kein Licht anzünden lassen?« fragte Mrs. Macallan.

»Und soll diese Dame wenn das Zimmer erleuchtet ist, Sie außerhalb Ihres Stuhles sehen?«

Er nahm etwas Glänzendes, das um seinen Hals hing und blies eine Reihenfolge schriller, vogelartiger Töne hinein. Eine kurze Pause und der Ruf bekam ein entferntes, abgeschwächtes Echo.

»Ariel kommt schon« sagte er. »Gedulden Sie Sich nur noch ein wenig Mama Macallan, Ariel wird mich sofort kurfähig machen.«

Er hüpfte auf seinen Händen in die tiefe Dunkelheit an das Ende des Zimmers.

»Noch ein wenig Geduld,« sagte Mrs. Macallan; »dann kommt eine andere Ueberraschung, die zarte Ariel.«

Wir hörten schwere Fußtritte in dem Vorzimmer.

»Ariel!« seufzte Miserrimus Dexter aus der Dunkelheit heraus, in seinen sanftesten Worten.

»Hier!« rief die heisere Stimme der Cousine mit dem Männerhut.

»Meinen Stuhl, Ariel!«

Die gerufene Person zog die herunterhängende Tapete etwas bei Seite indem sie einen Lichtstrom einließ und den Rollstuhl vor sich herschob. Dann hielt sie still und hob Miserrimus Dexter wie ein Kind vom Boden auf. Ehe sie ihn noch auf den Stuhl setzen konnte sprang er mit einem fröhlichen Schrei von ihrem Arm auf seinen Sitz, wie ein Vogel, der von einem Zweig zum anderen flattert.

»Die Lampe,« sagte Miserrimus Dexter.

»Und den Spiegel. Verzeihen Sie mir, meine Damen daß ich Ihnen den Rücken kehre. Sie dürfen mich nicht eher sehen, bis mein Haar in Ordnung ist. Ariel! den Kamm, die Bürste und die Pomaden.«

Die Lampe in der einen Spiegel, Bürste und Pomade in der anderen Hand und den Kamm zwischen den Zähnen erschien Mr. Dexter’s Cousine zum ersten mal im vollen Licht. Ich sah nun des Frauenzimmer’s fleischiges, ausdrucksloses Gesicht, die stieren glanzlosen Augen die plumpe Nase, das schwere Kinn. Ein nur halb lebendes Wesen; ein unvollkommen entwickeltes Thier, gekleidet in eine Matrosenjacke einen rothen Flanellunterrock und ein paar Stulpenstiefeln. In dem wirren sandblonden Haar trug sie einen zerbrochenen Kamm. Diese wundervolle Erscheinung gab ihrem Herrn den kleinen Spiegel in die Hand und machte sich dann an das Werk des Frisirens.

Sie kämmte sie bürstete sie ölte und parfümirte die wallenden Locken und den langen seidigen Bart Mr. Dexters mit einem seltsamen Gemisch von Schlechtlaunigkeit und Geschick. Nachdem das Werk künstlerisch und zur vollen Zufriedenheit Dexter’s vollendet, blieb er dennoch eine Weile mit dem Antlitz uns abgewendet.

»Mama Macallan; sagte er, »welches ist der Vorname Ihrer zweiten Schwiegertochter?«

»Weshalb wollen Sie ihn wissen?« fragte Mrs. Macallan.

»Weil ich sie nicht Mrs. Eustace Macallan anreden kann.«

»Und weshalb nicht?«

»Weil es mich an die andere Mrs. Eustace Macallan erinnert. Weil ich dann wieder an jene entsetzlichen Tage in Gleninch denken muß.«

»Ich heiße Valeria,« antwortete ich für mich selber.

»Ein römischer Name,« bemerkte Dexter. »Ich finde ihn hübsch. Ich würde den Körper eines Römers gehabt haben, wenn ich mit Beinen auf die Welt gekommen wäre. Wenn Sie erlauben werde ich Sie also Mrs. Valeria nennen. Mrs. Valeria darf ich Sie zunächst fragen ob Sie das Gesicht dieses Geschöpfes sehen können?«

Er deutete bei diesen Worten mit dem Spiegel auf seine Cousine ungefähr wie er auf einen Hund gedeutet haben würde, und die Cousine ihrerseits nahm nicht mehr Notiz davon wie ein Hund der beleidigenden Aeußerung geschenkt hätte.

»Ist das nicht das Gesicht einer Blödsinnigen?« fuhr Dexter fort. »Sehen Sie sie an! Ein Kohlkopf in meinem Garten hat in diesem Augenblick mehr Leben und Ausdruck als dieses Frauenzimmer. Würden Sie glauben daß in diesem nur halb entwickelten Wesen Intelligenz, Zuneigung, Stolz und Treue wohne?«

Ich wußte nicht, was ich ihm darauf antworten sollte.

»Ich habe diese Zuneigung, diesen Stolz, diese Treue in meiner Hand,« sprach Dexter weiter. »Ich besitze den Schlüssel zu dieser schlafenden Intelligenz. Jetzt sehen Sie sie an, während ich spreche. Sie kennt ihren Namen den ich ihr gegeben wie ein Hund den seinigen. Nun sehen Sie und hören Sie Ariel!«

Des Frauenzimmers ausdrucksloses Gesicht begann sich zu erleuchten.

»Ariel! Hast Du gelernt mich zu frisiren?«

»Ja! Ja! Ja!« antwortete sie mit noch strahlenderen Zügen. »Und Sie sagen daß ich es gut mache.«

»Das sage ich. Würdest Du es gerne einen Anderen thun lassen?«

Ihre Augen wurden schmelzend und sanft. Ihre seltsame unweibliche Stimme sank zu leisen Tönen herab.

»Niemand Anderes darf es thun,« sagte sie mit Stolz und Zärtlichkeit. »So lange ich lebe soll Sie kein Anderer berühren als ich.«

»Auch nicht die Dame dort?« fragte Mr. Dexter, auf mich deutend.

Ihre Augen flammten plötzlich auf, und ihre Hand schüttelte in drohender Eifersucht den Kamm gegen mich.

»Daß sie es nicht versuche!« schrie das arme Geschöpf.

Dexter brach in Lachen aus.

»Nun entlasse ich wieder Deine Intelligenz,« sagte er. »Kehre zu Deinem eigenen Selbst zurück.«

Der Glanz ihrer Augen erlosch allmälich, der Ausdruck ihrer Züge verhärtete sich und er starb. Eine Minute später und das Gesicht war wieder starr und stumpfsinnig wie zuvor.

»Ich dachte mein kleines Experiment würde Sie interessiren,« sagte Mr. Dexter. »Die schlafende Intelligenz in meiner seltsamen Cousine gleicht dem schlafenden Ton in einem musikalischen Instrument. Ich spiele darauf und es antwortet meiner Berührung. Ihr größtes Vergnügen ist, mich Geschichten erzählen zu lassen. Sie müssen das einmal mit anhören.«

Dexter warf noch einen letzten prüfenden Blick in den Spiegel.

»Verschwinde!« rief er dann seiner Cousine zu, und diese tappste mit ihren schweren Stiefeln aus dem Zimmer, ohne die geringste Notiz von uns zu nehmen.

Während ich der Abgehenden nachblickte hatte Mr. Dexter seinen Stuhl umgewandt und das Licht der Lampe fiel jetzt voll auf seine Gestalt. Ich sah deutlich das schöne intelligente Antlitz und die großen blauen Augen das wallende kastanienbraune Haar, die schmalen weißen Hände und den schön gebauten Oberkörper. Die Verkrüppelung der fehlenden Glied maßen war durch eine bunte orientalische Decke verhüllt welche über seinem Rollstuhl lag. Er trug eine Jacke von schwarzem Sammet mit großen Malachit-Knöpfen und die Wäsche nach der Mode des verflossenen Jahrhunderts. Ich konnte auch nicht das Geringste Seltsame mehr an ihm wahrnehmen. Das Einzige was mir nicht ganz gefallen wollte, war beim Lachen und Lächeln ein fremdartiges Faltenziehen in den äußeren Augenwinkeln welches zu dem jugendlichen Antlitz unschön contrastirte. Der Mund, soweit der Bart ihn zu sehen erlaubte war klein und schön geformt: die Nase nach griechischem Modell im Vergleich zu der breiten Stirn und den vollen Wangen vielleicht etwas , zu dünn. Im Ganzen aber war er ein schöner Mann. Ein Maler würde ihn als Modell zum heiligen Johannes gebraucht haben und ein junges Mädchen unbekannt mit seiner Verkrüppelung, hätte beim ersten Anblick ausgerufen: »Das ist das Ideal meiner Träume!«

Er hielt seine großen blauen Augen fest auf mich gerichtet und ein seltsam abwechselnder Ausdruck lag auf seinen Zügen der mich theils interessirte theils mich bestürzt machte.

»Nun Mrs. Valeria,« sagte er ruhig, er schrecke ich Sie noch?«

»Gewiß nicht Mr. Dexter«

Zuerst lag Zweifel in seinem Blick, dann strahlte derselbe so bewundernd, daß ein eitles Weib gedacht haben könnte sie habe seine Eroberung gemacht. Dann kam sofort wieder eine neue Veränderung. Die Augen senkten sich, der Kopf fiel auf die Brust herab, und er erhob beide Hände mit einer Geste des Bedauerns. Er murmelte vor sich hin indem er einem trüben Gedankengange zu folgen schien, der ihn weiter und weiter zu ferner liegenden Erinnerungen führte. Hier und da hörte ich eins der Worte. Nach und nach versuchte ich schon die dunklen Vorgänge in der Seele des seltsamen Mannes in lose Verbindung zu bringen.

»Ein weit reizenderes Gesicht,« hörte ich ihn sagen. »Aber keine schönere Figur. Eine schüttete Figur, als die ihre es war, ist nicht zu denken. Worin besteht die Aehnlichkeit die mir ihr Bild zurückführt? Vielleicht in der Stellung? In der Bewegung? Armer unglücklicher Engel! Welches Leben! Und welcher Tod! Und welcher Tod!«

Sollte er mich mit dem Opfer des Giftes, mit meines Gatten erster Frau vergleichen? Seine Worte schienen den Schluß zu rechtfertigen. Die vergiftete Frau hatte sich jedenfalls seiner Bewunderung zu erfreuen gehabt. Er beklagte sie noch nach ihrem Tode. Wenn ich es versuchte dies seltsame Wesen in mein Vertrauen zu ziehen, welches würde das Resultat werden? Würde ich bei dem Vergleich mit ihr gewonnen oder verloren haben? Fühlte er sich durch meinen Anblick getröstet oder niedergedrückt? Ich hätte gerne noch mehr von jener ersten Frau gehört; aber kein Wort über dieselbe entfloh seinen Lippen. Eine neue Veränderung kam über ihn. Er hob entsetzt das Haupt und blickte um sich, wie ein müder Mann der aus tiefem Schlaf erwacht.

»Was habe ich gethan?« sagte er, »habe ich meine Gedanken wieder wandern lassen?« Er schauderte und seufzte. »O, dieses Haus in Gleninch!« murmelte er traurig vor sich hin. »Werde ich nimmer meine Gedanken davon ab bringen können?«

Zu meinem großen Bedauern unterbrach ihn Mrs. Macallan in seiner Weiterbetrachtung. Etwas in seinem Ton und Wesen als er über ihres Sohnes Landhaus gesprochen schien sie verletzt zu haben.

»Ich glaube Sie wissen nicht was Sie sprechen,« sagte sie unwillig.

Sein großes blaues Auge flammte sie stolz an. Mit einer Bewegung seiner Hand brachte er den Stuhl dicht an ihre Seite. Im nächsten Augenblick faßte er ihren Arm und beugte sie zu sich nieder, damit er ihr in’s Ohr flüstern könne. Er war heftig erregt. Sein Flüstern klang laut genug, um es mir hörbar zu machen.

»Ich weiß nicht was ich spreche?« wieder holte er, indem er seine Augen nicht auf meine Schwiegermutter, sondern auf mich richtete. »Sie kurzsichtige, alte Frau! Wo haben Sie Ihre Brille? Sehen Sie sie an! Bemerken Sie keine Aehnlichkeit — die Figur — das Antlitz. Sehen Sie keine Aehnlichkeit zwischen ihr und der ersten Frau?«

»Reine Einbildung!« entgegnete Mrs. Macallan.

Er schüttelte sie ungeduldig.

»Nicht so laut!« flüsterte er. »Sie kann uns hören.«

»Ich habe allerdings gehört,« sagte ich. »Sie können dreist vor mir sprechen Mr. Dexter. Ich weiß, daß mein Mann schon einmal verheirathet war, und ich weiß auch, wie elend die erste Frau ums Leben kam. Ich habe den Prozeß gelesen.«

»Sie haben das Leben und den Tod einer Märtyrerin gelesen?« rief Dexter, und mit einer schnellen Bewegung rollte er seinen Stuhl zu mir. Die Augen waren mit Thränen gefüllt.

»Niemand schätzte sie nach ihrem wahren Werth, wie ich,« sagte er.

Mrs. Macallan ging ungeduldig an das Ende des Zimmers.

»Wollen wir nun wieder fahren Valeria?« sagte sie.

Mein Interesse für die ferneren Mittheilungen des Mr. Dexter waren derartig, daß ich noch keine Lust hatte ihn jetzt zu verlassen. Ich that also, als wenn ich Mrs. Macallan nicht gehört hätte und legte die Hand auf Dexter’s Stuhl, um ihn bei mir zu behalten.

»Schon in Ihrer Aussage beim Prozeß gaben Sie die hohe Achtung zu erkennen, welche Sie der Dahingeschiedenen bezeigten,« sagte ich. »Ich glaube daß Sie Ihre eigenen Ideen über ihren Tod haben, Mr. Dexter.«

Bei dieser Frage hob er plötzlich den gesenkten Kopf und blickte mich mißtrauisch an.

»Wie kommen Sie zu dieser Vermuthung?« fragte er sehr ernst.

»Ich weiß es aus der Lesung des Prozesses. Ich hatte nicht die Absicht Sie zu beleidigen, Mr. Dexter.«

Sein Antlitz klärte sich eben so schnell auf, wie es sich bewölkt hatte. Er lächelte und legte seine Hand auf die Meine. Seine Berührung durchschauerte mich, und ich mußte schnell meine Hand zurückziehen.

»Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie mißverstand,« sagte er. »Ich habe auch meine eigenen Ideen über jene unglückliche Dame.«

Dann blickte er mich wieder eine Weile schweigend an.

»Haben Sie ebenfalls Ihre Ideen über ihr Leben und ihren Tod?«« fragte er.

»Ja,« antwortete ich, um mehr aus ihm herauszulocken.

»Ideen die Sie schon Jemand mitgetheilt?« fuhr er fort.

»Nein.«

»Das ist sehr seltsam,« sagte er, noch immer mein Antlitz studirend. »Welches Interesse können Sie an einer Todten haben die Sie niemals gekannt? Haben Sie irgend einen Grund gehabt mich aufzusuchen?«

Ich antwortete bejahend.

»Und steht dieser Grund mit der verstorbenen Lady Macallan im Zusammenhange?«

»Ja.«

»Mit irgend einem Ereigniß ihres Lebens?«

»Nein.«

»Mit ihrem Tode?«

Er faltete plötzlich seine Hände dann schlug er sie mit einer wilden Geste der Verzweiflung vor seine Stirne als wenn ein heftiger Schmerz ihn durchzuckt hätte.

»Ich kann es heute nicht hören« sagte er, »ich würde Welten darum geben es zu vernehmen, aber ich darf nicht. Ich würde alle Herrschaft über mich selbst verlieren. Ich besitze nicht Muth genug, das Grab der todten Märtyrerin zu öffnen. Ich besitze eine zu lebhafte Einbildungskraft. Ich spiele die Rolle aller Helden die je gelebt haben. Ich denke mich in ihr innerstes Wesen hinein und dann bin ich der Mann, der ich mir einbilde zu sein. Wenn ich jene Phantasien zurückdrängen wollte, würde ich wahnsinnig werden. Die Bilder verlassen mich erst wenn ich zu erschlaffen beginne. In solchen Momenten darf ich keine neuen Aufregungen haben. Wollen Sie morgen am Tage wiederkommen? Ich habe eine Chaise und einen Pony. Ariel kann Sie von Mama Macallan abholen. Ich sterbe vor Verlangen, Sie zu hören. Ich werde auch recht höflich, unterhaltend und liebenswürdig gegen Sie sein. Doch nun genug davon. Ich muß mich jetzt beruhigen oder mir platzt das Gehirn. Die Musik ist meine beste Trösterin. Meine Harfe! Meine Harfe!« Er rollte sich zu dem entferntesten Winkel des Zimmers.

Währenddessen trat wieder Mrs. Macallan zu mir heran.

»Kommen Sie!« sagte die alte Dame. »Sie haben ihn gesehen nun wird er langweilig.«

Der Stuhl rollte jetzt langsam zu uns zurück. Mr. Dexter leitete ihn diesmal nur mit einer Hand, in der anderen hielt er eine Harfe wie ich sie bis jetzt nur auf Bildern gesehen. Es war die schmale Harfe der walisischen Barden.

»Gute Nacht, Dexter,« sagte Mrs. Macallan. « Er hob befehlend eine Hand empor.

»Noch nicht!« sagte er. »Sie soll mich erst singen hören.«

Dann wandte er sich zu mir.

»Ich improvisire nämlich Text und Musik,« sagte er. »Lassen Sie mich nur einen Moment nachdenken.«

Er schloß die Augen und lehnte das Haupt an das Holz der Harfe. Die Finger irrten auf den Saiten umher. Dann blickte er plötzlich auf und präludirte den Gesang. Es war eine wilde monotone Musik, die manchmal in eine Art orientalischen Tanzes hinüber klang. Die Worte die er in Musik kleidete waren ebenso wild und regellos. Er fang sein Lied mit einer der schönsten Tenorstimmen, die ich je gehört:

Weshalb ist sie gekommen?
Sie erinnert mich an die Todte;
Sie erinnert mich an die Todte:
Ihre Gestalt wie die Andere,
Ihr Gang wie die Andere.
Weshalb ist sie gekommen?

Brachte sie mir das Schicksal?
Sollen wir zusammen
Die Vergangenheit durchstreifen?
Sollen wir zusammen
Geheimnisse ergründen?
Sollen wir zusammen
unsere Gedanken auswechseln?
Brachte sie mir das Schicksal?

Die Zukunft wird es zeigen.
Laßt nur die Nacht vorüber,
Laßt nur den Tag kommen;
Dann werde ich in ihre Seele blicken
Und sie in die Meine.
Die Zukunft wird es zeigen.

Seine Stimme sank, die Finger liefen schwächer durch die Saiten. Das überangestrengte Gehirn bedurfte der Ruhe der Kopf sank zurück, und er schlief ein.

Wir stahlen uns leise aus dem Zimmer und überließen Miserrimus Dexter, den Dichter, Componisten und Narren seinem friedlichen Schlummer.



Kapiteltrenner

Vierzehntes Kapitel.

Mehr von meiner Halstarrigkeit.

Als wir hinunterkamen fanden wir Ariel, halb schlafend, halb wachend, auf dem Flur. Ohne mit uns zu sprechen ohne uns anzublicken führte sie uns durch den Garten und schloß die Thüre hinter uns zu.

»Gute Nacht Ariel!« rief ich ihr nach. Ich erhielt keine Antwort als ihren schweren nach dem Hause zurückkehrenden Schritt und einen Augenblick darauf das dröhnende Zuschlagen der Thür.

»Nun,« sagte meine Schwiegermutter, als wir wieder im Wagen saßen, »wie hat Ihnen Miserrimus Dexter gefallen? Toller wie heut habe ich ihn nie gesehen.«

»Es thut mir leid, Ihnen widersprechen zu müssen,« sagte ich; »aber wahnsinnig habe ich ihn nicht gefunden.«

»Nicht wahnsinnig!« rief Mrs. Macallan.

»O, Valeria! Wie können Sie einen solchen Mann für vernünftig halten?«

»Ich bitte um Verzeihung, Mrs. Macallan. Ich war gewiß ebenso erschreckt wie Sie aber jetzt da ich mich wieder beruhigt kann ich doch nicht umhin, den Wahnsinn dieses seltsamen Menschen anzuzweifeln. Mir scheint es, als wenn er Gedanken und Gefühle, welche wir als Schwachheiten in uns verschließen würden offen und ungescheut darlegt. Auch uns passirt es in den Kinderjahren, daß wir uns in andere Gestalten hinein versetzt denken, z.B. in märchenhafte Persönlichkeiten von denen wir gelesen oder von denen man uns erzählt. Mr. Dexter hat diese Eigenthümlichkeit beibehalten, wenn aber seine Einbildungskraft sinkt ist er wieder ein vollkommen vernünftiger Mensch. Die Einsamkeit in der er lebt trägt auch gewiß viel dazu bei, seine Sonderbarkeiten zu nähren. Ich hoffe daß dies offene Geständniß mich nicht ernstlich in ihrer guten Meinung von mir zu rücksetzen werde, der Besuch hat lebhaft mein Interesse in Anspruch genommen.«

»Sie wollen ihn doch nicht etwa noch einmal sehen?« fragte Mrs. Macallan.

»Das kommt darauf an, wie ich morgen früh über die Sache denke,« sagte ich. »Für heute habe ich mir allerdings vorgenommen meinen Besuch bei ihm zu wiederholen. Wir begannen ein Gespräch, dessen Fortsetzung meiner Sache von großem Nutzen werden dürfte, jener Sache, welche jetzt das einzige Interesse meines Lebens bildete, die Sie aber leider mißbilligen.«

»Sie wollen ihn doch nicht in Ihr Vertrauen ziehen.«

»Das denke ich allerdings. Es ist ein Wagniß, aber ich muß das Wagniß bestehen. Ich handle vielleicht nicht klug, aber die bloße Klugheit wird mich nicht zum Ziele führen.«

Mrs. Macallan machte keine fernere Erwiderung. Sie nahm aus einer Wagentasche eine Schachtel mit Zündhölzern und eine Eisenbahnlampe.

»Sie zwingen mich, Ihnen mitzutheilen, was Ihr Gatte über Ihren nette Sonderbarkeit sagt,« meinte sie. »Ich habe seinen letzten Brief aus Spanien bei mir. Sie werden selbst hören, ob mein Sohn des hoffnungslosen Opfers werth ist, das Sie ihm bringen wollen. Zünden Sie ein Licht an.«

Ich gehorchte. Nachrichten von meinem Gatten, wie dieselben auch sein mochten, mußten immer eine belebende Wirkung auf mich ausüben.

Als die Lampe brannte, zog Mrs. Macallan ihres Sohnes Brief hervor. Keine Thorheit gleicht im Entfernsten der Thorheit der Liebe. Es kostete mich große Selbstbeherrschung, den Brief nicht zu küssen, den sie in ihrer Hand hielt.

»Da!« sagte meine Schwiegermutter. »Beginnen Sie auf der zweiten Seite, die von Ihnen handelt; dann werden Sie hoffentlich, ehe zu spät ist, zu einer besseren Ueberzeugung kommen.«

Ich nahm den Brief und las folgende Worte:

»Und nun laß mich von Valeria sprechen. Sage mir, wie sie sich befindet, wie sie aussieht, was sie thut. Ich denke fortwährend an sie. An jedem Tage betrauere ich ihren Verlust. O, wenn sie niemals die entsetzliche Wahrheit entdeckt hätte!

Als ich sie zum letzten male sah, sprach sie davon, den Prozeß lesen zu wollen. Hat sie es gethan? Ich glaube, ich würde vor Scham und Entsetzen todt zu Boden gesunken sein, wenn ich, nachdem sie von der furchtbaren Anklage gegen mich gehört, ihr gegenüber getreten wäre. Ich werde krank, wenn ich daran denke.

Hält sie noch immer jenen hoffnungslosen Plan aufrecht, meine Unschuld vor der Welt beweisen zu wollen, so bitte ich Dich, Mutter, gebrauche Deinen ganzen Einfluß auf sie, Valeria diese unglückliche Idee aufgeben zu lassen. Versäume kein Mittel, das in Deiner Macht steht, sie von ihrem Vorhaben abzubringen.

Ich sende ihr keinen Gruß. Rufe mich nicht in ihre Erinnerung zurück, sondern hilf ihr, mich zu vergessen. Das Beste, was ich für sie thun kann, ist, mich ans ihrem Gedächtniß zu löschen.«

Ich gab schweigend den Brief meiner Schwiegermutter zurück.

»Wenn Sie das nicht entmuthigt, wird Sie allerdings nichts entmuthigen,« sagte sie. »Lassen Sie uns nun über die Sache schweigen.«

Ich antwortete nicht, sondern weinte hinter meinem Schleier. Meine häuslichen Aussichten wurden immer trauriger; mein unglücklicher Gatte war fast hoffnungslos mißleitet. Das einzige Rettungsmittel für uns beide war das Festhalten an meinem Entschluß. Der Brief meines Gatten hatte mich noch mehr darin bestärkt. Wenigstens hatte er mich nicht vergessen und betrauerte meinen Verlust. Hierin bestand für den Augenblick meine Ermuthigung.

»Wenn Ariel mich morgen abholt,« dachte ich bei mir selbst, »dann fahre ich mit Ariel hinaus.«

Mrs. Macallan setzte mich an Benjamins Thür ab.

Im Augenblick des Scheidens theilte ich ihr mit, daß Mr. Dexter mich morgen von ihrer Wohnung abholen lassen wollte und daß ich deshalb um Erlaubniß bäte zur verabredeten Zeit zu ihr kommen zu dürfen, widrigenfalls ich sie ersuchte, den Wagen zu Mr. Benjamin zu schicken. Ich hatte auf diese meine Willensäußernng mindestens eine starke Mißbilligung erwartet. Diese erfolgte jedoch nicht.

»Wenn Sie darauf bestehen, Mr. Dexter abermals zu besuchen, so soll dies wenigstens nicht von meiner Thüre aus geschehen,« sagte sie. »Aber ich hoffe, Sie werden Sich morgen früh anders besonnen haben.«

Der Morgen kam. Wenige Minuten vor neun ward mir das Eintreffen der Pony-Equipage gemeldet und mir gleichzeitig ein Brief von Mrs. Macallan übergeben.

»Ich habe kein Recht, Ihren Handlungen zu überwachen,« schrieb meine Schwiegermutter. »Ich schicke also den Wagen zu Mr. Benjamin’s Hause und hege die feste Ueberzeugung daß Sie Sich nicht hineinsetzen werden. Ich wünschte, ich könnte Sie umstimmen, Valeria; denn ich bin ihre aufrichtige Freundin. Ich bedaure jetzt mehr denn je, daß ich mich damals nicht hartnäckiger Ihrer unglücklichen Heirath widersetzte. Hätte mein Sohn mir genauere Angaben gemacht, hätte er mir vor allen Dingen Ihren Namen genannt, dann würde ich zu Ihnen geeilt sein« und es wäre mir vielleicht gelungen, Sie zur Feindin meines eigenen Sohnes zu machen. Weshalb quäle ich Sie denn mit eines alten Weibes Mißbilligungen und Vorwürfen? Weil ich mich für verantwortlich halte, wenn Ihnen irgend ein Unglück geschieht. Derselbe Gedanke hat auch diesen Brief in’s Leben gerufen. Gehen Sie nicht zu Mr. Dexter! Ich kann mich des Gedankens nicht entschlagen, daß der Besuch übel ausfallen werde. Schreiben Sie ihm eine Entschuldigung. Ich fühle, daß Sie es bereuen werden, wenn Sie in jenes Hans zurückkehren.«

Wurde jemals ein Weib liebevoller gewarnt als ich? Und dennoch schlug ich die Warnung in den Wind.

Ich war gerührt durch den Brief meiner Schwiegermutter, aber nicht überzeugt. Es schwebte mir ein leuchtender Stern vor, der mich unwiderstehlich nach sich zog, dieser Stern war die Hoffnung, meines Mannes Unschuld beweisen zu können.

Ich schrieb Mrs. Macallan einen dankbaren Brief und begab mich dann hinaus, um die Chaise zu besteigen.



Kapiteltrenner

Fünfzehntes Kapitel.

Mr. Dexter zu Hause.

Vor der Thüre fand ich die ganze Straßenjugend der Umgegend um die Pony-Equipage versammelt, und mancher Witz fiel über den seltsamen Kutscher, im rothen Unterrock und mit dem Männerhut. Der Ponty, welcher sich eben falls verhöhnt glaubte, begann unruhig zu werden. Ariel saß, die Peitsche in der Hand, völlig gefühllos für die Welt um sich her. Ich bot ihr einen guten Morgen, als ich einstieg, sie erwiderte denselben nur mit einem »Hü!« und es ging von dannen. Ich hatte mich selbstverständlich darauf gefaßt gemacht, die große Tour stillschweigend zurückzulegen. Was sollte ich auch mit Ariel sprechen, da Ariel nicht antwortete. Aber die Erfahrung ist nicht immer unfehlbar. Nachdem wir eine halbe Stunde gefahren waren, überraschte mich Ariel durch eine Anrede.

»Wissen Sie wohin wir nun kommen?« fragte sie, dem Pony scharf auf die Ohren sehend.

»Nein,« antwortete ich.

»Wohin kommen wir denn?«

»Wir kommen an einen Kanal.«

»Nun ?«

»Nun! Ich habe große Lust, Sie hinein zu werfen.«

Diese furchtbare Ankündigung ließ mich eine Erklärung wünschen. Ich nahm mir die Freiheit, sie zu verlangen.

»Und weshalb wollten Sie mich hineinwerfen?« erkundigte ich mich.

»Weil ich Sie hasse,« war die kalte und kurze Antwort.

»Wodurch habe ich Sie denn beleidigt?«

»Was haben Sie denn mit meinem Herrn , vor?«

»Meinen Sie Mr. Dexter?«

»Ich will mit Mr. Dexter sprechen.«

»Das ist nicht wahr! Sie wollen meine Stelle haben. Sie wollen sein Haar und seinen Bart bürsten Sie altes Scheusal!«

Nun begann ich zu verstehen. Die Idee, welche Mr. Dexter gestern Abend scherzend ausgesprochen war ihr nach 15 Stunden zum Verständniß gekommen.

»Ich will sein Haar und seinen Bart nicht anrühren« sagte ich. »Das überlasse ich Ihnen gänzlich.«

Sie blickte sich nach mir um und ihr Antlitz leuchtete.

»Sagen Sie es noch einmal,« rief sie; »aber dieses mal sagen Sie es leiser.«

Ich sagte es noch einmal und sagte es leiser.

»Schwören Sie es!« rief sie immer aufgeregter.

Da der Kanal gerade in der Nähe war, schwur ich.

»Sind Sie nun zufrieden?« fragte ich.

Ich erhielt keine Antwort. Der Vorrath ihrer Rede war erschöpft. Das seltsame Wesen stieß ein zufriedenes Grunzen aus, blickte dem Pony wieder zwischen die Ohren hindurch und sprach während der Fahrt kein Wort mehr mit mir. Wir fuhren am Ufer des Kanals dahin, ohne daß Sie daran dachte mich hinein zu werfen. Wir rasselten durch elende Straßen und über jene unbebauten Flecken deren ich mich von gestern erinnerte, die aber im hellen Tageslicht noch weit abschreckender und ärmlicher aussahen. Der Wagen fuhr eine Gasse hinunter, in welcher ein zweites Gefährt nicht hätte ausweichen können und hielt dann an einer Mauerpforte, die mir neu war. Ariel öffnete die Pforte mit einem Schlüssel und führte den Pony dann durch den hinteren Garten und auf den Hof des Mr. Dexter gehörigen baufälligen Hauses. Der Pony ging, den Wagen nach sich ziehend, sogleich in den Stall. Meine schweigende Gefährtin geleitete mich durch eine finstere Küche und eine eben solche Passage. Eine Thür rechts öffnend gelangten wir auf den bereits bekannten Flur. Hier führte Ariel ein kleines Instrument an den Mund und blies die schrillen vogelartigen Töne, mit denen ich ebenfalls schon Bekanntschaft gemacht hatte.

»Warten Sie hier, bis Sie den Herrn pfeifen hören dann gehen Sie hinauf.«

So äußerte sie sich zum letzten Mal.

Es wurde mir also gepfiffen wie einem Hunde. Und noch schlimmer, ich mußte gehorchen wie ein Hund.

Ariel kehrte mir den Rücken und verschwand in der dunklen Region der Küche.

Nachdem ich eine oder zwei Minuten gewartet hatte, ohne daß ein Signal ertönt war, trat ich auf die hellere Seite des Flurs, auf der sich eine Anzahl von Bildern befand, die von Mr. Dexter selbst gemalt waren und so wilde, grausige Gegenstände darstellten, daß meine Nerven allmälich heftig erregt wurden und ich erschrocken zusammenfuhr, als der schrille Ton der Pfeife an mein Ohr drang. Ich mußte mich setzen und es dauerte mehrere Minuten ehe ich meine Kaltblütigkeit wiedergewonnen hatte.

Die schrille Pfeife ertönte zum zweiten mal. Ich stand auf und stieg die Treppe zum ersten Stockwerk empor. Mein Herz klopfte noch ungestüm als ich mich der Thür des Vorzimmers näherte, und ich muß gestehen, daß ich in diesem Augenblick meine Fürwitzigkeit bereute.

Die niederhängende Tapete, welche die innere Thür bedeckte, war bei Seite gezogen. So leise meine Schritte auch waren, das feine Gehör Mr. Dexters hatte sie bereits erspäht.

»Ist das Mrs. Valeria?« hörte ich seinen schönen tönenden Tenor: »Bitte treten Sie ein.«

Ich trat ein.

Der Rollstuhl kaut mir so leise und sanft entgegen daß ich ihn kaum hörte. Miserrimus Dexter streckte mir schwach die Hand hin. Sein Haupt neigte sich gedankenvoll zur Seite, und die großen blauen Augen blickten mich wehmüthig an. Nicht eine Spur mehr von dem wilden Phantasten, der mich gestern erschreckt. Nur die Kleidung war ebenso seltsam, wenn auch anders wie am vergangenen Tage. Seine Jacke war von meergrünem Atlas und um die Handgelenke trug er massive Armbänder von Gold und in antiker Form.

»Wie liebenswürdig von Ihnen daß Sie gekommen sind,« sagte er in weichen musikalischen Tönen. »Ich habe Ihnen zu Ehren meine schönsten Kleider angelegt. Erschrecken Sie nicht. Mit Ausnahme dieses elenden materiellen Jahrhunderts kleideten sich, Männer sowohl als Frauen in kostbare Stoffe und glänzende Farben. Vor 500 Jahren schmückte man sich mit diesen goldenen Armbändern. Ich verabscheue die Misachtung der Schönheit und die Furcht vor Ausgaben, welche einen Gentleman so weit entwürdigen konnte, sich in elendes schwarzes Tuch zu kleiden. Ich liebe es schön zu sein, namentlich wenn die Schönheit mich besucht. Sie wissen nicht wie hoch ich Ihre Gesellschaft schätze. Heute ist einer von meinen melancholischen Tagen. Thränen treten ungebeten in meine Augen. Ich seufze und klage über mich selbst; ich lechze nach Mitleid. Bedenken Sie doch, was ich bin! Ein armes, elendes Wesen verflucht zur entsetzlichen Verkrüppelung. Mein liebendes Herz — welkte dahin. Meine außerordentlichen Talente kommen nicht zur Geltung. Wie traurig! Bemitleiden Sie mich.«

Er weinte in der That Thränen des Mitleids über sich selbst. Sein Ton war der eines kranken Kindes, das der Pflege bedarf. Ich war in Verlegenheit, was zu thun.

»Bitte, bedauern Sie mich doch!« fuhr er fort, »seien Sie nicht grausam. Ich verlange ja nur wenig. Schöne Mrs. Valeria, sagen Sie, daß Sie mich bemitleiden!«

Ich that es und fühlte daß ich erröthete.

»Ich danke Ihnen,« sagte Mr. Dexter wehmüthig.

»Es hat mir wohlgethan. Gehen Sie noch etwas weiter. Streicheln Sie meine Hand.«

Die Absurdität einer solchen Bitte, obgleich mit vollem Ernste vorgetragen ließ mich in helles Lachen ausbrechen.

Mr. Dexter sah mich so erstaunt an, daß sich meine Heiterkeit noch vermehrte. Hatte ich ihn beleidigt? Anscheinend nicht. Nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt, ließ er sein Haupt an die Lehne des Stuhls zurücksinken, mit dem Ausdruck eines Kritikers, der irgend einer Vorstellung beiwohnt.

Als ich mich recht müde gelacht applaudirte er mit seinen weißen Händen und beehrte mich mit einem da capo-Ruf.

»Bitte noch einmal,« sagte er auf kindische Art. »Sie haben solch’ musikalisches Lachen Mrs. Valeria, und ich solch musikalisches Ohr. Bitte noch einmal.«

»Vergeben Sie mir, Mr. Dexter,« sagte ich, mich vor mir selber schämend.

Er antwortete mir nicht. Sein Temperament unterlag einer neuen Wandlung. Er betrachtete jetzt meine Kleidung und schien seine eigenen Gedanken darüber zu haben. Dann forderte er mich auf, mir einen bequemen Sessel zu holen, dann einen Ofenschirm zwischen mich und das Feuer zu setzen. Er beobachtete oder studirte dabei — wie er selbst eingestand — meinen Gang und verglich ihn mit dem der »Todten«. Wirklich, ich fürchtete jeden Augenblick, er würde wieder einen Anfall bekommen.

Plötzlich begann er:

»Wir sprachen gestern Abend von ihr. Was sagte ich? Was sagten Sie? Meine Erinnerung ist verschwommen. Halb weiß ich es, halb hab' ich es vergessen. Helfen Sie mir.«

»Wir sprachen,« antwortete ich, »von Mrs. Eustace Macallans Tode, und wir erwähnten —«

»Ja! Ja!« unterbrach er mich. »Und ich wunderte mich darüber, daß Sie ein Interesse zu haben schienen das Geheimniß ihres Todes aufzuklären. Vertrauen Sie es mir an. Ich sterbe vor Begier, es zu hören.«

»Nicht nur ein Interesse,« antwortete ich, »die Glückseligkeit meines ganzen Lebens hängt davon ab, der Sache auf den Grund zu kommen.«

»Großer Gott! Und weshalb!« rief er. »Halten Sie ein! Ich rege mich auf, und das thut mir nicht wohl. Ich muß meine Sinne zusammen behalten; ich darf sie nicht wandern lassen. Die Sache ist zu ernsthaft. Warten Sie eine Minute.

« An dem einen Arm seines Rollstuhls hing ein eleganter kleiner Korb. Er nahm eine an gefangene Stickerei nebst Häkelhaken heraus. Er bemerkte mein Erstaunen darüber.

»Frauen,« sagte er, »bedienen sich der Handarbeit um bei derselben ruhiger denken zu können. Weshalb sind wir Männer solche Thoren solche Weisheit nicht nachzuahmen?«

Mit diesen Worten arrangirte dies seltsame Wesen seine Stickerei und begann mit der größten Geschicklichkeit zu häkeln.

»Wenn Sie nun so gut sein wollen,« sagte er. »Ich arbeite, Sie sprechen.«



Kapiteltrenner

Sechzehntes Kapitel.

Im Dunkeln.

Mit solch’ einem Manne wie Miserrimus Dexter und mit solch’ einem Vorhaben wie ich es in Aussicht hatte, war mit Halbheiten nichts gethan. Ich mußte mit der vollen Wahrheit herausrücken. Die Mittelstraße konnte mir nur verderblich werden.

»Bis jetzt wissen Sie eigentlich wenig oder nichts von mir, Mr. Dexter,« sagte ich. »Es scheint Ihnen auch unbekannt zu sein daß mein Gatte und ich augenblicklich nicht zusammen leben.«

»Es ist unnöthig, daß Sie Ihres Gatten erwähnen,« sagte er, ohne von seiner Stickerei aufzublicken.

»Es ist unumgänglich nothwendig,« entgegnete ich. »Ich kann mich Ihnen aus keinem anderen Wege erklären.«

Er senkte den Kopf und seufzte resignirt.

»Wollten Sie damit sagen daß Ihr Gatte Sie verlassen habe?« fragte er.

»Er hat mich verlassen und ist in’s Ausland gegangen.«

»Ohne irgend welche Nothwendigkeit?«

»Ohne irgend welche Nothwendigkeit.«

»Hat er den Zeitpunkt seiner Rückkehr bestimmt ?«

»Wenn er bei seinem ersten Beschlusse verharrt wird er niemals zu mir zurückkehren.«

Mit einem Zeichen lebhaften Interesses erhob Mr. Dexter den Kopf.

»Also so ernstlich überworfen?« fragte er. »Also nach gegenseitigem Uebereinkommen friedlich auseinandergegangen?«

Der Ton, in dem er diese Worte sprach, gefiel mir durchaus nicht. Der Blick, mit dem er diese Worte begleitete, legte mir den Gedanken nicht fern, daß ich mit ihm allein sei und daß er hieraus Vortheil ziehen könne. Mehr durch mein Benehmen als durch meine Worte rief ich ihm den Respekt zurück, den er mir schuldete.

»Sie irren sich,« sagte ich. »Es besteht durchaus kein Mißverständniß zwischen uns. Nur mit beiderseitigem bitterem Kummer sind wir auseinandergegangen Mr. Dexter.«

Sein Gesicht zeigte den Ausdruck ironischer Resignation.

»Ich bin ganz Ohr,« sagte er, seine Nadel einfädelnd. »Bitte fahren Sie fort, ich werde Sie nicht wieder unterbrechen.«

Von dieser Aufforderung Gebrauch machend erzählte ich ihm die volle Wahrheit dessen was zwischen mir und meinem Gatten vorgefallen, indem ich jedoch darauf Bedacht nahm, Eustace's Motive stets in das beste Licht zu stellen. Miserrimus Dexter ließ seine Stickerei in den Schooß sinken und lachte stillvergnügt über meine kleine Erzählung, die jeden Nerv von mir auf die Folter spannte.

»Ich sehe darin nichts zu lachen,« sagte ich scharf.

Seine schönen blauen Augen ruhten auf mir mit unschuldigem Staunen.

»Nichts zu lachen?« wiederholte er. »Bei solcher Darlegung menschlicher Thorheit, wie Sie eben die Güte hatten sie zu schildern.«

Sein Gesichtsausdruck änderte sich plötzlich; die Züge wurden düster und hart.

»Halten Sie ein!« rief er, bevor ich ihm antworten konnte. »Es kann nur einen Beweggrund für Sie geben Mrs. Valeria, der Sie bewog zu handeln wie Sie es thun und dieser eine Beweggrund ist die Liebe.«

»Jawohl,« entgegnete ich. »Ich liebe ihn aus tiefster Seele.«

Mr. Dexter strich seinen wunderschönen Bart und wiederholte nachdenkend meine Worte. Sie lieben ihn aus tiefster Seele? Wissen Sie auch weshalb?«

»Weil ich nicht anders kann.«

Er lachte satyrisch und häkelte weiter.

»Seltsam!« sagte er zu sich selbst »Eustaces erste Frau liebte ihn auch. Es giebt Männer, die von allen Frauen geliebt werden, und es giebt auch wieder andere, um die sich keine kümmert. Beide Handlungsweisen entbehren des genügenden Grundes. Der eine Mann ist eben so gut als der Andere, gerade so hübsch, so liebenswürdig, so ehrenwerth und reich. Und dennoch, für Nr. 1 werden sie durch Feuer und Wasser gehen, und nach Nr. 2 drehen sie noch nicht einmal den Kopf. Und weshalb? Sie wissen es selber nicht wie Mrs. Valeria soeben gesagt hat. Giebt es dafür einen vernünftigen Grund? Ich muß einmal darüber nachdenken, wenn ich Zeit und Laune habe.«

Dann blickte er mir wieder voll in’s Antlitz. »Ich bin noch immer im Dunkeln über Ihre Motive,« sagte er. »Ich weiß noch immer nicht weshalb Sie die entsetzliche Tragödie von Gleninch studiren wollen. Theure Mrs. Valeria, bitte nehmen Sie mich bei der Hand und führen Sie mich zum Licht. Sie sind mir doch nicht böse? Klären Sie mich auf, und ich will Ihnen diese Stickerei schenken wenn sie fertig ist. Ich bin nur ein armer Unglücklicher mit etwas seltsamen Ideen; aber ich thue Niemand etwas zu Leide.«

Er kaut wieder zu seiner kindischen Weise zurück, er nahm wieder sein unschuldiges Lachen an, mit den seltsamen Faltenbildungen in den äußeren Augenwinkeln. Ich nahm mir vor, im weiteren Verlaufe meines Besuches, gegen seine geistigen und körperlichen Unvollkommenheiten etwas nachsichtiger zu sein.

»Lassen Sie uns auf Gleninch zurückkommen,« sagte ich.

»Sie stimmen doch dahin mit mir überein daß Eustace an dem ihm zur Last gelegten Verbrechen unschuldig ist. Ihre Zeugenaussage bürgt mir dafür.«

Er blickte mir so voll und ernst ins Antlitz, wie er es bisher noch nie gethan.

»Das ist unsere Ansicht,« antwortete ich. »Aber es war nicht die Ansicht des Gerichtshofes. Das Verdict war: Nicht bewiesen. Mit einem Wort der Gerichtshof sah sich nicht veranlaßt meines Mannes Unschuld auszusprechen. Ist dem nicht so?«

Anstatt mir zu antworten steckte er die Stickerei schnell in den Korb zurück und rollte seinen Stuhl dicht neben den Meinen.

»Wer erzählte Ihnen das?« fragte er.

»Ich habe es selbst in einem Buche entdeckt.«

Bis jetzt hatte sein Antlitz nur große Aufmerksamkeit ausgedrückt. Jetzt schien es mir, als wenn seine Züge sich verdunkelten. Ich empfand ein schreckenvolles Unbehagen.

»Damen pflegen sonst kein Vergnügen an trockenen Rechtsfragen zu finden,« sagte er.

»Sie müssen also ein sehr wichtiges Motiv haben Ihre Studien auf diesem Felde zu machen.«

»Allerdings habe ich ein wichtiges Motiv, Mr. Dexter. Mein Gatte hat sich dem schottischen Verdict gefügt. Seine Mutter hat sich ebenfalls dem schottischen Verdict gefügt. Ich aber weigere mich, demselben beizustimmen.«

In dem Augenblick, als ich diese Worte gesprochen schien der Wahnsinn wieder im Ausbrechen zu sein. Er bog sich auf seinem Stuhl heraus, legte mir beide Hände auf die Schultern und seine wilden Augen starrten mich, nur wenige Zoll von meinem Gesicht entfernt an.

»Was wollen Sie damit sagen?« rief er mit gellender Stimme.

Eine tödtliche Furcht ergriff mich. Ich mußte meine volle Selbstbeherrschung anwenden, um in Wort und Blick ruhig zu bleiben.

»Nehmen Sie Ihre Hände fort, Sir,« sagte ich. »Und begeben Sie Sich auf Ihren Platz zurück.«

Er gehorchte mir mechanisch und entschuldigte sich auf dieselbe Weise. Seine Seele war augenscheinlich noch mit den vorhin von mir gesprochenen Worten und deren Deutung beschäftigt.

»Ich bitte demüthigst um Entschuldigung,« sagte er. »Der Gegenstand regt mich auf, er schreckt mich, und macht mich wahnsinnig. Sie glauben nicht welche Anstrengung es mich kostet ruhig zu bleiben. Aber fürchten Sie Sich nicht vor mir. Ich fühle mich schon elend genug, Sie beleidigt zu haben. Strafen Sie mich dafür. Nehmen Sie einen Stock und schlagen Sie mich. Rufen Sie Ariel, die so stark wie ein Pferd ist und befehlen Sie ihr, mich zu binden. Theuere Mrs. Valeria! Ich will jede Strafe von Ihnen erdulden, wenn Sie mir sagen wollen, in welcher Weise Sie Sich dem schottischen Verdict nicht zu unterwerfen gedenken.«

Er rollte seinen Stuhl zurück.

Bin ich nun weit genug fort?« fragte er. »Flöße ich Ihnen noch Furcht ein? Oder soll ich mich in meinem Stuhl verkriechen?«

»Verlieren Sie kein Wort mehr darüber. Ihre Entschuldigungen genügen mir,« sagte ich. »Wenn ich Ihnen erzähle, daß ich mich dem schottischen Verdict nicht unterwürfe, so meinte ich damit lediglich nur das, was meine Worte ausdrückten. Das Verdict hat einen Fleck auf dem Character meines Mannes zurückgelassen, einen Fleck, der ihm sein ganzes Leben verbittert. Weil er sich degradirt glaubt, hat er mich verlassen. Es genügt ihm nicht, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin. Nichts wird ihn zu mir zurückbringen als der Beweis seiner Unschuld, die das Publikum noch heute bezweifelt. Er, seine Freunde und seine Vertheidiger sind dabei verzweifelt jenen Unschuldsbeweis zu finden oder jemals finden zu können. Ich aber bin sein Weib. Und keine liebt ihn, wie ich ihn liebe. Ich allein bin nicht verzweifelt, und ich habe mein Leben daran gesetzt, meines Gatten Unschuld aufzudecken. Sie sind sein alter Freund, deshalb bin ich hergekommen, Sie um Ihren Beistand zu bitten.«

Jetzt schien es, als wenn ich ihn erschreckt hätte. Er erbleichte und fuhr sich mit der Hand ruhelos über die Stirn, als wenn er Erinnerungen aus seinem Kopfe entfernen wollte.

»Ist dies einer von meinen Träumen?« fragte er schwach. »Sind Sie eine meiner nächtlichen Visionen?«

Ich bin nur ein hilfloses Weib,« sagte ich, »welches all sein Glück verloren hat und es so gerne wiedergewinnen möchte.«

Er rollte seinen Stuhl wieder dichter zu mir heran. Auf einen Wink von meiner Hand ließ er ihn wieder rückwärts gehen. Wir sahen uns schweigend einige Minuten an. Seine Hände zitterten sein Antlitz wurde blasser und blasser, und die Unterlippe sank schlaff herab. Welche todten und längst begrabenen Erinnerungen mochte ich zu ihrem alten Schrecken wieder erweckt haben?

»Also Ihr Interesse besteht darin das Geheimniß von Mrs. Eustace Macallans Tode aufzuklären ?« fragte er.

»Ja.«

»Und Sie glauben, daß ich Ihnen dabei helfen könne?«

»Das thue ich.«

Er erhob langsam seine rechte Hand und streckte den Zeigefinger gegen mich aus.

»Sie haben Jemand in Verdacht,« sagte er.

Der Ton in welchem er sprach, war langsam und drohend, und warnte mich, auf meiner Hut zu sein. Wenn ich ihm aber, auf der anderen Seite, jetzt mein Vertrauen entzog, konnte ich leicht die Vortheile wieder verlieren, die ich mit so großer Mühe errungen.

»Sie haben Jemand in Verdacht,« wieder holte er.

»Vielleicht,« entgegnete ich.

»Meinen Sie schon eine bestimmte Person?«

»Nein.«

Er stieß einen schwachen langgezogenen Seufzer aus. War er enttäuscht? Oder fühlte er sich erleichtert? Wer konnte es wissen?

»Wollen Sie mich fünf Minuten entschuldigen?« fragte er mit gesenktem Kopf. »Sie wissen bereits, wie jene Erinnerungen mich erschüttern. Ich werde gleich wieder zu Ihrem Dienst sein.«

Mit diesen Worten geleitete er mich zu dem Vorzimmer, ließ mich die Schwelle desselben überschreiten, und schloß dann die Thüre zwischen uns.



Kapiteltrenner

Siebzehntes Kapitel.

Im Licht.

Eine kleine Pause war mir ebenso erwünscht wie Mr. Dexter. Ich mußte mich beruhigen für das Kommende sammeln.

Nach einiger Zeit öffnete die Thür sich wieder; die Stimme meines Wirthes rief mich in das innere Zimmer zurück.

»Willkommen!« sagte Miserrimus Dexter. »Ich habe mich jetzt wieder vollkommen erholt.«

Während meiner kurzen Abwesenheit war wiederum eine vollkommene Umgestaltung mit seinem äußeren Menschen vorgegangen. Seine Augen glänzten seine Wangen glühten unter dem Einfluß einer neuen Erregung. Selbst seine Kleidung hatte er einer Veränderung unterworfen. Er trug eine Mütze von weißem Papier; seine Manchetten waren aufgeschlagen, und eine saubere weiße Schürze lag über der Decke seines Stuhles. Er deutete lächelnd und schweigend mit der Grazie eines Tanzmeisters nach einem Sessel, von dem ich Besitz nehmen sollte.

»Ich bin jetzt ein Koch,« sagte er. »Ehe wir unsere schwierige Arbeit wieder aufnehmen, bedürfen wir beide der Erfrischung. Ich habe bereits etwas Wein getrunken; darf ich Ihnen auch ein Glas anbieten?«

Er füllte ein altes venetianisches Glas mit purpurner Flüssigkeit.

»Burgunder,« sagte er. »Der König der Weine. Und dieses ist der König des Burgunders Eles Vougeot. Ich trinke ans Ihren Gesundheit und ihr Glück!«

Er füllte einen zweiten Pokal für sich selbst und leerte ihn bis auf den Grund. Jetzt verstand ich den Glanz seiner Augen und die Röthe seiner Wangen. Ich trank ebenfalls etwas von dem Wein.

Und nun geschah etwas so Komisches und Wunderliches, daß ich es kaum erzählen kann. Er bat mich, ihn zu einem kleinen Nebenverschlage zu folgen, der einen vollständigen Kochapparat nebst Allem, was zu einer Küche gehört, enthielt, und dort bereitete er für sich und mich Trüffeln in Burgunder, während er zugleich Vorlesungen über die mangelnde Kochkunst der Frauen hielt, die nie einem einzigen Gegenstande ihre ungetheilte Aufmerksamkeit schenken könnten.

Ich mußte ihn gewähren lassen. Wie konnte ich anders? Wußte ich doch, daß ich nie etwas Bestimmtes über die Angelegenheit, die mich so vollkommen in Anspruch nahm, erfahren würde, wenn ich seinen Launen und Phantasten nicht freien Spielraum ließe.

Endlich war auch dieses Zwischenspiel vorüber. Ich nahm allen meinen Muth zusammen und fragte plötzlich:

»Mr. Dexter, haben Sie in neuester Zeit nichts von Mrs. Beanly gehört?« .

Die fröhliche Behaglichkeit, der er sich während des eigenthümlichen Mahles überlassen hatte, schwand von Dexters Antlitz und ging aus wie ein verlöschtes Licht.

»Kennen Sie Mrs. Beanly?« fragte er mit verändertem Ton.

»Nur aus der Lesung des Prozesses,« sagte ich.

»Sie müssen doch irgend ein Interesse für sie haben, sonst würden Sie Sich nicht nach ihr erkundigen,« sprach Mr. Dexter weiter. »Ist dies das Interesse eines Freundes oder eines Feindes?«

Ein Blick auf ihn schickte mir abermals eine Warnung, vorsichtig zu sein, ehe es zu spät wäre.

»Wenn ich Ihnen die Frage beantworten soll,« entgegnete ich, »muß ich abermals auf den Prozeß zurückkommen.«

»Nur zu!« sagte er mit einem grimmigen Ausdruck seines Humors. »Ich bin hier Ihrer Barmherzigkeit preisgegeben. Ich bin ein Märtyrer auf dem Holzstoß. Schüren Sie das Feuer!«

»Ich bin nur ein unwissendes Weib,« warf ich ein, »aber es scheint mir doch, als wenn in einem Theile des Prozesses ein vollständiger Irrthum enthalten sei.«

»Ein vollständiger Irrthum?« wiederholte er, indem er die Sache leicht zu nehmen versuchte. Aber ich konnte dennoch bemerken, daß meine Aeußerung auf ihn gewirkt, denn ich sah seine Hand zittern, als er sein Glas zum Munde führte.

»Ich bezweifele nicht, daß meines Gatten erste Frau ihn wirklich ersucht habe, das Arsenik zu kaufen,« fuhr ich fort.

»Ich bezweifele nicht, daß sie es als Mittel gegen ihren schlechten Teint gebraucht habe. Was ich jedoch nicht glaube, ist, daß sie an einer aus Versehen genommenen zu starken Dosis des Giftes starb.«

Er setzte sein Glas so heftig auf einen Nebentisch, daß der größere Theil des Weines überfloß. Für einen Augenblick begegneten seine Augen den Meinigen; dann sah er zu Boden.

»Wie glauben Sie denn, daß sie starb?« fragte er so leise, daß ich ihn kaum versichert konnte.«

»Durch die Hand eines Vergifters,« antwortete ich.

Er machte eine Bewegung, als wenn er aus dem Stuhl springen wollte, sank dann aber aus Mangel an Kraft zurück.

»Meinen Gatten meine ich nicht,« beeilte ich mich hinzuzufügen. »Sie wissen ja, daß ich von seiner Unschuld überzeugt bin.«

Ich sah ihn zittern. Er mußte sich mit beiden Händen an den Stuhl halten.

»Wer vergiftete sie denn?« fragte er in seinem Stuhl zurückgelehnt.

In diesem kritischen Moment verließ mich mein Muth. Ich fürchtete mich, ihm zu sagen wen ich beargwöhnte.

»Wissen Sie es nicht?« fragte ich.

Es entstand eine Pause. Plötzlich fuhr er in seinem Stuhl empor. Seine Augen bekamen ihren alten Glanz, die Röthe kehrte auf seine Wangen zurück. Hatte er über das Interesse nachgedacht, das ich für Mrs. Beanly hegte? Und hatte er gerathen? Er hatte es!

»Antworten Sie auf Ihr Ehrenwort,« rief er. »Versuchen Sie nicht, mich zu hintergehen!«

Meinen Sie ein Weib?«

»Ja.«

»Welches ist der erste Buchstabe ihres Namens?«

»B.«

»Beanly?«

»Beanly!«

Er hielt beide Hände empor und brach in ein convulsivisches Lachen aus.

»Ich habe lange genug gelebt,« rief er wild. »Endlich habe ich doch Jemand entdeckt, der ebenso klar in der Sache sieht, wie ich. Sie grausame Mrs. Valeria! Weshalb haben Sie das nicht gleich gesagt?«

»Wie!« äußerte ich, auf seine Erregung eingehend. »Ihre Ideen sind also auch meine Ideen? Wäre es möglich, daß Sie ebenfalls Mrs. Beanly beargwöhnen?«

»Beargwöhnen?« wiederholte er mit Verachtung. »Da bleibt ja nicht ein Schatten von Zweifel übrig. Mrs. Beanly hat Mrs. Macallan vergiftet.«



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