Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Gesetz und Frau - Dritter Theil - Viertes Kapitel - Ein Probestück meiner Thorheit
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Gesetz und Frau



Viertes Kapitel.

Ein Probestück meiner Thorheit.

»Ich habe die Ehre ein alter Freund von Mr. Macallan zu sein,« mit diesen Worten empfing mich Mr. Playmore, indem er mir die Hand reichte; »und ich freue mich außerordentlich, jetzt auch die Bekanntschaft seiner Frau zu machen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ist dies Ihr erster Besuch in Edinburgh? Ich, werde mich bemühen, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Vielleicht gestatten Sie mir, daß ich Ihnen auch meine Frau vorstelle. Wir bleiben jetzt eine Weile in Edinburgh. Die italienische Oper ist hier; wir haben für heute Abend eine Loge. Wollen Sie bei uns speisen und uns dann in’s Theater begleiten?«

»Sie sind sehr gütig,« antwortete ich; »aber ich bin jetzt grade in niedergedrückter Stimmung und würde für Mrs. Playmore eine schlechte Gesellschafterin sein. Wie mein Brief Ihnen angedeutet, möchte ich weit lieber in sehr ernster Angelegenheit mit Ihnen sprechen.«

»Hm!« machte er. »Die Wahrheit zu gestehen, habe ich Ihren Brief noch gar nicht zu Ende gelesen. Verzeihen Sie mir diese Flüchtigkeit. Ein anderes Geschäft brachte mich davon ab. Also wirklich eine juridische Consultation?«

»Leider ja, Mr. Playmore! Ich befinde mich in einer sehr peinlichen Situation und bin hierhergekommen, Sie über höchst ungewöhnliche Dinge um Rath zu fragen. Sie werden erstaunen, wenn ich Ihnen sage, um was es sich handelt.«

»Ich stelle mich ganz zu Ihrer Verfügung,« « sagte Mr. Playmore. »Was kann ich für Sie thun, Mrs. Macallan?«

Die Freundlichkeit, mit der mir entgegengekommen wurde, ermuthigte mich, und ich erzählte ihm frei und offen meine seltsame Geschichte, ohne den leisesten Rückhalt.

Mr. Playmore hatte mir mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Meine Trennung von Eustace betrübte ihn, mein Entschluß, gegen das schottische Verdict aufzutreten und mein ungerechter Verdacht gegen Mrs. Beanly riefen erst seine Heiterkeit hervor und dann sein Erstaunen. Die größte Wirkung übte ich aber auf sein Gemüth durch die Erzählung meines Besuches bei Miserrimus Dexter und meiner Unterhaltung mit Lady Clarinda. Ich sah ihn die Farbe wechseln. Dann murmelte er, als wenn er meine Anwesenheit ganz vergessen:

»Großer Gott! Könnte es denn möglich sein? — Sollte die Wahrheit dennoch gelogen haben?«

Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu unterbrechen.

»Es scheint mir, als wenn ich Sie in Erstaunen gesetzt,« sagte ich.

Bei dem Ton meiner Stimme schreckte er zusammen.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung« rief er aus. »Sie haben mich nicht allein in Erstaunen gesetzt, Sie haben meinen Gedanken einen ganz neuen Weg eröffnet. Ich bringe in diesem Augenblick mit dem Giftmorde in Gleninch eine Idee in Verbindung, die mir bisher noch nicht aufgestoßen. Das sind ja schöne Geschichten,« fuhr er dann in seinen alten Humor zurückfallend fort; hier bringt der Client seinen Advokaten auf die rechte Spur. Meine liebe Mrs. Macallan wie steht jetzt eigentlich die Sache. — Bedürfen Sie meines Rathes, oder bedarf ich des Ihren

»Wollen Sie mir vielleicht die neue Idee mittheilen die Ihnen gekommen?« fragte ich.

»Nicht in diesem Augenblick, wenn ich bitten darf,« entgegnete er. »Sie müssen gütigst meine nothwendige, geschäftliche Vorsicht berücksichtigen. Ehe wir daher weitergehen, gestatten Sie mir, erst noch einige Fragen an Sie richten zu dürfen.«

»Bitte, fragen Sie, Mr. Playmore.«

»Lassen Sie mich also bis zu dem Besuch zurückgehen den Sie mit Ihrer Frau Schwiegermutter bei Mr. Dexter machten. Ich glaube, Sie doch recht verstanden zu haben. Als Sie ihm zuerst mittheilten daß Sie Ihre eigenen Ideen über Eustaces erste Frau hatten, blickte er Sie mißtrauisch an, nicht wahr?«

»Sehr mißtrauisch.«

»Und sein Antlitz klärte sich wieder auf, als Sie erwähnten, daß Sie Ihre eigenen Ideen nur aus der Lesung des Prozesses geschöpft?«

»Ganz richtig.«

Mr. Playmore nahm ein Stück Papier aus der Schieblade seines Pultes, sann ein wenig nach und setzte einen Stuhl für mich dicht an seine Seite.

»Nun verschwindet der Advokat,« sagte er, »und der Mann nimmt dessen Stelle ein. Wir wollen keine professionellen Mysterien zwischen uns bestehen lassen. Als Ihres Gatten alter Freund fühle ich das lebhafteste Interesse für Sie. Ich muß Sie vor allen Dingen warnen, ehe es zu spät ist, obgleich ich dabei eine Gefahr laufe, der sich wenige Männer in meiner Stellung aussetzen würden. Ich setze das vollkommenste Vertrauen in Sie. Nun setzen Sie Sich hierher und blicken Sie über meine Schulter, während ich mir Bemerkungen mache. Wenn Sie mich schreiben sehen, werden Sie die Vorgänge in meiner Seele kennen lernen.«

Ich setzte mich und blickte über seine Schulter.

Er begann zu schreiben wie folgt:

»Der Giftmord in Gleninch — Frage: — In welcher Beziehung steht Mr. Dexter zu dem schrecklichen Ereigniß? Und was kann er muthmaßlicherweise darüber wissen?«

»Er birgt Geheimnisse in seiner Brust und er hegt Befürchtungen daß er dieselben verrathen habe, oder daß sie, auf ihm unbegreifliche Weise entdeckt worden seien. Er fühlt sich augenscheinlich erleichtert, wenn er glaubt, sich in seinen Befürchtungen getäuscht zu haben.«

Hier hielt die Feder inne, und Mr. Playmore legte mir neue Fragen vor.

»Kommen wir nun zu Ihrem zweiten Besuch,« begann er von neuem; »als Sie allein bei Mr. Dexter waren. Erzählen Sie mir noch einmal, was er that und wie er aussah, als Sie ihm sagten, daß Sie mit dem schottischen Verdict nicht einverstanden seien.«

Ich wiederholte, was ich bereits in diesen Zeilen niedergelegt.

Nachdem ich geendet, schrieb die Feder folgende Zeilen:

»Er hört, daß eine ihn besuchende Person das schottische Verdict im Prozeß Macallan nicht als ein endgültiges anerkennt. Was thut er darauf?«

»Er stellt alle Symptome panischen Schreckens zur Schau! er sieht sich in Gefahr; in einem Moment übermannt ihn der Zorn, im andern wird er feig und demüthig. Er will und muß wissen, welches die eigentliche Absicht der ihn besuchenden Person ist. Wenn er über diesen Punkt aufgeklärt ist, erbleicht er tödtlich und beginnt an seinen eigenen Sinnen irre zu werden. Darauf sagt er seinem Besuche auf den Kopf zu, daß dieser Jemand in Verdacht habe. Welche Frage drängt sich hier auf: Wenn man kleine Summen Geldes in einem Haushalt vermißt und die Dienerschaft zusammengerufen und ihr das Ereigniß mitgetheilt wird, was denken Sie von dem einzelnen Dienstboten der zuerst spricht und fragt: »Haben Sie mich vielleicht in Verdacht?«

Mr. Playmore legte die Feder abermals nieder.

»Ist das richtig?« fragte er.

Ich begann jetzt den Zweck des Schreibens einzusehen, Anstatt seine Frage zu beantworten bat ich ihn, mir die Erklärungen zu geben, welche noch gefehlt hatten, um mich zu überzeugen.

Mr. Playmore unterbrach mich, indem er warnend den rechten Zeigefinger hob.

»Noch nicht« sagte er. — »Sagen Sie mir, ob ich bis hierher Recht habe.«

»Vollkommen recht.«

»Schön Nun erzählen Sie mir, was zunächst geschah. — Wenn Sie Sich auch wiederholen; das schadet nichts. Ich bitte um alle Details, von Anfang bis zu Ende.«

Ich kam seinem Wunsche nach.

Mr. Playmore schrieb nun, zum dritten und letzten Mal, Folgendes:

»Er wird indirect dahin beruhigt daß er nicht die beargwöhnte Person sei. Er stößt einen langen erleichternden Seufzer aus; er wünscht eine Weile allein zu sein, unter dem Vorwande, daß die Unterhaltung ihn zu sehr aufgeregt habe. Als der Besuch wieder vorgelassen wird, hat Dexter währenddessen getrunken. Der Besuch kommt auf das alte Thema zurück . . . . nicht Dexter. Der Besuch hat die Ueberzeugung gewonnen, daß Mrs. Eustace Macallan durch einen Giftmörder gestorben ist und spricht dies offen aus. Dexter sinkt halb ohnmächtig in seinen Stuhl zurück. Das Entsetzen des Schuldbewußtseins hat ihn erfaßt. — Und wie befreit er sich wieder von den Einflüssen des Schreckens? Er flieht von einem Extrem zum andern und fühlt sich außerordentlich glücklich darüber, daß der Besuch seinen Verdacht auf eine abwesende Person gelenkt. Schließlich spricht er aus, daß, er von vornherein denselben Verdacht gehabt als sein Besuch. Dies sind Facta. Zu welchem Schluß führen sie uns?«

Er legte seine Notizen fort und betrachtete mein Antlitz, in der Erwartung, daß ich zuerst sprechen solle.

»Ich verstehe Sie, Mr. Playmore,« begann ich. »Sie glauben, daß Mr. Dexter —«

Sein warnender Zeigefinger unterbrach mich abermals-.

»Sagen Sie mir,« begann er dann, »wie Dexter sich äußerte, als er Ihrer Ansicht über Mrs. Beanly beistimmte.«

»Er sagte: »Da bleibt kein Zweifel mehr. Mrs Beanly hat sie vergiftet.«

»Und ich,« entgegnete der Advokat, »kann seinem guten Beispiele nur folgen und sagen: »Mr. Dexter hat sie vergiftet.«

»Scherzen Sie, Mr. Playmore?«

»Ich habe niemals in heiligerem Ernst gesprochen. Ihr vorschneller Besuch bei Dexter und Ihre kaum begreifliche Unklugheit, den Menschen in Ihr Vertrauen zu ziehen, hat zu den überraschendsten Resultaten geführt. Das Licht, das die berühmtesten Juristen Schottlands vergebens bemüht waren, auf den Giftmord in Gleninch zu werfen, ist durch einen Zufall durch eine Dame dorthin gelenkt worden, welche allen Vernunftgründen spottete und ihren eigenen, scheinbar unvernünftigen Weg gehen wollte. Fast unglaublich und dennoch vollkommen wahr.

»Unmöglich!« rief ich aus.

»Was ist umnöglich?« fragte der Advokat kühl.

»Daß Mr. Dexter meines Gatten erste Frau vergiftet.«

»Und weshalb dürfte das unmöglich sein? wenn ich fragen darf!«

Ich war beinahe wüthend aus Mr. Playmore geworden.

»Können Sie mir die Frage beantworten?« entgegnete ich indignirt. »Ich erzählte Ihnen, daß Mr. Dexter mit Achtung und Zuneigung, von Mrs. Macallan gesprochen. Er verehrt sie noch in der Erinnerung. Ich verdanke meine freundliche Aufnahme bei ihm nur der Aehnlichkeit, welche meine Figur mit der der Verstorbenen haben soll. Ich habe Thränen in seinen Augen gesehen; ich habe seine Stimme zittern gehört, wenn er von ihr sprach. Mr. Dexter mag der Schlechteste aller Menschen sein; aber mit Mrs. Macallan meinte er es gut. Es giebt Merkmale, durch die sich ein Weib niemals täuschen läßt, wenn ein Mann zu ihr von Herzensangelegenheiten redet. Ich habe jene Merkmale gesehen. Ebenso gut kann ich auch den Mord begangen haben, als er es that. Es thut mir leid, daß ich meine Meinung der Ihrigen entgegensetzen muß, Mr. Playmore; aber ich kann nicht anders. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich beinahe böse auf Sie bin.«

Der Advokat schien eher angenehm berührt, als beleidigt zu sein.

»Meine theure Mrs. Eustace, Sie haben auch nicht den geringsten Grund, mir zu zürnen,« sagte er. »Ich theile ja eigentlich Ihre Ansicht, nur mit dem Unterschiede, daß ich noch etwas weiter gehe als Sie.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das wird sofort anders werden. Sie beschreiben Mr. Dexters Gefühl für die verstorbene Mrs. Macallan als ein glückliches Gemisch von Achtung und Zuneigung. Ich sage Ihnen aber, daß jenes Gefühl ein weit wärmeres war. Ich habe meine Information von der unglücklichen Dame selbst, welche mich Jahre lang mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen beehrte. Ehe sie Mr. Macallan heirathete, war Mr. Dexter in sie verliebt, ein Umstand, welcher Eustace jedoch verborgen blieb. Miserrimus Dexter hielt, trotz seiner schrecklichen Verkrüppelung, ganz ernsthaft um ihre Hand an.«

»Und dennoch behaupten Sie, daß er die Arme vergiftet habe!« rief ich mit Indignation.

»Dennoch behaupte ich es. Ich finde keinen anderen Schluß, nach dem, was Sie mir erzählt. — Sie erschreckten ihn bis zur Ohnmacht. Wovor sollte er sich denn sonst gefürchtet haben?«

Ich war in der That um eine Antwort verlegen.

»Mr. Dexter ist ein alter und treuer Freund meines Gatten,« begann ich endlich. »Als er mich sagen hörte, daß ich mich bei dem Verdict nicht beruhigen könnte, beunruhigte er sich vielleicht Eustaces wegen . . . «

»Ah so!« unterbrach mich Mr. Playmore ironisch. »Er beunruhigte sich Ihres Gatten wegen, weil er die Folgen der Wiedereröffnung des Prozesses für ihn fürchtete. Dieser Ausspruch stimmt mit dem Glauben an Ihres Mannes Unschuld nicht recht überein. Wollen Sie gefälligst Ihren Kopf von einem Irrthum befreien,« fuhr er dann, ernster werdend, fort, »welcher Sie im Verlauf Ihrer ferneren Nachforschungen bedeutend mißleiten könnte. Glauben Sie meinem Wort, Miserrimus Dexter hörte an demselben Tage auf, Eustaces Freund zu sein, als dieser seine erste Frau heirathete. Dexter hat im Geheimen und im Oeffentlichen stets für seine Biederkeit zu wirken gewußt. Seine Zeugenaussage zu Gunsten seines Freundes wurde mit dem tiefen, überzeugenden Gefühl abgegeben, das Jedermann ihm zutraute. Dennoch bin ich der festen Ansicht, daß Mr. Macallan keinen grimmigeren Feind auf der weiten Erde hat, als Miserrimus Dexter.«

Mir wurde ganz kalt. Hier fühlte ich wenigstens, daß er Recht hatte. Mein Gatte hatte das Weib gewonnen, welches Dexters Hand zurückgewiesen. War Dexter der Mann, dies vergeben zu können? Meine eigene Erfahrung antwortete mir: Nein!«

»Beherzigen Sie, was ich Ihnen gesagt habe,« fuhr Mr. Playmore fort, »und nun lassen Sie uns Ihre eigene Stellung in dieser Angelegenheit näher ins Auge fassen. Vor allen Dingen bitte ich Sie, vorläufig meinen Rath anzunehmen, er wird, mit Ihrem Glücke vereint, schneller zur Enthüllung der Wahrheit führen. Ich bin vollständig davon überzeugt, daß Miserrimus Dexter der Mann ist, welcher, anstatt Ihres Gatten, wegen des Giftmordes in Gleninch hätte vor Gericht stehen müssen. Da seitdem schon eine geraume Zeit vergangen, bleibt uns nichts weiter übrig, als uns genau an die Zeugenaussagen zu halten. Es kommt vor allen Dingen darauf an, die Meinung des Publikums umzustimmen. Der Glaube desselben an Ihres Gatten Unschuld kann nur dadurch hergestellt werden, daß man es von Mr. Dexters Schuld überzeugt. Wie wollen Sie zu diesem Resultat gelangen? In den Akten des Prozesses findet sich auch nicht ein Atom von Verdacht gegen ihn. Wenn Sie Dexter überführen wollen, kann es nur durch sein eigenes Geständniß geschehen.«

Wenn der Mann Recht hatte, waren wir jetzt allerdings vor dem Ziele angekommen. Aber, so sehr ich auch die Ueberlegenheit seines Urtheils anerkannte, konnte ich selbst nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß er Recht hatte. Ich konnte nicht umhin, ihm dies offen zu gestehen.

Er lächelte gutmüthig.

»Ist-i jedem Fall werden Sie mir zugestehen, s daß Dexter Ihnen nicht die volle Wahrheit gesagt,« bemerkte Mr. Playmore, »und daß er Ihnen etwas vorenthält, in dessen Entdeckung Sie ein großes Interesse setzen.«

»Ja, das gebe ich zu.«

»Schön! Und ich behaupte-, daß das, was er Ihnen vorenthält, eben das Geständniß seiner Schuld ist. Sie haben mir erzählt, daß er Ihnen auch noch die Instruktion schuldig ist, welche zur Ueberführung eines anderen Schuldigen leiten soll. Also Geständniß oder Instruktion, wie wollen Sie eines von beiden erlangen?«

»Vielleicht durch Ueberredung.«

»Und wenn diese fehlschlägt? Glauben Sie, daß Sie ihn überlisten oder erschrecken können?«

»Wenn Sie einen Blick in Ihre Notizen thun wollen, Mr. Playmore, so werden Sie sehen; daß ich ihn bereits erschreckt habe, und zwar ohne es zu wollen.«

»Sehr schön. Was Sie einmal gethan haben, dürfte Ihnen aber nicht zum zweiten Mal gelingen. Wenn Sie jedoch entschlossen sind, das Experiment zu wiederholen, so wird es Ihnen nicht schaden können, wenn Sie noch etwas mehr über Mr. Dexters Character und Temperament erfahren, als Sie bis jetzt wissen. Was meinen Sie, wenn wir uns nach einem Bundesgenossen umsähen?«

Ich blickte erschreckt um mich; denn nach seiner Rede zu urtheilen, mußte die Person, die er meinte, ganz in unserer Nähe sein.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte er. »Das Orakel ist stumm und das Orakel ist hier.«

Er schloß eine Schublade auf, nahm ein Paquet Briefe aus derselben und suchte einen davon heraus.

»Als wir die Vertheidigung für Ihren Gatten aufstellten,« sagte er, »machte es uns einige Schwierigkeit, Miserrimus Dexter überhaupt als Zeugen zu bekommen. Es lag ja, wie ich Ihnen bereits gesagt, nicht der geringste Verdacht gegen ihn vor. Wir fürchteten aber seine Excentricität, und daß er durch die Aufregung vollständig in Wahnsinn gerathen könne. In dieser Verlegenheit wandten wir uns an einen Arzt, und führten diesen unter irgend einem Verwende bei Dexter ein. Nach einiger Zeit erhielten wir sein schriftliches Gutachten. Hier ist es.«

Er öffnete den Brief, bezeichnete mir eine Stelle und ließ mich dieselbe lesen.

»Das wird uns vollständig genügen,« sagte er.

Ich las folgende Worte:

»Die Summe meiner Beobachtungen läßt sich dahin zusammenfassen, daß unzweifelhaft starke periodische Ueberspanntheit vorhanden. Wirkliche Symptome von Wahnsinn habe ich indessen nicht zu entdecken vermocht. Ich glaube, Sie können ihn dreist sein Zeugniß abgeben lassen. Wenn auch etwas Närrisches dazwischen laufen sollte, so werden Sie mindestens eben so viel Wahrheit erfahren, und es wird die Sache der Richter und Geschworenen sein, die Spreu von dem Weizen zu sichten. Für die Zukunft kann ich natürlich nicht einstehen. Mein Gutachten gilt nur für die Gegenwart. Daß er im Wahnsinn sterben wird, ist wohl wahrscheinlich. Wann aber dieser Wahnsinn eintritt, ist nicht zu bestimmen. Es dürfte dies von dem Zustand seiner Gesundheit abhängen. Sein Nervensystem ist im höchsten Grade erregt, wahrscheinlich durch ein wechselvolles, seltsames Leben. Wenn er seine Gewohnheiten änderte, und sich namentlich mehrere Stunden des Tages in freier Luft bewegte, würde er vielleicht ein hohes Alter erreichen können. Wenn er dagegen bei seinen jetzigen Gewohnheiten beharrt, und wenn sein Nervensystem noch bedeutenden Aufregungen ausgesetzt sein sollte, würde unfehlbar der Wahnsinn mit dem Culminationspunkt dieser Erregungen zusammen treffen. Der Eintritt dieses Wahnsinns wird in beregtem Falle augenblicklich geschehen. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich. Wenn das Gleichgewicht einmal verloren ist, wird es in diesem Leben nicht mehr herzustellen sein.«

Nachdem ich also gelesen, legte Mr. Playmore den Brief wieder in sein Pult.

»Das ist die Ansicht einer unserer bedeutendsten Autoritäten,« sagte er. »Scheint Ihnen Dexter nun der Mann zu sein, der so leicht sein Nervensystem der Chance einer Entdeckung opfern sollte? Sehen Sie keine bedeutenden Schwierigkeiten auf Ihrem Wege?«

Mein Schweigen antwortete ihm.

»Gesetzt, Sie kehrten zu Dexter zurück,« fuhr er fort, »und gesetzt, daß des Doctors Meinung die Gefahr übertrieben habe; was würden Sie dann thun? Als Sie ihn das letzte Mal sahen, hatten Sie den bedeutenden Vortheil der Ueberraschung. Seine leicht erregbaren Nerven gaben, dem Angriff nach, und er verrieth die Furcht, die Sie ihm einflößten. Jetzt ist er vorbereitet und auf seiner Hut. Wenn Sie nichts Schlimmeres begegnen, werden Sie es das nächste Mal mit seiner Schlauheit zu thun haben. Sind Sie ihm darin ebenbürtig? Und was Mrs. Beanly betrifft, so hat er Sie jedenfalls mit Bedacht irre geführt.«

»So weit ich es beurtheilen kann, sagte er mir die Wahrheit«, entgegnete ich, noch immer in meiner schwächlichen Opposition befangen. »Was er mir von dem Corridor in Gleninch erzählt, hat er jedenfalls wirklich gesehen.«

»Er erzählte Ihnen aus dem Grunde die Wahrheit,« antwortete Mr. Playmore, »weil er schlau genug war, zu bemerken, daß diese Wahrheit ihm dazu dienen werde, Sie noch weiter irre zu führen, und Ihren Verdacht abzulenken. Denn Sie glauben doch nicht, daß er Ihre Beargwöhnung theilte?«

»Weshalb nicht?« sagte ich, »er wußte ebenso wenig, was Mrs. Beanly in jener Nacht begangen, als ich es wußte, bis ich Lady Clarinda gesprochen. Jedenfalls bleibt zu beobachten ob er ebenso erstaunt sein wird als ich es war, wenn ich ihm erzähle, was Lady Clarinda mir erzählt.«

Diese einfache Antwort brachte einen Effekt hervor, den ich nicht erwartet hatte.

Zu meinem nicht geringen Erstaunen ließ Mr. Playmore plötzlich jede weitere Diskussion über die Sache fallen. Er schien daran zu verzweifeln mich überzeugen zu können.

»Also Alles, was ich Ihnen gesagt habe, war nicht im Stande, Sie meiner Ansicht zuzuwenden?« sagte er.

»Ich besitze nicht Ihre Geschicklichkeit und Ihre Erfahrung,« antwortete ich, »es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich nicht denken kann, wie Sie es thun.«

»So sind Sie also wirklich entschlossen, Mr. Dexter noch einmal zu besuchen?«

»Ich habe es ihm versprochen.«

»Sie haben mich um meinen Rath gebeten,« sagte er nach einer kleinen Pause, »so rathe ich Ihnen denn ernstlich, Ihre Verbindungen mit Mr. Dexter abzubrechen. Ja, ich gehe noch weiter; ich beschwöre Sie, Mr. Dexter nicht wiederzusehen.«

Dasselbe, was meine Schwiegermutter sagte! Dasselbe, was Benjamin und Major Fitz-David mir gerathen! Sie waren Alle gegen mich. Wenn ich auf meine Halsstarrigkeit zurückblicke, muß ich selbst erstaunen. Ich fühle mich auch beschämt, zu gestehen, daß ich Mr. Playmore keine Antwort gab, obgleich er auf dieselbe zu warten schien. Ich erhob mich von meinem Stuhl und stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. Er stand ebenfalls auf; er fühlte, daß die Conferenz zu Ende war.

»Schön!« sagte er, mit einem Gemisch von Traurigkeit und Laune. »Wie konnte ich denn auch erwarten daß eine junge Dame, wie Sie, und ein alter Advokat, wie ich, derselben Meinung sein würden. Lassen Sie mich nur noch die Bitte hinzufügen unsere Unterhaltung vorläufig als Geheimniß zu betrachten; dann wollen wir zu etwas Anderem übergehen. Kann ich Ihnen noch in irgend einer Weise dienlich sein? Sind Sie allein in Edinburgh?«

»Nein, ein alter Freund hat mich begleitet.«

»Bleiben Sie morgen noch hier?«

»Ich denke wohl.«

»Wollen Sie mir den Gefallen thun, unser Gespräch noch einmal zu durchdenken, und mich morgen früh noch einmal zu besuchen?«

»Sehr gern, Mr. Playmore. Vorläufig nehmen Sie meinen Dank für Ihre Güte.«

So schieden wir.

Der gute Mann seufzte, als er mir die Thüre öffnete. Die Weiber sind recht seltsame Geschöpfe! Dieser Seufzer rührte mich mehr, als alle seine Argumente. Ich fühlte, daß ich erröthete, als ich ihm den Rücken wandte und auf die Straße hinaustrat.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte