Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Zwanzigstes Kapitel - Das Letzte von der Geschichte
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Gesetz und Frau



Einundzwanzigstes Kapitel.

Das Letzte von der Geschichte.

Nach 10 Tagen kehrten wir, von Benjamin begleitet, nach England zurück.

Mrs. Macallan lud uns ein, in ihrem Hause zu bleiben, bis unser Kind geboren sei, und bis wir unsere Pläne für die Zukunft gemacht hätten.

Eine der ersten Nachrichten, die uns in London übermacht wurden, war die von Dexters Tode. Wenige Stunden, ehe er seinen letzten Seufzer ausgehaucht, hatte er Ariel an seinem Bett erkannt. Er hatte sie beim Namen genannt und dann nach mir gefragt. Es sollte nach mir geschickt werden, aber es war zu spät. Während man dem Boten Bescheid sagte, rief er plötzlich mit seinem alten Selbstgefühl: »Seid Alle still! Mein Kopf wird müde; ich will schlafen gehen.« Dann schloß er die Augen, um nicht wieder zu erwachen. Der Tod kam barmherzig über ihn, ohne Schmerz und ohne die letzten Gewissensbisse. So erlosch das Leben dieses seltsamen Mannes wie ein Traum!

Und was wurde mit Ariel?

Sie hatte für ihren Herrn gelebt, was konnte sie nach seinem Tode thun, als für ihn zu sterben?

Damit sie sich von dem wirklichen Tode ihres Herrn überzeugen könne, hatte man ihr erlaubt, dem Begräbnisse beizuwohnen. Sie war nicht zu überzeugen, sondern behauptete, daß der Herr sie verlassen habe. Als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde, mußte man sie mit Gewalt zurückhalten, weil sie sich nachstürzen wollte. Durch dasselbe Mittel war sie auch nur vom Kirchhofe zu entfernen. Von dieser Zeit an wechselte ihr Leben zwischen wildem Delirium und dumpfem Hinbrüten. Bei dem jährlichen Fest, das im Irrenhause gegeben wurde, verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß Ariel fort sei. Die Musik und die vielen Fremden, die Theilnahme der Wärter an dem Fest hatten es veranlaßt, daß die Ueberwachung eine geringere geworden war. Die Nacht ging vorüber, ohne daß Ariel entdeckt wurde. Am nächsten Morgen hatte man sie kalt und todt auf Dexters Grabe gefunden.

Nun zu einem freudigeren Thema. Seit jenem letzten Diner, auf dem ich die Bekanntschaft der Lady Clarinda gemacht, hatte ich nichts von Major Fitz-David gehört. Ich hatte ihn undankbarer Weise fast ganz vergessen, als ich eines Morgens durch die Verlobungskarte des modernen Don Juan überrascht wurde. Endlich hatte er sich also zu einem ruhigen Leben entschlossen. Und wen hatte er zur Gefährtin seiner letzten Jahre gewählt? Die künftige Königin des Gesanges, die rundäugige, aberwitzig gekleidete junge Dame mit der schneidenden Sopranstimme. Pflichtschuldigerweise machten wir dem Major unsern Gratulations-Besuch.

Die Aussicht auf seine Heirath hatte den heiteren und galanten Damenfreund fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Er hatte alle Ansprüche auf Jugend aufgegeben und war ein alter hilfloser Mann geworden. Er blickte mit ängstlichem Gehorsam aus seine künftige Frau, als wenn er zu jedem Worte, das er sprechen wollte, ihrer Erlaubniß bedürfe. Wenn sie ihn, was nicht selten geschah, unterbrach, so fügte er sich mit sklavischer Unterwerfung.

»Ist sie nicht schön?« fragte er mich. »Welche Figur! Und welche Stimme! Ein unersetzlicher Verlust für die Bühne. Ich begehe ein Verbrechen an der Menschheit, indem ich sie heirathe.«

Mich begrüßte das Mädchen als alte Bekannte. Während Eustace mit dem Major sprach, zog mich die Braut bei Seite und setzte mir die Motive auseinander, welche sie bewogen hatten, den Major heirathen zu wollen.

»Wir sind eine starke Familie, sehen Sie.

Hunger und Kummer überall,« flüsterte sie in mein Ohr. »Es ist alles recht gut gesagt mit der Königin des Gesanges. Ich habe aber keine Lust dazu, sehen Sie, und lieber will ich einen alten Mann heirathen als mich alle Abend auszuputzen und mir die Kehle wund zu schreien. Nun bin ich versorgt und meine ganze Familie ist auch versorgt.«

Ich erwiderte das Geschwätz mit einer höflichen Redensart, nahm mir aber vor, falls sie mich besuchen sollte, sie nicht weiter als bis an die Hausthüre zu lassen. Ich verachtete das Geschöpf. Es ist immerhin verächtlich, wenn sich ein Mädchen an einen Mann verkauft. Ob nachher der Segen der Kirche darüber gesprochen wird, ändert nicht viel an der Sache.

Indem ich an meinem Pult sitze und denke, verschwindet mir wieder das Bild des Majors und die letzte Scene meiner Geschichte tritt in den Vordergrund meiner Erinnerungen.

Der Schauplatz ist mein Schlafzimmer, die beiden Personen in demselben und zwar beide im Bett befindlich, sind ich und mein Sohn. Er ist bereits 3 Wochen alt und liegt nun schlafend an meiner Seite. Mein Onkel, der Prediger, ist nach London gekommen um ihn zu taufen. Die Taufzeugen werden meine Schwiegermutter, Mr. Benjamin und Mr. Playmore sein. Ich bin neugierig, ob die Taufe sich freudiger gestalten wird als meine Hochzeit. Der Arzt hat mich eben verlassen und zwar nicht ganz zufrieden mit meinem Zustande. Er hatte eine gewisse Erschöpfung an mir entdeckt und mich ins Bett zurückgeschickt, während ich sonst schon im Armstuhl saß.

Die Wahrheit zu gestehen habe ich dem Arzt nicht die Gründe für diese Erschöpfung mitgetheilt. Es sind Angst und Besorgniß.

Erst am heutigen Tage hatte ich Kraft genug gesammelt, das meinem Gatten in Paris gegebene Versprechen zu halten. Jetzt weiß er, wie das Bekenntniß seiner Frau entdeckt wurde, jetzt weiß er, daß in dem Briefe der Beweis seiner Unschuld liegt. Schließlich ist ihm auch mitgetheilt worden daß jenes Geständniß ein versiegeltes Geheimniß vor ihm blieb aus Rücksicht für seinen eigenen Seelenfrieden wie um der Erinnerung jener Dame willen die einst seine Frau gewesen. Diese Mittheilungen habe ich meinem Gatten nicht mündlich, sondern durch die Briefe Benjamins und Mr. Playmores gemacht. Während ich krank im Bett lag, hatte er vollständige Muße zu lesen um darüber nachzudenken. Ich warte mit dem Original in der Hand und meine Schwiegermutter wartet im anstoßenden Zimmer, um zu hören, ob er das Siegel brechen wird oder nicht.

Die Minuten vergehen und noch immer nicht sein Schritt auf der Treppe. Zweifel und Ungeduld nehmen zu. Ich kann den Anblick des Briefes nicht mehr ertragen, ich kann ihn fast nicht mehr berühren; da kommt mir eine rettende Idee. Ich hebe eine Hand meines Kindes empor und lege den Brief unter dieselbe, auf diese Weise heilige und reinige ich den Bericht des Elends und der Sünde durch die Berührung der Unschuld. Die Minuten vergehen. Endlich höre ich ihn. Er klopft leise und öffnet die Thür. Er ist tödtlich bleich, und ich sehe Spuren von Thränen in seinen Augen. Er setzt sich aber ruhig an meine Seite. Ich bemerke, daß er meinetwegen gewartet hat, um sich erst zu beruhigen. Er nimmt meine Hand und küßt sie zärtlich.

»Valeria!« sagt er, »vergieb mir noch einmal Alles, was ich Dir gethan. Wenn ich auch nicht weiß, wie es zugegangen, so weiß ich doch, daß der Beweis meiner Unschuld aufgefunden worden ist, und zwar durch das treue Bemühen meines Weibes.«

»Willst Du den Brief lesen, Eustace?« fragte ich nach einer Pause.

Anstatt zu antworten fragte er mich:

»Hast Du den Brief hier?«

»Ja.«

»Versiegelt?«

»Versiegelt.«

Er dachte einige Minuten nach.

»Wenn ich nun darauf bestände, den Brief zu lesen —«

»O, thue das nicht,« unterbrach ich ihn. »Bitte, schone Dich —« .

»Ich denke ja nicht an mich,« unterbricht er nun ebenfalls. »Ich denke an meine verstorbene Frau. Handle ich denn wirklich, wie Ihr alle Drei behauptet, mitleidig und barmherzig an ihr, wenn ich das Siegel unerbrochen lasse?

»O, Eustace, daran kann kein Schatten von Zweifel sein.«

»Soll ich ein Sühneopfer bringen für allen Kummer, den ich ihr unbewußt zugefügt?«

»Ja, ja!«

»Soll ich Dir einen Gefallen thun, Valeria?«

»O, bitte, bitte!«

»Wo ist der Brief?«

»In der Hand Deines Sohnes.«

Er führt die kleine Hand des Kindes an seine Lippen. So bleibt er eine Weile in nachdenkender Stellung. Seine Mutter öffnet die Thür und beobachtet ihn wie ich ihn beobachte. Mit einem tiefen Seufzer legt er die Hand des Kindes wieder auf den Brief, als wenn er aussprechen wollte: »Ich überlasse es Dir!«

Und so endete es. Nicht, wie ich es glaubte, auch vielleicht nicht, wie der Leser es dachte. Gott aber wußte, wie es kommen würde — und das ist das beste.

Mir bleibt nichts mehr zu sagen als dies Postskriptum:

Gehe nicht zu hart mit den Irrtümern
meines Mannes zu Gericht, lieber Leser,
sondern mache lieber mich dafür
verantwortlich.

Um meinetwillen denke freundlich von Eustace!


Vorheriges Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte