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Gesetz und Frau



Dritter Theil.

Erstes Kapitel.

Die Anklage der Mrs. Beanly.

Ich sprang auf meine Füße und blickte Dexter an. Ich war zu erregt, um sprechen zu können. Meine äußersten Erwartungen waren nicht auf diesen Ton der Ueberzeugung vorbereitet gewesen, in dem er gesprochen hatte.

»Setzen Sie Sich wieder,« sagte er ruhig. »Worüber denn erschrecken? In diesem Zimmer kann uns Niemand hören.«

»Haben Sie denn keinem Anderen gesagt, was Sie mir soeben mittheilten?« fragte ich nach einer längeren Pause.

»Niemals. Weil Niemand sie beargwöhnte.«

»Selbst nicht die Richter?«

»Selbst nicht die Richter. Es besteht weiter kein legales Zeugniß gegen Mrs. Beanly.«

»Wenn Sie Richter gewesen wären, würden Sie wohl die Schuldige überführt haben?«

Er lachte über die Idee.

»Sehen Sie mich an,« sagte er. »Wie kann ein Mann Jemand überführen, der an seinen Stuhl gefesselt ist? Außerdem lagen noch andere Hindernisse auf meinem Wege. Ich bin ein vorsichtiger Mann, obgleich Sie es nicht bemerkt haben werden. Dennoch konnte ich meinen angemessenen Haß gegen Mrs. Beanly nicht ganz verbergen. Wenn Augen Geheimnisse erzählen können, muß sie in meinen Blicken gelesen haben, daß ich danach hungerte und dürstete, sie am Galgen zu sehen. Mrs. Borgia-Beanly war aber ans ihrer Hut gegen mich. Ich bin nicht im Stande ihre List zu beschreiben. Sie übersteigt das Maß alles Glaubhaften. Wenn Sie noch jemals überführt werden sollte, wird es nicht durch einen Mann geschehen, sondern durch ein Weib, dessen sie sich nicht versah.«

»Sagen Sie doch gleich, durch ein Weib, wie ich es bin,« sagte ich. »Ich bin bereit, den Versuch zu wagen.«

Seine Augen glänzten, seine Zähne wurden unter dem Schnurrbart sichtbar. Er trommelte stolz mit beiden Händen auf die Lehnen seines Stuhles.

»Wollten Sie das wirklich?« fragte er.

»Wenn Sie mir beistehen,« antwortete ich. »Erleuchten Sie mich mit Ihrer moralischen Gewißheit, und Sie werden sehen!«

»Ich will es thun!« sagte er. »Beantworten Sie mir nur vorher noch eine Frage. Wie kamen Sie darauf, sie zu beargwöhnen?«

Ich erzählte ihm, was ich aus dem Prozeß wußte, und legte einen Hanptaccent auf die Situation, wo Mrs. Beanly gerade um die Zeit vermißt wird, in welcher Christina Ormsay Mrs Eustace Macallan allein gelassen hat.

»Sie haben es getroffen!« rief Mr. Dexter. »Sie sind ein wundervolles Weib! Was that sie an jenem Morgen, an welchem Mrs. Eustace Macallan vergiftet wurde, und wo war sie während der Nacht?«

»Ich kann Ihnen sagen, wo sie nicht war. Sie war nicht in ihrem Zimmer.«

»Nicht in ihrem Zimmer?« wiederholte ich. »Sind Sie dessen ganz gewiß?«

»Wenn ich von Mrs. Beanly spreche, bin ich jedes Wortes gewiß. Beherzigen Sie das, und nun hören Sie zu. Dies ist ein Drama, und ich excellire in der dramatischen Erzählung. Sie werden Sich selbst davon überzeugen. Datum, der 20 October. Scene, der Korridor, genannt »der Korridor der Gäste,« in Gleninch. Auf einer Seite eine Reihe Fenster auf den Garten blickend. Auf der anderen Seite eine Reihe von vier Schlafzimmern, mit daran stoßenden Ankleide-Kabinets. Erstes Schlafzimmer (von der Treppe anfangend) von Mrs. Beanly bewohnt. Zweites Schlafzimmer leer. Drittes Schlafzimmer von Miserrimus Dexter bewohnt. Viertes Schlafzimmer leer. Das ist die Bühne. Nun kommt die Zeit: 11 Uhr Abends. Mr. Dexter liegt in seinem Schlafzimmer und liest. Mr. Eustace Macallan tritt zu ihm ein und redet ihn folgendermaßen an: »Mein lieber Junge, sei heute recht still und fahre nicht so viel mit Deinem Stuhl spazieren.« Dexter fragt: »Weshalb?« Eustace antwortet: »Mrs. Beanly hat mit einigen Freundinnen in Edinburgh dinirt und ist sehr angegriffen zurückgekommen. Sie hat sich auf ihr Zimmer begeben, um zu ruhen.« Dexter thut noch eine Frage: »Wie sieht denn Mrs. Beanly aus, wenn sie sehr angegriffen ist? So schön wie immer?« Antwort: »Ich weiß es nicht, ich habe sie nicht gesehen; sie ging auf ihr Zimmer, ohne mit Jemand gesprochen zu haben.« Dritte Frage des Mr. Dexter: »Wenn sie zu Niemand gesprochen hat, wie kannst Du wissen, daß sie sehr angegriffen war?« Eustace giebt mir ein Stückchen Papier und antworten »Sei doch nicht närrisch! Ich fand dieses auf dem Flurtisch. Und nun verhalte Dich ruhig und schlafe wohl!« Eustace geht. Dexter nimmt das Papier und liest folgendes mit Bleistift Geschriebene: »Eben zurückgekehrt. Vergehen Sie mir, daß ich zu Bett gehe, ohne Ihnen Gute Nacht gesagt zu haben. Ich bin todtmüde. Helena.« Dexter, von Natur argwöhnisch, beargwöhnt Mrs. Beanly. Die Gründe gehören nicht hierher. Er überlegt sich die Sache folgendermaßen: Ein todtmüdes Weib würde sich nicht die Mühe gegeben haben, noch mehrere Zeilen zu schreiben, sondern sie hätte den weit bequemeren Weg gewählt, an die Thüre zu klopfen und mündlich Gute Nacht zu sagen. Dahinter muß etwas stecken. Gut. Dexter denkt eine Nacht über den Vorfall nach. Mitten in seinen Betrachtungen öffnet er seine Thür, rollt sich leise sich den Corridor, schließt die beiden Thüren der leeren Zimmer auf und kehrt mit den Schlüsseln in der Tasche in sein eigenes Gemach zurück. »Nun!« sagt Dexter zu sich selbst, »jetzt habe ich die Sache. Wenn ich mitten in der Nacht leise eine Thüre öffnen höre, dann ist es natürlich die Thüre der Mrs. Beanly.« Nachdem er also gedacht, schließt er U seine eigene Thür, welche ihm eine kleine Spalte bietet, um hindurch sehen zu können. Das thut er denn auch, nachdem er sein Licht gelöscht. Der Corridor ist der einzige Ort, den er zu sehen wünscht. Das wird durch eine Lampe erleichtert, welche dort die ganze Nacht brennt. Es schlägt Zwölf. Die Hausthür wird geschlossen und Nichts geschieht schlägt halb Eins; noch Alles still. Das Haus ist ruhig wie das Grab. Ein Uhr, Zwei Uhr, dasselbe Schweigen. Halb Drei; — endlich geschieht etwas. Dexter hört ganz nahebei auf dem Corridor ein Geräusch. Es ist der Ton einer sich leise öffnenden Thür, und diese Thüre kann nur die der Mrs. Beanly sein. Dexter läßt sich von seinem Stuhl auf die Hände nieder, legt sich platt auf die Erde und horcht. Er hört die Thüre wieder schließen und sieht etwas Schwarzes sich an ihm vorbei bewegen. Er drückt seine eigene Thür, die er nur herangezogen, auf, steckt den Kopf leise hinaus und wirft einen Blick auf den Corridor, wo Niemand ihn vermuthet. Und was sieht er? Mrs. Beanly! Dort geht sie mit dem langen braunen Mantel um die Schultern, welchen sie zu tragen pflegt, wenn sie ausfährt. Im nächsten Augenblick verschwindet sie wieder hinter dem vierten Schlafzimmer und biegt scharf um eine Ecke nach dem sogenannten südlichen Corridor hin. Welche Zimmer liegen an dem südlichen Corridor? Es sind deren drei. Das erste, ein kleines Studierzimmer, das bereits in der Zeugenaussage der Wärterin erwähnt wurde. Zweites Zimmer, Mrs. Macallans Schlafgemach. Drittes Zimmer, das Schlafgemach ihres Gatten. Was hat die todtmüde Mrs Beanly um halb drei des Morgens in diesem Theile des Hauses zu thun? Dexter, um dies zu erfahren, setzt seine Entdeckungsreise fort. Er kriecht ihr auf den Händen leise nach.«

»Bitte, fahren Sie fort,« sagte ich, als Mr. Dexter eine Pause machte.

»Ich bin ebenso geschickt im autobiographischen Styl als im dramatischen,« entgegnete Miserrimus. »Wollen wir einmal der Veränderung halber den autobiographischen versuchen?«

»Wie Sie wollen,« entgegnete ich, »nur fahren Sie fort.«

»Zweiter Theil. Autobiographischer Styl,« kündigte er an. »Ich kroch also auf den Händen den Corridor der Gäste entlang und kam in den südlichen Corridor. An dem kleinen Sudirzimmer hielt ich an. Die Thür stand offen, Niemand darin. Ich begab mich an die zweite, Thür, welche zu Mrs. Macallans Schlafzimmer führt. Verschlossen! Ich sah durch das Schlüsselloch. War da etwas auf der anderen Seite vorgegangen? Ich weiß es nicht. Ich kann nur sagen, daß ich nichts sehen konnte, als absolute Finsterniß. Ich horchte. Nichts zu hören! Absolute Finsterniß, absolutes Schweigen in Mrs. Macallans Schlafkammer. Ich kroch weiter zu ihres Gatten Schlafzimmer. Ich hatte die allerschlechteste Meinung von Mrs. Beanly, ich würde nicht im Mindesten erstaunt darüber gewesen sein, hätte ich sie in Eustaces Schlafzimmer entdeckt. Ich sah durch das Schlüsselloch. Hier war der Schlüssel entweder abgezogen oder günstig für mich gedreht. Eustaces Bett stand der Thür gegenüber. Keine Entdeckung. Ich sah ihn, und zwar ganz allein, im unschuldigen Schlaf. Ich dachte ein wenig nach. Die Hintertreppe war am Ende des Corridors auf der anderen Seite. Ich glitt die Stufen hinab und blickte mich, bei dem Schein der Nachtlampe, vorsichtig auf dem unteren Flur um. Die Thüren waren Alle fest verschlossen, und die Schlüssel steckten, zu meiner Disposition, von außen in den Schlössern. Die Hausthür verschlossen und verriegelt. Die Thüre zum Gesindezimmer verschlossen und verriegelt. Ich kroch in mein eigenes Zimmer zurück. Wo konnte sie sein? Jedenfalls doch irgendwo im Hause. Aber wo? Sie konnte sich nur in Mrs. Macallans Zimmer befinden, dem einzigen, das sich meiner Untersuchung entzogen hatte. Hierzu füge man den Umstand, daß der Schlüssel zum Studirzimmer, welches mit dem Schlafgemach der Mrs. Macallan in Verbindung stand, nach der Zeugenaussage der Wärterin fehlte, und außerdem sei nicht vergessen, daß es Mrs. Beanlys sehnlichster Wunsch war, Eustace Macallans glückliche Frau zu werden. Diese Dinge erwägend und auf fernere Ereignisse wartend saß ich wieder auf meinem Stuhl in meinem Zimmer. Gegen 4 Uhr Morgens schlief ich, trotz meiner Versuche, mich wach zu erhalten, ein. Aber nicht für lange. Ich schreckte aus dem kurzen Schlummer empor und sah nach der Uhr. 25 Minuten nach 4. War sie während meines Schlafes in ihr Zimmer zurückgekehrt? Ich kroch an ihre Thür und horchte. Kein Laut. Ich öffnete die Thür. Das Zimmer war leer. Ich kehrte in mein eigenes Zimmer zurück, um zu wachen und zu warten. Es ward mir schwer die Augen offen zu halten. Ich öffnete das Fenster, um die frische Luft einströmen zu lassen. Es begann ein harter Kampf zwischen der erschöpften Natur und meinem Willen. Die erschöpfte Natur gewann die Oberhand. Ich schlief abermals ein. Diesmal war es 8 Uhr Morgens, als ich erwachte. Ich hörte weibliche Stimmen unter meinem offenen Fenster. Ich sah vorsichtig hinaus Mrs. Beanly und ihr Mädchen in vertraulicher Unterhaltung. Mrs Beanly und ihr Mädchen blickten sich argwöhnisch um, ob sie auch nicht belauscht würden. »Sehen Sie Sich vor, Madame,« hörte ich das Mädchen sagen, »das scheußliche Ungethüm ist schlau wie ein Fuchs.« Mrs. Beanly antwortete: »Geh’ Du zuerst und blicke vorsichtig um Dich, ich werde Dir folgen und aufpassen, daß uns Niemand folgt.« Mit diesen Worten verschwanden beide um die Ecke des Hauses. Fünf Minuten weiter hörte ich Mrs. Beanlys Thür leise öffnen und wieder schließen. Drei Stunden später begegnete ihr die Wärterin auf dem Flur, ganz unschuldig nach Mrs. Macallans Befinden fragend. Was denken Sie hiervon? Was konnten Mrs. Beanly und ihr Mädchen sich zu sagen haben, das sie im Innern des Hauses nicht auszusprechen wagten? Was sagen Sie zu meinen Entdeckungen an dem nämlichen Morgen, da Mrs. Macallan von Mörderhand vergiftet wurde? Leitet sich nun Ihr Verdacht auf eine bestimmte Person? Und ist der wahnsinnige Mr. Dexter Ihnen ein wenig nützlich gewesen?«

Ich war zu heftig erregt, um antworten zu können. Endlich war mir der Weg zur Feststellung von meines Gatten Unschuld gebahnt.

»Wo ist sie?« rief ich. »Und wo ist die Dienerin, die ihre Vertraute war?«

»Das weiß ich nicht« sagte Mr. Dexter.

»Wo kann ich mich erkundigen?«

Er dachte ein wenig nach.

»Es giebt einen Mann, der Ihnen das sagen, oder der Sie wenigstens auf die Spur bringen könnte,« antwortete er.

»Wo ist er? Wie heißt er?«

»Er ist ein Freund von Eustace. Major Fitz-David.«

»Ich kenne ihn. Ich esse nächste Woche bei ihm. Sie sind auch eingeladen.«

Miserrimus Dexter lachte verächtlich.

Major Fitz-David mag den Damen genügen,« sagte er, »die Ladies betrachten ihn als eine Art großen Schooßhund. Ich dinire nicht mit Schooßhunden. Ich habe abgelehnt Sie müssen hingehen. Er, oder eine von den Damen möchte Ihnen von Nutzen sein. Wer sind die anderen Gäste?«

»Eine französische Dame, deren Name ich vergessen habe, und Lady Clarinda.«

»Schön! Sie ist eine Freundin von Mrs. Beanly. Sie wird ihren Aufenthalt kennen. So wie Sie ihn wissen, kommen Sie zu mir. Vergewissern Sie Sich auch, wo das Mädchen ist. Wenn die plaudert haben, wir Mrs. Beanly in der Falle. Und wir vernichten sie!« sagte er, mit der Hand wie ein Blitz durch die Luft fahrend. »Doch beinahe hätte ich bei dem Mädchen die Hauptsache vergessen; haben Sie Geld?«

»Viel Geld!«

»Dann ist das Mädchen unser!« rief er freudig.

»Noch eine andere Frage. Wie denken Sie über Ihren Namen? Wenn Sie in Ihrer wahren Gestalt zu Mrs. Beanly kommen, so werden Sie empfangen werden, wie eine verhaßte Nebenbuhlerin, die sie verdrängt.«

Meine lange zurückgehaltene Eifersucht auf Mrs Beanly schlug jetzt in hellen Flammen empor. Ich konnte nicht länger widerstehen; ich müßte ihn fragen, ob mein Gatte sie geliebt.

»Sagen Sie mir die Wahrheit« rief ich.

»Liebte Eustace —?«

Dexter brach in ein malitiöses Lachen aus.

»Ja,« sagte er, »Eustace liebte sie wirklich. Darüber kann kein Zweifel obwalten. Sie hatte, jeden Grund zu glauben, daß sie nach Mrs. Macallans Tode deren Stelle einnehmen werde. Der Prozeß macht aber aus Eustace einen anderen Menschen. Mrs. Beanly war Zeugin seiner öffentlichen Entwürdigung gewesen. Das verhinderte ihn, sie zu heirathen. Er brach mit ihr für immer, wahrscheinlich aus demselben Grunde, der ihn veranlaßte sich von Ihnen zu trennen. Sie wollten die Wahrheit wissen. Ich habe sie Ihnen gesagt. Sie haben Ursachen, gegen Mrs. Beanly vorsichtig nicht eifersüchtig zu sein. Nahen Sie Sich ihr also unter falschem Namen.«

»Ich werde mich bei dem Diner Mrs. Woodville nennen, das ist der Name, unter dem Eustace mich geheirathet.«

»Sehr gut!« rief er.

»Ich wünschte, ich könnte dabei sein, wenn Lady Clarinda Sie Mrs. Beanly vorstellt. Bedenken Sie die Situation. Drei Frauen! Die eine verbirgt ein frevelhaftes Geheimniß in ihrem Herzen die Zweite weiß darum, und die Dritte will es an den Tag bringen. Welch schöner Novellenstoff! Ich bin im Fieber, wenn ich daran denke. Aber fürchten Sie Sich nicht!« rief er, mit dem wilden Aufleuchten seiner Augen »Mein Gehirn beginnt schon wieder zu sieden. Ich muß zu körperlicher Uebung meine Zuflucht nehmen. Ich muß mir ein Ventil öffnen, sonst explodire ich vor Ihren Augen.«

Der alte Wahnsinn hatte ihn wieder ergriffen. Ich ging in’s Vorzimmer, um mir nöthigenfalls den Rückzug zu sichern; dann blickte ich nach ihm hin.

Er flog wieder, halb Mensch halb Stuhl wie ein Wirbelwind im Zimmer umher. Selbst die Heftigkeit dieser Bewegung schien ihm diesmal nicht genug. Er sprang aus dem Stuhl auf seine Hände und blickte um sich wie ein riesenhafter Frosch. Nach dem anderen Ende des Zimmers hüpfend, warf er unterwegs alle Stühle um, dann stieß er einen Triumphschrei aus und sprang auf seinen Händen über die umgeworfenen Stühle.

»Nicht wahr, für einen Menschen ohne Beine bin ich geschickt genug, Mrs Valeria?« sagte er. »Lassen Sie uns noch eine Flasche Burgunder trinken, auf daß Mrs. Beanly an den Galgen komme!«

»Sie vergessen« sagte ich, »daß ich sofort zum Major muß. Wenn ich ihn nicht bei Zeiten warne, möchte er zu Lady Clarinda meines wirklichen Namens Erwähnung thun.«

Schnelle, gewaltsame Ideen waren es gerade, welche von Dexter geliebt wurden. Er blies wüthend in das kleine Instrument welches Ariel rufen sollte und tanzte dann in vollem Entzücken auf seinen Händen umher.

»Ariel soll Ihnen ein Cab besorgen!« rief er. »Fahren Sie im Galopp zum Major. Sie dürfen keinen Augenblick mehr verlieren. O, was für ein Tag ist dies gewesen. Welche Wohlthat war es mir, mein Geheimniß in Ihre Brust gegossen zu haben. Ich ersticke beinahe vor Glückseligkeit!«

Während er sprach, überschritt ich die Schwelle. Als ich durch das Vorzimmer ging, veränderte er sich abermals. Ich hörte sein gellendes Geschrei, ich hörte das dumpfe Geräusch seines Hüpfens auf den Dielen. Unten auf dem Flur fand ich Ariel bereits vor.

Als ich mich ihr näherte war ich im Begriff, mir die Handschuhe anzuziehen. Sie verhinderte mich daran, indem sie meinen rechten Arm faßte und meine Hand gegen ihr Gesicht erhob. Wollte sie sie küssen, oder sie beißen? Keines von Beiden Sie beroch dieselbe wie ein Hund und ließ sie dann mit heiserem Lachen wieder fallen. »Sie riechen nicht nach seinen Parfüms,« sagte sie. »Sie haben seinen Bart nicht berührt. Jetzt glaube ich Ihnen. Ein Cab gefällig?«

»Dank’ Ihnen. Ich werde gehen, bis ich einem Cab begegne.«

Ariel hielt mich noch durch eine Bewegung zurück.

»Es ist mir doch lieb, daß ich Sie nicht in den Canal geworfen habe,« sagte sie.

Dann gab mir das weibliche Ungethüm einen freundlichen Klaps auf die Schulter, der mich beinahe umgeworfen hätte, und öffnete mir die Gartenthüre.

Dann hörte ich noch eine Weile ihr heiseres Lachen. Mein guter Stern war aber entschieden im Steigen. An ein und demselben Tage hatte ich Ariels Vertrauen und das ihres Herrn erworben.



Kapiteltrenner

Zweites Capitel.

Die Vertheidigung von Mrs. Beanly.

Die Tage, welche dem Diner des Major Fitz-David vorangingen, waren mir sehr kostbar.

Meine lange Unterhaltung mit Miserrimus Dexter hatte mich doch mehr angegriffen, als ich anfangs geglaubt. Erst mehrere Stunden, nachdem ich ihn verlassen, fühlte ich, wie nervös mich die Zusammenkunft gemacht. Beim geringsten Geräusch fuhr ich erschreckt empor; bei der kleinsten Gemüthsbewegung brach ich in Thränen aus. Absolute Ruhe war das was ich brauchte, und glücklicherweise konnte ich mir diese gewähren. Ich hielt es für selbstverständlich, daß ich meinem alten Freunde Benjamin nicht eher von meinem Besuch bei Mr. Dexter erzählte, als bis ich mich vollständig erholt haben würde. Ich empfing keine Besuche Mrs. Macallan kam zu mir, und Major Fitz-David machte mir seine Aufwartung, die Eine, um zu hören, was zwischen mir und Miserrimus vorgefallen, der Andere, um mich mit Stadtneuigkeiten zu unterhalten, ohne daß Einer von Beiden vorgelassen wurde. Benjamin nahm es auf sich, mich zu entschuldigen. Nachmittag nahmen wir einen offenen Wagen und machten eine erfrischende Spazierfahrt. Die folgenden Tage brachten wir damit zu, Domino zu spielen oder von alten Zeiten zu plaudern. Als der Tag des Diners herankam, hatte ich mich wieder vollkommen erholt und war begierig, Lady Clarinda vorgestellt zu werden.

Benjamin sah etwas betrübt aus, als wir zum Major Fug-David fuhren.

Die Erinnerung, welche mir von den Personen und Ereignissen des Diners geblieben, ist ziemlich unklar. Ich entsinne mich nur, daß wir sehr lustig waren, als wenn wir schon lange alte Freunde gewesen. Ich entsinne mich, daß Madame Mirliflore in ihrer prachtvollen Toilette und in der Art und Weise, wie sie dem splendiden Diner des Majors Gerechtigkeit widerfahren ließ, hoch über allen andern stand. Ich erinnere mich des Majors junger Primadonna, deren Anzug noch extravaganter, deren Stimme noch schärfer geworden war. Ich erinnere mich des Majors selbst, der fortwährend unsere Hände küßte, fortwährend schöne Redensarten sagte und von Anfang bis zu Ende den alternden Don Juan spielte. Ich erinnere mich, daß der alte Benjamin vollständig aus dem Häuschen kam, sich vor Madame Mirliflore fürchtete, vor Lady Clarinda schämte, dem Major Unterwürfigkeit zeigte, beim Gesang der Primadonna Zahnschmerzen bekam und sich von ganzem Herzen nach Hause sehnte. Am deutlichsten steht Lady Clarinda vor mir. Ich entsinne mich jedes Wortes, das ich mit ihr gesprochen, als wenn es gestern gewesen wäre.

Ich sehe ihre Kleidung, ich höre ihre Worte Sie trug einfachen weißen Mousselin über weißem Atlas, ohne irgend welchen Besatz oder sonstige Verzierungen. Ein kleines weißes Band, vorn durch eine Diamant-Broche zusammengehalten. Sie war außergewöhnlich schön, dennoch hatte ihre Schönheit etwas von dem harten und eckigen Character, dem man so oft in der englischen Aristokratie begegnet, die Nase zu dünn, das Kinn zu vorstehend und zu scharf geschnitten, die hübschen großen grauen Augen voll Geist und Würde, jedoch der Sanftmuth und Zärtlichkeit entbehrend. Ihr Benehmen athmete den ganzen Reiz, welchen feine Erziehung mit sich bringt und dabei die leichte Unbefangenheit, welche das Gespräch mit ihr so angenehm und flüssig machte. Sie gab ein Bild einer vornehmen Frau, die vollkommen frei von Stolz und Aufgeblasenheit ist.

Wir unterhielten uns vortrefflich miteinander. Verabredeter Maßen war ich ihr als Mrs. Woodville vorgestellt. Noch ehe das Diner vorüber war, hatten wir einander versprochen, uns besuchen zu wollen.

Es fehlte mir nur noch die Gelegenheit, das Gespräch auf Mrs. Beanly zu bringen.

Spät Abends kam diese Gelegenheit.

Nach dem Gesang der Primadonna hatten wir uns in ein kleines Hinterzimmer zurückgezogen. Wir saßen nebeneinander, beide ganz allein in dem Gemach, ungehört und ungesehen von der Gruppe, die sich um das Piano gesammelt hatte. Zu meinem unaussprechlichen Vergnügen brachte Lady Clarinda das Gespräch auf Miserrimus Dexter. Dann ging die Unterhaltung ebenso natürlich auf Mrs. Beanly über.

Welche Belohnung wurde mir endlich zu Theil! Während ich jetzt an meinem Pult sitze, und schreibe, sinkt mir das Herz in der Brust, wie es mir an jenem nie vergessenen Abende sank. —

»Also sprach Dexter wirklich zu Ihnen von Mrs. Beanly?« rief Lady Clarinda. »Sie glauben nicht, wie Sie mich dadurch in Erstaunen setzen.«

»Darf ich fragen warum?«

»Er haßt sie! Als ich ihn das Letzte mal sah, wollte er mir nicht erlauben, ihren Namen auszusprechen. Es gehört dies zu seinen zahllosen Seltsamkeiten. Und doch sind sie beinahe für einander geschaffen, denn wenn Mrs. Beanly in Extase geräth, sagt und thut sie Dinge, deren Dexter in ähnlichem Zustande sich nicht zu schämen hätte. Ich bin neugierig, ob sie Ihnen gefallen wird.«

»Sie sind so gut gewesen, mich einzuladen, Sie zu besuchen, Lady Clarinda. Vielleicht habe ich das Vergnügen, Mrs Beanly in Ihrem Hause zu begegnen.«

Lady Clarinda lachte, als ob sie diese Idee amüsirte.

»Ich hoffe, daß Sie nicht warten werden, bis der Zufall es so fügt,« sagte sie. »Helena’s letzte Laune besteht darin, sich einzubilden, daß sie die Gicht hat. Sie hat sich nach einem böhmischen oder ungarischen Bade begeben, dessen Namen ich vergessen. Und was sie nachher beginnen wird, ist ganz unmöglich vorher zu sagen. Liebe Mrs. Woodville! Ist es Ihnen hier zu warm? Sie sind ganz bleich geworden.«

Ich hatte das selbst gefühlt. Die Abwesenheit der Mrs. Beanly hatte mir einen Schlag gegeben.

»Wollen wir in das andere Zimmer gehen?« « fragte Lady Clarinda.

In das andere Zimmer gehen hieß der Unterhaltung ein Ende machen. Dahin durfte ich es nicht kommen lassen. Es war ja immerhin noch möglich, daß Mrs. Beanlys Mädchen nicht mit nach Ungarn gegangen sei, oder den Dienst ihrer Herrin bereits verlassen habe. Das mußte ich jedenfalls noch in Erfahrung bringen. Ich rückte meinen Stuhl etwas vom Feuer ab und nahm einen Handschirm vom Tisch. Wenn noch mehr dergleichen Nachrichten kamen, war es besser, wenn ich mein Gesicht maskiren konnte.

»Ich danke Ihnen, Lady Clarinda. Mir war allerdings etwas heiß. Sie setzen mich wegen Mrs. Beanly in Erstaunen. Nach dem, was Mr. Dexter mir sagte -—«

»Oh, Mr. Dexter müssen Sie durchaus keinen Glauben schenken,« unterbrach mich Lady Clarinda. »Er liebt es, seine Hörer zu mystificiren und hat auch Sie ohne allen Zweifel irre geführt. Wenn alles, was ich vernommen, wahr ist, muß er mit Helena’s Seltsamkeiten und Capricen vertrauter gewesen sein, als die meisten Anderen ihrer Bekannten Beispielsweise belauschte er sie einst auf einem ihrer Abenteuer in Schottland, das mich lebhaft an Auber’s reizende Oper . . . Gott, wie heißt sie doch? . . . erinnert. Ich glaube, ich werde nächstens noch meinen eigenen Namen vergessen. Ich meine die Oper, in der die beiden Nonnen aus dem Kloster entwischen, um auf den Ball zu gehen. Hören Sie doch! — Ist das nicht seltsam? — Indem Augenblick, wo wir darüber sprechen, singt das gewöhnlich aussehende Mädchen die Castagnetten-Arie aus dem zweiten Akt. Major! — Bitte, sagen Sie mir doch . . . aus welcher Oper ist das Lied!«

Der Major war höchst mißgestimmt über die Unterbrechung.

»Pst! Pst! meine schöne Lady!« flüsterte er auf den Zehenspitzen in das Hinterzimmer tretend. »Aus dem »schwarzen Domino.« — Dann schlich er auf den Fußspitzen wieder zurück.

Ich hatte es ebenfalls gewußt, aber nicht die Kraft zum Sprechen gehabt. Wenn, wie ich vermuthete, das von Lady Clarinda erwähnte Abenteuer der Mrs. Beanly mit den geheimnißvollen Vorgängen am Morgen des 21. October zusammenhing, befand ich mich allerdings auf der Schwelle der wichtigen Entdeckung, der ich jede Stunde meines Lebens geweiht. Ich maskirte mit dem Handschirm mein Antlitz und sagte dann in dem ruhigsten Ton, dessen ich Herrin zu werden vermochte:

»Bitte, erzählen Sie mir doch das Abenteuer.«

Lady Clarinda fühlte sich geschmeichelt durch, mein eifriges Verlangen, die Geschichte hören zu wollen.

»Ich hoffe, daß meine kleine Erzählung sich des Interesses werth zeigen wird, das Sie die Güte haben, ihr zuzuwenden,« sagte sie. »Wenn Sie Helena doch kennten; es sieht ihr so ähnlich. — Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Geschichte von ihrem eigenen Mädchen habe. Sie hat ein neues Mädchen mit nach Ungarn genommen, das fremde Sprachen spricht; die alte Dienerin wurde mir unterdessen anvertraut. Ein förmlicher Schatz! Ich würde sehr glücklich sein, sie in meinem Dienst behalten zu können, wenn sie nicht einen Fehler hätte . . nur einen einzigen, sie heißt nämlich Phöbe. Doch nun zur Sache! Helena und Phöbe hielten sich nämlich in einem Landhause bei Edinburgh auf, das, wenn ich mich recht entsinne, Gleninch hieß. Die Besitzung gehörte jenem Mr. Macallan, der später angeklagt wurde, seine Frau vergiftet zu haben. . . Sie erinnern Sich vielleicht des scandalösen Vorfalls. — Doch fürchten Sie Sich nicht, meine Erzählung wird nichts damit zu thun haben; sie beschäftigt sich nur mit Helena Beanly. Eines Abends also, und zwar während ihres Aufenthalts in Gleninch, wurde sie von einigen englischen Freunden aufgefordert mit ihnen zu diniren. An demselben Abend fand in Edinburgh ein Maskenball statt. Den Namen des Wirthes habe ich aber wieder vergessen. Wenn dies Ereigniß in dem strengsittlichen Schottland überhaupt schon verpönt war, so wurde es noch mehr in den Augen des Publikums, weil es eine ziemlich bunt zusammengewürfelte Gesellschaft sein sollte. Damen von zweifelhaftem Ruf, und Gentleman, die ganz damit zufrieden waren. Helena’s Freunde hatten trotzdem nicht der Versuchung widerstehen können, sich Einlaßkarten zu verschaffen und vertrauten dann dem Schutz ihrer Masken. Helena war natürlich auch zur Theilnahme aufgeforden worden, und da grade eine wilde Laune über sie kam, nahm sie sich vor, derselben Folge zu leisten. Es kam ja nur darauf an, das Abenteuer in Gleninch nicht bekannt werden zu lassen, da Mr. Macallan ein äußerst strenger Sittenrichter war und die Ansicht ausgesprochen hatte, daß jede Lady, die einen solchen Ball besuchte, ihres guten Rufes verlustig ginge. Helena fädelte die Sache aber ganz geschickt ein. Sie fuhr von Gleninch zum Diner nach Edinburgh, nachdem sie Phöbe bereits dahin vorausgesandt. Als das Essen vorüber und es Zeit war, wieder nach Hause zu fahren, setzte sie ihr Mädchen in die Kutsche und ließ es, statt ihrer, nach Gleninch zurückkehren. Die Täuschung konnte dadurch ermöglicht werden, daß Phöbe Mantel, Hut und Schleier ihrer Herrin anlegte. Das Mädchen wurde dahin instruirt, daß es gleich nach seiner Ankunft die Treppe hinauflaufen solle, nachdem als Entschuldigung, einen von Helena selbst geschriebenen Zettel auf den Flurtisch gelegt habe. Herrin und Dienerin waren von gleicher Größe, so daß das Gesinde in Gleninch leicht getäuscht wurde. Phöbe gelangte unangefochten in das Zimmer der Mrs. Beanly. Hier hatte sie die Weisung zu warten, bis das Hans zur Ruhe gegangen sei, und dann sich zu ihrem eigenen Zimmer hinabzuschleichen. Während des Wartenes schlief das Mädchen jedoch ein und wachte erst um zwei Uhr morgens oder noch später wieder auf. Schnell ging sie auf den Fußspitzen hinaus und zog die Thüre hinter sich zu. Noch ehe sie am Ende des Corridors war, kam es ihr vor, als wenn sie ein Geräusch hörte. Sie wartete eine Weile und blickte dann verstohlen und unbemerkt nach oben. Da gewahrte sie Dexter auf den Händen umherhüpfend und durch die Schlüssellöcher guckend, zweifelsohne in der Absicht, die Person zu entdecken, welche um 2 Uhr morgens daß Zimmer verlassen, und ebenso zweifelsohne Phöbe, welche vergessen Mrs. Beanly’s Hut und Mantel abzunehmen, für deren Herrin haltend. Am andern Morgen in aller Frühe kehrte Helena in einem Miethsfuhrwerk und in geborgtem Hut und Mantel nach Gleninch zurück. Sie stieg auf der Landstraße aus und gelangte durch den Garten unbemerkt in das Haus. Nun, hat die Geschichte nicht Aehnlichkeit mit dem schwarzen Domino? — Am andern Tage fand das schreckliche Ereigniß der Vergiftung statt. — Aber Sie werden schon wieder bleich, liebe Mrs. Woodville. Es ist zu heiß im Zimmer. Nehmen Sie mein Riechfläschchen; ich will ein Fenster öffnen.«

»Bitte, lassen Sie mich hinaus in die frische Luft, und sagen Sie nichts!« konnte ich nur mit Mühe hervorbringen.

Ich gelangte auch unbemerkt auf den Flur und setzte mich auf eine Treppenstufe, um mich ein wenig zu erholen. Einige Minuten darauf fühlte ich eine sanfte Hand auf meiner Schulter und erblickte Benjamin, der traurig auf mich herabsah.

Lady Clarinda hatte ihn meinetwegen in Kenntniß gesetzt und ihn gebeten, mir seinen Beistand angedeihen zu lassen.

»Mein liebes Kind, was ist Ihnen?« flüsterte er mir zu.

»Bitte, bringen Sie mich nach Hause, dann will ich Ihnen Alles erzählen.« Mehr vermochte ich nicht zu sagen.



Kapiteltrenner

Drittes Kapitel.

Ein Probestück meiner Weisheit.

Zwei Tage waren seit Major Fitz-Davids Diner vergangen. Ich hatte mich nach der Zerstörung aller meiner Pläne für die Zukunft, nach der Vernichtung aller meiner Hoffnungen wieder ein wenig erholt.

Ich erkannte nun ganz deutlich, daß ich in übereilter Weise ein unschuldiges Weib in Verdacht gehabt, und daß ich gleichzeitig die flüchtigen und oberflächlichen Schlüsse Dexters für absolute Wahrheiten genommen.

Ich schämte mich meiner selbst, wenn ich an die Vergangenheit dachte, ich fühlte mich total entmuthigt und des Selbstbewußtseins bar, wenn die Zukunft vor meinen geistigen Blick trat. Ich war so tief gedemüthigt und niedergedrückt, daß ich zum ersten Male freundlich gebotenen Rath annahm.

»Mein liebes Kind,« sagte der gute alte Benjamin, nachdem ich ihm mein ganzes Herz ausgeschüttet. »Auch alledem, was Sie mir erzählt haben, kann ich aber dem Mr. Dexter nicht trauen. Versprechen Sie mir, daß Sie nicht eher wieder zu ihm gehen wollen, bis Sie vorher Jemand um Rath gefragt, der würdiger ist, ihn zu ertheilen, als meine geringe Wenigkeit.«

Ich gab ihm dies Versprechen, aber unter einer Bedingung.

»Wenn es mir nicht gelingt, jene Person zu finden,« sagte ich, »wollen Sie mir dann helfen?«

Benjamin gelobte mir, dies zu thun.

Am andern Morgen, als ich mir das Haar machte und meine Angelegenheiten die Revue passiren ließ, rief ich mir einen Entschluß ins Gedächtniß zurück, den ich vergessen, seit ich meines Gatten Prozeß gelesen; ich meine nämlich den Entschluß, wenn mir Miserrimus Dexter nicht von Nutzen sein könnte, ich mich an einen der beiden Fiscale wenden wollte, der Eustace’s Vertheidigung vorbereitet hatte, nämlich Mr. Playmore. Wie sich der Leser erinnern wird, hatte sich dieser Gentleman meinem Vertrauen empfohlen, als die Beamten des Sheriffs die Papiere meines Gatten durchsuchten. Auf die Zeugenaussage des Isaiah Schoolcraft zurückgehend, fand ich, daß Mr. Playmore von Miserrimus Dexter hereingerufen worden war, um Eustace mit Rath und That beizustehen. Er war daher nicht allein als Freund meines Mannes, sondern auch als persönlicher Bekannter von Mr. Dexter zu betrachten. Konnte ich einen besseren finden, um einiges Licht in die völlige Dunkelheit meines armen Lebens zu bringen? Benjamin billigte diesmal meinen Plan vollkommen und versprach mir, in der Ausführung desselben behilflich zu sein. Nach kurzer Zeit hatte ich bereits meinen Empfehlungsbrief an Mr. Playmore in Händen, vor dem ich mich dreist als Mr. Macallan’s zweite Frau präsentiren konnte.

Noch an demselben Abende begaben sich Benjamin und meine Wenigkeit mit der Eisenbahn nach Edinburgh. Vorsichtigerweise hatte ich einige Tage vorher an Miserrimus Dexter geschrieben, daß Geschäfte mich auf kurze Zeit von London abriefen, daß ich ihm aber sofort nach meiner Rückkehr das Resultat meiner Unterredung mit Lady Clarinda mittheilen würde.

Ariel brachte eine characteristische Antwort zurück:

»Mrs. Valeria! Ich bin ein Mann von schneller Auffassungsgabe, und ich vermag daher die ungeschriebenen Zeilen Ihres Briefes ebenso gut zu entziffern als die geschriebenen. Sehr gut! Ich verpflichte mich, Ihr Vertrauen zu Lady Clarinda zu erschüttern. Unterdessen fühle ich mich nicht beleidigt. In ernster Fassung erwarte ich die Ehre Ihres nächsten Besuches. Telegraphiren Sie mir, ob Sie wieder Trüffeln oder irgend eine leichte Speise genießen wollen. Für immer Ihr Verbündeter und Bewunderer, Ihr Poet und Koch — Dexter.«

In Edinburgh angelangt hatte ich mit Benjamin ein kleines Zwiegespräch.

Es handelte sich nämlich darum, ob ich allein oder in seiner Begleitung zu Mr. Playmore gehen sollte. Wir entschieden uns bald für das Erstere.

»Meine Welterfahrung ist allerdings keine große,« sagte ich, »aber ich habe die Bemerkung gemacht, daß in 9 Fällen unter 10 ein Mann einem Weibe stets Concessionen machte, wenn es ihm allein nahte. War es jedoch in Begleitung eines andern Mannes, habe ich fast immer gesehen, daß er zurückhaltend war und sich besann. Fällt mein erster Besuch bei Mr. Playmore nicht nach Wunsch aus, dann kann der zweite ja noch immer in Ihrer Begleitung gemacht werden.« — Diesen Argumenten hatte mein alter Freund beigepflichtet.

Ich sandte meinen Empfehlungsbrief an das Bureau des Mr. Playmore, dessen Privatwohnung in der Nähe von Gleninch lag..

Mein Bote brachte die höfliche Antwort zurück, daß mein Besuch ihm sehr angenehm sein werde. Pünktlich zu der bestimmten Stunde zog ich an der Klingel seines Bureau’s.



Kapiteltrenner

Viertes Kapitel.

Ein Probestück meiner Thorheit.

»Ich habe die Ehre ein alter Freund von Mr. Macallan zu sein,« mit diesen Worten empfing mich Mr. Playmore, indem er mir die Hand reichte; »und ich freue mich außerordentlich, jetzt auch die Bekanntschaft seiner Frau zu machen. Bitte, nehmen Sie doch Platz. Ist dies Ihr erster Besuch in Edinburgh? Ich, werde mich bemühen, Ihnen den Aufenthalt so angenehm wie möglich zu machen. Vielleicht gestatten Sie mir, daß ich Ihnen auch meine Frau vorstelle. Wir bleiben jetzt eine Weile in Edinburgh. Die italienische Oper ist hier; wir haben für heute Abend eine Loge. Wollen Sie bei uns speisen und uns dann in’s Theater begleiten?«

»Sie sind sehr gütig,« antwortete ich; »aber ich bin jetzt grade in niedergedrückter Stimmung und würde für Mrs. Playmore eine schlechte Gesellschafterin sein. Wie mein Brief Ihnen angedeutet, möchte ich weit lieber in sehr ernster Angelegenheit mit Ihnen sprechen.«

»Hm!« machte er. »Die Wahrheit zu gestehen, habe ich Ihren Brief noch gar nicht zu Ende gelesen. Verzeihen Sie mir diese Flüchtigkeit. Ein anderes Geschäft brachte mich davon ab. Also wirklich eine juridische Consultation?«

»Leider ja, Mr. Playmore! Ich befinde mich in einer sehr peinlichen Situation und bin hierhergekommen, Sie über höchst ungewöhnliche Dinge um Rath zu fragen. Sie werden erstaunen, wenn ich Ihnen sage, um was es sich handelt.«

»Ich stelle mich ganz zu Ihrer Verfügung,« « sagte Mr. Playmore. »Was kann ich für Sie thun, Mrs. Macallan?«

Die Freundlichkeit, mit der mir entgegengekommen wurde, ermuthigte mich, und ich erzählte ihm frei und offen meine seltsame Geschichte, ohne den leisesten Rückhalt.

Mr. Playmore hatte mir mit großer Aufmerksamkeit zugehört. Meine Trennung von Eustace betrübte ihn, mein Entschluß, gegen das schottische Verdict aufzutreten und mein ungerechter Verdacht gegen Mrs. Beanly riefen erst seine Heiterkeit hervor und dann sein Erstaunen. Die größte Wirkung übte ich aber auf sein Gemüth durch die Erzählung meines Besuches bei Miserrimus Dexter und meiner Unterhaltung mit Lady Clarinda. Ich sah ihn die Farbe wechseln. Dann murmelte er, als wenn er meine Anwesenheit ganz vergessen:

»Großer Gott! Könnte es denn möglich sein? — Sollte die Wahrheit dennoch gelogen haben?«

Ich nahm mir die Freiheit, ihn zu unterbrechen.

»Es scheint mir, als wenn ich Sie in Erstaunen gesetzt,« sagte ich.

Bei dem Ton meiner Stimme schreckte er zusammen.

»Ich bitte tausendmal um Entschuldigung« rief er aus. »Sie haben mich nicht allein in Erstaunen gesetzt, Sie haben meinen Gedanken einen ganz neuen Weg eröffnet. Ich bringe in diesem Augenblick mit dem Giftmorde in Gleninch eine Idee in Verbindung, die mir bisher noch nicht aufgestoßen. Das sind ja schöne Geschichten,« fuhr er dann in seinen alten Humor zurückfallend fort; hier bringt der Client seinen Advokaten auf die rechte Spur. Meine liebe Mrs. Macallan wie steht jetzt eigentlich die Sache. — Bedürfen Sie meines Rathes, oder bedarf ich des Ihren

»Wollen Sie mir vielleicht die neue Idee mittheilen die Ihnen gekommen?« fragte ich.

»Nicht in diesem Augenblick, wenn ich bitten darf,« entgegnete er. »Sie müssen gütigst meine nothwendige, geschäftliche Vorsicht berücksichtigen. Ehe wir daher weitergehen, gestatten Sie mir, erst noch einige Fragen an Sie richten zu dürfen.«

»Bitte, fragen Sie, Mr. Playmore.«

»Lassen Sie mich also bis zu dem Besuch zurückgehen den Sie mit Ihrer Frau Schwiegermutter bei Mr. Dexter machten. Ich glaube, Sie doch recht verstanden zu haben. Als Sie ihm zuerst mittheilten daß Sie Ihre eigenen Ideen über Eustaces erste Frau hatten, blickte er Sie mißtrauisch an, nicht wahr?«

»Sehr mißtrauisch.«

»Und sein Antlitz klärte sich wieder auf, als Sie erwähnten, daß Sie Ihre eigenen Ideen nur aus der Lesung des Prozesses geschöpft?«

»Ganz richtig.«

Mr. Playmore nahm ein Stück Papier aus der Schieblade seines Pultes, sann ein wenig nach und setzte einen Stuhl für mich dicht an seine Seite.

»Nun verschwindet der Advokat,« sagte er, »und der Mann nimmt dessen Stelle ein. Wir wollen keine professionellen Mysterien zwischen uns bestehen lassen. Als Ihres Gatten alter Freund fühle ich das lebhafteste Interesse für Sie. Ich muß Sie vor allen Dingen warnen, ehe es zu spät ist, obgleich ich dabei eine Gefahr laufe, der sich wenige Männer in meiner Stellung aussetzen würden. Ich setze das vollkommenste Vertrauen in Sie. Nun setzen Sie Sich hierher und blicken Sie über meine Schulter, während ich mir Bemerkungen mache. Wenn Sie mich schreiben sehen, werden Sie die Vorgänge in meiner Seele kennen lernen.«

Ich setzte mich und blickte über seine Schulter.

Er begann zu schreiben wie folgt:

»Der Giftmord in Gleninch — Frage: — In welcher Beziehung steht Mr. Dexter zu dem schrecklichen Ereigniß? Und was kann er muthmaßlicherweise darüber wissen?«

»Er birgt Geheimnisse in seiner Brust und er hegt Befürchtungen daß er dieselben verrathen habe, oder daß sie, auf ihm unbegreifliche Weise entdeckt worden seien. Er fühlt sich augenscheinlich erleichtert, wenn er glaubt, sich in seinen Befürchtungen getäuscht zu haben.«

Hier hielt die Feder inne, und Mr. Playmore legte mir neue Fragen vor.

»Kommen wir nun zu Ihrem zweiten Besuch,« begann er von neuem; »als Sie allein bei Mr. Dexter waren. Erzählen Sie mir noch einmal, was er that und wie er aussah, als Sie ihm sagten, daß Sie mit dem schottischen Verdict nicht einverstanden seien.«

Ich wiederholte, was ich bereits in diesen Zeilen niedergelegt.

Nachdem ich geendet, schrieb die Feder folgende Zeilen:

»Er hört, daß eine ihn besuchende Person das schottische Verdict im Prozeß Macallan nicht als ein endgültiges anerkennt. Was thut er darauf?«

»Er stellt alle Symptome panischen Schreckens zur Schau! er sieht sich in Gefahr; in einem Moment übermannt ihn der Zorn, im andern wird er feig und demüthig. Er will und muß wissen, welches die eigentliche Absicht der ihn besuchenden Person ist. Wenn er über diesen Punkt aufgeklärt ist, erbleicht er tödtlich und beginnt an seinen eigenen Sinnen irre zu werden. Darauf sagt er seinem Besuche auf den Kopf zu, daß dieser Jemand in Verdacht habe. Welche Frage drängt sich hier auf: Wenn man kleine Summen Geldes in einem Haushalt vermißt und die Dienerschaft zusammengerufen und ihr das Ereigniß mitgetheilt wird, was denken Sie von dem einzelnen Dienstboten der zuerst spricht und fragt: »Haben Sie mich vielleicht in Verdacht?«

Mr. Playmore legte die Feder abermals nieder.

»Ist das richtig?« fragte er.

Ich begann jetzt den Zweck des Schreibens einzusehen, Anstatt seine Frage zu beantworten bat ich ihn, mir die Erklärungen zu geben, welche noch gefehlt hatten, um mich zu überzeugen.

Mr. Playmore unterbrach mich, indem er warnend den rechten Zeigefinger hob.

»Noch nicht« sagte er. — »Sagen Sie mir, ob ich bis hierher Recht habe.«

»Vollkommen recht.«

»Schön Nun erzählen Sie mir, was zunächst geschah. — Wenn Sie Sich auch wiederholen; das schadet nichts. Ich bitte um alle Details, von Anfang bis zu Ende.«

Ich kam seinem Wunsche nach.

Mr. Playmore schrieb nun, zum dritten und letzten Mal, Folgendes:

»Er wird indirect dahin beruhigt daß er nicht die beargwöhnte Person sei. Er stößt einen langen erleichternden Seufzer aus; er wünscht eine Weile allein zu sein, unter dem Vorwande, daß die Unterhaltung ihn zu sehr aufgeregt habe. Als der Besuch wieder vorgelassen wird, hat Dexter währenddessen getrunken. Der Besuch kommt auf das alte Thema zurück . . . . nicht Dexter. Der Besuch hat die Ueberzeugung gewonnen, daß Mrs. Eustace Macallan durch einen Giftmörder gestorben ist und spricht dies offen aus. Dexter sinkt halb ohnmächtig in seinen Stuhl zurück. Das Entsetzen des Schuldbewußtseins hat ihn erfaßt. — Und wie befreit er sich wieder von den Einflüssen des Schreckens? Er flieht von einem Extrem zum andern und fühlt sich außerordentlich glücklich darüber, daß der Besuch seinen Verdacht auf eine abwesende Person gelenkt. Schließlich spricht er aus, daß, er von vornherein denselben Verdacht gehabt als sein Besuch. Dies sind Facta. Zu welchem Schluß führen sie uns?«

Er legte seine Notizen fort und betrachtete mein Antlitz, in der Erwartung, daß ich zuerst sprechen solle.

»Ich verstehe Sie, Mr. Playmore,« begann ich. »Sie glauben, daß Mr. Dexter —«

Sein warnender Zeigefinger unterbrach mich abermals-.

»Sagen Sie mir,« begann er dann, »wie Dexter sich äußerte, als er Ihrer Ansicht über Mrs. Beanly beistimmte.«

»Er sagte: »Da bleibt kein Zweifel mehr. Mrs Beanly hat sie vergiftet.«

»Und ich,« entgegnete der Advokat, »kann seinem guten Beispiele nur folgen und sagen: »Mr. Dexter hat sie vergiftet.«

»Scherzen Sie, Mr. Playmore?«

»Ich habe niemals in heiligerem Ernst gesprochen. Ihr vorschneller Besuch bei Dexter und Ihre kaum begreifliche Unklugheit, den Menschen in Ihr Vertrauen zu ziehen, hat zu den überraschendsten Resultaten geführt. Das Licht, das die berühmtesten Juristen Schottlands vergebens bemüht waren, auf den Giftmord in Gleninch zu werfen, ist durch einen Zufall durch eine Dame dorthin gelenkt worden, welche allen Vernunftgründen spottete und ihren eigenen, scheinbar unvernünftigen Weg gehen wollte. Fast unglaublich und dennoch vollkommen wahr.

»Unmöglich!« rief ich aus.

»Was ist umnöglich?« fragte der Advokat kühl.

»Daß Mr. Dexter meines Gatten erste Frau vergiftet.«

»Und weshalb dürfte das unmöglich sein? wenn ich fragen darf!«

Ich war beinahe wüthend aus Mr. Playmore geworden.

»Können Sie mir die Frage beantworten?« entgegnete ich indignirt. »Ich erzählte Ihnen, daß Mr. Dexter mit Achtung und Zuneigung, von Mrs. Macallan gesprochen. Er verehrt sie noch in der Erinnerung. Ich verdanke meine freundliche Aufnahme bei ihm nur der Aehnlichkeit, welche meine Figur mit der der Verstorbenen haben soll. Ich habe Thränen in seinen Augen gesehen; ich habe seine Stimme zittern gehört, wenn er von ihr sprach. Mr. Dexter mag der Schlechteste aller Menschen sein; aber mit Mrs. Macallan meinte er es gut. Es giebt Merkmale, durch die sich ein Weib niemals täuschen läßt, wenn ein Mann zu ihr von Herzensangelegenheiten redet. Ich habe jene Merkmale gesehen. Ebenso gut kann ich auch den Mord begangen haben, als er es that. Es thut mir leid, daß ich meine Meinung der Ihrigen entgegensetzen muß, Mr. Playmore; aber ich kann nicht anders. Ich muß Ihnen offen gestehen, daß ich beinahe böse auf Sie bin.«

Der Advokat schien eher angenehm berührt, als beleidigt zu sein.

»Meine theure Mrs. Eustace, Sie haben auch nicht den geringsten Grund, mir zu zürnen,« sagte er. »Ich theile ja eigentlich Ihre Ansicht, nur mit dem Unterschiede, daß ich noch etwas weiter gehe als Sie.«

»Ich verstehe Sie nicht.«

»Das wird sofort anders werden. Sie beschreiben Mr. Dexters Gefühl für die verstorbene Mrs. Macallan als ein glückliches Gemisch von Achtung und Zuneigung. Ich sage Ihnen aber, daß jenes Gefühl ein weit wärmeres war. Ich habe meine Information von der unglücklichen Dame selbst, welche mich Jahre lang mit ihrer Freundschaft und ihrem Vertrauen beehrte. Ehe sie Mr. Macallan heirathete, war Mr. Dexter in sie verliebt, ein Umstand, welcher Eustace jedoch verborgen blieb. Miserrimus Dexter hielt, trotz seiner schrecklichen Verkrüppelung, ganz ernsthaft um ihre Hand an.«

»Und dennoch behaupten Sie, daß er die Arme vergiftet habe!« rief ich mit Indignation.

»Dennoch behaupte ich es. Ich finde keinen anderen Schluß, nach dem, was Sie mir erzählt. — Sie erschreckten ihn bis zur Ohnmacht. Wovor sollte er sich denn sonst gefürchtet haben?«

Ich war in der That um eine Antwort verlegen.

»Mr. Dexter ist ein alter und treuer Freund meines Gatten,« begann ich endlich. »Als er mich sagen hörte, daß ich mich bei dem Verdict nicht beruhigen könnte, beunruhigte er sich vielleicht Eustaces wegen . . . «

»Ah so!« unterbrach mich Mr. Playmore ironisch. »Er beunruhigte sich Ihres Gatten wegen, weil er die Folgen der Wiedereröffnung des Prozesses für ihn fürchtete. Dieser Ausspruch stimmt mit dem Glauben an Ihres Mannes Unschuld nicht recht überein. Wollen Sie gefälligst Ihren Kopf von einem Irrthum befreien,« fuhr er dann, ernster werdend, fort, »welcher Sie im Verlauf Ihrer ferneren Nachforschungen bedeutend mißleiten könnte. Glauben Sie meinem Wort, Miserrimus Dexter hörte an demselben Tage auf, Eustaces Freund zu sein, als dieser seine erste Frau heirathete. Dexter hat im Geheimen und im Oeffentlichen stets für seine Biederkeit zu wirken gewußt. Seine Zeugenaussage zu Gunsten seines Freundes wurde mit dem tiefen, überzeugenden Gefühl abgegeben, das Jedermann ihm zutraute. Dennoch bin ich der festen Ansicht, daß Mr. Macallan keinen grimmigeren Feind auf der weiten Erde hat, als Miserrimus Dexter.«

Mir wurde ganz kalt. Hier fühlte ich wenigstens, daß er Recht hatte. Mein Gatte hatte das Weib gewonnen, welches Dexters Hand zurückgewiesen. War Dexter der Mann, dies vergeben zu können? Meine eigene Erfahrung antwortete mir: Nein!«

»Beherzigen Sie, was ich Ihnen gesagt habe,« fuhr Mr. Playmore fort, »und nun lassen Sie uns Ihre eigene Stellung in dieser Angelegenheit näher ins Auge fassen. Vor allen Dingen bitte ich Sie, vorläufig meinen Rath anzunehmen, er wird, mit Ihrem Glücke vereint, schneller zur Enthüllung der Wahrheit führen. Ich bin vollständig davon überzeugt, daß Miserrimus Dexter der Mann ist, welcher, anstatt Ihres Gatten, wegen des Giftmordes in Gleninch hätte vor Gericht stehen müssen. Da seitdem schon eine geraume Zeit vergangen, bleibt uns nichts weiter übrig, als uns genau an die Zeugenaussagen zu halten. Es kommt vor allen Dingen darauf an, die Meinung des Publikums umzustimmen. Der Glaube desselben an Ihres Gatten Unschuld kann nur dadurch hergestellt werden, daß man es von Mr. Dexters Schuld überzeugt. Wie wollen Sie zu diesem Resultat gelangen? In den Akten des Prozesses findet sich auch nicht ein Atom von Verdacht gegen ihn. Wenn Sie Dexter überführen wollen, kann es nur durch sein eigenes Geständniß geschehen.«

Wenn der Mann Recht hatte, waren wir jetzt allerdings vor dem Ziele angekommen. Aber, so sehr ich auch die Ueberlegenheit seines Urtheils anerkannte, konnte ich selbst nicht die Ueberzeugung gewinnen, daß er Recht hatte. Ich konnte nicht umhin, ihm dies offen zu gestehen.

Er lächelte gutmüthig.

»Ist-i jedem Fall werden Sie mir zugestehen, s daß Dexter Ihnen nicht die volle Wahrheit gesagt,« bemerkte Mr. Playmore, »und daß er Ihnen etwas vorenthält, in dessen Entdeckung Sie ein großes Interesse setzen.«

»Ja, das gebe ich zu.«

»Schön! Und ich behaupte-, daß das, was er Ihnen vorenthält, eben das Geständniß seiner Schuld ist. Sie haben mir erzählt, daß er Ihnen auch noch die Instruktion schuldig ist, welche zur Ueberführung eines anderen Schuldigen leiten soll. Also Geständniß oder Instruktion, wie wollen Sie eines von beiden erlangen?«

»Vielleicht durch Ueberredung.«

»Und wenn diese fehlschlägt? Glauben Sie, daß Sie ihn überlisten oder erschrecken können?«

»Wenn Sie einen Blick in Ihre Notizen thun wollen, Mr. Playmore, so werden Sie sehen; daß ich ihn bereits erschreckt habe, und zwar ohne es zu wollen.«

»Sehr schön. Was Sie einmal gethan haben, dürfte Ihnen aber nicht zum zweiten Mal gelingen. Wenn Sie jedoch entschlossen sind, das Experiment zu wiederholen, so wird es Ihnen nicht schaden können, wenn Sie noch etwas mehr über Mr. Dexters Character und Temperament erfahren, als Sie bis jetzt wissen. Was meinen Sie, wenn wir uns nach einem Bundesgenossen umsähen?«

Ich blickte erschreckt um mich; denn nach seiner Rede zu urtheilen, mußte die Person, die er meinte, ganz in unserer Nähe sein.

»Erschrecken Sie nicht,« sagte er. »Das Orakel ist stumm und das Orakel ist hier.«

Er schloß eine Schublade auf, nahm ein Paquet Briefe aus derselben und suchte einen davon heraus.

»Als wir die Vertheidigung für Ihren Gatten aufstellten,« sagte er, »machte es uns einige Schwierigkeit, Miserrimus Dexter überhaupt als Zeugen zu bekommen. Es lag ja, wie ich Ihnen bereits gesagt, nicht der geringste Verdacht gegen ihn vor. Wir fürchteten aber seine Excentricität, und daß er durch die Aufregung vollständig in Wahnsinn gerathen könne. In dieser Verlegenheit wandten wir uns an einen Arzt, und führten diesen unter irgend einem Verwende bei Dexter ein. Nach einiger Zeit erhielten wir sein schriftliches Gutachten. Hier ist es.«

Er öffnete den Brief, bezeichnete mir eine Stelle und ließ mich dieselbe lesen.

»Das wird uns vollständig genügen,« sagte er.

Ich las folgende Worte:

»Die Summe meiner Beobachtungen läßt sich dahin zusammenfassen, daß unzweifelhaft starke periodische Ueberspanntheit vorhanden. Wirkliche Symptome von Wahnsinn habe ich indessen nicht zu entdecken vermocht. Ich glaube, Sie können ihn dreist sein Zeugniß abgeben lassen. Wenn auch etwas Närrisches dazwischen laufen sollte, so werden Sie mindestens eben so viel Wahrheit erfahren, und es wird die Sache der Richter und Geschworenen sein, die Spreu von dem Weizen zu sichten. Für die Zukunft kann ich natürlich nicht einstehen. Mein Gutachten gilt nur für die Gegenwart. Daß er im Wahnsinn sterben wird, ist wohl wahrscheinlich. Wann aber dieser Wahnsinn eintritt, ist nicht zu bestimmen. Es dürfte dies von dem Zustand seiner Gesundheit abhängen. Sein Nervensystem ist im höchsten Grade erregt, wahrscheinlich durch ein wechselvolles, seltsames Leben. Wenn er seine Gewohnheiten änderte, und sich namentlich mehrere Stunden des Tages in freier Luft bewegte, würde er vielleicht ein hohes Alter erreichen können. Wenn er dagegen bei seinen jetzigen Gewohnheiten beharrt, und wenn sein Nervensystem noch bedeutenden Aufregungen ausgesetzt sein sollte, würde unfehlbar der Wahnsinn mit dem Culminationspunkt dieser Erregungen zusammen treffen. Der Eintritt dieses Wahnsinns wird in beregtem Falle augenblicklich geschehen. Eine Heilung ist dann nicht mehr möglich. Wenn das Gleichgewicht einmal verloren ist, wird es in diesem Leben nicht mehr herzustellen sein.«

Nachdem ich also gelesen, legte Mr. Playmore den Brief wieder in sein Pult.

»Das ist die Ansicht einer unserer bedeutendsten Autoritäten,« sagte er. »Scheint Ihnen Dexter nun der Mann zu sein, der so leicht sein Nervensystem der Chance einer Entdeckung opfern sollte? Sehen Sie keine bedeutenden Schwierigkeiten auf Ihrem Wege?«

Mein Schweigen antwortete ihm.

»Gesetzt, Sie kehrten zu Dexter zurück,« fuhr er fort, »und gesetzt, daß des Doctors Meinung die Gefahr übertrieben habe; was würden Sie dann thun? Als Sie ihn das letzte Mal sahen, hatten Sie den bedeutenden Vortheil der Ueberraschung. Seine leicht erregbaren Nerven gaben, dem Angriff nach, und er verrieth die Furcht, die Sie ihm einflößten. Jetzt ist er vorbereitet und auf seiner Hut. Wenn Sie nichts Schlimmeres begegnen, werden Sie es das nächste Mal mit seiner Schlauheit zu thun haben. Sind Sie ihm darin ebenbürtig? Und was Mrs. Beanly betrifft, so hat er Sie jedenfalls mit Bedacht irre geführt.«

»So weit ich es beurtheilen kann, sagte er mir die Wahrheit«, entgegnete ich, noch immer in meiner schwächlichen Opposition befangen. »Was er mir von dem Corridor in Gleninch erzählt, hat er jedenfalls wirklich gesehen.«

»Er erzählte Ihnen aus dem Grunde die Wahrheit,« antwortete Mr. Playmore, »weil er schlau genug war, zu bemerken, daß diese Wahrheit ihm dazu dienen werde, Sie noch weiter irre zu führen, und Ihren Verdacht abzulenken. Denn Sie glauben doch nicht, daß er Ihre Beargwöhnung theilte?«

»Weshalb nicht?« sagte ich, »er wußte ebenso wenig, was Mrs. Beanly in jener Nacht begangen, als ich es wußte, bis ich Lady Clarinda gesprochen. Jedenfalls bleibt zu beobachten ob er ebenso erstaunt sein wird als ich es war, wenn ich ihm erzähle, was Lady Clarinda mir erzählt.«

Diese einfache Antwort brachte einen Effekt hervor, den ich nicht erwartet hatte.

Zu meinem nicht geringen Erstaunen ließ Mr. Playmore plötzlich jede weitere Diskussion über die Sache fallen. Er schien daran zu verzweifeln mich überzeugen zu können.

»Also Alles, was ich Ihnen gesagt habe, war nicht im Stande, Sie meiner Ansicht zuzuwenden?« sagte er.

»Ich besitze nicht Ihre Geschicklichkeit und Ihre Erfahrung,« antwortete ich, »es thut mir leid, Ihnen sagen zu müssen, daß ich nicht denken kann, wie Sie es thun.«

»So sind Sie also wirklich entschlossen, Mr. Dexter noch einmal zu besuchen?«

»Ich habe es ihm versprochen.«

»Sie haben mich um meinen Rath gebeten,« sagte er nach einer kleinen Pause, »so rathe ich Ihnen denn ernstlich, Ihre Verbindungen mit Mr. Dexter abzubrechen. Ja, ich gehe noch weiter; ich beschwöre Sie, Mr. Dexter nicht wiederzusehen.«

Dasselbe, was meine Schwiegermutter sagte! Dasselbe, was Benjamin und Major Fitz-David mir gerathen! Sie waren Alle gegen mich. Wenn ich auf meine Halsstarrigkeit zurückblicke, muß ich selbst erstaunen. Ich fühle mich auch beschämt, zu gestehen, daß ich Mr. Playmore keine Antwort gab, obgleich er auf dieselbe zu warten schien. Ich erhob mich von meinem Stuhl und stand mit niedergeschlagenen Augen vor ihm. Er stand ebenfalls auf; er fühlte, daß die Conferenz zu Ende war.

»Schön!« sagte er, mit einem Gemisch von Traurigkeit und Laune. »Wie konnte ich denn auch erwarten daß eine junge Dame, wie Sie, und ein alter Advokat, wie ich, derselben Meinung sein würden. Lassen Sie mich nur noch die Bitte hinzufügen unsere Unterhaltung vorläufig als Geheimniß zu betrachten; dann wollen wir zu etwas Anderem übergehen. Kann ich Ihnen noch in irgend einer Weise dienlich sein? Sind Sie allein in Edinburgh?«

»Nein, ein alter Freund hat mich begleitet.«

»Bleiben Sie morgen noch hier?«

»Ich denke wohl.«

»Wollen Sie mir den Gefallen thun, unser Gespräch noch einmal zu durchdenken, und mich morgen früh noch einmal zu besuchen?«

»Sehr gern, Mr. Playmore. Vorläufig nehmen Sie meinen Dank für Ihre Güte.«

So schieden wir.

Der gute Mann seufzte, als er mir die Thüre öffnete. Die Weiber sind recht seltsame Geschöpfe! Dieser Seufzer rührte mich mehr, als alle seine Argumente. Ich fühlte, daß ich erröthete, als ich ihm den Rücken wandte und auf die Straße hinaustrat.



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Fünftes Kapitel.

Gleninch.

Ich fand Benjamin im Hotel, eine illustrirte Zeitung in der Hand, und bemüht einen Rebus zu rathen.

Mein alter Freund war nämlich ein großer Liebhaber von diesen Bilderräthseln und oft so in dieselben vertieft daß es, bei gewöhnlichen Gelegenheiten, zu den größten Schwierigkeiten gehörte, seine Aufmerksamkeit davon abzulenken.

In diesem Falle aber überwog das Interesse, das Resultat der Unterredung mit dem Advocaten zu hören, seine alte Gewohnheit.

Er legte die Zeitung schnell aus der Hand und fragte mich, was es Neues gäbe.

Ich erzählte es ihm, indem ich selbstverständlich das Vertrauen, welches Mr. Playmore in mich gesetzt, in keiner Weise mißbrauchte. Der entsetzliche Verdacht gegen Miserrimus Dexter kam nicht über meine Lippen.

»Aha!« sagte Benjamin schmunzelnd.

»Der Advocat hat also dieselbe Ansicht wie ich. Wenn Sie mir nicht geglaubt haben, werden Sie hoffentlich ihm glauben.«

»Es thut mir leid, Sie enttäuschen zu müssen,« antwortete ich. »Leider ist es mir nicht gegeben, von meinen Freunden Rath annehmen zu können. Ich möchte so gern ein leicht lenkbares, vernünftiges Frauenzimmer sein. Aber es lebt etwas in mir, das sich nicht belehren lassen will. Ich fürchte, daß ich noch einmal, Mr. Dexter gehen werde.«

Jetzt verlor selbst Benjamin seine Geduld mit mir.

»Ja, ja,« sagte der alte Mann. »Sie waren schon als Kind nicht zu regieren, und mit den zunehmenden Jahren wird man nicht weicher. Wenn wir doch lieber in London geblieben wären.«

»Ich bereue die Fahrt nicht,« entgegnete ich. »Da wir nun einmal hier sind, wollen wir auch in Augenschein nehmen, was ich sonst wohl nie zu sehen bekommen hätte. Meines Gatten Landhaus ist nur wenige Meilen entfernt, morgen wollen wir nach Gleninch fahren.«

»Wo die arme Lady vergiftet wurde?« fragte Benjamin mit einem mißbilligenden Blick.

»Ja, ich muß das Zimmer sehen, in dem sie gestorben ist. Ich Muß das ganze Haus in Augenschein nehmen.«

Benjamin ließ die Hände resignirt in den Schooß sinken.

»Ich verstehe die neue Generation nicht mehr,« sagte er traurig, »aber in das Unvermeidliche muß der Mensch sich fügen.«

Ich theilte Mr. Playmore meinen beabsichtigten Besuch in Gleninch brieflich mit. Das Haus, in welchem sich die entsetzliche Tragödie abgespielt, welche meines Mannes Leben vergiftet, flößte mir das größte, wenn auch entsetzliche Interesse ein.

Auf meinen Brief an Mr. Playmore erhielt ich die freundlichste Antwort: Wenn ich bis Nachmittag warten könnte, wollte er sein Bureau schließen und mich in seiner eigenen Equipage hinausfahren.

Die Halsstarrigkeit, welche mir Benjamin sonst immer zum Vorwurf machte, zeigte sich jetzt ebenfalls bei dem sonst so ruhigen Mann. Er hatte sich schon im Stillen vorgenommen, nicht mit nach Gleninch zu gehen. Er verlor aber kein Wort über die Angelegenheit. Erst, als Mr. Playmore's Wagen vor der Thüre hielt, erinnerte sich Benjamin eines alten Freundes, den er besuchen müsse, und bat mich, ihn für den Nachmittag entschuldigen zu wollen.

So fuhren wir also ohne ihn ab. Der Weg bis zu unserem Ziele bot wenig des Interessanten. Der Park von Gleninch war, von einem englischen Auge beurtheilt, wild und schlecht gehalten. Das Haus war in den letzten 70 oder 80 Jahren gebaut. Von außen machte es den Eindruck eines Gefängnisses. Die inneren Raume drückten das Gemüth, wie es alle Zimmer thun, die lange nicht bewohnt gewesen. Seit der Beendigung des Prozesses, also seit beinahe Jahren, hatte das Haus leer gestanden. Nur ein einziges Zimmer war von einem alten Ehepaar bewohnt, welches die Schlüssel hatte. Der Mann schüttelte schweigend den Kopf, als Mr. Playmore ihm befahl, die Thüren auszuschließen und das Tageslicht in die dunklen Räume fließen zu lassen. In der Bibliothek und der Gemälde-Gallerie brannte Kaminfeuer damit Bücher und Bilder nicht durch die Feuchtigkeit leiden sollten. Zu dem oberen Stockwerke emporsteigend, sah ich die Zimmer, welche mir schon durch die Lesung des Prozesses bekannt geworden waren. Ich besah das kleine Studirzimmer, welches mit dem Schlafgemache in Verbindung stand. Ich warf einen Blick in das Zimmer, in welchem die unglückliche Herrin von Gleninch gestorben war. Das Bett stand noch an seinem Platz, ebenso das Sopha, auf dem die Wärterin geschlafen. Da war auch der Tisch, auf welchem Mrs. Macallan’s einfaches Mahl gestanden und auf dem sie ihre Gedichte niedergeschrieben. Die dicke, dumpfige Luft fiel mir schwer auf die Brust, als wenn sie noch das Entsetzen jenen längst vergangenen Tage athmete. Da war auch das Schlafzimmer, an dessen Thüre Mr. Dexter gehorcht, dort war der Corridor, den er entlang gekrochen, um der vermeintlichen Mrs. Beanly zu folgen. Wohin ich auch blickte, schien mir eine Stimme entgegen zu rufen: »Wir kennen das Geheimniß des Giftmordes, aber wir verrathen es nicht.«

Ich konnte den Aufenthalt in dem traurigen Hause nicht länger aushalten und sehnte mich wieder nach frischer Luft. Mein Begleiter verstand mich und führte mich hinaus.

Im grauen Abenddunkel schlenderten wir nach dem verlassenen Garten und bahnten uns den Weg durch das verwilderte Gebüsch. Hinter dem Kuchengarten, in welchem nur ein kleiner Fleck für das alte Ehepaar bebaut war, kamen wir auf einen unbebauten Platz, der auf drei Seiten mit Bäumen bepflanzt war. In einer entfernten Ecke dieses Platzes bemerkten wir einen Gegenstand, den man an jedem anderen Orte eher vermutet hatte, denn hier. Es war ein Staub- und Schutthaufen. Der große Umfang desselben und die seltsame Stelle, die man ihm angewiesen, erregten flüchtig meine Neugier. Ich blieb stehen und blickte auf Staub und Asche, auf zerbrochenes Geschirr und altes Eisen. Dort lag ein zerrissener Hut und hier die halb verrotteten Fragmente alter Stiefel, dazwischen Papierstücke und Lumpen.

Mr. Playmore bemerkte das Interesse, welches ich dem Schutthaufen zuwandte.

»Ja dem sauberen England,« sagte er, würde man diese Augenbeleidigung längst hinweggeräumt haben. Wir Schotten sagen aber, so lange der Schmutz so weit entfernt ist, daß er nicht bis zum Hause riecht, braucht man seine Ruhe nicht zu stören. Alles, was Sie hier in Gleninch sehen, meine liebe Mrs. Macallan, ruft nach einer neuen Herrin. Wer weiß, wie bald Sie hier als Königin einziehen werden.«

»Ich werde diesen Ort nie wiedersehen,« entgegnete ich.

Niemals ist ein langer Tag,« sagte mein Begleiter, »und die Zeit birgt für jeden von uns Ueberraschungen in ihrem Schooße.«

Wir gingen schweigend durch den Park zurück und bestiegen den Wagen. Auf unserer Heimfahrt nach Edinburgh vermied Mr. Playmore jede fernere Unterhaltung über Gleninch. Er sah, daß mein Gemüth bedrückt war und versuchte mich zu erheitern.

Als wir kurz vor der Stadt waren, fragte er mich, wann ich nach London zurückkehren wolle.

»Morgen mit dem Frühzuge,« antwortete ich.

»Und ihre Pläne? Sind sie dieselben geblieben?«

»Ich fürchte, ja, Mr. Playmore. Ich bin vielleicht noch zu jung, um klug sein zu können, und so vermag ich denn nur, Um Ihre Nachsicht zu bitten.«

Er lächelte und streichelte meine Hand, dann wurde er plötzlich wieder sehr ernst:

»Dies ist also das letzte Mal, daß ich vor Ihrer Abreise mit Ihnen spreche,« sagte er. »Darf ich ganz offen sein?«

»Ich bitte darum, Mr. Playmore.«

»Es ist nur wenig, was ich zu sagen habe, und dieses Wenige beginnt mit einem Worte der Vorsicht. Gehen Sie nie wieder allein zu Mr. Dexter, sondern nehmen Sie Jemand zur Begleitung mit.«

»Halten Sie die Besuche denn für gefährlich?«

»Nicht gerade im gewöhnlichen Sinne des Wortes. Ich denke nur, daß ein männlicher Begleiter besser geeignet sei, Miserrimus in seinen Schranken zu erhalten. Ferner, wenn ein unbedachtes Wort seinen Lippen entschlüpfen sollte, haben Sie gleich einen Zeugen bei sich. Der Umstand ist nicht zu unterschätzen. Schließlich seien Sie auf Ihrer Hut, wenn er die Unterhaltung wieder auf Mrs. Beanly lenkt.«

»Auf meiner Hut — gegen wen?«

»Die Praxis, meine liebe Mrs. Macallan, hat mir ein Auge für kleine menschliche Schwachheiten gegeben. Sie besitzen einen stark ausgeprägten Hang, auf Mrs. Beanly eifersüchtig zu sein. Wie leicht können Sie Sich also etwas vergeben, wie leicht können Sie in Ihren Beobachtungen beeinträchtigt werden, wenn Mr. Dexter jene Dame benutzt, um Sie irre zu führen. Spreche ich auch nicht zu frei?«

»Gewiß nicht. Es ist sehr entwürdigend für mich, auf Mrs. Beanly eifersüchtig zu sein. Meine Eitelkeit leidet bitter darunter Sie haben vollständig Recht.«

»Es freut mich, daß wir wenigstens in einem Punkte übereinstimmen,« entgegnete er trocken. »Deshalb verzweifle ich auch noch nicht, Sie in jener ernsten Sache überzeugen zu können.«

»Und, wenn Sie mir keine Hindernisse in den Weg legen, sehe ich mich sogar nach Dexter als einen Bundesgenossen um.«

Diese Aeußerung erregte meine Neugier, weil sie ein Räthsel in sich verschloß.

»Sie äußerten vorhin den Vorsatz, Mr. Dexter Alles wiederholen zu wollen, was Ihnen Lady Clarinda über Mrs. Beanly gesagt,« fuhr er fort. »Und Sie gaben Sich dem Glauben hin, daß er darüber ebenso in Erstaunen gerathen würde, als es bei Ihnen selbst der Fall war. Ich möchte Ihnen eine Prophezeihnng aussprechen, indem ich Ihnen sage, daß Dexter Sie enttäuschen wird. Weit entfernt davon, Ihnen sein Staunen auszudrücken, wird er Ihnen mit frecher Stirn erzählen, daß Sie durch Angabe falscher Thatsachen dupirt worden seien, welche von Mrs. Beanly selbst, im Interesse der Verdeckung ihrer Schuld, in Umlauf gesetzt wären. Nun, antworten Sie mir, wenn er in dieser Weise wirklich den Versuch macht, unbegründeten Verdacht auf eine schuldlose Dame zu werfen, wird das Ihre Ansicht über ihn erschüttern?«

»Es wird das Vertrauen in meine eigene Meinung gänzlich zerstören, Mr. Playmore.«

»Sehr schön. Ich sehe einer Benachrichtigung Ihrerseits entgegen und glaube, daß wir bereits am Ende der Woche vollständig mit einander einverstanden sein werden. Vor allen Dingen reinen Mund gehalten. Mein Name muß ihm gegenüber ungenannt bleiben. Und damit Gott befohlen. Reisen Sie glücklich!«

Mit diesen Abschiedsworten brachte er mich vor mein Hotel. Dann rollte sein Wagen davon.

Mir schauderte noch die Haut, wenn ich daran dachte, welch’ entsetzliche Meinung mir dieser sonst so liebenswürdige Mann beibringen wollte.



Kapiteltrenner

Sechstes Kapitel.

Mr. Playmore's Prophezeiung.

Wir erreichten London zwischen 8 und 9 Uhr Abends, und da Benjamin vorsorglich telegraphirt, fanden wir ein Cab auf dem Bahnhof und das Essen auf dem Tisch.

Als wir eben im Begriff waren, bei Benjamins Villa vorzufahren, mußten wir einen Augenblick warten, um eine Ponny-Chaise vorbeizulassen. Die Chaise, welche von einem rauh aussehenden Mann, mit einer Pfeife im linken Mundwinkel, gefahren wurde, rollte langsam an uns vorüber. Der Kutscher kam mir entschieden bekannt vor. Ich dachte aber nachher nicht weiter an ihn.

Benjamins alte Haushalterin öffnete das Gartenthor und brach in laute Danksagungen gegen den Allmächtigen aus, daß er uns gesund und wohlbehalten wieder zurückgeführt habe.

»Doch nichts vorgefallen?« fragte Benjamin.

Die Haushälterin zitterte bei der Frage und beantwortete dieselbe in folgenden räthselhaften Worten:

»Ich bin furchtbar aufgeregt, Sir. Ich weiß nicht, ob es etwas Gutes giebt oder etwas Schlechtes. — Vor einigen Stunden kam ein seltsamer Mensch herein und fragte, wann Mrs. Valeria zurückkehren würde. — Ich sagte, was mein Herr telegraphirt hätte, und darauf sagte der Mann: warten Sie ein bischen, ich komme gleich wieder! — Es dauerte auch kaum eine Minute, so war er wieder da und trug ein Ding auf seinen Armen, welches mir alles Blut zu Eis gerinnen ließ. Ich weiß wohl, daß ich ihn eigentlich nicht hätte hereinlassen sollen, aber ich konnte nicht auf meinen Beinen stehen, geschweige denn den starken Mann zurückdrängen. So ging er denn mit dem Dinge auf seinem Arm ganz ungenirt in Ihr Studirzimmer. Dort hat er das Ding hingesetzt und dort ist es noch. Ich bin schon auf der Polizei gewesen, aber die sagen, da könnten sie sich nicht einmischen. Was nun weiter geschehen soll, das weiß ich nicht. Gehen Sie nur jetzt selbst hinein, Madame Sie werden auch einen Schreck bekommen, daß Ihnen die Beine zittern.«

Nun fiel mir wieder die Ponny-Equipage ein, und ich verstand die mir sonst unverständlich gewesene Erzählung der Haushälterin. Ich ging durch das Eßzimmer und blickte durch die halb offen gelassene Thür von Benjamins Bibliothek.

Richtig! Da saß Mr. Dexter, fest eingeschlafen in Benjamins Lieblingsstuhl. Keine Decke verhüllte seine entsetzliche Verkrüppelung und konnte ich mich allerdings nicht darüber wundern, daß der alten Haushalterin die Beine gezittert hatten.

»Was ist das, Valeria?« fragte Benjamin.

Ich habe bereits erwähnt, ein wie außerordentlich feines Gehör Mr. Dexter hatte. So leise Benjamin auch gesprochen, so wurde Dexter durch die wenigen Worte sofort erweckt. Er rieb sich die Augen und lächelte unschuldig wie ein erwachendes Kind.

»Wie geht es Ihnen, Mrs. Valeria?« fragte er. »Ich war ein bischen eingenickt. Sie glauben gar nicht, wie glücklich ich mich fühle, Sie wieder zu sehen. Wer ist der Herr?«

Er rieb abermals seine Augen und blickte auf Benjamin.

Ich stellte ihm diesen als den Hausherrn vor.

»Entschuldigen Sie, daß ich mich nicht erhebe, Sir,« sagte Dexter. »Ich kann nicht aufstehen, weil mir die Natur keine Beine mitgegeben hat. Sie scheinen sich zu wundern, daß ich von Ihrem Stuhl Besitz genommen. Wenn Ihnen das unangenehm ist, werfen Sie mich hinunter, so daß ich auf meine Hände falle. Ich werde Ihnen das durchaus nicht übel nehmen, nur brechen Sie mir nicht das Herz, indem Sie mich fortschicken. Die schöne Dame dort kann auch sehr grausam sein, wenn ihr der Kopf nicht recht steht. Sie hat mich neulich verlassen, wo ich noch so gern ein wenig mit ihr gesprochen hätte. Ich hin ein armer elender Krüppel, mit einem warmen Herzen und unersättlicher Neugier ausgestattet. Unersättliche Neugier ist aber ein Fluch. Ich habe ihn ertragen, bis mir das Gehirn zu sieden begann; dann schickte ich zu meinem Gärtner und ließ mich hierherfahren. Ich bin gern hier. Der Anblick der Mrs. Valeria ist Balsam für mein wundes Herz. Sie hat mir etwas zu erzählen, das zu hören ich vor Begierde brenne. Wenn sie nicht zu ermüdet von der Reise ist, möchte ich die Neuigkeiten gleich in Empfang nehmen. Lieber Mr. Benjamin, Sie sehen aus wie ein Tröster der Betrübten. Reichen Sie mir die Hand, wie ein guter Christ, und lassen Sie mich hier bleiben.«

Er hielt ihm seine Hand entgegen. Seine sanften blauen Augen nahmen den Ausdruck frommen Flehens an. Benjamin schlug ein, wie ein Mann, den ein banger Traum gefangen hält, dann blickte er mich wie um Rath fragend an.

»Lassen Sie mich mit Mr. Dexter allein,« flüsterte ich ihm zu.

Benjamin warf noch einen halb entsetzten Blick auf die seltsame Erscheinung in seinem Stuhl, machte ihr dann ein Compliment und verließ das Zimmer.

Mit einander allein gelassen, blickten wir uns erst eine Weile schweigend an.

Trotz des entsetzlichen Verdachtes, den mir Mr. Playmore wie einen Gifttrunk eingegeben konnte ich in diesem Augenblicke nicht umhin Miserrimus Dexter zu bemitleiden.

Er ergriff zuerst das Wort.

»Lady Clarinda hat Ihr Vertrauen zu mir zerstört!« rief er wild.

»Das hat Lady Clarinda nicht gethan,« entgegnete ich.

»Sie hat durchaus keinen Versuch gemacht, meine Meinung zu beeinflussen. Ich hatte eine wirkliche Veranlassung, auf einige Tage zu verreisen.«

Er seufzte und schloß die Augen, als wenn ich eine schwere Last von ihm genommen.

»Seien Sie barmherzig und erzählen Sie mir noch mehr,« sagte er. »Ich bin während Ihrer Abwesenheit so elend gewesen. Sind Sie sehr müde von der Reise? Ich dürste nach Mittheilungen von des Majors Diner. Nur eine Frage heute, auf das Andere will ich gern bis morgen warten. Was sagte Lady Clarinda über Mrs. Beanly? Alles, was Sie zu hören wünschten?«

»Und noch mehr,« antwortete ich.

»Was? was? was?« rief er mit wilder Ungeduld.

Mr. Playmores letzte prophetische Worte klangen mir wieder in den Ohren. Er hatte in der positivsten Art erklärt, daß Dexter mich zu mißleiten fortfahren und nicht erstaunen würde, wenn ich ihm mittheilte, wie sich Lady Clarinda über Mrs Beanly geäußert. Ich war entschlossen, die Prophezeiung des Advocaten, so weit sie das Erstaunen betraf, aus die härteste Probe zu stellen.

Ich ging ohne irgend welche Einleitung sogleich zum Angriff über.

»Die Person, welche Sie in dem Corridor sahen, war nicht Mrs. Beanly,« sagte ich. »Es war das Mädchen in ihrer Herrin Hut und Mantel. Mrs. Beanly war gar nicht im Hause anwesend. Sie tanzte aus einem Maskenball in Edinburgh. So erfuhr es Lady Clarinda von dem Mädchen, und so erfuhr ich es von Lady Clarinda.«

Ich hatte diese Worte so schnell gesprochen, wie es mir möglich war; aber Miserrimus Dexter machte die Prophezeiung des Advocaten vollständig zu Schanden. Er schaudert unter dem Angriff zusammen. Seine Augen öffneten sich weit. »Sagen Sie es noch einmal!« rief er. »Ich muß es noch einmal hören!«

Ich war mit diesem Resultat mehr als zufrieden und triumphirte über meinen Sieg. Diesmal hatte ich wirklich Veranlassung mit mir zufrieden zu sein. Ich hatte, Mr. Playmore gegenüber, die Angelegenheit von der christlichen Seite aufgefaßt und sofort meine Belohnung erhalten.

Indem ich auf Mr. Dexters Wunsch die Nachricht wiederholte, fügte ich alle Details hinzu, durch welche Lady Clarinda die Sache noch glaubwürdiger erscheinen ließ.

Miserrimus Dexter hörte mit athemloser Aufmerksamkeit zu.

»Was soll man davon denken,« sagte er mit 's einem Blick der Verzweiflung »So seltsam es auch scheint, klingt es von Anfang bis zu Ende wahr.«

Was wurde Mr. Playmore gesagt haben, wenn er diese Worte gehört. Ich nahm zu seiner Ehre an, daß er ihn ebenfalls für unschuldig gehalten hätte.

»Was soll man anders davon denken,« entgegnete ich, »als daß Mrs. Beanly unschuldig ist und Sie ihr bitteres Unrecht gethan haben.«

»Ich bin ganz Ihrer Meinung,« antwortete er, ohne einen Augenblick zu zögern. »Mrs. Beanly ist unschuldig Ihre Vertheidigung im Prozeß war eine ganz richtige.«

Damit lehnte er sich behaglich in seinen Stuhl zurück und schien mit dem neuen Resultat vollständig zufrieden.

Ich konnte von mir nicht dasselbe behaupten. Zu meinem eigenen Erstaunen war ich die weniger vernünftige Person von uns Beiden.

Mr. Dexter hatte mir eigentlich mehr gegeben, als ich verlangte. Er hatte nicht allein Mr. Playmore’s Prophezeiung zu Schanden gemacht, sondern er war noch weit über diese Grenze hinausgegangen. Wenn die Vertheidigung vor dem Gerichtshof nicht anzugreifen war, konnte ich sofort aller Hoffnung entsagen, meinen Mann von jeder Schuld freigesprochen zu sehen. Ich hielt aber dennoch an dieser Hoffnung fest.

»Ihre Ansicht in Ehren,« sagte ich, »ich halte aber an der meinen fest.

Er runzelte die Stirn, als wenn ich ihn enttäuscht hätte.

»Wollen Sie damit sagen, daß Sie Ihren Plan verfolgen wollen?«

»Gewiß.«

Mr. Dexter schlug sofort seine gewohnheitsmäßige Höflichkeit in den Wind.

»Abgeschmackt! — Unmöglich!« rief er voller Verachtung »Sie haben selbst erklärt, daß wir Unrecht thaten, Mrs Beanly zu beargwöhnen. Ist es denn möglich, noch Verdacht auf einen Andern zu werfen? Vollständig lächerliche Frage! Wir müssen die Sache lassen, wie sie ist, und nicht ferner darin herumrühren. Ich rathe Ihnen, sich dem schottischen Verdict zu fügen.«

»Das wird nimmermehr geschehen, Mr. Dexter.«

Er machte eine gewaltsame Anstrengung, seinen Unmuth niederzukämpfen und wurde wieder ruhig und freundlich.

»Schön! Gestatten Sie, daß ich mich einen Augenblick in meine eigenen Gedanken versenke; ich will etwas thun, das ich bisher noch nicht gethan habe. Ich will in Mrs. Beanly’s Körper fahren und versuchen, ihre Gedanken zu denken.«

Welche neue Umwandlung sollte ich bei diesem seltsamen Wesen erleben? Nachdem er eine Weile mit gesenktem Haupt geträumt, sah er mich wieder mit scharf beobachtendem Blick an.

»Ich komme eben aus Mrs. Beanly's Haut,« sagte er, »und ich bin zu folgendem Resultat gekommen: Wir sind Beide zu hastig gewesen, unsere endgültigen Schlüsse zu ziehen.«

Er hielt inne. Ich erwiderte nichts. Begann der Zweifel an ihm, sich in mir zu regen?

»Ich bin völlig von der Wahrheit dessen überzeugt, was Lady Clarinda Ihnen mitgetheilt,« fuhr er fort. »Wir haben aber etwas außer Acht gelassen. Die Geschichte unterliegt zwei Auslegungen, einer zu Tage tretenden und einer verborgenen. In Ihrem eigenen Interesse hefte ich mein Auge auf die verborgene und halte es für leicht möglich, daß Mrs. Beanly schlau genug war, dem Verdachte zuvorzukommen und ein Alibi beizubringen. Bitte folgen Sie mir aufmerksam. War denn das Mädchen etwas Anderes, als ihrer Herrin passive Mitschuldige? war sie nicht blos die Hand, deren ihre Herrin sich bediente? konnte die erste Dosis des Giftes nicht bereits gegeben sein, als ich sie im Korridor entdeckte? war Mrs. Beanly nicht absichtlich nach Edinburgh gegangen, damit kein Verdacht auf sie fallen solle?«

Als ich Dexter diese Worte sprechen hörte, verstärkten sich die Schatten meines Zweifels an ihm. Sollte ich ihn zu schnell freigesprochen haben? machte er in der That den Versuch, abermals den Verdacht auf Mrs. Beanly zu lenken, wie Mr. Playmore es voraussichtlich gesagt? Dies Mal war ich genöthigt, ihm eine Antwort zu geben.

»Das scheint allerdings weit hergeholt, Mr. Dexter,« sagte ich.

»Es ist auch weit hergeholt,« gab er zu. »Ich stellte ja auch nur die Möglichkeit hin. Wenn Sie aber meine Ansicht verwerfen, was gedenken Sie nun zu thun? Wenn weder Mrs. Beanly noch ihr Mädchen die That begangen haben, wer beging sie denn? Sie ist unschuldig, und ihr Gatte ist unschuldig Auf welche neue Person wollen Sie denn nun Ihren Verdacht lenken? Soll ich sie vielleicht vergiftet haben?« rief er mit flammenden Augen und gellender Stimme. »Haben Sie, oder hat irgend ein Anderer mich im Verdacht? Ich liebte sie; ich betete sie an; ich habe seit ihrem Tode sie betrauert. Ich will Ihnen ein Geheimniß mittheilen — sagen Sie es aber nicht Ihrem Mann, es möchte unsere Freundschaft zerstören — ich wollte sie heirathen, ehe Eustace sie kennen lernte; aber sie schlug mich aus. Fragen Sie Dr. Jerôme, wie ich gelitten, als ich ihren Tod erfuhr. Als ich mich unbemerkt glaubte, kroch ich in ihr Zimmer und nahm den letzten Abschied von den kalten Ueberresten des Engels, den ich geliebt. Ich weinte an ihrem Sterbebett, ich küßte sie zum ersten und letzten Mal. Ich stahl eine Locke von ihrem Haar und habe sie seitdem geküßt jeden Tag, jede Nacht. O Gott! Ich sehe das Sterbezimmer wieder! Das todte Antlitz steht mir vor Augen! Da ist es! Da ist es!t«

Nach diesen Worten zerrte er ein kleines Medaillon hervor, das er an einem Bande um den Hals trug, warf es mir zu und brach in einen Strom von Thränen aus.

Ich muß gestehen, daß Mr. Dexter abermals mein Mitleid erregte. Ich stand auf, gab ihm das Medaillon zurück und legte, kaum wissend, was ich that, meine Hand auf des Unglücklichen Schulter.

»Ich bin unfähig, Sie zu beargwöhnen,« sagte ich freundlich. »Sie thun mir leid im Innersten der Seele.«

Er ergriff meine Hand und bedeckte sie mit Küssen. Seine Lippen brannten wie Feuer. Mit einer blitzschnellen Bewegung schlang er seinen Arm um meine Taille. Von Schrecken ergriffen und vergebens mit ihm kämpfend, rief ich nach Hilfe.

Die Thür ging auf, und Benjamin erschien aus der Schwelle.

Dexter ließ mich los.

Ich lief Benjamin entgegen und verhinderte ihn, einzutreten. Zum ersten Mal in meinem ganzen Leben sah ich meinen väterlichen Freund in Zorn. Mit aller meiner Kraft hielt ich ihn in der Thüre zurück.

»Vergreifen Sie Sich nicht an einem Krüppel,« sagte ich. »Lassen Sie seinen Kutscher hereinkommen, damit er ihn hinwegnimmt.«

Mit diesen Worten zog ich Benjamin aus dem Zimmer und verschloß die Thür. Die Haushälterin ging, den Mann von draußen hereinzurufen. Der Mann kam und wir sahen ihn in die Bibliothek treten. Er nahm Dexter auf den Arm, als wenn er ein kleines Kind gewesen wäre.

»Verbirg’ mein Gesicht,« hörte ich Dexter sagen.

Der Mann öffnete seine rauhe Jacke steckte den Kopf seines Herrn unter den linken Aufschlag und trug ihn hinaus.



Kapiteltrenner

Siebentes Kapitel.

Ariel.

Ich verbrachte eine schlaflose Nacht.

Die mir zugefügte Beleidigung war schon demüthigend genug für mich, aber die damit verbundenen Folgen konnten noch verderblicher werden. In der Verbindung mit Mr. Dexter hatte ich die Verwirklichung meines Lebensplanes gesucht; nun erhob sich ein unübersteigliches Hinderniß zwischen mir und ihm. Obgleich durchaus nicht prüde schreckte ich doch vor dem Gedanken zurück, wiederum einem Manne zu nahen, der mich so gröblich beleidigt.

Ich stand spät auf und mühte mich vergebens ab, an Mr. Playmore zu schreiben.

Gegen Mittag, in Benjamin’s Abwesenheit, kündigte mir die Haushälterin einen neuen seltsamen Besuch an.

»Diesmal ist es eine Frau oder etwas Aenliches,« sagte sie in vertraulichem Tone. »Ein großes, starkes, blödsinnig aussehendes Geschöpf mit einem Männerhut und einem Stock in der Hand. Sie sagt, sie hätte einen Brief für Sie, den sie nur persönlich übergeben dürfte.«

Indem ich das Original dieses Bildes sofort erkannte setzte ich die Haushalterin höchlichst in Erstaunen, als ich ihr den Befehl gab, das Wesen sofort eintreten zu lassen.

Ariel erschien, schweigsam wie immer, aber ich bemerkte eine Veränderung die mich in Erstaunen setzte. Ihre blödsinnigen Augen waren roth und mit Blut unterlaufen, als wenn sie viele Thränen vergossen.

»Ich höre, daß Sie mir etwas bringen,« sagte ich. »Wollen Sie Sich nicht setzen?«

Ohne zu antworten und ohne einen Stuhl zu nehmen, händigte mir Ariel den Brief ein. Ich erkannte Mr. Dexters Handschrift und las Folgendes:

»Versuchen Sie, mit einem Elenden Mit-
»leid zu haben, der den Wahnsinn eines
»Augenblicks bitter bereut Wurm Sie mich
»sehen könnten, würden Sie selber sagen,
»daß meine Strafe hart genug. Ich be-
»schwöre Sie, verlassen Sie mich nicht!
»Ich war außer mir, als ich das Gefühl
»nicht mehr zu bemeistern wußte, das Sie
»in mir erweckt. Ich werde es Sie nie
»wieder blicken lassen; es soll als Geheimniß
»nur mir zu Grabe gehen. Wenn Sie Sich
»jemals wieder herablassen sollten mich zu
»sehen, lassen Sie es in Gegenwart einer
»dritten Person geschehen, die Sie beschützen
»kann. Ich muß mich dem unterziehen, denn ich
»habe es nicht anders verdient Ich will ge-
»duldig warten, bis Ihr Unwille gegen mich
»sich wieder beruhigt hat. Sagen Sie zu Ariel:
»ich vergebe ihm, und er soll mich einst auch
»wiedersehen!« Wenn Sie Ariel ohne Ant-
»wort lassen, schicken Sie mich direct in’s
»Irrenhaus.

Miserrimus Dexter.«

Ich blickte Ariel an.

Sie stand mit gesenkten Augen vor mir und hielt mir ihren Stock hin.

»Nehmen Sie den Stock,« sagte sie.

»Was soll ich damit?« entgegnete ich.

»Sie sind böse auf meinen Herrn. Lassen Sie es mich entgelten. Schlagen Sie mich. Mein Rücken ist breit. Schlagen Sie mich, aber seien Sie ihm nicht mehr böse.«

Damit zwang sie mir den Stock in die Hand und drehte mir den Rücken zu. Mir traten Thränen in die Augen. Ich versuchte vergebens, sie zu beruhigen. Sie bat mich fortwährend, sie zu schlagen und ihrem Herrn nicht mehr böse zu sein.

»Wie soll ich das verstehen?« fragte ich.

Sie versuchte, sich deutlicher zu machen, fand aber keine Worte. Endlich nahm sie ihre Zuflucht zu Gesten, wie sie ein Wilder vielleicht zur Schau getragen hätte. Sie kroch an den Kamin und starrte mit entsetztem Blick ins Feuer. Dann drückte sie beide Hände vor ihre Stirn und bewegte sich hin und her.

»So sitzt er und weint um Sie den ganzen Tag- die ganze Nacht!« sprach sie dazu mit ihrer rauhen unheimlichen Stimme. Mir fiel unwillkürlich jener Brief ein, den der Arzt über Dexters Gesundheit geschrieben und welcher augenblicklichen Wahnsinn verkündigte wenn seine Erregtheit den Culminationspunkt erreichen sollte.

»Stehen Sie aus« sagte ich. »Ich vergebe Ihrem Herrn.«

Sie wandte sich um, und wie ein Hund auf Händen und Knieen vor mir auf der Erde, blickte sie mich mit fast rührender Dankbarkeit an.

»Sagen Sie es ebenso, wie es im Briefe steht,« flehte sie.

Ich suchte die Stelle in dem Briefe und wiederholte nun wörtlich: »Ich vergebe ihm und er soll mich einst auch wiedersehen.«

Mit einem Satz sprang sie vom Boden empor.

»So war es richtig!« rief sie.

»So will ich es meinem Herrn wiedersagen.«

Ich bot ihr zu essen und zu trinken an, aber es war, als wenn ich zu einem der Stühle gesprochen hätte. Sie nahm ihren Stock vom Boden auf und ließ einen wilden Frendenschrei ertönen.

»Nun hat sie es richtig gesagt!« rief sie mit ihrer heiseren Stimme. »Das wird meines armen Herrn Kopf kühlen! Hurrah!«

Dann stürzte sie wie ein wildes, aus dem Käfig gelassenes Thier hinaus.

Als ich wieder allein war, dachte ich über eine Frage nach, die schon klügere Köpfe beschäftigt hatte, als der meine es war. Konnte ein Mann, welcher so hoffnungslos elend war, Jemand eine so rührende Ergebenheit einflößen, wie Dexter sie diesem Wesen eingehaucht, welches ihn am vergangenen Abend so liebevoll auf seinen Armen fortgetragen? Wer kann das entscheiden? Der größte Schurke auf Erden findet immer noch einen Freund — in einem Weibe — oder in einem Hunde.

Ich setzte mich wieder an das Pult und machte einen erneuerten Versuch, an Mr. Playmore zu schreiben. Indem ich mir alle Einzelheiten meiner Begegnung mit Miserrimus Dexter zurückrief, weilte mein Gedächtnis mit besonderem Interesse auf dem seltsamen Gefühlsausdruck, welchen das Geständniß seiner Liebe zu der verstorbenen Mrs. Macallan zur Folge hatte. Die entsetzliche Scene im Krankenzimmer wollte nicht aus meiner Erinnerung weichen, namentlich da ich in jüngster Zeit das Sterbezimmer selbst in Augenschein genommen. Ich kannte die ganze Lokalität, als wenn ich sie selber bewohnt.

Als mein Träumen bei dem Corridor weilte, hielt ich plötzlich inne, und meine Gedanken schlugen eine andere Richtung ein.

«Welche neue Ideen-Verbindung als die mit der Person Dexters konnte ich beim Anblick des Corridors bekommen? War etwas, das ich bei meiner Anwesenheit in Gleninch gesehen? Nein. War es etwas, das ich gelesen? Ich nahm den gedruckten Prozeß wieder zur Hand. Ich schlug die Zeugen-Aussage der Wärterin auf und kam bei Durchlesung derselben zu folgenden Zeilen:

»Vor Schlafengehen ging ich die Treppe
»hinunter, um die Ueberreste der verstor-
»benen Lady für den Sarg vorzubereiten.
»Das Zimmer, in welchem sie lag, war
»verschlossen; ebenso waren es die Thüren
»welche nach Mrs. Macallans Zimmer und
»die, welche nach dem Corridor führen.
»Die Schlüssel waren von Mr. Gale fort-
»genommen worden Zwei Diener standen
»vor dem Schlafzimmer, um Wache zu
»halten, sie sollten Morgens 4 Uhr abge-
»löst werden, das war Alles, was sie mir
»zu sagen hatten.«

Dergestalt war meine verlorene Ideenverbindung mit dem Corridor. Dieses Umstandes hatte ich mich erinnern sollen, als Dexter mir von seinem Besuche bei der Leiche erzählte. Wie war er in das Schlafzimmer gekommen, obgleich die Thüren zu demselben verschlossen waren und die Schlüssel in Mr. Gales Tasche steckten? Nur von einer der verschlossenen Thüren hatte Mr. Gale nicht den Schlüssel, und dies war die Verbindungsthür zwischen der Bibliothek und dein Schlafgemach. Von dieser Thür fehlte der Schlüssel. War er gestohlen worden? Und war Dexter der Dieb? Er konnte auch an den Dienern vorüber gegangen sein, im Fall sie eingeschlafen waren. Aber auf welchem anderen Wege konnte er in das Schlafgemach gelangen, als durch die verschlossene Thür zur Bibliothek. Er mußte also den Schlüssel gehabt haben. Und er mußte ihn schon Wochen vor Mrs. Macallans Tode in Verborgenheit gehalten haben. Als am 7. des Monats die Wärterin zum ersten Mal nach Gleninch kam, hatte sie, ebenfalls den Schlüssel bereits vermißt, wie sie später in ihrer Zeugenaussage darthat.

Zu welchem Schluß führten diese Betrachtungen und Entdeckungen? Sollte Miserrimus Dexter in einem Augenblick nicht zu beherrschender Aufregung mir den Schlüssel des Geheimnisses in die Hand gegeben haben, welcher auf diese Weise identisch wurde mit dem fehlenden Schlüssel der Verbindungsthür? Ich kehrte zum dritten Mal an mein Pult zurück. Der Einzige, welcher vielleicht eine Antwort auf diese Frage finden konnte, war Mr. Playmore. Ich schrieb ihm einen ausführlichen Bericht über alles Geschehene, ich bat ihn um Verzeihung wegen der undankbaren Aufnahme seines mir so gütig ertheilten Rathes und gab ihm das heilige Versprechen, nichts zu unternehmen, ohne vorher seine Ansicht gehört zu haben.

Da es ein schöner Tag war, und ich mich nach frischer Luft sehnte, beschloß ich, den Brief selbst ans die Post zu tragen.

Als ich zu der Villa zurückkehrte, theilte die Haushälterin mir mit, daß meine Schwiegermutter gekommen sei und mich erwarte.



Kapiteltrenner

Achtes Kapitel.

Am Bett.

Ehe meine Schwiegermutter ein Wort gesprochen hatte, las ich schlechte Nachrichten auf ihrem Antlitz.«

»Eustace?« sagte ich.

Sie antwortete mir mit einem Blick.

»Lassen Sie mich sogleich Alles wissen!« rief ich.

Mrs. Macallan erhob die Hand und zeigte, eine telegraphische Depesche, welche sie bisher unter ihrem Mantel verborgen.

»Nehmen Sie Ihren Muth zusammen und lesen Sie das,« sagte sie.

Ich las das Telegramm. Es war von dem Oberarzt eines Feld-Hospitals abgesandt und zwar aus einem Dorfe im nördlichen Spanien:

»Mr. Eustace in einem Scharmützel durch
»einen Schuß schwer verwundet Bis jetzt
»nicht in Gefahr. Aller Sorgfalt anver-
»traut. Warten Sie ein zweites Tele-
»gramm ab.«

Ich wandte mein Antlitz, um den Schmerz zu verbergen, der sich auf ihm ausdrücken mußte. Jetzt fühlte ich erst, wie innig ich ihn liebte!

Meine Schwiegermutter schlang den Arm um mich und küßte meine Stirn. Sie fühlte wohl, daß sie in diesem Augenblick nicht zu mir sprechen durfte.

Ich raffte meinen ganzen Muth zusammen und zeigte auf die letzte Stelle des Telegramms.

»Gedenken Sie zu warten?« fragte ich.

»Nicht einen Tag!« antwortete sie. »Ich gehe sofort auf dass auswärtige Amt wegen eines Passes und der nöthigen Empfehlungsbriefe. Mit dem Nachtzuge fahre ich nach Calais«

»Sie wollen reisen?« sagte ich. »Sie allein? Bringen Sie mir meinen Paß auch gleich mit; um 7 Uhr heute Abend werde ich bei Ihnen sein.«

Sie suchte mich von meinem Entschlusse abzubringen; aber schon bei den ersten Worten unterbrach ich sie. »Haben Sie meine Halsstarrigkeit schon wieder vergessen, Mutter? Bitte, eilen Sie, ehe die kostbare Zeit verloren geht!«

Sie gab mit großer Liehenswürdigkeit nach. Dann küßte sie mich und fuhr von dannen.

Meine Reise-Erinnerungen sind wenig klar und unvollkommen. Wir hatten manche Beschwerde zu erdulden, manchen Aufenthalt zu ertragen, der unsere Geduld auf harte Proben stellte. Ich erinnere mich, Freunde gefunden zu haben, welche uns in einem kritischen Moment unserer Reise beschützten. Eine lange Reihe von Männern tritt vor mein geistiges Auge, wild aussehende Gestalten, die ebenso grausam gegen Pferde als höflich gegen Damen waren. Am lebhaftesten steht aber in meiner Erinnerung ein elendes Schlafzimmer in einem elenden Dorfwirthshause, in welchem wir unsern Eustace fanden, zwischen Leben und Tod schwankend und gefühllos für die ganze kleine Welt um ihn her.

Es war durchaus nichts Romantisches, das meines Gatten Leben in Gefahr gebracht.

Um einen armen Verwundeten vom Schlachtfelde zu holen, hatte er sich dem Gefecht zu nahe gewagt und dabei den Schuß bekommen. Seine Brüder vom Feld-Hospital hatten ihn mit Gefahr ihres Lebens zurückgetragen.

Das Wundfieber hatte wie gewöhnlich ein Delirium herbeigeführt. So weit ich seine wenigen und undeutlichen Worte verstehen konnte, beschäftigten sich seine wandernden Gedanken ausschließlich mit seiner Frau. Während der Stunden seines Deliriums, Stunden, welche mit erbarmungsloser Regelmäßigkeit wiederkehrten, trat mein Name oft auf seine fieberhaft bewegten Lippen. Der herrschende Gedanke, welcher seine Träume durchzog, beschäftigte sich mit dem entsetzlichsten Ereigniß seines Lebens und mit dem letzten Gespräch, das er mit mir gehabt. Die Erinnerung, vor der Welt als schuldig dazustehen quälte ihn auf schreckliche Weise. In seinen Fieber-Phantasieen bildete er sich ein, noch unter den alten Einflüssen mit mir zu leben. Er spielte, so zu sagen, die Befürchtungen durch, welche er gehegt, und die ihn veranlaßt hatten, sich von mir zu trennen. Er gab erst seine Rolle und dann die meine. Er reichte mir eine Tasse Thee, und ich sagte, wir hatten gestern einen kleinen Streit, Eustace. Ist sie vergiftet? Er küßte mich als Zeichen der Versöhnung und ich erwiderte lachend: es ist jetzt Morgen, liebes Kind. Soll ich heute Abend um 9 Uhr sterben? Ich lag krank im Bett und er gab mir meine Medizin. Ich blickte ihn argwöhnisch an. Ich sagte ihm: »Du liebst ein anderes Weib. Befindet sich etwas in der Medizin, von dem der Doctor nichts weiß?« Das waren die sich ewig wiederholenden Scenen des Dramas, welches sich in seinem Geiste abspielte. Bei andern Gelegenheiten wanderten seine Gedanken zu meinem verzweifelten Projekt, ihn unschuldig erklären zu lassen. Zuweilen lachte, zuweilen weinte er darüber, manchmal gab er sich aber auch Mühe, mir unvermuthete Hindernisse in den Weg zu legen. Die Personen mit denen ich nach seiner Ansicht in Verbindung getreten, suchte er auf alle mögliche Weise mir abwendig zu machen. »Kümmert Euch nicht darum, wenn sie weint. Es ist nur zu ihrem Guten. Es geschieht nur, um das arme Weib vor Gefahren zu retten, die ihre Seele nicht ahnen kann. Ihr müßt kein Mitleid mit ihr haben, wenn sie sagt, daß es um meinetwillen geschehe. Seht doch! Sie geht dem Verderben entgegen, sie wird sich entwürdigen ohne es zu wissen. Haltet sie auf!«

Obgleich ich ihn in Fieber-Phantasien wußte, kann ich dennoch nicht leugnen, daß mir viele dieser Aeußerungen große Kränkung bereiteten.

Wochen gingen dahin und er schwankte noch immer zwischen Leben und Tod.

Da ich kein Tagebuch führte, vermag ich nicht den Tag anzugeben, an welchem sich sein Zustand zur Besserung neigte. Ich erinnere mich nur, daß es an einem schönen Wintermorgen war, als der Ausspruch des Arztes die schwere Last von unserer Seele nahm. Der Doctor stand gerade an seinem Bett, als der Patient erwachte. Mit einem Blick sagte er mir, daß ich mich schweigsam verhalten und zurücktreten solle. Meine Schwiegermutter that dasselbe, und mit vollem Herzen dankten wir Gott, daß er uns den Sohn und Gatten wiedergegeben.

Noch an demselben Abend sprachen meine Schwiegermutter und ich über die Zukunft.

»Der Arzt sagt mir,« meinte Mrs. Macallan »daß Eustace zu schwach ist, um irgend eine Ueberraschung ertragen zu können. Wir müssen uns also überlegen, ob es rathsam ist oder nicht, ihm mitzutheilen, daß wir ihn gemeinschaftlich gepflegt. Können Sie es über Ihr Herz bringen Valeria, ihn jetzt zu verlassen, da Gott ihn uns wiedergegeben?«

»Wenn ich nur mein eigenes Herz befragte,« antwortete ich, »würde ich ihn niemals mehr verlassen.«

Mrs. Macallan blickte mich erstaunt an.

»Was haben Sie denn sonst noch zu befragen?« Fragte sie.

»Ich habe das Glück unserer Zukunft zu bedenken Mutter. Ich kann viel erdulden aber ich kann es Nicht über mein Herz bringen, ihn noch einmal mich verlassen zu sehen.«

»Sie thun ihm Unrecht, Valeria wenn Sie ihm zutrauen, daß er Sie noch einmal verlassen könnte.«

»Meine liebe Mrs. Macallan haben Sie denn schon wieder vergessen, was wir gehört, als wir an seinem Krankenbett saßen?«

»Das waren Fieber-Phantasien. Es ist hart, ihn dafür verantwortlich zu machen.«

»Es ist noch härter,« sagte ich, »seiner Mutter zu widerstehen, wenn sie die Partei ihres Sohnes nimmt. Ich mache Eustace nicht für das verantwortlich, was er im Fieber gesagt. Die wildesten Worte die von seinen Lippen gefallen glichen denen auf ein Haar, die er in den Tagen voller Kraft zu mir gesprochen. Welche Hoffnung habe ich, daß seine Ansicht sich geändert habe? Trennung und Krankheit konnten dies nicht zu Wege bringen. In voller Gesundheit und in der Phantasie des Fiebers hegte er denselben schrecklichen Zweifel gegen mich. Ich sehe nur einen Weg, ihn mir wieder zu gewinnen. Ich muß den Grund, weshalb er mich verlassen, mit der Wurzel ausrotten. Es ist nutzlos, ihn zu versichern, daß ich ihn für unschuldig halte. Ich muß ihm zeigen, daß dieser Glaube nicht länger nothwendig sei, indem ich die ganze Welt von seiner Unschuld überzeuge.«

»Valeria! Valeria! Sie verschwenden Zeit und Worte. Sie haben das Experiment versucht und ebenso gut eingesehen wie ich, daß kein günstiges Resultat damit zu erzielen ist. Gesetzt, Sie kehrten aus reinem Mitleid für einen Elenden, halb Wahnsinnigen, zu Mr. Dexter zurück, welcher Sie bereits insultirt, so kann diese Rückkehr nur in meiner oder in der Gesellschaft einer anderen älteren Person geschehen. Sie können nur so lange bei ihm bleiben, bis er Ihnen eine neue Komödie vorgespielt, die Sie mit mehr oder weniger Gefallen angeschaut haben. Damit ist dann Alles geschehen. Gesetzt auch, Dexter sei noch im Stande, Ihnen behilflich zu sein, wie können Sie Sich dieser Hilfe anders bedienen, als daß Sie familiär mit ihm werden und ihn zu Ihrem Vertrauten machen. Antworten Sie mir aufrichtig. Können Sie das thun, nachdem Sie solchen Auftritt in Benjamins Hause erlebt?«

Ich hatte keinen Grund, meine Schwiegermutter zu tadeln, und ich stimmte deshalb auch mit ihrer Ansicht überein, daß ich mit Miserrimus Dexter niemals wieder auf einen vertrauten Fuß kommen dürfe.

Mrs. Macallan verfolgte mitleideslos den Vortheil, den sie über mich gewonnen.

»Sehr gut,« sagte sie, »da Ihnen diese Quelle nun Verstopft ist, was gedenken Sie ferner zu thun?«

Ich fühlte mich augenblicklich außer Stande, diese Frage zu beantworten.

Mrs. Macallan führte ihren letzten Streich auf mich, welcher ihren Sieg vollendete.

»Mein armer Eustace ist schwach und angegriffen,« sagte sie, »aber er ist nicht undankbar. Mein Kind, Sie haben ihm Böses mit Gutem vergolten, Sie haben den Beweis geliefert, wie treu und innig Sie ihn lieben. Vertrauen Sie mir und vertrauen Sie ihm. Er wird Ihnen nicht widerstehen können. Lassen Sie ihn das treue Antlitz sehen, das er in seinen Träumen geschaut, und er wird aufs Neue der Ihre sein fürs ganze Leben.«

Sie stand auf und berührte meine Stirn mit ihren Lippen, ihre Stimme war zu Tönen der Zärtlichkeit herabgesunken, wie ich sie nie von ihr gehört.

»Sagen Sie ja, Valeria,« flüsterte sie, »und seien Sie ihm und mir theurer denn je!« Ich war besiegt, meine Energie verloren. Von Mr. Playmore war kein Brief angelangt, der mich hätte aufrichten und mir rathen können.

Ich hatte so lange und so vergebens widerstanden, ich hatte so viel gelitten, war so großem Ungemach, so harten Enttäuschungen begegnet, und er — befand sich in dem Nebenzimmer noch todesschwach und langsam zum Leben zurückkehrend. Wie konnte ich widerstehen. Indem ich die Bitte meiner Schwiegermutter erfüllt, hatte ich meinem Ehrgeiz, meiner großen und schönen Hoffnung für die Zukunft Lebewohl gesagt.

Fahr wohl also, schöner und herrlicher Kampf. Willkommen dumpfe Resignation, der ich jetzt mit großen Schritten wieder entgegen gehe!

Meine Schwiegermutter und ich schliefen zusammen in einem Kämmerlein unter dem Dach. Die Nacht, welche unserer Unterredung gefolgt, war bitter und kalt. Uns fror in den Betten, trotz der übergedeckten Plaids und Kleidungsstücke. Meine Schwiegermutter schlief, ich konnte aber keine Ruhe finden. Der Gedanke, wie mein Gatte mich empfangen würde, die Ungewißheit meiner nächsten Zukunft ließen keinen erquickenden Schlummer in meine Augen kommen.

In diesem qualvollen Zustande mochten einige Stunden vergangen sein, als ein seltsames Gefühl über mich kam, das mich staunen machte und erschreckte. Athemlos und mit klopfendem Herzen fuhr ich im Bett empor. Die Bewegung erweckte Mr. Macallan. »Sind Sie krank?« fragte sie. »Was fehlt Ihnen?« Ich erzählte ihr, so gut ich es vermochte. Sie schien mich zu verstehen, ehe ich zu Ende war. Sie nahm mich zärtlich in ihre Arme und drückte mich an ihr Herz. »Mein armes unschuldiges Kind,« sagte sie, »ist es möglich, daß Sie das noch nicht wissen?« Dann flüsterte sie einige Worte in mein Ohr.

Nimmer werde ich den Aufruhr der Gefühle vergessen, welche diese geflüsterten Worte hervorriefen, ein seltsames Gemisch von Furcht und Freude, von Kummer und Trost, von Stolz und Demuth, welches meine ganze Seele erfüllte und von diesem Moment an ein neues Wesen aus mir machte. Wenn Gott mir noch einige Monate Leben gab, sollte ich der heiligsten aller menschlichen Freuden theilhaftig werden, der entzückenden Freude, Mutter zu sein.

Ich weiß nicht, wie der Rest der Nacht verlief. Als ich am andern Morgen erwachte, kleidete ich mich schnell an und ging in die frische Luft hinaus, um ein wenig mit mir allein zu sein. Ich habe gesagt, daß ich mich wie ein neues Wesen fühlte. Der Morgen fand mich mit einem neuen Entschluß, mit einem neuen Muthe beseelt. Wenn ich jetzt an die Zukunft dachte, hatte ich nicht mehr allein für meinen Mann zu sorgen. Sein guter Name gehörte nicht mehr ihm und mir. Er sollte auch bald die kostbarste Erbschaft werden, die er seinem Kinde hinterlassen konnte. Was hatte ich gethan, während mir dieses Ereigniß noch unbekannt war? Ich hatte der Hoffnung entsagt, seinen Namen von dem Flecken zu reinigen, der noch immer auf ihm haftete, wenn er auch in den Augen des Gesetzes noch so klein sein mochte. Unser Kind konnte einst gehässige Zungen hören: »Dein Vater stand einst wegen Giftmordes vor Gericht und wurde nicht freigesprochen.« Das durfte unter keinen Umständen geschehen. Ich mußte noch einmal einen Versuch wagen, einen klareren Blick in Dexters Gewissen zu thun.

Ich ging nach dem Hause zurück und schüttete meiner Schwiegermutter mein ganzes Herz aus, indem ich ihr den veränderten Entschluß mittheilte, welcher diesen Morgen über mich gekommen.

Sie war mehr denn enttäuscht, sie war beinahe böse auf mich. Das Glück, welches nun bald eintreten würde, sollte ein neues Band zwischen meinem Gatten und mir werden. Wenn ich Eustace unter diesen Umständen verließe, würde ich herzlos und thöricht zu gleicher Zeit handeln. Bis ans Ende meines Lebens würde ich es bereuen, die goldene Gelegenheit fortgeworfen zu haben, die einzig und allein im Stande wäre, unsere Wege für die Zukunft zu ebnen. Diesmal kostete es mich einen harten Kampf; aber ich hielt fest an meinem Entschluß. Die Ehre des Vaters, die Erbschaft des Kindes, erhielten meinen Willen aufrecht. Meine angeborene Halsstarrigkeit trug den Sieg über alle Vernunftgründe davon. Manchmal blickte ich auch ins Krankenzimmer, und das Bild des schlafenden Eustace verlieh mir neue Kraft.

Ich machte Mrs. Macallan nur eine Concession, ich willigte ein mit meiner Rückreise nach England noch zwei Tage zu warten.

Es war gut, daß ich also gethan. Andern zweiten Tage übergab mir der Director des Feldhospitals einen Brief von Mr. Playmore. Wenn ich noch in Zweifel über meinen Entschluß gewesen wäre, würde der vortreffliche Mann denselben gelöst haben.

Im Folgendem gebe ich einen Auszug aus seinem Briefe:

»Lassen Sie mich Ihnen erzählen,« schrieb
»er, »was ich gethan habe, um die in Ihrem
»Schreiben angedeuteten Schlußfolgerungen
»nach besten Kräften zu bewahrheiten.

»Ich habe einen der Diener aufgefunden,
»weche in jener Nacht den Corridor be-
»wachten, als Eustace's erste Frau verschied.
»Der Mann erinnert sich vollkommen, daß
»Mit Dexter in einer späten Stunde der
»Nacht vor ihm und seinem Kameraden er-
»schienen sei. Dexter sagte zu ihnen, ich darf
»doch wohl in die Bibliothek gehen und ein
»wenig lesen? Ich kann nicht schlafen nach
»dem schrecklichen Ereigniß! Die Leute hatten
»keine Instruction, den Eintritt in die Biblio-
»thek zu verwehren. Sie wußten ja, daß die
»Verbindungsthür mit dem Schlafzimmer ver-
»schlossen war, und daß die Schlüssel zu den
»beiden anderen Thüren sich im Besitz des
»Mr. Gale befanden. Die Diener erlaubten
»also Mr. Dexter, die Bibliothek zu be- »
treten. Er schloß die Thür hinter sich und
»blieb, wie die Diener glaubten, in der
»Bibliothek, und wie wir wissen, im Schlaf-
»zimmer. Jetzt konnte er von der Bibliothek
»in das Schlafzimmer nur mit Hilfe des feh-
»lenden Schlüssels gelangen. Wie lange er ab-
»wesend war, ist nicht mit Genauigkeit zu
»bestimmen. Der Diener erinnert sich nur,
»daß er bleich wie der Tod herauskam und,
»ohne ein Wort zu sagen, in sein Zimmer zu-
»rückkehrte.

»Dies sind Facta! Die aus denselben zu
»ziehenden Schlüsse erscheinen von höchster
»Wichtigkeit und rechtfertigen Alles, was ich
»Ihnen in Edinburgh gesagt.

»Nun zu Ihnen selbst. Sie haben un-
»wissentlich in Mr. Dexter ein Gefühl gegen
»sich wachgerufen, welches leicht zu charac-
»terisiren ist. Es liegt in Ihrer Figur, in
»ihren Bewegungen ein gewisses Etwas; wel-
»ches, auch nach meinem eigenen Urtheil, an
»die verstorbene Mrs. Macallan erinnert.
»Ohne länger bei diesem Gegenstande ver-
»weilen zu wollen, mache ich Sie nur noch
»darauf aufmerksam, daß Dexter in Folge
»Ihres über ihn gewonnenen Einflusses, und
»zwar in Momenten heftiger Erregung, seine
»Gefühle durch die Sprache verräth, ehe der
»Gedanke das Gefährliche seiner Handlungs-
»weise überlegte. ist mehr denn wahr-
»scheinlich, daß er dies wiederholen wird, wenn
»Sie ihm die Gelegenheit dazu geben. Wäh-
»rend Ihres kurzen Aufenthaltes in Edinburgh
»sind Sie entschieden Ihrem Ziel einen Schritt
»näher gerückt. Ich lese aus Ihrem Briefe
»die feste Ueberzeugung, daß Dexter in ge-
»heimer Beziehung zu der Verstorbenen ge-
»standen, und zwar nicht allein zur Zeit Ihres
»Todes, sondern bereits Wochen vorher. Wenn
»es Ihnen gelingen sollte, die Art dieser ge-
»heimen Beziehungen zu entdecken, so haben
»Sie höchst wahrscheinlich auch den Schlüssel
»zu der Unschulds-Erklärung Ihres Gatten
»gefunden. Deshalb kann ich Ihnen als Ihr
»aufrichtiger Freund nur rathen, das Wagniß
»einer neuen Zusammenkunft mit Dexter zu
»bestehen. Eine Verantwortlichkeit kann ich
»allerdings nicht übernehmen, und überlasse
»daher die endgültige Entschließung Ihrer
»eigenen Einsicht. In jedem Fall aber bitte
»ich Sie mir Ihre Entschließung mittheilen zu
»wollen.

Mein Entschluß war gefaßt, ehe ich den Brief zu Ende gelesen. Am nächsten Tage berührte ein französischer Dampfer die spanische Küste. Schnell wie gewöhnlich, ohne Jemand um Rath zu fragen, nahm ich einen Platz auf demselben.



Kapiteltrenner

Neuntes Kapitel.

Auf der Rückreise.

Wenn ich die Heimkehr in meinem eigenen Wagen angetreten, würden die folgenden Capitel nicht geschrieben worden sein; denn ehe wir eine Meile zurückgelegt, hätte ich dem Kutscher befohlen, umzukehren.

Kann man denn immer entschlossen sein?

Bei Beantwortung dieser Frage denke ich mehr an die Frauen als an die Männer. Ich war entschlossen gewesen, indem ich Mr. Playmores taubes Ohr zu einem hörenden machte, indem ich den Rathschlägen meiner Schwiegermutter widerstand, indem ich einen Platz aus dem französischen Dampfer nahm.

Gleich, nachdem ich denselben bestiegen, sagte ich aber zu mir selbst: »Du Elende, Du hast Deinen Gatten verlassen!« Ich würde meine Seligkeit darum gegeben haben, wenn ich das Schiff hätte anhalten können. Es war eine qualvolle, entsetzliche Reise für mich. Nur einen Tröster führte ich bei mir, es war eine Locke von Eustace’s Haar. Ich raubte sie ihm eines Morgens, als er noch schlief.

Es wird allgemein gesagt, daß die Zeit der beste Tröster für betrübte Seelen sei. Nach meiner eigenen Erfahrung leistet die Entfernung in ähnlichen Fällen noch bessere Dienste. Ich kam sehr bald zu ruhigeren Reflectionen. Ich gewann die Ueberzeugung, daß der Empfang meines Gatten, nach dem ersten freudigen Aufleuchten der Ueberraschung, das Vertrauen seiner Mutter nicht gerechtfertigt haben würde.

Wenn es auch ein Wagniß war, zu Mr. Dexter zurückzukehren, so war es vielleicht ein ebenso großes, mich uneingeladen einem Manne aufzudrängen, welcher zu wiederholten Malen, erklärt hatte, daß unser ferneres Zusammenleben unmöglich und daß unser eheliches Glück vernichtet sei.

An Englands Küste angekommen, blieb ich einen Tag in Portsmouth, um mich etwas zu erholen, und drei Briefe zu schreiben.

Einen an Benjamin, bei dem ich mich zum nächsten Abend anmeldete. Den zweiten an Mr. Playmore mit der Benachrichtigung daß ich im Begriff sei, den letzten Versuch zur Durchdringung des Geheimnisses von Gleninch zu machen. Den dritten an Eustace in welchem ich ihm gestand, daß ich ihn während seiner Krankheit gepflegt, und in welchem ich ihm den einzigen Grund mittheilte, weshalb ich ihn wieder verlassen. Den letzten Brief schloß ich in ein Schreiben an meine Schwiegermutter ein, in dem ich es ihrem Dafürhalten überließ, wann sie denselben an Eustace aushändigen wollte. Unter allen Umständen verbot ich ihr aber, meinem Gatten mitzutheilem welch neues Band uns jetzt zusammenknüpfte. Er sollte die Freudenbotschaft nur von meinen Lippen hören.

Als ich diese drei Briefe geschrieben, war sich bereit, den letzten Trumpf in dem Spiele um mein Lebensglück wegzugeben, nicht wissend, ob ich es gewinnen, oder ob ich es verlieren würde.



Kapiteltrenner

Zehntes Kapitel.

Auf dem Wege zu Dexter.

»Ich glaube beim Himmel, Valeria, daß der Wahnsinn dieses Ungethüms Sie angesteckt hat!«

Das war Benjamins Meinung von mir, nachdem ich ihm meinen Entschluß mitgetheilt, noch einen Besuch bei Miserrimus zu wagen. Ich wandte meine mildeste Ueberredungsgabe an, um meinen alten Freund zu bitten, daß er doch ein wenig Geduld mit mir haben möge; aber diesmal ganz vergebens.

Alle meine Worte waren nur Oel in’s Feuer gegossen.

»Ihn noch einmal besuchen! Ihn wiedersehen!« rief Benjamin unwillig. »Nachdem er Sie so gröblich beleidigt, unter meinem Dach, in diesem Zimmer! Wache ich denn oder träume ich?!«

Diesem leidenschaftlichen Ausbruch seines Gefühls mußte mit Entschiedenheit entgegen getreten werden.

»Ruhe, mein alter Freund,« sagte ich.

»Wir müssen mit einem Manne Nachsicht haben, der unter so erschwerenden Umständen lebt, wie Miserrimus Dexter. Ich beginne fast zu glauben, daß auch ich an jenem Abend mich nicht ganz richtig benommen habe. Eine Frau, die sich selber achtet, und deren ganzes Herz ihrem Gatten gehört, ist wahrlich nicht sehr beleidigt, wenn ein Krüppel es wagt, seinen Arm um ihre Taille zu legen. Außerdem habe ich ihm vergeben und Sie haben dasselbe gethan. Wenn Sie mich begleiten, wird er sich nicht wieder vergessen. Sein Haus, und namentlich die Bilder in demselben, werden Sie interessiren. Ich werde ihm heute schreiben, daß wir morgen kommen.«

Er willigte, wenn auch mit Widerstreben, ein. — — —

Nachdem ich meinen Brief geschrieben, beschlich mich ein gewisses Angstgefühl über Dexters Gesundheit. Wie mochte es ihm während meiner Abwesenheit gegangen sein?

Während ich noch darüber nachdachte, trat die Haushalterin mit irgend einem Begehr in’s Zimmer. Ich fragte sie, ob sie vielleicht etwas von dem seltsamen Wesen gehört, das sie einst so erschreckt habe.

»Ungefähr eine Woche nach Ihrer Abreise, Madame,« sagte sie, mit außerordentlicher Strenge in ihrem Wesen, »hatte es die, von Ihnen erwähnte Person gewagt, Ihnen einen Brief zu schicken. Es wurde dem Boten bedeutet, daß Sie verreist seien und Briefe mit Sicherheit nicht nachgeschickt werden könnten. Nicht lange darauf, Madame, als ich gerade mit Mrs. Macallans Haushälterin Thee trank, hörte ich abermals von der Person. Er kam selbst zu Mrs. Macallan, um dort Erkundigungen über Sie einzuziehen. Wie er sitzen kann, ohne Beine zu haben, ist mir vollständig unverständlich, aber Beine oder nicht Beine, die Haushälterin sah ihn und sagt, daß sie ihn nicht vergessen werde bis zu ihrer Sterbestunde. Sie erzählte ihm von Mr. Eustaces Krankheit und daß Sie und Mrs. Macallan hingereist wären, um ihn zu pflegen. Mit dieser Nachricht fuhr er wieder fort und das ist Alles, was ich von jener Person zu berichten habe.«

Nach diesen Worten verließ sie das Zimmer.

Wieder mit mir allein gelassen, überkam mich neue Unruhe, wie das Experiment des kommenden Tages ablaufen würde. Was ich von der Haushälterin gehört, bewies mir deutlich, daß Mr. Dexter während meiner Abwesenheit in großer Unruhe gelebt, und daß ich ihn morgen wahrscheinlich in größter Aufregung vorfinden würde.

Der nächste Morgen brachte mir eine Antwort von Mr. Playmore. Er schrieb sehr kurz, indem er meinen Entschluß weder tadelte noch lobte, mir aber wiederholt ans Herz legte, jedenfalls bei meinem Besuch einen zuverlässigen Zeugen mitzunehmen. Der interessanteste Passus des Briefes stand am Ende: »Sie müssen darauf vorbereitet sein, eine Umwandlung zum Schlimmen bei Mr. Dexter wahrzunehmen. Ein Freund von mir war neulich mit ihm zusammen und erstaunte über die Veränderung, die mit ihm vorgegangen. Ihr Besuch wird jedenfalls dazu beitragen jene Erregung noch zu erhöhen. Sie müssen Ihr Benehmen gegen ihn also den Umständen anpassen und das Geständniß seines Geheimnisses auf geschickte um Gottes Willen nicht gewaltsame Art aus ihm herausziehen.« Dann kam noch ein Postscriptum: »Fragen Sie Mr. Benjamin ob er der Bibliotheksthür nahe genug war, um zu hören, was Dexter Ihnen von seinem Besuch des Schlafzimmers in der Nacht, welche Mrs. Macallans Tod sah, erzählte.«

Als wir am Frühstückstische saßen, legte ich Benjamin die Frage vor, durch die er sich abermals verletzt fühlte.

»Ich bin kein Thürenhorcher,« sagte er.

»Manche Menschen haben aber Stimmen, welche darauf bestehen, gehört zu werden. Zu diesen gehört allerdings Mr. Dexter.«

»Sie hörten ihn also?«

»Allerdings, ich hörte, daß er etwas Infames sagte.«

»Diesmal möchte ich Sie bitten, noch mehr zu thun,« wagte ich zu bemerken, »ich möchte Sie bitten, Sich Noten zu machen, während ich mit Mr. Dexter spreche.«

Benjamin sah mich über seinen Teller mit Erstaunen an.

»Das ist wieder ein starkes Verlangen von Ihnen,« sagte er.

»Vergeben Sie mirs Benjamin; trotz Ihres Widerwillens muß ich Sie dennoch ersuchen meinen Wunsch erfüllen.«

Benjamin blickte wieder auf seinen Teller hinab.

»Ich dachte eigentlich, ich hatte mich vom Geschäft zurückgezogen,« sagte er. »Es scheint mir aber beinahe, als wenn ich von Neuem Schreiber werden sollte. Gut denn! Was verlangen Sie also von mir?«

In diesem Augenblicke meldete die Haushälterin, daß der Wagen vor der Thür stehe. Ich stand auf und nahm seinen Arm.

»Nur zwei Dinge,« sagte ich. »Sich hinter Mr. Dexters Stuhl setzen, so daß er Sie nicht sehen kann, aber zu gleicher Zeit auch so, daß Sie mir in’s Antlitz blicken mögen.«

»Je weniger ich von Mr. Dexter sehe, desto lieber wird es mir sein,« entgegnete Benjamin. »Und wenn ich hinter seinem Stuhl sitze, was soll ich dann thun?«

»Auf ein von mir gegebenes Zeichen sollen Sie Dexters Worte niederschreiben, bis ich Ihnen ein anderes Zeichen gebe, wieder aufzuhören.«

»Gut,« sagte Benjamin. »Welches ist das Zeichen für den Anfang und welches ist das Zeichen für das Ende?« Ich war augenblicklich nicht auf eine Antwort vorbereitet. Nach kurzem Sinnen fand ich aber die telegraphische Verbindung zwischen mir, und ihm.

»Ich werde mich in einen Armstuhl setzen,« sagte ich. »Wenn Sie sehen, daß ich die Hand erhebe und mit einem Ohrringe spiele, schreiben Sie nieder, was er sagt. Dann fahren Sie fort, bis Sie mich meinen Stuhl rücken hören. Haben Sie mich verstanden?«

»Vollkommen.«

Wir fuhren nach Dexters Hause.



Kapiteltrenner

Elftes Kapitel.

Endlich die Nemesis!

Der Gärtner öffnete uns die Thüre.

»Mrs. Valeria?« fragte er.

»Ja.«

»Und Freund?«

»Und Freund.«

»Bitte, gehen Sie hinauf. Sie wissen ja Bescheid.«

Durch die Halle schreitend, blickte ich zufällig auf einen Stock, den Benjamin in der Hand trug.

»Wollen Sie den Stock nicht hier unten lassen?« fragte ich.

»Mein Stock wird mir oben vielleicht sehr nützlich sein,« entgegnete er.

Es war keine Zeit mit ihm zu rechten, deshalb ging ich ihm voraus und stieg die Stufen empor.

Als wir noch unterwegs waren, erschreckte mich ein Schrei, der aus dem oberen Zimmer drang. Der Schrei wiederholte sich, ehe wir in’s Vorgemach traten. Als ich in das innere Zimmer schritt, erblickte ich den vielseitigen Miserrimus in einer neuen Charaktermaske.

Die unglückliche Ariel stand vor einem Tisch, auf dem ein Gericht von kleinen Kuchen befindlich. Um jedes ihrer Handgelenke war eine Schnur gebunden, deren lang herabhängende Enden von Dexters Händen ergriffen worden waren. »Versuche noch einmal, meine Schöne!« hörte ich ihn sagen. »Nimm Dir einen Kuchen.« Nach diesem Kommandowort streckte Ariel gehorsam einen Arm nach dem Gericht aus. Gerade in dem Moment, als sie mit den Fingerspitzen einen der Kuchen ergreifen wollte, wurde ihre Hand vermittelst der Schnur mit einer so teuflischen Kraft und Heftigkeit hinweggerissen, daß ich mich versucht fühlte, Benjamins Stock auf Dexters Rücken zu zerschlagen. Diesmal erduldete Ariel den Schmerz mit spartanischem Schweigen. Sie hatte nämlich meine Anwesenheit bemerkt. Ihre Zähne waren fest zusammengebissen, nicht einmal ein Seufzer entfloh der geängstigten Brust.

»Nehmen Sie ihr die Schnur ab!« rief ich, »oder ich verlasse augenblicklich das Haus.«

Bei dem Klange meiner Stimme brach Dexter in ein schrilles Bewillkommnngsgeschrei aus. Seine Augen hefteten sich auf mein Antlitz, als wenn er mir in der Seele lesen wollte.

»Treten Sie nähert« rief er. »Treten Sie näher und sehen Sie, wie ich die Zeit tödte, wenn die Zeit uns trennt. Ich bin heute in meiner malitiösen Laune, weil ich mich nach Ihnen ängstigte, Mrs. Valeria. Sehen Sie einmal Ariel an. Sie hat den ganzen Tag noch nichts gegessen, und verschmähet es noch jetzt, ein Stückchen Kuchen zu nehmen. Sie brauchen sie nicht zu bemitleiden. Ich verursache ihr keinen Schmerz.«

»Ariel hat keine Nerven,« stimmte das arme Geschöpf ein. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«

Ich hörte, wie Benjamin hinter mir seinen Stock schwang.

»Machen Sie die Schnur los!« rief ich, heftiger als vorhin.

»Welch’ herrliche Stimme!« sagte Dexter, indem er die Schnur löste.

»Nimm die Kuchen!« rief er Ariel dann befehlend zu.

Das blödsinnige Wesen ging mit seinen geschwollenen Handgelenken an mir vorüber.

»Ariel hat keine Nerven,« wiederholte sie stolz. »Ariel fühlt keinen Schmerz.«

»Sie sehen,« sagte Miserrimus Dexter, »ich habe ihr nicht wehe gethan. Seien Sie aber nach Ihrer langen Abwesenheit nicht gleich wieder hart gegen mich, Mrs. Valeria.«

Er machte eine Pause. Benjamin, der noch schweigend in der Thür stand, erregte seine Aufmerksamkeit.

»Wer ist das?« fragte er mißtrauisch. »Ah, ich weiß!« rief er, bevor ich antworten konnte. »Das ist der wohlwollende Herr, der das letzte Mal, als ich ihn sah, einem Tröster der Betrübten glich. Sie haben Sich sehr zu Ihrem Nachtheile verändert, Sir. Sie sehen jetzt aus, wie die rächende Justiz. Wohl Ihr neuer Beschützer, Mrs Valeria?«

Er machte Benjamin eine wild ironische Verbeugung.

»Ihr gehorsamer Diener, Herr Justiz-Minister. Ich habe Sie verdient, und ich unterwerfe mich Ihnen. Bitte, treten Sie doch näher. Diese Dame ist das Licht meines Lebens.«

Er rollte seinen Stuhl von Benjamin, welcher ihm mit verachtendem Schweigen zugehört, zurück, bis er sich in meiner Nähe befand.

»Ihr Hand, Licht meines Lebens!« murmelte er in seinen sanftesten Tönen. »Ihre Hand, nur zum Zeichen, daß Sie mir vergeben.« Ich reichte sie ihm. Er küßte sie respektvoll und ließ sie dann mit einem schweren Seufzer wieder fahren.

»Armer Dexter!« sagte er, sich selbst bemitleidend. »Ein warmes Herz in Einsamkeit verwelkt, verhöhnt durch meine Mißgestalt. Armen unglücklicher Dexter!«

Er blickte wiederum mit jener wilden Ironie auf Benjamin.

»Ein schöner Tag, Sir,« sagte er mit höhnischer Höflichkeit. »Darf ich Ihnen eine Erfrischung anbieten? Wollen Sie nicht gefälligst Platz nehmen? Wenn ein Justiz-Minister nicht bedeutender ist als Sie, sieht er am besten auf einem Stuhl aus.«

»Und ein Affe sieht am besten in einem Käfig aus,« entgegnete Benjamin.

Die Beleidigung machte keinen Eindruck auf Dexter. Er that als wenn er sie überhört. Er hatte sich abermals verändert. Er war gedankenvoll, und seine Augen hefteten sich mit trauriger Aufmerksamkeit an meine Züge. Ich warf Benjamin einen bezeichnenden Blick zu und setzte mich in den nächsten Armstuhl. Benjamin nahm hinter Dexter Platz. Ariel, ihre Kuchen verschlingend, kauerte sich zu des Meisters Füßen und blickte zu ihm auf wie ein Hund. Es entstand eine Pause, während welcher ich Dexter genauer beobachten konnte.

Mr. Playmores Brief hatte Recht gehabt. Es war eine Veränderung zum Schlimmen mit ihm vorgegangen. Seine Züge waren matt und traurig; das ganze Gesicht schien mir kleiner geworden. Die Milde in seinem Blick war verschwunden. Die Augen waren mit rothen Adern durchzogen. Seine sonst so kräftigen Hände erschienen mir welk und zitternd. Die Blässe seines Antlitzes hatte etwas geisterhaftes bekommen; die Falten waren tiefer gegraben; es schienen Jahre über ihn hinweg gegangen zu sein, während ich nur Monate von ihm entfernt gewesen. Ich bereute jetzt nicht, Spanien so eilig verlassen zu haben. Der von dem Arzt vorhergesehene Moment schien vielleicht näher gerückt als Jener geglaubt. Als sich unsere Blicke zufällig begegneten, fühlte ich deutlich, daß ich es mit einem Verurtheilten zu thun hatte.

Er that mir leid.

Ich wußte, daß er grausam, ich war überzeugt, daß er falsch, und dennoch that er mir leid.

Er errieth meine Gedanken.

»Ich danke Ihnen,« sagte er plötzlich. »Ich thue Ihnen leid, weil ich krank bin. Sie haben mir durch Ihr Erscheinen großes Vergnügen gemacht. Erhöhen Sie dasselbe, indem Sie mich auch Ihre Stimme hören lassen. Erzählen Sie mir, was Sie gethan, seit Sie von England abwesend waren.«

Ich erfüllte seinen Wunsch.

»Lieben Sie Eustace noch immer?« fragte er bitter.

»Ich liebe ihn mehr denn je.«

Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen. Dann sprach er in derselben Situation:

»Und Sie ließen ihn in Spanien? Sie kehrten allein nach England zurück? Weshalb thaten Sie das?

»Weshalb bat ich Sie um Ihren Beistand, Mr. Dexter?«

Er ließ seine Hände sinken und blickte mich an. Er schien erregt.

»Ist es denn möglich,« rief er aus, »daß Sie jene unglückliche Geschichte noch nicht ruhen lassen können? Sind Sie noch immer entschlossen, das Geheimniß von Gleninch zu ergründen?«

»Ich bin noch immer dazu entschlossen, Mr. Dexter, und ich hoffe noch immer auf Ihre Hilfe.«

Der alte Kummer, dessen ich mich so wohl entsann, verdunkelte aufs Neue seine Züge.

»Wie sollte ich Ihnen denn helfen können?« fragte er. »Kann ich die Begebenheiten ändern?« Er hielt inne.

Sein Antlitz wurde abermals heiter, als wenn eine plötzliche Freude über ihn gekommen. »Ich versuchte Ihnen zu helfen,« fuhr er fort. »Ich erzählte Ihnen, daß Mrs. Beanlys Abreise eine Finte war, um dem Verdachte zu entgehen; ich sprach die Vermuthung aus, daß das Gift von Mrs. Beanlys Mädchen beigebracht sein könnte. Hat fernere-s Nachdenken Sie überzeugt?«

Diese Rückkehr zu Mrs. Beanly veranlaßte mich, direkt auf mein Ziel loszugehen.

»Mein Nachdenken hat mich keine Ueberzeugung gewinnen lassen,« antwortete ich. »Ich kann keine Gründe finden. Hatte das Mädchen irgend welche Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein?«

»Kein Mensch auf der Welt hatte Veranlassung, die Feindin der Verstorbenen zu sein!« rief er laut und leidenschaftlich. »Ihr ganzes Wesen athmete Güte, und sie hat weder in Gedanken noch in Worten jemals einen Menschen beleidigt. Sie war eine Heilige auf Erden. Achtung ihrem Angedenken! Lassen Sie die Märtyrerin ruhen in ihrem Grabe.«

Er bedeckte das Antlitz mit beiden Händen und schauderte unter dem Einfluß der Erregung, die er selbst heraufbeschworen. Ariel verließ plötzlich und leise ihren Stuhl und näherte sich mir.

»Sehen Sie meine zehn Krallen?« flüsterte sie, beide Hände emporhebend. »Wenn Sie den Herrn wieder ärgern, werden Sie meine zehn Krallen an Ihrer Kehle fühlen!«

Benjamin erhob sich von seinem Stuhl. Er hatte die Bewegung gesehen, ohne die Worte zu hören. Ich bedeutete ihn, seinen Platz zubehalten. Ariel kroch zu ihrem Stuhl zurück und blickte wieder zu Dexter auf.

»Weinen Sie nicht,« sagte sie. »Hier sind die Schnüre. Schnüren Sie mir noch einmal die Handgelenke zu.«

Er antwortete weder, noch bewegte er sich.

Ariel gab sich Mühe, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ich sah es an ihren zusammengezogenen Brauen, an ihren starr auf mich gerichteten Blicken. Plötzlich schlug sie beide Hände zusammen und stieß einen Freudenschrei aus. Sie hatte eine Idee gefunden.

»Herr!« rief sie. Herr!Sie haben mir lange keine Geschichte erzählt. Bringen Sie Grauen in meinen dicken Kopf. Bringen Sie Schauer über meinen ganzen Körper. Bitte, eine recht lange, hübsche Geschichte. Lauter Blut und Verbrechen.«

»Armer Teufel!« sagte er, ihren Kopf streichelnd. »Du verstehst kein Wort von meinen Geschichten, und dennoch liegt es in meiner Macht, dies Haar auf Deinem Haupte sich sträuben zu lassen.«

Er lehnte sich wieder in seinen Stuhl zurück und blickte nach mir. Erinnerte er sich wieder der Worte, welche vor wenigen Minuten zwischen uns gefallen? Nein, seine Gedanken beschäftigten sich mit der Bitte Ariels.

»Ich bin ein außerordentlicher dramatischer Erzähler, Mrs. Valeria,« sagte er. »Dies Geschöpf hier zu meinen Füßen liefert einen sprechenden Beweis dafür. Sie ist eine personifizirte psychologische Studie, wenn ich ihr eine Geschichte erzähle. Ich werde Ihnen eine Probe davon geben. Glauben Sie nicht daß es mich sehr anstrengen wird. Meine Einbildungskraft ist unerschöpflich. Die Herrschaften werden sich sehr gut unterhalten. Ich bin auch gewöhnlich ernster Stimmung, wie Sie, und dennoch muß ich stets über sie lachen.«

Ariel klopfte in ihre großen formlosen Hände. »Er lacht immer über mich!« sagte sie, mich anblickend, mit überlegenem Stolz.

»Hören Sie also, Mrs. Valeria,« begann er mit lauter Stimme. »Ariel, höre Du auch. Wir wollen mit der Formel für alle guten Feengeschichten beginnen. Es war einmal —«

Hier unterbrach er sich schon, legte seine Hand an die Stirn und ließ sie rückwärts und vorwärts darüber hingleiten. Ich hörte ihn leise lachen.

»Es scheint, als wenn ich der Aufregung bedürfte,« sagte er.

Sollten seine Gedanken schon im Wandern begriffen sein? Würde er bald wieder zu sich selbst kommen, wenn wir geduldig warteten und ihm Zeit dazu ließen? Selbst Ariel war erstaunt und schien sich unbehaglich zu fühlen.

So saßen wir in erwartungsvollem Schweigen

»Meine Harfe!« rief er. Die Musik wird mir Anregung geben.«

Ariel brachte ihm die Harfe.

»Herr!« sagte sie verwundert »was ist Ihnen?«

Er gebot ihr mit der Hand Schweigen.

»Ode an die Erfindung,« kündigte er, sich an mich wendend an. »Text und Musik improvisirt von Dexter. Ruhe! Aufgepaßt!«

Seine Finger irrten schwach über die Saiten, aber ohne eine Melodie zu erwecken, ohne ihm Worte zuzuflüstern. Nach einer Weile sank sein Haupt vornüber, und die Stirn ruhte an dem Holz der Harfe. Ich stand auf und näherte mich ihm. War er eingeschlafen oder in Ohnmacht gesunken?

Ich berührte seinen Arm und nannte seinen Namen.

Ariel stellte sich sofort mit drohendem Blick zwischen uns. In demselben Moment hob Miserrimus Dexter den Kopf. Er hatte meine Stimme gehört und sah mich nun mit so ruhiger Beobachtung an, wie ich sie noch nie an ihm wahrgenommen.

»Nimm die Harfe fort,« sagte er mit mildem Ton zu Ariel.

Das nur halb menschliche Geschöpf reizte ihn abermals.

»Nun, Herr?« fragte sie, »wo bleibt denn die Geschichte?«

»Wir brauchen keine Geschichte,« warf ich ein.

»Ich habe noch viel mit Mr. Dexter zu sprechen.«

Ariel sah mich drohend an.

»Ah! Sie wollen es also?« sagte sie, auf mich zuschreitend. In demselben Moment hielt sie des Herrn Stimme von mir zurück.

»Setze die Harfe fort, Du Thier, und warte auf die Geschichte, bis ich sie Dir erzählen werde.«

Sie trug die Harfe gehorsam in einen Winkel des Zimmers. Mr. Dexter rollte mir seinen Stuhl näher. »Ich weiß, was mich aufregen wird,« raunte er mir vertraulich zu. »Ich habe heute noch keine Bewegung gehabt.« Er legte die Hände auf die Maschinerie seines Stuhles und rollte auf die gewöhnliche Art das Zimmer entlang. Doch bald trat eine neue Veränderung ein. Nicht mit pfeifenden und rasenden Rädern wie sonst fuhr er das Zimmer auf und ab, sondern langsamer und schwerer, als wenn es ihm große Mühe verursachte. Dann hielt er inne, wie aus Mangel an Athem.

Wir folgten ihm. Ariel zuerst dann Benjamin und ich. Er winkte die beiden Anderen zurück und gab mir ein Zeichen, näher zu kommen.

»Ich bin außer Uebung« sagte er schwach. »Während Ihrer Abwesenheit habe ich meine Kraft verloren.«

Wer würde ihn jetzt nicht bemitleidet haben? Wer hätte in diesem Moment an seine Verirrungen gedacht? Wiederum war es Ariel, welcher die müden Lebensgeister ihres Herrn weckte.

»Was ist Ihnen, Herr? Wo bleibt die Geschichte?« fragte sie in winselnd weinerlichen Tönen.

»Sie bedürfen der frischen Luft,« sagte ich, »lassen Sie uns eine kleine Spazierfahrt machen.«

Es war nutzlos. Ariels Bitte hatte bereits Dexters schlafende Lebensgeister wieder erweckt.

»Du Elende!« rief er, den Stuhl gegen sie umwendend. »Nun kommt die Geschichte Ich kann sie erzählen! Ich will sie erzählen! Wein her, Du winselndes Kalb! Weshalb dachte ich denn daran nicht früher? Königlichen Burgunders bedarf ich, um meine Phantasie zu entflammen Gläser her für die ganze Gesellschaft!«

Ariel öffnete eine Schieblade im Alkoven und holte eine Flasche und hohe venezianische Gläser hervor. Dexter leerte seinen Humpen aus einen Zug und nöthigte uns ebenfalls zum Trinken. Der feurige Wein übte fast augenblicklich seine Wirkung. Ariel, welche ebenfalls ihr Glas hinunter gestürzt begann mit heiserer Stimme ihre Bitte um die Geschichte abzusingen. Dexter füllte noch einmal sein Glas, und Benjamin beschwor mich mit leiser Stimme, aufzubrechen.

»Nur noch einen letzten Versuch,« flüsterte ich zurück.

Ariel setzte ihren lakonischen Sang fort.

Dexter blickte von seinem Glase auf. Der Wein begann auch in ihm zu wirken. Augen und Wangen bekamen ihren alten Glanz wieder. Der feurige Burgunder war mein Bundesgenosse geworden.

»Keine Geschichte,« sagte ich, »ich bin jetzt nicht in der Laune, eine Geschichte zu hören.«

»Nicht in der Laune?« wiederholte er ironisch »Das ist eine Entschuldigung. Sie glauben, daß meine Phantasie erloschen. Ich will Ihnen zeigen, daß Dexter noch immer der Alte ist. Ruhig, Ariel, oder Du mußt das Zimmer verlassen! Ich habe meine Geschichte fertig, Mrs. Valeria! Es ist gerade etwas, das Sie sehr interessiren wird,« fügte er mit listigem Lächeln hinzu. »Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd. Setzen Sie Sich wieder ans Feuer und hören Sie zu.«

Die Geschichte von einer Herrin und einer Magd? Also die Geschichte von Mrs. Beanly. Die Art und Weise, wie er die Erzählung einführte, belebte von Neuem meine Hoffnung. Seine List war wieder erwacht. Unter dem Vorwande, Ariel eine Geschichte zu erzählen, wollte er zweifelsohne einen erneuten Versuch machen, mich auf Irrwege zu führen. Um seine eigenen Worte zu brauchen, Dexter war wieder er selber geworden. Wir setzten uns auf unsere alten Plätze. Ariel sah mich mißtrauisch an, als ob sie glaubte, daß ich ihren Herrn abermals unterbrechen könnte. Das hatte sie aber nicht zu befürchten, ich war jetzt eben so begierig wie sie, die Geschichte zu hören. Das Thema war voller Schlingen für den Erzähler. Er konnte sich in jedem Augenblick verrathen.

Er blickte um sich und begann:

»Ist mein Publikum bereit zu hören?« fragte er heiter. »Blicken Sie mir ein wenig voller in’s Gesicht,« fuhr er mit sanfter Stimme zu mir gewandt fort. »Lassen Sie mich Begeisterung in Ihren Blicken finden. Lassen Sie meine hungrige Bewunderung sich an Ihrer Gestalt sättigen. Begnadigen Sie den Mann, dessen Glück Sie zerstört mit einem Lächeln des Mitleids. Ich danke Ihnen, Licht meines Lebens!l« Dann lehnte er sich in seinen Stuhl zurück.

»Nun endlich die Geschichte! Ich werde sie in die dramatische Form gießen, die kürzeste und treueste, um meine Geschichte zu erzählen. Der Titel also: »Herrin und Magd« Scene: Italien Zeit: 15. Jahrhundert. Blicken Sie auf Ariel. Sie weiß so viel vom 15. Jahrhundert als die Katze in der Küche und dennoch amüsirt sie sich schon. Glücklicher Ariel!«

Ariel blickte mich triumphirend an.

»Ich weiß nicht mehr als die Katze in der Küche,« wiederholte sie eitel. »Ich bin glücklich! Und was sind Sie?«

Miserrimus Dexter lachte, dann fuhr er fort: »Personen des Dramas nur drei Frauen. Angelika, eine vornehme Dame, von Geist und Geburt. Kunigunde ein schöner Teufel in weiblicher Gestalt. Damoride, ihr unglückliches Mädchen. 1. Scene. Dunkel gewölbtes Zimmer in einem Kastell. Es ist Abend. Die Eulen klagen im Walde; die Frösche quaken im Sumpf. Sehen Sie Ariel an. Sie bekommt schon die Gänsehaut. Glückliche Ariel.«

Meine Nebenbuhlerin in des Herrn Gunst sah mich mißtrauisch an. Miserrimus Dexter that wieder einen mächtigen Trunk.

Ich beobachtete ihn aufmerksam; sein Antlitz belebte sich mehr und mehr. Er setzte sein Glas nieder und fuhr fort:

»Personen in dem gewölbten Zimmer: Kunigunde und Damoride. Kunigunde spricht: »Damoride!« — »Madame?« — »Wer liegt denn im Zimmer über uns krank?« —»Die vornehme Dame Angelika, Madame!« — Pause. — Kunigunde spricht wieder: »Damoride!« — »Madame?« — »Mag Angelika Sie leiden?« — »Madame, die vornehme Dame ist gut gegen mich und alle Welt!« — »Haben Sie ihr aufgewartet Damoride?« — »Zuweilen, Madame, wenn die Wärterin müde war.« — »Hat sie die Medizin aus Ihrer Hand genommen?« — »Ein oder zwei Mal, Madame!« — »Damoride, nehmen Sie diesen Schlüssel, und öffnen Sie das Schmuckkästchen auf dem Tisch! (Damoride gehorcht.) »Bemerken Sie ein grünes Fläschchen mit einer Flüssigkeit darin?« — »Ich sehe es, Madame!« — »Nehmen Sie es heraus!« (Damoride ge horcht) — »Wissen Sie, was die Flüssigkeit ist?« — »Nein, Madame!« — »Es ist Gift!« — (Damoride erschrickt und scheint geneigt das Fläschchen aus der Hand zu setzen. Kunigunde deutet ihr an, es zu behalten, und spricht weiter.) — »Ich hasse Lady Angelika. Ihr Leben steht zwischen mir und der Freude meines Herzens. Sie halten ihr Leben in Ihrer Hand.« (Damoride fällt auf ihre Knie und spricht): »Sie erschrecken mich, Madame! Kunigunde tritt nahe an sie heran und sagt mit schrecklichem Blick: »Damoride! Lady Angelika muß von Ihrer Hand sterben, damit kein Verdacht auf mich fällt!«

Dexter hielt inne und nahm wieder einen tiefen Zug.

Ich betrachtete ihn aufmerksam.

Die Röthe seiner Wangen war dieselbe geblieben, aber der Glanz der Augen begann schon zu erlöschen. Zuletzt war auch seine Sprache schon langsamer geworden. War die Wirkung des Weines bereits im Abnehmen? Hatte der Wein bereits Alles für ihn gethan?

Wir warteten, Ariel mit offenem Munde, Benjamin mit aufgeschlagenem Notizbuche in der Hand.

Mr. Dexter fuhr fort.

»Damoride hört die entsetzlichen Worte und faltet flehend ihre Hände. — »O Madame, aus welchem Grunde sollte ich die vornehme Dame tödten?« — Kunigunde antwortet: »Aus dem Grunde, weil Sie mir gehorchen müssen.« — »Ich kann es nicht, Madame, ich wage es nicht!« — »Was ist da zu wagen? Ich habe meinen Plan, uns vor Entdeckung zu sichern!« — (Damoride fleht um Erbarmen Kunigundes Augen flammen vor Wuth. Sie nimmt aus dem Versteck ihres Busens) —« Dexter hielt wiederum inne, weil er den Faden verloren.

War es gerathen, ihn wieder anknüpfen zu helfen oder zu schweigen?

Die Geschichte war mir ja klar genug. Er wollte abermals meinen Verdacht auf Mrs. Beanly lenken, es kam nur darauf an, wie er die Erzählung zu Ende führen, und ob es ihm gelingen würde, meine Ueberzeugung von der Unschuld der Mrs. Beanly und ihres Mädchens wieder zu vernichten.

Ich zog es vor, ihm Zeit zu lassen. Kein Wort kam über meine Lippen. Wir warteten im tiefsten Schweigen kurz vor dem kritischen Moment.

Die starren Züge belebten sich wieder. Er hatte ohne Zweifel ein Motiv zur Anklage der Mrs. Beanly und ihres Mädchens gefunden.

Er begann von Neuem:

»Kunigunde also zieht aus dem Versteck ihres Busens ein beschriebenes Stück Papier, das sie entfaltet. »Blicken Sie hierher,« sagt sie. Damoride sinkt abermals erschreckt zu ihren,Füßen. Kunigunde ist im Besitz eines schmachvollen Geheimnisses ihres Mädchens. Kunigunde kann ihr eine entsetzliche Alternative stellen. Entweder gehorchst Du mir, oder ich entehre Dich!« — Damoride nimmt ihre letzte Zuflucht zum Erheben einiger Schwierigkeiten weil sie sieht, daß sie das Herz der Herrin nicht erweichen kann. — »Wie kann ich es denn aber thun, Madame, wenn die Wärterin dabei ist und es sieht?« — Kunigunde antwortet: »Manchmal schläft die Wärterin und manchmal ist sie auch fort.« — »Die Thür ist ja aber verschlossen Madame, und die Wärterin hat den Schlüssel.«

Mir fiel sofort der fehlende Schlüssel in Gleninch ein. Hatte er ebenfalls daran gedacht? Er bereute gewiß das Wort, als es ihm entflohen. Ich gab Benjamin das verabredete Signal. Benjamin senkte den Bleistift auf sein Notizbuch, ohne daß es Jemand bemerken konnte.

Es dauerte lange, ehe Dexter wieder begann. Sein Auge wurde trüber und trüber.

»Wo war ich stehen geblieben?« fragte er endlich.

»Damoride sagte zu Kunigunde, die Thür ist verschlossen, und die Wärterin hat den Schlüssel,« half ich ihm ein.

»Nein!« antwortete er heftig, »Sie haben falsch gehört. Unsinn! Wer hat denn von einem Schlüssel gesprochen?«

»Ich dächte, Sie thaten es, Mr. Dexter.«

»Ich that es niemals! Ich sagte etwas ganz Anderes!«

Ich vermied es, mit ihm zu streiten, und wartete, was nun folgen würde.

Miserrimus saß schweigend, die Hand an seine Stirn gedrückt, augenscheinlich bemüht, seine wandernden Gedanken zu bemeistern und Licht in das Dunkel zu bringen, das ihn umgab.

»Herr!« rief Ariel.

»Wie wird die Geschichte nun weiter?«

Er fuhr wie aus einem Schlaf empor und schüttelte den Kopf, als wenn er einen bösen Druck ans demselben entfernen wollte.

»Nur Geduld!« rief er.

»Die Geschichte geht gleich weiter.«

Halb verzweiflungsvoll nahm er einen Faden wieder auf, unbesorgt darüber, ob es der richtige oder der falsche war.

»Damoride fiel auf ihre Kniee, brach in Thränen aus und sagte —«

Er hielt inne und blickte sich mit starren Augen um.

»Wie nannte ich doch die andere Dame?« fragte er, ohne sich direkt an Jemand zu wenden.

»Sie nannten sie Kunigunde,« sagte ich.

Beim Klange meiner Stimme wandten sich seine Augen nach mir hin, ohne mich anzublicken. Sie schienen vielmehr suchend in die weite Ferne zu starren. Seine Stimme hatte einen ruhigen, ausdruckslosen Ton bekommen. Sollten wir dem Resultate nahe sein?

»Ich nannte sie Kunigunde,« wiederholte er.

»Und wie nannte ich die andere?«

»Damoride,« sagte ich.

Ariel blickte ihn erstaunt an und suchte seine Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.

»Ist das die Geschichte?« fragte sie.

»Das ist die Geschichte,« entgegnete er, noch immer in’s Leere blickend.

»Doch weshalb Kunigunde und Damoride? Herrin und Mädchen ist ja weit leichter zu behalten —«

»Was sagte das Mädchen zu ihrer Herrin?« sagte er, sich mit leisem Schauer in seinem Stuhl wieder aufrichtend. »Was? — Was? Was?«

Plötzlich schienen neue Gedanken über ihn gekommen, und er sprach in schnellen, seltsamen Worten weiter.

»Der Brief,« sagte das Mädchen. »O mein Herz. Jedes Wort ein Dolchstich. Der Brief, der entsetzliche Brief! — —«

Was sollten diese Worte bedeuten? Verwechselte er in seiner Erinnerung die Scenen in Gleninch mit dem Fortgange seiner Geschichte? Begann die entsetzliche Wahrheit siegend durch die Schatten der Heuchelei und sträflichen Verschwiegenheit zu dringen? Ich konnte nicht mehr sprechen. Ein kalter Schrecken zog durch meine Glieder.

Benjamin warf mir einen warnenden Blick zu.

»Sehr hübsche Geschichte,« sagte Ariel. »Fahre fort, Herr.«

Mr. Dexter fuhr fort, als wenn er schliefe mit offenen Augen.

»Die Herrin sagte zu der Magd: »Zeige ihm den Brief. Du mußt es thun.« — »Nein, ich muß es nicht thun.« Ich zeige ihn ihm nicht. Unsinn! Laß ihn leiden. Möge das Schlimmste zum Schlimmsten kommen.« — Die Herrin sagte,« fuhr er fort, indem er mit der Hand eine Bewegung machte, als wenn er eine unklare Vision verscheuchen wollte. »Wer sprach zuletzt? Natürlich das Mädchen: ,Ihr Schurken Fort von dem Tisch. Da liegt das Tagebuch Nummer neun, Calderhaws. Frage nach Dandie. Ihr sollt das Tagebuch nicht haben. Das Tagebuch wird ihn an den Galgen bringen. Ich will ihn aber nicht hängen sehen. Wie könnt Ihr es wagen, meinen Stuhl anzurühren? Mein Stuhl ist ich. Daß Niemand mich anrührt!«

Die letzten Worte übergossen mich wie mit hellem Licht. Ich hatte sie im Prozeß gelesen Mr. Dexter hatte sie gesprochen als er die Beamten verhindern wollte, sich der Papiere meines Mannes zu bemächtigen. Seine Gedanken waren jetzt beim Geheimniß von Gleninch. Ariel fühlte kein Mitleid mit ihrem Herrn. Ariel wollte die Geschichte zu Ende hören.

»Fahre fort, Herr. Was sagte dann die Herrin nun zu der Magd?«

Dexter fuhr immer schneller, immer irrer und wirrer fort.

»Die Herrin sagte zu der Magd:,was soll's mit dem Brief? Kein Feuer im Kamin? Keine Streichhölzer da? Das ganze Haus in Unordnung? Die Diener alle fort? Zerreiße ihn! Unnützes Papier! Wirf es weg. So, nun ist es fort. O, Sarah! Sarah! Sarah! Fort für immer.«

»O, Sarahs Sarah! Sarah! Fort für immer!« wiederholte Ariel. »Erzähle uns, Herr, wer Sarah war!«

Mr. Dexter begann wieder mit dem alten melancholischen Refrain:

»Die Herrin sagte zu der Magd —«

Hier unterbrach er sich schon wieder, richtete sich in seinem Stuhl empor, erhob beide Hände über den Kopf und brach in ein krampfhaftes Gelächter aus. Dann sank er in den Stuhl zurück und das schrille entsetzliche Lachen erstarb in leisen tiefen Seufzern. Das Antlitz hob sich zur Decke empor. Die Augen schienen fast erblindet, die Lippen verzerrten sich zu einem häßlichen Grinsen. Endlich die Nemesis! Die Nacht war gekommen!

Als der erste Schreck vorüber war, belebte mich wiederum nur das Gefühl des Mitleids für den gerichteten Elenden. Ich stand unwillkürlich auf. Augenblicklich an nichts Anderes denkend, als an den hilflosen Unglücklichen, eilte ich zu ihm, um ihm Beistand zu leisten, als ich mich heftig zurückgezogen fühlte.

,Sind Sie denn blind? Sehen Sie dort hin!«

Ariel war mir zuvor gekommen und hatte hilfreich einen Arm um ihren Herrn geschlungen. Mit der freien Hand schwang sie eine Ofengabel, die sie schnell ergriffen. Ihre Augen funkelten wie die eines wilden Thieres.

»Das ist Ihr Werk!« schrie sie mich wüthend an. »Keinen Schritt näher, oder ich schlage Ihnen das Gehirn aus!«

Benjamin ergriff mich bei der Hand und führte mich zur Thür. Ich sah Ariels Wuth abnehmen, als wir uns entfernten. Sie warf die Ofengabel hin, lehnte den Kopf an Dexters Brust und schluchzte bitterlich. »O Herr, Herr! Nun sollen sie Dir nichts mehr thun. Blicke doch auf! Lache mich doch an, wie Du es früher gethan.«

Ich befand mich jetzt schon im anderen Zimmer, dann hörte ich noch einen wilden Entsetzensschrei des unglücklichen Geschöpfes, und die schwere Thüre sank hinter uns zu. Hilflos und weinend wie ein Kind schmiegte ich mich an meinen alten Freund.

Benjamin verschloß die Thür.

»Weinen Sie nicht,« sagte er ruhig, »sondern danken Sie Gott, daß Sie glücklich aus jenem Zimmer sind.«

Er zog den Schlüssel ab und führte mich durch das Haus in den Garten.«

Der Gärtner, den wir unten trafen eilte zum Doctor. Wir warteten denselben ab und er versprach, mir möglichst bald Nachricht über den Kranken zu senden.

Auf dem Heimwege zeigte mir Mr. Benjamin sein Notizbuch.

»Was soll denn nun mit dem Geschreibsel werden? « fragte er erstaunt.

»Haben Sie denn Alles niedergeschrieben?«

»Gewiß. Sie haben mir ja nicht das Signal zum Aufhören gegeben. Ich habe jedes Wort aufgeschrieben. Soll ich es aus dem Wagenfenster werfen?«

»Geben Sie es mir.«

»Was wollen Sie damit thun?«

»Ich weiß es noch nicht. Ich will Mr. Playmore fragen.«



Kapiteltrenner

Zwölftes Kapitel.

Mr. Playmore in einer anderen Gestalt.

Noch mit der Abendpost ließ ich einen Brief an Mr. Playmore abgehen, welcher das Geschehene erzählte, und sobald wie möglich um seinen Rath bat.

Die Notizen in Benjamins Buch waren theilweise stenographirt und hatten in dieser Form keinen Nutzen für mich. Auf meine Bitte machte er zwei Abschriften davon. Die eine schickte ich Mr. Playmore, die andere legte ich auf meinen Nachttisch, als ich zu Bett ging.

Wieder und wieder während der langen schlaflosen Nacht las ich die letzten Worte von Mr. Dexter. War es möglich, dieselben für mich zu benutzen? Nachdem ich mich stundenlang abgemüht, das Problem zu lösen, warf ich das fatale Papier in halber Verzweiflung fort. Meine Hoffnungen waren wieder in den Wind gestreut, wahrscheinlich würde Mr. Dexter nicht wieder zu klaren Sinnen kommen. Die Aussage des Arztes, die mir Mr. Playmore über ihn mitgetheilt, klangen immer wieder in meinen Ohren. »Wenn die Katastrophe eingetreten, und das Gleichgewicht einmal verloren ist, wird es verloren sein für das ganze Leben.«

Am nächsten Morgen brachte mir der Gärtner den versprochenen Brief vom Doctor.

Miserrimus Dexter und Ariel waren noch in demselben Zimmer, in dem wir sie verlassen. Sie wurden von zuverlässigen Leuten bewacht, bis ein Bruder Dexters eingetroffen sein würde, den man bereits telegraphisch benachrichtigt hatte, und der dann die ferneren Entscheidungen treffen sollte. Es war unmöglich gewesen, die treue Ariel von ihrem Herrn zu trennen. Der Doctors und der Gärtner, beides starke Männer, hatten sich vergebens bemüht, Ariel hinauszuschaffen. Als die alte Dienerin endlich die Erlaubniß erhielt, bleiben zu dürfen, wurde sie wieder still und legte sich wie ein Hund zu des Herrn Füßen.

Der Bericht über Miserrimus Dexters Zustand klang noch trauriger.

»Mein Patient ist vollkommen unzurechnungsfähig,« lauteten des Doctors Worte, welche der mündliche Bericht des Gärtners bestätigte. Vier Stunden lang blieb Dexter in vollständiger Lethargie auf seinem Stuhl. Gegen seine sonstige Gewohnheit hatte er mit thierischer Gier seine Mahlzeit verzehrt. Auf andere Dinge war sein Interesse nicht zu lenken. »Diesen Morgen,« sagte der Gärtner beim Abschied, »schien es uns, als wenn er ein wenig erwacht sei. Er machte eigenthümliche Zeichen mit seinen Händen, die weder der Doctor noch ich verstehen konnte. Ariel aber verstand sie. Sie holte ihm seine Harfe und legte ihm die Hände auf die Seiten. Er vermochte nicht zu spielen. Aber er versuchte es dennoch, indem er fortwährend vor sich hinmurmelte. — Er bekommt seinen Verstand niemals wieder. Das beste für ihn wäre, wenn ihn unser Herrgott zu sich nähme. Ich wünsche Ihnen einen guten Morgen Madame.«

Er verließ mich mit Thränen in den Augen und ich blickte ihm ebenfalls mit Thränen in den Augen nach.

Eine Stunde später erhielt ich ein Telegramm von Mr. Playmore, folgenden Inhalts:

»Komme mit dem Nachtzuge nach London. Erwarten Sie mich morgen zum Frühstück.«

Mr. Playmore folgte dem Telegramm beinahe auf dem Fuße. Schon seine ersten Worte erfreueten mich:

»Ich kann nicht leugnen« sagte er, »daß wir noch einige schaurige Hindernisse zu überwinden haben. Ich würde auch nicht vor Beendigung meiner eigenen Geschäfte hierhergekommen sein wenn nicht Mr. Benjamins Notizen einen großen Eindruck auf mich gemacht hätten. Sie haben Ihren ersten Erfolg errungen und deshalb biete ich Ihnen rückhaltlos meine Hilfe an. Jener Elende hat im halben Delirium gethan und gesagt, was, wenn er im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte gewesen nie über seine Lippen gekommen wäre. Er hat uns den ersten Schimmer der Wahrheit durchblicken lassen. Ihre Idee von ihm war die richtige. Seine Erinnerung hatte am wenigsten gelitten und hielt bis zum letzten Augenblicke Stand.«

»Legen Sie denn eine besondere Wichtigkeit auf den Brief?« fragte ich. »Was mich betrifft, befinde ich mich völlig im Unklaren über denselben.«

»So ist es mit mir ebenfalls,« antwortete er offen. »Der Brief ist eines jener Hindernisse, von denen ich sprach. Die verstorbene Mrs. Macallan muß mit demselben in irgend einer Verbindung gestanden haben oder Dexter hätte nicht von einem Dolche im Herzen gesprochen; Dexter würde nimmer ihren Namen mit den Worten in Verbindung gebracht haben, welche das Oeffnen und spätere Fortwerfen des Briefes beschreiben. Ich glaube mit einiger Sicherheit zu diesem Resultat gelangt zu sein, aber weiter vermag mein Blick noch nicht zu dringen. Wer den Brief geschrieben und was darinnen stand, — ist mir so unbekannt wie Ihnen. Wenn wir diese letzte Entdeckung machen wollen wird uns nichts Anderes übrig bleiben, als unsere ersten Anfragen dreitausend Meilen weit zu schicken. Mit einem Wort, wir müssen uns nach Amerika wenden.«

Dieser Ausspruch setzte mich in das größte Erstaunen.

»Es kommt natürlich auf Sie an, ob Sie die Kosten daran wenden wollen, einen zuverlässigen Menschen nach Amerika zu senden. Den Mann würde ich schon ausfindig machen, und die Kosten schätze ich —«

»Die Kosten sind gänzlich Nebensache,« unterbrach ich ihn, die Geduld verlierend. »Bei Weitem die Hauptsache ist, daß Sie mir mittheilen was Sie entdeckt haben«

Er lächelte. »Sie fragen nicht nach den Kosten« sagte er wohlgefällig zu sich selbst. »Wie das einem Weibe gleich sieht.«

Ich trommelte bereits mit den Fingern auf der Tischplatte und bat ihn noch einmal, mir seine Erfahrungen mitzutheilen.

Er nahm die Kopie aus Benjamins Notizbuche zwischen andern Papieren hervor und deutete auf die Worte, »was ist’s mit dem Briefe? Verbrennt ihn Kein Feuer im Kamin. Keine Streichhölzer. Die Diener alle fort.«

»Verstehen Sie denn wirklich diese Worte?« fragte ich.

»Wenn ich aus meine eigene Erfahrung zurückblicke, ja.«

»Können Sie mir das Verständniß nicht ebenfalls beibringen?«

»Nichts leichter als das. In diesen unverständlich scheinenden Sentenzen hat Dexters Erinnerung in sehr correcter Weise gewisse Facta recapitulirt. Ich habe nur nöthig, Ihnen die Facta mitzutheilen; dann werden Sie eben so klug sein, als ich es bin. Zur Zeit des Prozesses erschreckte und betrübte mich Ihr Gatte, indem er darauf bestand, daß das ganze Gesinde in Gleninch sofort entlassen werde. Ich erhielt den Auftrag, ihnen einen Vierteljahrslohn vorauszuzahlen und ihnen vortreffliche Zeugnisse zu geben unter der Bedingung, daß sie das Haus binnen einer Stunde verlassen haben mußten. Eustace’s Motiv hierfür war ganz dasselbe, welches ihn bei der Handlungsweise gegen Sie leitete. Wenn ich jemals nach Gleninch zurückkehre, sagte er, kann ich mich mit den Flecken auf meiner Ehre nicht jenen treuen Dienern entgegenstellen. Es war unmöglich, ihn von diesem Entschluß abzubringen. Nach Ablauf einer Stunde hatten sämmtliche Diener das Haus verlassen. Die Personen welche mit der Bewachung von Haus und Garten betraut wurden, und welche an den Grenzen des Parkes wohnten waren ein Ehepaar und deren Tochter. Am letzten Tage des Prozesses trug ich der Tochter auf, die Zimmer zu reinigen und zu lüften. Es war ein gutes Mädchen aber sie hatte weder Uebung noch Erfahrung wollte ihr durchaus nicht in den Kopf, wie man das Schlafzimmer heizte und Streichhölzer in die leeren Büchsen stellte. Jene zufälligen Worte von Dexter wollten ohne Zweifel die Beschaffenheit seines Zimmers beschreiben als er mit Eustace und dessen Mutter von Edinburgh nach Gleninch zurückkehrte. Daß er jenen geheimnißvollen Brief in seinem Schlafzimmer zerriß und daß er, indem er keine Gelegenheit fand, ihn zu verbrennen die Fragmente in den leeren Kamin oder in den Papierkorb warf, dürfte der vernünftigste Schluß sein den wir aus dem bisher in Erfahrung gebrachten ziehen können. Auf jeden Fall hatte er wohl nicht lange Zeit gehabt, darüber nachzudenken. An jenem Tage geschah Alles in der größten Eile. Eustace und seine Mutter, von Dexter begleitet, verließen England noch an dem nämlichen Abend. Ich selbst verschloß das Haus und übergab die Schlüssel dem Verwalter, dessen Familie es oblag, das Haus in wohnlichem Zustande zu erhalten. Nachdem ich Ihren Brief bekommen fuhr ich sofort nach Gleninch, um die Verwalterfrau in Bezug auf die Schlafzimmer und speziell um das von Dexter bewohnt gewesene zu befragen. Sie erinnerte sich der Zeit, da das Haus verschlossen wurde und brachte diese Reminiscenz mit einem Unwohlsein in Verbindung, welches sie ans Bett gefesselt hatte. Sie hatte mindestens eine Woche, nachdem Gleninch der Fürsorge ihrer Familie übergeben die Schwelle ihres kleinen Zimmers nicht überschritten. Die ganze Arbeit des Lüftens und Reinigens war während ihrer Krankheit der Tochter anheimgefallen. Diese ganz allein mußte jeden Papierschnitzel bemerkt haben, welcher in Mr. Dexters Zimmer herumgelegen hatte. Das kann ich beschwören daß jetzt auch nicht das Geringste in jenem Zimmer zu finden ist. Wo fand das Mädchen also die Fragmente jenes Briefes? Und was machte sie damit? Das sind Fragen die wir 3000 Meilen weit zur Beantwortung nach Amerika schicken müssen, denn ich habe in Erfahrung gebracht, daß sich die Verwalterstochter seit einem Jahre verheirathet hat und mit ihrem Gatten in New-York aufhält. Nun liegt die Entscheidung in Ihrer Hand. Lassen Sie Sich nicht durch falsche Vorspiegelungen von mir mißleiten. Selbst wenn sich diese Frau erinnert, was sie mit den zerrissenen Papierstückchen angefangen, dürfte es doch nach der langen Zeit sehr schwierig sein, dieselben wieder aufzufinden. Lassen Sie Sich Zeit, ehe Sie Sich entscheiden. Nun Adieu, ich habe noch in der Stadt zu thun.«

»Senden Sie Ihren Vertrauensmann mit dem nächsten Dampfer nach New-York,« rief ich ihm nach, »das ist meine Entscheidung.«

»Wissen Sie auch, was das kosten wird?« rief er, sein Notizbuch hervorstehend.

Ich schrieb ihm einen Blanco-Wechsel und schob ihm denselben über den Tisch.

»Füllen Sie die Summe aus,« sagte ich, »und ums Himmels Willen lassen Sie uns zurück nach Dexter. Hören Sie zu,« sagte ich, Benjamins Notizen lesend.

»Was meinte Dexter, wenn er sagte, Nummer 9 Calderhaws. Nach Dandie fragen. Sie sollen das Tagebuch nicht haben. Das Tagebuch wird ihn an den Galgen bringen! — Wie erfuhr Dexter, was in meines Gatten Tagebuche stand, und was meinte er mit den übrigen Redensarten. Sind das auch Facta?«

»Allerdings!« antwortete Mr. Playmore. »Calderhaws müssen Sie wissen, ist einer der übelberüchtigsten Districte in Edinburgh. Einer meiner vertrautesten Schreiber unternahm es, nach Dandie in Nummer 9 zu fragen. Es war eine kitzliche Aufgabe, und der Mann nahm wohlweislich Jemand mit sich, der in der Nachbarschaft bekannt war. Nummer 9 erwies sich als ein Verkaufsladen von Lumpen und altem Eisen, und Dandie stand im Argwohn, gestohlene Sachen an sich zu bringen. Dank dem Einfluß seines Begleiters und einer Banknote, die Sie mir gelegentlich wiedergeben können, « löste mein Schreiber diesem Menschen die Zunge. Das kurze Resultat war folgendes: Ungefähr 14 Tage vor dem Tode der Mrs. Macallan hatte Dandie nach Wachsmodellen 2 Schlüssel gemacht, welche ein neuer Kunde bei ihm bestellt. Das Geheimnißvolle der Sache und das seltsame Benehmen des mit derselben betrauten Agenten erregte Dandie's Mißtrauen. Bevor er die Schlüssel ablieferte, hatte er die Entdeckung gemacht, daß sein neuer Kunde Miserrimus Dexter sei. Fügen Sie Dexters unbegreifliche Kenntniß des Tagebuchs Ihres Gatten zu dieser Information hinzu, so erhalten Sie als Product, daß die Wachsmodelle, welche an Dandie geschickt wurden, von den Schlüsseln des Tagebuchs und der Schieblade, in welcher es enthalten, genommen waren. Ich habe meine eigenen Ideen hierüber, auf die ich aber augenblicklich noch nicht näher eingehen will. Ich wiederhole Ihnen nur, daß Dexter für den Tod der Mrs. Macallan verantwortlich zu machen ist, in welcher Weise, wird Ihnen vielleicht gelingen, herauszubekommen. Nachdem die Angelegenheit soweit gediehen, halte ich es jetzt allerdings für Ihre Pflicht, sowohl gegen die Gerechtigkeit als gegen Ihren Gatten, Alles zu thun, um der Wahrheit auf den Grund zu kommen. Was die Schwierigkeiten anbetrifft, die sich Ihnen entgegenstellen, so werden Sie dieselben durch Geduld, Entschlossenheit und Sparsamkeit überwinden.«

Mit starker Betonung des letzten Wortes wollte sich Mr. Playmore abermals entfernen.

»Noch ein Wort,« sagte ich. »Haben Sie so viel Zeit, Mr. Dexter zu sehen, ehe Sie nach Edinburgh zurückkehren? Nach des Gärtners Aussagen muß sein Bruder jetzt schon bei ihm sein. Ich würde gern erfahren, wie es dort steht.«

»Der Besuch bei Dexter bildet einen Theil meines Reisezweckes,« sagte Mr. Playmore. »Auf seine Wiedergenesung setze ich keine Hoffnung, aber ich möchte mich vergewissern, ob sein Bruder sich seiner annehmen kann und will. So weit es uns angeht, hat der Unglückliche seine letzten Worte gesprochen.«

Er öffnete die Thür, hielt inne und kam noch einmal zurück.

»Was die amerikanische Sendung anbetrifft,« sagte er, »so würde ich Sie bitten, die Summe in Ihrem Blanco-Wechsel selbst, und zwar in Zahlen und Worten, auszufüllen Ich kann mich dazu in keiner Weise verstehen. Also noch einmal, guten Morgen, Mrs. Macallan.«

Mit einer tiefen Verbeugung legte er den Blume-Wechsel auf den Tisch und verließ mich.



Kapiteltrenner

Dreizehntes Kapitel.

Noch mehr Überraschungen.

Noch an demselben Abend überbrachte mir ein Schreiber den Kostenanschlag für die Reise des Agenten und einen flüchtigen Bericht über den Besuch bei Mr. Dexter.

Es hatte sich durchaus in seinem Zustande nichts verändert. Der Bruder war mit einem Arzte eingetroffen, welcher den Irrsinnigen in seine Obhut nehmen sollte. Der neue Arzt wollte sich jedes Urtheils enthalten, bis er den Kranken längere Zeit genau beobachtet. Es war bestimmt worden, daß Miserrimus Dexter, sobald die Vorbereitungen getroffen sein würden, in die Anstalt aufgenommen werden sollte, deren Besitzer und Vorsteher der neue Arzt war. Die einzige Schwierigkeit, welche zu überwinden war, bestand in einer Verfügung über das unglückliche Geschöpf, welches seinen Herrn nie verlassen. Ariel hatte weder Freunde noch Geld. Aber es gelang Mr. Playmore und mir, theils durch eigene Betheiligung theils durch Subscription die Mittel aufzubringen welche es Ariel möglich machten, in der Nähe Dexters zu bleiben und täglich einige Stunden unmittelbar in seiner Nähe zubringen und ihn bedienen zu können.

Am andern Tage erhielt ich von meiner Schwiegermutter einen Brief aus Spanien.

Zu meiner unnennbaren Freude las ich folgende Zeilen:

»Machen Sie Sich, meine theuerste Va-
»leria, auf eine herrliche Ueberraschung gefaßt.
»Eustace hat mein in ihn gesetztes Vertrauen
»gerechtfertigt. Wenn er nach England zu-
»rückkehrt, wird er sein geliebtes Weib auf-
»suchen.

»Dieser Entschluß ist nicht etwa durch meine
»Beeinflussung hervorgerufen worden Es ist
»der ganz natürliche Ausdruck seiner Dank-
»barkeit und Liebe. Die ersten Worte nach
»seiner Genesung waren: »Glauben Sie, daß
»mir Valeria vergeben werde, wenn ich wie-
»der zu ihr komme?« Die Antwort darauf
»müssen wir Ihnen natürlich überlassen und
»zwar, wenn Sie uns lieben, mit wendender
»Post.

»Nachdem ich Ihnen nun die erste freudige
»Nachricht mitgetheilt, will ich meinen Brief
»doch noch einige Tage zurückhalten im Fall,
»was ich jedoch nicht hoffe, er seine Entschlie-
»ßung ändern sollte.

»Drei Tage sind nun seitdem vergangen
»und es ist keine Veränderung eingetreten
»Er denkt einzig und allein an die Wieder-
»vereinigung mit seiner Frau. Ich muß Sie
»aber noch auf etwas Anderes aufmerksam
»machen, da Eustace’s Seele keine Umwan-
»delung erlitten hat.

»Obgleich Leiden und Zeit ihn in vieler
»Beziehung geändert haben, denkt er doch noch
»immer mit demselben Schrecken an Ihre Idee,
»ihn noch einmal mit einer Ausrührung seines
»Prozesses in Verbindung zu bringen. Das
»ist der große Kummer, der seine Seele be-
»drückt. Ich hielt es für meine Pflicht, be-
»ruhigend auf ihn zu wirken Ich habe ihm
»gesagt, er solle sich vorläufig die Sache aus
»dem Kopf schlagen es würde Valeria schließ-
»lich nichts Anderes übrig bleiben, als die
»Idee aufzugeben da die sich ihr entgegen
»stellenden Hindernisse bis zur Unübersteiglich-
»keit angewachsen wären Mit diesen Worten
»sprach ich ja auch nur meine eigene Ansicht
»aus, die Sie selber so oft von mir hörten.
»Hoffentlich höre ich in Ihrem nächsten Briefe,
»daß unsere beiderseitigen Wünsche in Er-
»füllung gegangen Sollten wir uns getäuscht
»haben, dann mögen Sie auch die Folgen
»verantworten. Sie könnten es dahin brin-
»gen, seine Liebe und Dankbarkeit zu verlieren
»und ihn niemals wiederzusehen Wenn Sie
»mir antworten, legen Sie einige wenige
»Zeilen für Eustace bei.

»Den Tags unserer Abreise von hier bin
»ich noch nicht im Stande bestimmen zu
»können. Eustace erholt sich sehr langsam und
»hat noch nicht das Bett verlassen dürfen.
»Wenn es so weit ist, wird die Rückreise eine
»sehr lange sein müssen. Vor 6 Wochen ist
»an einen Aufbruch nicht zu denken.

Aufrichtig
die Ihre
Catharine Macallan.«

Als ich den Brief auf den Tisch legte, fand ich nur einen Wermuthstropfen indem Becher meiner Freude. Der von uns nach New-York gesandte Bote schwamm bereits auf dem Atlantischen Ocean.

Was war zu thun?

Ich zögerte. Es war ja auch noch keine Veranlassung, meinen Entschluß zu beschleunigen. Ich hatte noch den ganzen Tag vor mir.

Ich ging ins Freie und überlegte mir die Sache ernstlich.

Wieder nach Hause gekommen setzte ich am Kamin meine Betrachtungen fort. Es lag ja fern von mir, meinen Gatten bei seiner Rückkehr in irgend einer Weise kränken oder beleidigen zu wollen. Auf der andern Seite aber war es doch auch nicht von mir zu verlangen, daß ich mein großes Unternehmen in einem Augenblick aufgeben sollte, wo selbst der kluge und vorsichtige Mr. Playmore demselben ein günstiges Resultat prophezeit und mir seinen Beistand versprochen hatte. Es war schwer, zwischen diesen beiden grausamen Alternativen zu wählen. Schließlich kehrte ich Beiden den Rücken und entschloß mich, die Mittelstraße zu gehen. Ich nahm mir vor, meiner Schwiegermutter und meinem Gatten vorläufig ihren Willen zu thun und dann abzuwarten, ob mich mein guter Stern nicht zum günstigen Resultat führen würde.

Der Rath, den ich mir gegeben war entschieden ein unwürdiger, aber ich konnte in meiner damaligen Lage nicht anders handeln. Ich schrieb an meine Schwiegermutter, daß Miserrimus Dexter in eine Anstalt gebracht worden sei, und überließ es ihr, sich selbst ihre Schlüsse daraus zu ziehen.

Meinem Gatten schrieb ich ebenfalls die Wahrheit. Ich sagte ihm, daß ich ihm von ganzem Herzen vergäbe und ihn mit offenen Armen empfangen wollte, wenn er wieder zu mir käme.

Als ich meine beiden unwürdigen Briefe expedirt hatte, verging ich vor Sehnsucht nach Veränderung. Ehe nicht 8 bis 9 Tage vergangen waren konnten wir auf kein Telegramm aus New-York hoffen. Für diese Zeit sagte ich meinem alten Freunde Benjamin Lebewohl, und machte mich auf den Weg nach dem Norden zu meinem Onkel, dem Prediger. Meine Reise nach Spanien um Eustace zu pflegen hatte mich mit meinen würdigen Verwandten wieder ausgesöhnt, und ich hatte versprochen ihr Gast sein zu wollen, sobald meine Zeit mir erlauben würde, mich von London zu entfernen.

Ich verlebte dort oben eine glückliche Zeit. Ich suchte mir alle die lieben Orte wieder auf, an denen ich mit Eustace gewesen, wo ich ihn kennen gelernt, wo ich ihn zuerst geküßt, wo ich Abschied von ihm genommen. Welche Welt von Ereignissen lag zwischen jenem Einst und diesem Jetzt!

Nachdem ich 14 Tage bei meinem Onkel und bei meiner Tante gewesen bekam ich einen Brief von Mr. Playmore, der mich gröblich enttäuschte. Ein Telegramm unseres Boten hatte gemeldet, daß die Verwalterstochter New-York verlassen habe und daß man bis jetzt noch vergebens nach einer Spur von ihr suche.

Das waren traurige Nachrichten die dennoch mit Geduld ertragen werden mußten. Auf Mr. Playmores Rath sollte ich im Norden bleiben um nöthigenfalls Edinburgh nahe zu sein. Drei lange, erwartungsvolle Wochen gingen dahin ehe ein neuer Brief eintraf. Diesmal war es unmöglich zu sagen ob die Nachrichten gut oder schlecht waren. Selbst Mr. Playmore schien in Erstaunen versetzt. Die letzten räthselhaften Worte des Telegramms aus Amerika lauteten:

»Durchsuchen Sie den Schutthaufen in Gleninch.«



Kapiteltrenner

Vierzehntes Kapitel.

E n d l i c h.

Der Brief von Mr. Playmore mit dem eingeschlossenen Telegramm war nicht dazu angethan unsere anfänglichen sanguinischen Hoffnungen zu erfüllen.

»Das Telegramm scheint sagen zu wollen,« schrieb er, »daß die Fragmente des zerrissenen Briefes in die Mullschippe des reinigenden Mädchens und von dort auf den Schutthaufen in Gleninch gewandert seien.

»Seitdem dies geschehen vergrößerte sich jener Haufen durch Hinzufügung neuen Staubes, neuer Asche, so daß er nach Ablauf von drei Jahren die jetzigen Dimensionen annahm, welche die kostbaren Papierstückchen wie ein hoher Berg bedeckten. Selbst wenn wir das Glück haben diese Fragmente aufzufinden welche Hoffnung bleibt uns, dieselben noch zusammensetzen und lesen zu können? Es wäre mir angenehm, mit wendender Post zu hören was die Nachricht für einen Eindruck auf Sie gemacht. Wenn es Ihnen möglich wäre, nach Edinburgh zu kommen würden wir viel der kostbaren Zeit sparen. Bitte, überlegen Sie Sich das.«

Ich überlegte es mir sehr ernstlich und schrieb dann an Mr. Playmore, daß ich nicht Herrin meiner Handlungen und daß es daher besser sei, seinen nächsten Brief an Benjamin zu adressiren.

Diesem Schreiben fügte ich noch ein Wort über den zerrissenen Brief hinzu.

In den letzten Jahren von meines Vaters Leben reiste ich mit ihm in Italien. Unter Anderen sah ich im Museum in Neapel die wundervollen Reliquien einer vergangenen Zeit, welche man unter den Ruinen von Pompeji entdeckte. Um Mr. Playmore zu ermuthigen rief ich ihm jenen Ausbruch des feuerspeienden Berges in die Erinnerung zurück, welcher Pompeji für mehr denn sechszehnhundert Jahre mit Lava und Asche bedeckte. Dennoch seien nach Abräumung dieser Decke zahllose Gegenstände, sogar Schriftstücke, vollkommen unversehrt aufgefunden worden. Wenn diese Entdeckungen aber, nach einem Zeitraum von sechszehnhundert Jahren unter einem häuserhohen Lager von Lava und Asche gemacht werden konnten, um wie viel mehr Hoffnung blieb uns, nach einem Zeitraum von 3 bis 4 Jahren unter einer leichteren Decke von Staub und Schutt unsere Brief-Fragmente aufzufinden. Angenommen dies gelänge uns, so war es noch immer sehr fraglich, ob die Schrift auf denselben auch nicht verblaßt und unleserlich geworden wäre. Allerdings lag auch eine Beruhigung darin daß die Anhäufung des Schuttes den zerrissenen Brief vor der Einwirkung des Regens bewahrt hätte. Mit diesen bescheidenen Andeutungen schloß ich meinen Brief.

Es verging einige Zeit, ohne daß ich von dem Reisenden hörte. Ich begann mich zu ängstigen und traf über Nacht die Vorbereitungen zu meiner Abreise nach London.

Die Post des nächsten Morgens bestärkte mich in meinem Entschluß; denn sie brachte mir einen Brief von meiner Schwiegermutter mit schlechten Nachrichten Eustace und seine Mutter waren auf ihrer Rückreise bis Paris gekommen als sie von einem neuen Unstern getroffen wurden. Die Anstrengungen der Reise, und die Aufregung, mich bald wieder zu sehen waren für meinen durch lange Krankheit geschwächten Gatten zu viel gewesen. In Paris hatte er einen Rückfall bekommen der ihn an das Bett fesselte. Die Aerzte sprachen diesmal keine Besorgniß für sein Leben aus, ordneten aber für den Patienten eine längere absolute Ruhe an. »Es liegt nun in Ihrer Hand, Valeria,« schrieb Mrs. Macallan, »unter diesen erschwerenden Umständen Eustace zu stärken und zu beruhigen. Seine Ansichten haben sich nicht verändert, seitdem wir Spanien verlassen. Ich war es, der von ihr ging, äußerte er sich oft zu mir, deshalb ist es auch meine Pflicht, zu ihr zurückzugehen. Er würde seinen Entschluß ausgeführt haben, wenn er nicht durch neue Krankheit daran verhindert worden wäre. Nehmen Sie also den Willen für die That und kommen Sie nach Paris. Ich glaube nicht, daß ich eine abschlägliche Antwort von Ihnen zu gewärtigen habe. Nun noch ein Wort der Vorsicht. Vermeiden Sie auf das Sorgfältigste jene Anspielung auf den Prozeß und Ihre Bemühungen seine Unschuld aufzudecken. Er fühlt ein solches Entsetzen bei der Erinnerung an jene Vorgänge, daß er mehr als einmal die Absicht geäußert hat, Gleninch verkaufen zu wollen.«

Eustace’s Mutter hatte aber kein völliges Vertrauen auf ihre Ueberredungsgabe gehabt, denn sie hatte ihrem Briefe noch einen Zettel beigefügt, auf welchem einige schwache Zeilen von meines Gatten schwacher Hand standen:

»Ich bin zu hinfällig, um weiter reisen
»zu können Valeria. Willst Du zu mir kom-
»men und mir vergeben?« .

Dann folgte etwas Unlesbares. Das Schreiben dieser wenigen Worte hatte ihn schon völlig erschöpft.

Ich faßte sofort den Entschluß, alle ferneren Versuche zur Wiedererlangung des zerrissenen Briefes aufzugeben.

Wenn Eustace mich später nach diesen Angelegenheiten befragen sollte, nahm ich mir vor, ihm offen und ehrlich zu antworten: »Ich habe das Opfer gebracht, welches Deine Ruhe sicher stellt. Als es am Schwersten war, von meinem Vorhaben abzustehen, habe ich meine Halsstarrigkeit gedemüthigt und, um meines Gatten willen meine Forschungen eingestellt.«

Noch kurz vor meiner Abreise schrieb ich an Mr. Playmore und theilte ihm mit, daß ich es vollständig aufgegeben habe, das Geheimniß aufzudecken welches unter dem Schutthaufen von Gleninch begraben liege.



Kapiteltrenner

Fünfzehntes Kapitel.

Unser neuer Honigmond.

Auf der Rückreise nach London war ich sehr niedergedrückt. Das plötzliche Aufgeben meines großen Lebensplanes, den ich bis jetzt mit so großer Mühe und so großem Glück verfolgt, war eine harte Ueberwindung für eine Frau von Ehre und Pflichtgefühl.

Ich hatte geglaubt London so frühzeitig zu erreichen, daß ich noch mit dem Abendzuge weiter reisen könnte. Der Zug versäumte aber den Anschluß, und es blieb mir daher nichts übrig, als noch eine Nacht in Benjamins Villa zu schlafen.

Meine Ankunft überraschte ihn. Ich fand ihn allein in seiner Bibliothek bei einer wundervollen Erleuchtung von mehreren Lampen und Kerzen bei deren hellem Schein er sich damit beschäftigte, kleine Papierschnitzel zusammenzusetzen welche zerstreut vor ihm auf dem Tische lagen.

»Was in aller Welt machen Sie da?« fragte ich.

Benjamin erröthete, beinahe wie ein junges Mädchen früher erröthet wäre. In unserer Zeit ist das Erröthen aus der Mode gekommen.

»O, nichts, nichts,« entgegnete er verwirrt. Er streckte die Hand aus, um die Papierschnitzel vom Tisch zu fegen als ich ihn daran verhinderte.

»Sie haben von Mr. Playmore gehört,« sagte ich. »Sagen Sie mir die Wahrheit ja oder nein?«

Benjamin erröthete noch tiefer und antwortete: »Ja!«

»Wo ist der Brief?«

»Ich darf ihn Ihnen nicht zeigen Valeria.«

Dies machte mich nur noch neugieriger.

Das beste Mittel, Benjamin zu meinen Gunsten zu stimmen war, ihm von dem Opfer zu erzählen welches ich meinem Gatten gebracht.

»Ich habe nichts weiter mit der Sache zu thun schloß ich meinen Bericht. »Es kommt nun ganz ans Mr. Playmore an, ob er die Forschungen aufgeben. oder fortsetzen will. Die Lesung dieses Briefes ist gleichermaßen der Abschied von meinen Bestrebungen. Wollens Sie mir das Schreiben nicht zeigen?«

Benjamin war zu glücklich über meinen Bericht als daß er meiner Bitte hätte widerstehen können. Er gab mir den Brief.

Mr. Playmore wendete sich an Benjamin weil er von diesem voraussetzte, daß er als alter Aktenwurm Gelegenheit gehabt habe, zerrissene Dokumente zusammenzusetzen. Außerdem machte Mr. Playmore Benjamin auf die Notizen aufmerksam, die er bei Dexter niedergeschrieben und welche von der höchsten Wichtigkeit sein konnten. Der Brief schloß mit einer Warnung, daß die Correspondenz vor mir geheim gehalten werden solle, damit nicht neue, möglicherweise trügerische Hoffnungen in mir erweckt würden.

Nun verstand ich erst den Ton in welchem mein würdiger Rathgeber an mich geschrieben. Sein Interesse bei Auffindung des Briefes war so mächtig in ihm geworden daß er mich von der Theilnahme ausschließen wollte, in der Befürchtung, daß ich zum Mißlingen des Unternehmens beitragen könnte.

Am anderen Morgen früh begleitete mich Benjamin auf den Bahnhof.

»Ich werde noch heute nach Edinburgh schreiben,« sagte er, am Fenster meines Coupes stehend. »Haben Sie etwas an Mr. Playmore zu bestellen?«

»Nein meine Rolle ist ausgespielt.«

»Soll ich Ihnen schreiben wie das,Experiment in Gleninch ausgefallen ist?«

Ich bejahte.

Mein alter Freund lächelte.

»Schon recht,« entgegnete er. »Ich sehe, daß Sie Sich doch noch etwas für die Sache interessiren. Ich kenne die Adresse des Banquiers in Paris, auf welchen Ihre Wechsel lauten. Ehe Sie es Sich versehen, werden Sie dort einen Brief von mir finden. Schreiben Sie mir, wie es Ihrem Gatten geht und nun Gott befohlen!«

Noch an demselben Abend war ich mit Eustace vereinigt. Er war noch zu schwach, um den Kopf von seinen Kissen erheben zu können. Ich kniete neben dem Bett nieder und küßte ihn. In seinen müden Augen schimmerte neuer Muth.

»Ich muß nun weiterleben, um Deinetwillen,« flüsterte er.

Meine Schwiegermutter hatte uns allein gelassen.

Als Eustace jene Worte gesprochen, konnte ich der Versuchung nicht widerstehen, ihm die neue Hoffnung mitzutheilen, welche unseren ferneren Lebenspfad erleuchten sollte.

»Du mußt nun auch um eines Anderen willen weiter leben,« sagte ich.

Er blickte mich verwundert an.

»Meinst Du meine Mutter?«

»Ich meine unser Kind,« flüsterte ich, mein Haupt an seine Brust legend.

Nun hatte ich meine Belohnung für Alles, « was ich aufgegeben. Ich vergaß Mr. Playmore, ich vergaß Gleninch. Unser neuer Honigmond begann mit jenem Tage.

Die Zeit verstrich in unserer stillen Querstraße. Die Wogen des pariser Lebens rauschten ungehört an uns vorüber. Langsam, aber beharrlich gewann Eustace seine Kraft zurück. Die Aerzte verwiesen ihn fast ganz auf meine Pflege.

»Sie sind sein Arzt,« sagten sie.

»Je glücklicher Sie ihn machen, je schneller wird er genesen.«

Nur einmal wurde die ruhige Oberfläche unseres Lebens durch eine Erwähnung der Vergangenheit gekräuselt. Eine zufällige Aeußerung von mir rief Eustace unser letztes Zusammensein bei Major Fitz-David zurück. Er erkundigte sich sehr zart nach den ferneren Vorgängen und sprach die Hoffnung aus, daß die Sache nun Vollständig zur Ruhe gekommen sei. Meine Antwort mußte ihn vollständig zufriedenstellen, aber ich konnte nicht umhin, zu meiner eigenen Beruhigung ebenfalls eine Concession von ihm zu verlangen.

»Eustace,« sagte ich zu ihm, »bist Du nun vollständig von jenen grausamen Zweifeln geheilt, die Dich einst veranlaßten, von mir zu gehen?«

Seine Antwort machte mich erröthen vor Vergnügen.

»O Valeria, ich würde nimmer von Dir gegangen sein, wenn ich Dich damals erkannt hätte, wie ich Dich jetzt kenne.«

So war also der letzte Zweifel geschwunden.

Selbst die Erinnerung an meine unruhigen und gefahrvollen Tage in London schien meinem Gedächtniß zu entschwinden. Wir gingen völlig Einer in den Andern auf. Wir glaubten, daß unsere Hochzeit erst vor ein oder zwei Tagen stattgefunden. Ein letzter Sieg über mich selbst sollte aber erst mein Glück vollständig machen. Ich fühlte noch immer ein geheimes Verlangen, zu wissen, wie es mit dem zerrissenen Briefe geworden. Wie mächtig die Neugierde ist? Im Besitz alles Dessen, was ein Weib glücklich machen kann, setzte ich noch einmal meinen ganzen Schatz aufs Spiel, um die letzten Vorgänge in Gleninch kennen zu lernen.

Ich ersehnte den Tag, an dem ich genöthigt sein würde, meine geleerte Börse beim Banquier wieder stillen zu lassen. Der Tag kam. Ich ging zum Banquier und verlangte mein Geld, ohne des Briefes Erwähnung zu thun. Sollte Benjamin nicht geschrieben haben? Endlich erschien aus den inneren Räumen ein kleiner Mann mit einem Schreiben in der Hand.

»Ist-das für Sie, Madame?« fragte er.

Ein Blick auf die Adresse ließ mich Benjamins Hand erkennen. Erst als ich wieder in meinem Wagen saß, wagte ich es, den Brief zu öffnen.

Die ersten Worte sagten mir, daß das Experiment mit dem Müllhaufen geglückt und daß die Fragmente des zerrissenen Briefes gefunden seien.



Kapiteltrenner

Sechzehntes Kapitel.

Der Müllhaufen.

Der Kopf schwindelte mir. Ich mußte eine ganze Weile warten, bis ich weiter lesen konnte. Zunächst fiel mein Blick auf einen Satz, nahe dem Ende, der mich überraschte.

An dem Eingange unserer Straße befahl ich dem Kutscher, wieder umzukehren und mich nach dem Bois de Bonlogne zu fahren.

Ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, den Brief genau durchzulesen, damit ich wüßte, wie ich mich nachher meinem Gatten und meiner Schwiegermutter gegenüber zu benehmen hätte.

Das Schreiben begann mit dem Bericht unseres Agenten aus Amerika. Diesem war es gelungen, die Tochter des Verwalters nebst ihrem Gatten in einer kleinen Stadt im Westen aufzufinden.

Seine ersten Fragen lieferten keine ermuthigenden Resultate. Die Frau war etwas confus und schien auch ihrer Erinnerung nicht mehr recht zu trauen. Glücklicher Weise war aber ihr Mann klug und intelligent. Er zog den Agenten bei Seite und sagte: »Ich verstehe meine Frau, Sie aber nicht. Sagen Sie mir, was Sie zu wissen wünschen, und ich werde dann versuchen, es aus ihr herauszubringen.«

Es verstrichen ein Tag und eine Nacht. Am nächsten Morgen sagte der Mann zum Agenten: »Sprechen Sie jetzt mit meiner Frau, sie wird Ihnen antworten Sie müssen nur nicht lachen, wenn sie zu lange bei Kleinigkeiten verweilt. Lassen Sie sie erzählen und hören Sie ruhig zu.«

In Folgendem ist der Bericht der Frau zusammengefaßt.

Sie entsann sich sehr gut, nachdem die Herrschaft Gleninch verlassen, mit dem Reinigen und Lüften der Zimmer betraut worden zu sein. Ihre Mutter war damals krank und konnte ihr nicht helfen. Das Mädchen fühlte sich nicht wohl in dem großen Hause, nach dem, was in demselben vorgefallen. Auf ihrem Wege zur Arbeit sah sie zwei Kinder aus der Nachbarschaft im Park spielen. Die beiden Kinder folgten ihr nach dem Hause. Das Mädchen nahm sie gern mit, als willkommene Gesellschaft in den öden Räumen.

Sie begann ihre Arbeit im Corridor der Gäste, indem sie sich das Sterbezimmer auf dem andern Corridor bis zuletzt aufhob.

In den ersten beiden Zimmern war wenig zu thun.

Das Körbchen für den Auskehricht wurde nicht bis zur Hälfte gefüllt. Das dritte Zimmer, welches von Mr. Dexter bewohnt gewesen, befand sich im schlechteren Zustande als die beiden anderen. Da hier mehr zu thun war, gab sie weniger auf die Kinder Acht. Das Müll wurde von den Dielen gefegt, Asche und Kohlen aus dem Kamin genommen und beides in den Korb geschüttet, als das Mädchen eines der Kinder schreien hörte.

Als sie aufblickte sah sie die Kleinen unter, einem Tisch sitzen. Das Jüngste war in einen leeren Papierkorb gerathen. Das älteste hatte eine alte Flasche mit flüssigem Leim und einen Pinsel darin gefunden und beschmierte mit demselben das Gesicht des Kleinsten. Dieses, sich dagegen wehrend, war schließlich mit dem Papierkorbe umgefallen und hatte geschrieen.

Das Mädchen nahm dem ältesten Kinde die Flasche fort und zwickte ihm das Ohr. Dann setzte sie das Kleine wieder zurecht und gebot Beiden, sich ruhig zu verhalten. Dann fegte sie einige Papier-Fragmente, die aus dem Korb gefallen waren, zusammen und warf sie mit sammt der Gummiflasche in den Müllkasten. Dies gethan, machte sie sich an das Reinigen des vierten Zimmers.

Als sie mit den Kindern das Haus wieder verließ, leerte sie ihren Kasten auf den bereits vorhandenen Müllhaufen.

Das war der Bericht, welchen die Verwalterstochter abstattete.

Der Schluß, den Mr. Playmore aus demselben gezogen, war ein entschieden günstiger; denn er gab sich der Hoffnung hin, den zerrissenen Brief auf dem Schutt herauszufinden.

Es war nicht zu vermuthen, daß der Müllhaufen bereits durchstöbert worden war, seit die Herrschaft Gleninch verlassen.

Gleich, nachdem Benjamin den Brief erhalten, konnte er der Versuchung nicht widerstehen, das Experiment mit dem Zusammensetzen der Papierstücke an dem wirklichen Briefe zu machen.

»Ich glaube beinahe, Sie haben mich mit Ihren Forschungen angesteckt,« schrieb er. »Zu meinem Unglück habe ich nichts zu thun, und mehr Geld als ich gebrauche. Das Resultat davon ist, daß ich mich, mit Mr. Playmore’s Erlaubniß, hier in Gleninch befinde, um den Müllhaufen zu durchsuchen.«

Mr. Benjamin und Mr. Playmore hatten sofort lebhafte Sympathie für einander gefühlt; denn beide waren im höchsten Grade penibel und ökonomisch.

Nachdem Alles auf das Genaueste berechnet war, wurden nach Ablauf einer Woche zwei Leute mit Spaten engagirt, um den Schutt allmälich abzutragen. Außerdem war derselbe, zum Schutz gegen die Einflüsse der Witterung, mit einem Zelt überspannt worden. Schließlich hatten sie auch einen jungen Mann in Sold genommen, welcher längere Zeit bei einem Professor der Chemie gearbeitet hatte und sich vorzüglich darauf verstand, verblichene Schrift wieder herzustellen. Mit diesen Vorbereitungen versehen, machte man sich ans Werk. Benjamin und der junge Mann wohnten in Gleninch, um die Arbeiten jeden Augenblick überwachen zu können.

Drei Tage des Handthierens mit Spaten und Sieb lieferten durchaus kein Resultat. Dadurch ließ man sich aber nicht abhalten, weiter zu forschen.

Am vierten Tage wurden die ersten Papierstückchen gefunden. Nach genauer Prüfung erwiesen sie sich als die Fragmente alter Prospekte von Kaufleuten. Gegen Abend erschienen noch mehrere Stückchen Papier. Im Gegensatz zu den anderen waren diese geschrieben. Mr. Playmore, welcher jeden Abend hinauskam, wurde gefragt, ob er die Handschrift kenne.

Nach genauer Prüfung erklärte er, daß die Zeilen ohne allen Zweifel von Eustace Macallans erster Frau geschrieben waren.

Diese Entdeckung erhöhte den Enthusiasmus der Sucher.

Spaten und Sieb wurden von diesem Augenblicke an außer Thätigkeit gestellt, und nur der sorgfältigeren Hand wurde die Fortsetzung der Arbeit gestattet.

Das Hauptaugenwerk war darauf gerichtet, die Papierstücke, wie sie gefunden waren, in eigens dazu gefertigte flache Kästchen zu legen.

Beim Eintreten der Dunkelheit wurden die Arbeiter entlassen. Benjamin und seine beiden Collegen setzten ihre Forschungen bei Lampenlicht fort. Die Papierstückchen wurden jetzt nach Dutzenden geordnet. Die Arbeit ging gut von Statten. Dann hörten aber die Papierstückchen auf. Sollten sie bereits Alles gefunden haben? Nach fortgesetztem Bemühen kam eine große Entdeckung. Es erschien nämlich die Gummiflasche, von welcher des Verwalters Tochter gesprochen. Dann folgten noch wichtige Resultate, nämlich mehrere Papierstückchen welche durch Gefälligkeit der Gummiflasche aneinandergeklebt waren.

Jetzt wurde die Scene in das Innere des Hauses verlegt, und zwar an den großen Tisch in der Bibliothek.

Benjamins Geschicklichkeit im Zusammensetzen der Papierstücke erwies sich jetzt von großem Nutzen.

Zunächst lag aber dem Chemiker die Aufgabe ob, die Papierstücke derartig von einander loszulösen daß keines derselben verletzt wurde. Es boten sich aber noch andere Schwierigkeiten dar. Das Papier war nämlich, wie es oft bei Briefen geschieht, auf beiden Seiten beschrieben, und es mußte zum vollständigen Verstehen des Inhalts und demzufolge zum Zusammensetzen der einzelnen Theile, jedes Stückchen in der Mitte auseinander gerissen werden, so daß zwei weiße Seiten entstanden welche dann, nach Ueberstreichung mit seinem Cement, zur ursprünglichen Form des Schreibens zu vereinigen waren.

Dieses Kunststück hätten Mr. Benjamin und Mr. Playmore niemals zu Wege gebracht, wenn das Papier nicht vom stärksten Notenpapier gewesen wäre, und wenn die geschickten Hände des Chemikers die Aufgabe nicht in kurzer Zeit und vollständig zweckdienlich gelöst hätten.

Nachdem also der erste Brief auf diese Weise zusammengesetzt und von Mr. Benjamin und Mr. Playmore geprüft worden war, ergab sich ein vollständiger Sinn. Der erste glücklich ausgefallene Versuch berechtigte zu den schönsten Erwartungen für die Zukunft. Obgleich keine Ueberschrift vorhanden, ging doch aus dem ganzen Ton hervor, daß der Brief nur an eine Person gerichtet sein konnte.

Diese eine Person war mein Gatte.

Außerdem sprachen alle Anzeichen dafür, daß dieser Brief derselbe war, welchen Miserrimus Dexter nach Beendigung des Prozesses unterschlagen und nachher zerrissen hatte.

Das waren die Entdeckungen bis zu der Zeit, als Benjamin an mich geschrieben. Er war im Begriff gewesen, seinen Brief zur Post zu geben, als Mr. Playmore ihn daran verhindert hatte, unter dem Vorgeben daß er einige Tage später mir noch mehr mitzutheilen haben werde. »Wir sind ihr die Mittheilung unserer Resultate schuldig,« hatte der Anwalt gesagt, denn ohne ihre Vorarbeiten bei Miserrimus Dexter 2c. würden wir nie zur Untersuchung des Müllhaufens gekommen sein. Ihr Verdienst also in Ehren. Dennoch lassen Sie uns noch einige Tage mit Abschickung des Briefes warten, weil ich ihr gern ein umfassendes Resultat mittheilen möchte.

Nach Ablauf jener drei Tage wurde der Brief in Ausdrücken abgefaßt, welche mich in Aufregung versetzten: »Der Chemiker schreitet rasch mit seinen Arbeiten vor,« schrieb Benjamin, »und mir selber ist es geglückt, einen Theil des zerrissenen Briefes so zusammenzusetzen, daß es zum Verständniß führt. Dasselbe leitet zu überraschenden Schlüssen. Wenn Mr. Playmore und ich nicht gänzlich im Dunkeln tappen, liegt die ernstlichste Nothwendigkeit für Sie ob, den mit vieler Mühe wiederhergestellten Brief für Jedermann geheim zu halten. Die Enthüllungen welche durch das Entdeckte zu Tage getreten sind so entsetzlicher Natur, daß sich meine Feder sträubt, sie zu copiren bis es mir durch die absolute Nothwendigkeit geboten sein wird. Entschuldigen Sie, daß ich durch diese Nachrichten Ihren Frieden störe. Früher oder später müssen wir doch mit Ihnen über diese Angelegenheiten reden, und dann ist es besser, wenn Sie bereits vorbereitet sind: Diesem Briefe war noch ein Postscriptum von Mr. Playmore’s Hand beigefügt:

»Bitte, lassen Sie ja die Vorsicht walten,
»welche Mr. Benjamin Ihnen anempfiehlt und
»nehmen Sie dies noch als eine Warnung
»von mir. Wenn es uns gelingt, den ganzen
»Brief zusammenzusetzen, so ist diejenige Per-
»son, die ihn unter keinen Umständen sehen
»darf — Ihr Gatte.«



Kapiteltrenner

Siebzehntes Kapitel.

Die verzögerte Krisis.

»Sehen Sie Sich vor, Valeria!« sagte Mrs Macallan. »Ich befrage Sie nicht, ich empfehle Ihnen nur Vorsicht, um Ihrer selbst willen. Eustace hat dasselbe bemerkt, was mir ausgefallen ist. Es ist eine Veränderung mit Ihnen vorgegangen. Also nehmen Sie Sich in Acht.«

So sagte mir meine Schwiegermutter, als wir später am Tage miteinander allein waren. Ich hatte mein Bestes gethan, um die Spuren zu verwischen welche die schreckliche Nachricht von Gleninch in mir zurückgelassen. Wer aber konnte lesen, was ich gelesen, wer konnte fühlen was ich gefühlt, ohne in Blick und Mienen die geringste Veränderung zu verrathen? Selbst wenn ich der elendeste Heuchler unter der Sonne gewesen, bezweifle ich, dass ich mein Geheimniß vor aller Welt hätte verbergen können.

Nachdem Mrs. Macallan das Wort der Vorsicht gesprochen, ging sie nicht ferner auf den Gegenstand ein. Sie that Recht daran; obgleich es hart für mich war, ohne den geringsten Rath den Weg der Pflicht zu finden, den ich meinem Gatten gegenüber einzuschlagen hatte. Bei seiner angegriffenen Gesundheit ihm Benjamins Brief zu zeigen und ihm die mir zugegangene Warnung mitzutheilen war einfach unmöglich. Da ich mich aber einmal verrathen hatte, ging es wiederum nicht an, ihn gänzlich im Dunklen zu lassen. Ich dachte die ganze Nacht darüber nach. Als der Morgen kam, entschloß ich mich, meinen Mann in’s Vertrauen zu ziehen. Ich ging direct auf das Ziel los: »Eustace,« begann ich, »Deine Mutter hat mir gestern gesagt, daß Du eine Veränderung an mir bemerkt. Ist das richtig?«

»Ganz richtig, Valeria,« sagte er in leiseren Tönen als gewöhnlich und indem er mich nicht anblickte.

»Wir haben jetzt einander nichts zu verbergen,« antwortete ich. »Ich muß Dir daher sagen daß ich bei unserem Banquier einen Brief aus England fand, der mich sehr beunruhigte. Willst Du mir Zeit lassen, ehe ich darüber deutlicher spreche, und willst Du mir glauben, daß ich als treues Weib gegen Dich handele, indem ich dieses Gesuch an Dich richte?«

Eustace antwortete nicht. Ich bemerkte, daß er einen inneren Kampf kämpfte. War ich zu weit gegangen? hatte ich die Stärke meines Einflusses überschätzt? Mein Herz klopfte, meine Stimme zitterte, aber ich sammelte Muth genug, um seine Hand zu nehmen und noch eine Bitte an ihn zu richten.

»Eustace,« sagte ich, »hast Du noch nicht gelernt, mir zu vertrauen?«

Zum ersten Mal blickte er mich an. Ich sah, wie die letzte Spur des Zweifels aus seiner Miene erstarb.

»Du versprichst mir, früher oder später die ganze Wahrheit zu enthüllen?« sagte er.

»Ich verspreche es Dir von ganzem Herzen.«

»Ich vertraute Dir, Valeria!«

Sein ehrliches Auge verrieth mir, daß er es meinte, wie er es sprach. Wir besiegelten unseren Contrakt mit einem Kuß.

Noch an demselben Tage beantwortete ich Benjamins Brief, erzählte ihm, was ich gethan und bat ihn und Mr. Playmore, mich von den ferneren Vorgängen in Gleninch in Kenntniß zu setzen.

Mr. Playmores nächste Nachricht enthielt unter Anderem Folgendes:

»Spätestens in 14 Tagen hoffe ich Ihnen eine vollständige Copie senden zu können. Unterdessen kann ich Ihnen auch mittheilen daß die sonst beklagenswerthe Sache auch ihre glänzende Seite hat, indem das Dokument, sowohl gesetzlich wie moralisch, Ihres Gatten Unschuld beweist. Es könnte jedenfalls als Entlastungs-Instrument benutzt werden, wenn Ihr Gatte darin willigte, die Rücksicht gegen die Todte vergessend, es zur öffentlichen Kenntniß zu bringen. Verstehen Sie mich wohl, er kann nicht noch einmal verhört werden, und zwar technischer Gründe wegen mit denen ich Ihnen nicht beschwerlich fallen will. Aber wenn die Facta welche bei dem Verhör genannt wurden, sich wiederum bewahrheiten, könnte es allerdings zu einem neuen Verhör kommen, und das Verdict eines zweiten Gerichtshofes würde unzweifelhaft Ihren Gatten von jeder Schuld freisprechen. Halten Sie diese Mittheilung vorläufig geheim, und lassen Sie in Ihrer Stellung, Eustace gegenüber, keine Veränderung eintreten bis Sie die vollständige Copie des zu erwartenden Briefes gelesen haben.«

Ich wartete also.

Die 14 Tage waren noch nicht vorüber, als die vollständige Zusammensetzung des Briefes gelang. Einige kleinere unbedeutende Streifen abgerechnet, deren fehlende Buchstaben ergänzt werden mußten, war das Werk beendet, und die Copie desselben gelangte an meine pariser Adresse.

Bevor ich meine Leser mit dem Inhalte dieses schrecklichen Briefes bekannt mache, ersuche ich sie um die Gefälligkeit, sich noch einmal die Umstände recapituliren zu lassen, unter denen Eustace Macallan seine erste Frau heirathete.

Erinnern Sie Sich also, daß das arme Geschöpf sich in ihn verliebte, ohne seine Gegenneigung zu erwecken. Erinnern Sie Sich, daß er Alles that, um ihre Gesellschaft zu vermeiden, und daß er, als er die Entdeckung, ihrer Liebe machte, sich heimlich von ihr entfernte und nach London zurückging. Erinnern Sie Sich ferner, daß sie, ohne sich vorher angemeldet zu haben, in seiner Wohnung in London eintraf, daß er sich bemühte ihren Ruf zu retten, daß ihm dies ohne seine Schuld fehlschlug, und daß er endlich, in einer Anwandlung halber Verzweiflung, die Sache durch eine schnelle Heirath beendete, um den Skandal zu unterdrücken, der ihr sonst bis an das Ende ihrer Tage angehaftet haben würde. Ziehen Sie dies Alles in Betracht und vergessen Sie nicht, daß er dennoch sein Möglichstes that, um den Widerwillen zu unterdrücken, den die Unglückliche ihm einflößte, und daß er wenigstens ein aufmerksamer Gatte war, wenn er auch kein liebevoller sein konnte.

Und nun lesen Sie den Brief und beurtheilen Sie ihn so milde wie möglich.



Kapiteltrenner

Achtzehntes Kapitel.

Das Bekenntnis der Frau.

»Gleninch, 19. October 18 . .

Mein Gatte!

Ich habe Dir über einen Deiner Freunde etwas sehr Schmerzliches mitzutheilen.

Du hast mich niemals ermuthigt, Dir vertrauensvoll zu begegnen. Wenn Du mir die Rechte eingeräumt hättest, welche andere Frauen genießen, würde ich zu Dir gesprochen haben, während ich nun gezwungen bin, zu schreiben. So sei es denn.

Der Mann, vor dem ich Dich zu warnen habe, ist ein Gast Deines Hauses, Miserrimus Dexter. Es giebt kein falscheres und elenderes Geschöpf auf der Erde. Wirf meinen Brief nicht fort. Ich wurde ihn nicht geschrieben haben, wenn ich nicht die völlige Ueberzeugung gewonnen, daß Alles, was ich schreibe, wahr ist.

Du wirst Dich erinnern, daß ich meine Mißbilligung darüber äußerte, als Du mir mittheiltest, der Mann würde uns besuchen. Hättest Du mir Zeit gelassen, würde ich Dir Gründe für jene Mißbilligung angeführt haben. Du wolltest ja aber nicht warten, sondern beschludigtest mich der ungerechtfertigten Abneigung gegen die Verkrüppelung Deines Freundes. Ich habe nie ein anderes Gefühl gegen Unglückliche gehabt, als das des Mitleids. Was aber Mr. Dexter betrifft, so weigerte ich mich, ihn als Gast zu empfangen, weil er früher um meine Hand angehalten und weil ich mich deshalb des Gedankens nicht entschlagen konnte, er werde mich auch ferner noch mit seiner entsetzlichen schuldbewußten Liebe verfolgen.

War es nicht die Pflicht eines treuen Weibes, zu handeln, wie ich es gethan? War es nicht Deine Pflicht als ehrenwerther Gatte, mich zur Nennung meiner Gründe aufzufordern?

Mr. Dexter wurde also für viele Wochen unser Gast, und er wagte es, mir abermals von seiner Liebe zu sprechen. Er beleidigte uns Beide, indem er erklärte, daß er mich anbetete und daß Du mich haßtest. Er versprach mir an seiner Seite endlose Glückseligkeit in einem fernen Lande, und prophezeite mir an Deiner Seite unendliches Elend in einer trüben Häuslichkeit.

Weshalb sprach ich nicht zu Dir, damit Du dies Ungeheuer gehen hießest?

War ich aber gewiß, daß Du mir Glauben schenken, und Deinem Freunde mißtrauen würdest? Ich hörte Dich einst sagen, daß die häßlichen Frauen immer die eitelsten wären. Vielleicht hättest Du mich auch der Eitelkeit beschuldigt.

Ich will mich aber nicht unter diese Anklage flüchten. Ich bin ein armes eifersüchtiges Geschöpf, immer in Zweifel, ob Du mich liebst; immer in Zweifel, ob Du eine Andere mir vorziehst. Aus dieser meiner Schwäche hat Dexter Vortheil gezogen. Er versprach, mir zu beweisen, daß ich Dir eine Last sei, daß Du vor meiner Berührung zurückschrecktest, und daß Du den Tag verfluchtest, an dem Du mich zu Deinem Weibe gemacht. So lange ich es vermocht, widerstrebte ich der Versuchung, seine Beweise kennen zu lernen. Es war eine entsetzliche Versuchung, deshalb hatte ich nicht die Kraft, ferner gegen sie anzukämpfen. Ich verbarg den Widerwillen, den der Elende mir einflößte; ich gab ihm die Erlaubniß zu reden, ich gestattete dem Feinde meines Gatten, mich in sein Vertrauen zu ziehen? Und weshalb that ich das? Weil ich Dich liebte; einzig und allein, weil ich Dich liebte. Vergieb mir, Eustace! Das war meine erste Sünde gegen Dich, und es soll auch meine letzte sein.

Ich will mich nicht schonen, sondern Dir ein volles, wahres Bekenntniß ablegen. Du wirst es mich vielleicht entgelten lassen, was ich gethan; aber Du wirst wenigstens gewarnt sein und Deinen Freund in seiner wirklichen Gestalt erblicken.

Ich sagte zu ihm, »wie können Sie beweisen, daß mein Gatte mich im Geheimen haßt?«

»Durch seine eigene Handschrift,« antwortete er. »Sie sollen sein Tagebuch lesen!«

Ich sagte: »das Tagebuch und die Schieblade, in der es liegt, sind verschlossen.«

Er antwortete: »ich kann ohne jegliches Risiko in den Besitz des Tagebuches gelangen. Ich muß Sie nur bitten, mir Gelegenheit zu einem ungestörten Beisammensein zu geben. Ich werde dann das offene Tagebuch mitbringen.«

Ich sagte: »wir kann ich Ihnen diese Gelegenheit geben?«

Er deutete auf den Schlüssel in der Verbindungsthür zwischen meinem Zimmer und der kleinen Bibliothek. Er sagte, bei meiner Verkrüppelung werde ich die erste Gelegenheit, Sie hier unbelauscht sprechen zu können, vielleicht nicht zu benutzen vermögen. Ich muß meine Zeit abwarten. Lassen Sie mich diesen Schlüssel nehmen und die Thür verschlossen bleiben. Wenn der Schlüssel vermißt wird, und Sie, mit der Angabe, daß die Thür verschlossen sei, kein Gewicht darauf legen, wird die Geschichte in Vergessenheit gerathen, und ich werde, ohne Verdacht zu erregen, Sie stets ungestört sprechen können. Wollen Sie das thun?«

Ich that es.

Ja! Ich wurde die Mitschuldige dieses doppelzüngigen Elenden. Ich habe mich selbst entwürdigt und Dich beleidigt, indem ich darin willigte, Dein Tagebuch zu lesen. Ich bin ganz durchdrungen von der Schlechtigkeit meiner Handlung. Ich kamt Dir nur wiederholen, daß ich Dich liebe und in der Befürchtung lebe, nicht wieder geliebt zu werden.

Und Miserrimus Dexter erbietet sich, meine Zweifel zu enden, indem er mir Deine geheimsten Gedanken zeigt, durch Deine eigene Handschrift bestätigt.

Zu diesem Behuf soll er, während Deiner Abwesenheit, im Verlauf der nächsten beiden Stunden mit mir zusammenkommen. Ich soll mich damit zufrieden erklären, nur einmal in das Tagebuch zu blicken, und ihm die Erlaubniß geben, am andern Tage zu derselben Zeit mit seinem Beweisstück wiederkommen zu dürfen. Bevor dies geschieht, wirst Du diese Zeilen durch meine Wärterin empfangen. Nachdem Du sie gelesen, gehe aus wie gewöhnlich, kehre unbemerkt zurück und öffne die Schieblade, in welcher Du Dein Tagebuch verborgen hältst. Du wirst es nicht finden. Stelle Dich in der Bibliothek auf die Lauer, und Du wirst, wenn Dexter mich verläßt, Dein Tagebuch in seinen Händen sehen.«

October 20.

»Ich habe Dein Tagebuch gelesen.

Endlich weiß ich, wie Du über mich denkst. Ich habe gelesen, was Miserrimus Dexter mir angekündigt hatte: daß ich Dir eine Bürde sei für das ganze Leben.

Du wirst das, was ich Dir gestern geschrieben, nicht zu der Zeit und durch die Gelegenheit erhalten, wie ich es beabsichtigt. Ich muß heute noch einige Worte hinzufügen Nachdem ich dann das Couvert gesiegelt und an Dich, adressirt, werde ich es unter mein Kopfkissen legen. Es wird dort gefunden werden, wenn man mich in den Sarg legt. Dann, wenn es zu spät, zu hoffen oder zu helfen, wirst Du meine letzten Worte erhalten.

Ich habe genug von meinem Leben. Ich muß sterben.

Außer der Liebe zu meinem Dasein hatte ich Dir bereits Alles geopfert. Nun ich weiß, daß ich Deine Gegenneigung nie erwerben kamt, wird mir das letzte Opfer leicht gemacht. Mein Tod wird Dir die Freiheit geben, Mrs. Beanly zu heirathen. Du glaubst nicht, welche Selbstbeherrschung es mich kostet, meinen Haß gegen sie zu unterdrücken und nicht die Bitte an sie zu richten, daß sie ihren Besuch während meiner Krankheit einstellen möge. Ich konnte es aber nicht übers Herz bringen, dies zu thun, wiederum weil ich Dich liebte, wiederum weil ich fürchtete, Dir meine Eifersucht zu zeigen. Und wie wußtest Du mir Dank? Laß Dein Tagebuch antworten: »Ich gab ihr heute Morgen einen zärtlichen Kuß, und ich hoffe, das arme Wesen wird die Ueberwindung nicht bemerkt haben, die es mich kostete.« Ich habe das Geheimniß also jetzt entdeckt. Ich weiß, daß Du Dein Zusammenleben mit mir als die Hölle bezeichnest. Ich weiß, daß Du Dir aus Mitleid Mühe gabst, nicht vor mir zurückzuweichen, wenn ich Dich liebkosen wollte. Ich bin nur ein Hinderniß zwischen Dir und der Frau, die Du anbetest und vergötterst. Ich will Dir nicht länger im Wege stehen. Es ist weder ein Opfer von mir, noch ein Verdienst für mich. Das Leben ist mir unerträglich geworden.

Ich habe die Mittel zum Sterben dicht bei der Hand.

Das Arsenik, welches ich Dich bat, mir zu kaufen befindet sich in meinem Toilettekästchen. Ich täuschte Dich, indem ich es für andere Zwecke verlangte. Mein ursprünglicher Grund war, den Versuch zu machen, ob es mir durch Anwendung des Arseniks nicht gelingen würde, meinen Teint zu bessern, nicht etwa aus Eitelkeit, sondern um Dir angenehm zu erscheinen. Ich nahm etwas zu diesem Behuf, aber ich ließ genug übrig, um mich tödten zu können. So hat denn das Gift doch seinen Zweck erfüllt. Es sollte mich von einem schlechten Teint befreien so befreit es Dich von einer häßlichen Frau. Laß meine Leiche nicht nach meinem Tode öffnen, sondern zeige diesen Brief dem Arzt, der mich behandelt. Meine Handschrift wird bestätigen daß ich Selbstmörderin war; sie wird verhüten daß Unschuldige in Verdacht kommen. Ich will Niemand getadelt oder bestraft wissen. Ich vernichte die Firma des Chemikers und reinige sorgsam die Flasche vom Gift.

Nun mein Lebewohl und noch einige Worte über mein letztes Gespräch mit Dir.

October 21. 2 Uhr Morgens.

Ich wies Dich gestern aus dem Zimmer, als Du eintratest, mich zu fragen, wie ich die, Nacht verbracht. Dann sprach ich, als Du mich verlassen, schmachvolle Worte über Dich zu der bezahlten Wärterin. Vergieb mir das. Ich bin fast außer mir. Du weißt weshalb.

¼4 Uhr Morgens.

O, mein Gatte! Ich habe die That gethan, welche Dich von dem verhaßten Weibe befreien wird. Ich habe das ganze Gift genommen das noch in dem Papier vorräthig war. Wenn es nicht genug sein sollte, habe ich noch mehr in der Flasche.

10 Minuten nach fünf.

Du bist gerade hinausgegangen nachdem Du mir die Medizin gereicht. Bei Deinem Anblick sank mir der Muth. Ich dachte bei mir selbst, wenn er mich freundlich ansieht werde ich ihm gestehen, was ich gethan und ihn bitten, mein Leben zu retten. Du blicktest mich aber gar nicht an. Ich ließ Dich gehen, ohne ein Wort zu sprechen.

½6 Morgens.

Ich fühle die ersten Wirkungen des Giftes. Die Wärterin schläft am Fuß des Bettes. Ich will sie nicht wecken Ich will sterben.

½10 Morgens.

Die Schmerzen wurden zu heftig — Ich mußte die Wärterin wecken. Der Arzt ist gekommen.

Man beargwohnt Niemand. Merkwürdig, der Schmerz hat mich wieder verlassen. Ich habe jedenfalls zu wenig von dem Gift genommen. Ich muß die Flasche öffnen. Mein Wunsch zu sterben ist unverändert. Ich habe der Wärterin verboten, Dich zu rufen. Sie ist auf meinen Wunsch hinuntergegangen. Ich kann unbeachtet das Arsenik aus meinem Toilettenkästchen nehmen.

10 Minuten vor 10 Morgens.

Ich hatte gerade Zeit, die Flasche zu verbergen, als Du abermals in mein Zimmer tratest.

Ein anderer Moment der Schwäche überschlich mich, als ich Dich erblickte. Ich entschloß mich, mir noch eine letzte Chance zu gestatten, um leben zu bleiben; das heißt, ich wollte Dir noch eine Gelegenheit bieten, freundlich gegen mich zu sein. Ich bat Dich, mir eine Tasse Thee zu reichen. Wenn Du bei dieser Verrichtung mich nur durch ein gütiges Wort, durch einen freundlichen Blick ermuthigt hättest, würde ich die zweite Dosis des Giftes nicht genommen haben.

Du erfülltest meinen Wunsch, aber Du warst nicht gütig. Du reichtest mir den Thee, Eustace, als wenn man einem Hunde zu trinken giebt. Und dann wundertest Du Dich, daß ich die Tasse fallen ließ, als ich sie Dir zurückgeben wollte. Ich konnte nicht anders. Meine Hand zitterte. Wenn Du an meiner Stelle gewesen wärest, würde Deine Hand ebenfalls gezittert haben, mit dem Arsenik unter den Betttüchern. Ehe Du von mir gingst, wünschtest Du höflich, daß der Thee mir gut bekommen möge, und Du blicktest mich nicht einmal an dabei. Du sahest auf die zerbrochene Tasse.

Als Du mich verlassen hattest, nahm ich wiederum Gift, diesmal die doppelte Dosis.

Ich habe hier noch eine kleine nachträgliche Bemerkung zu machen.

Als ich die Firma von der Flasche entfernte, und sie in meinem Toilettenkästchen zurücklegte, fiel es mir ein, daß ich dieselbe Vorsicht nicht auf das leere Packet, mit der Firma des anderen Chemikers, ausgedehnt hatte. Ich warf es zwischen andere Papiere. Die Wärterin beklagte sich über all’ die Schnitzel, raffte sie zusammen und brachte sie fort. Ich hoffe, daß der Chemiker durch meine Sorglosigkeit keine Unannehmlichkeiten gehabt haben möge.

Dexter hat Dein Tagebuch wieder in die Schublade gelegt und drängt mich um seine Antwort auf die Vorschläge. Hat denn dieser Elende gar kein Gewissen? Wenn dem so ist, wird er es schlagen fühlen; wenn mein Tod ihm die Antwort giebt.

Die Wärterin ist wieder in meinem Zimmer gewesen. Ich habe sie fortgeschickt, weil ich allein sein wollte.

Was ist denn eigentlich die Uhr? Kommen die Schmerzen schon wieder über mich?

Mögen sie mir nur noch so viel Zeit lassen, meinen Brief zu beenden und zu adressiren. Dann werde ich ihn unter dass Kopfkissen legen, damit man ihn nach meinem Tode findet.

So lebe denn wohl. Ich wünsche, ich wäre hübscher gewesen. Liebender hätte ich nicht sein können. Noch jetzt möchte ich Dein Antlitz sehen; noch jetzt, wenn Du bei mir wärest, möchte ich Dir das Geständniß dessen machen, was ich gethan, damit Du mich retten könntest, ehe es zu spät ist. Aber Du bist nicht hier. Es ist auch wohl besser so.

Noch einmal Lebewohl! Sei glücklicher, als Du es mit mir gewesen bist. » Ich liebe Dich, Eustace, und vergebe Dir.

Wenn Du einmal nichts Anderes zu denken hast, dann erinnere Dich zuweilen und freundlich, wenn es Dir möglich, Deiner armen, häßlichen

Sarah Macallan.«



Kapiteltrenner

Neunzehntes Kapitel.

Was konnte ich sonst noch thun?

Sobald ich meine Thränen getrocknet und mich nach Lesung des jammervollen Lebewohls wieder ein wenig gesammelt hatte, flogen meine Gedanken zu Eustace. Er durfte nimmer lesen, was ich gelesen.

Zu diesem Ende war es also gekommen! Ich hatte mein Leben daran gesetzt, ein Ziel zu erreichen, und nun war es erreicht. Dort auf dem Tische vor mir lag der Unschuldsbeweis meines Mannes, und aus Barmherzigkeit mit ihm, aus Barmherzigkeit mit dem Andenken seiner verstorbenen Frau bestand meine ganze Hoffnung darin, daß er diese Zeilen nimmer lesen möge.

Ich blickte auf die seltsamen Umstände zurück, unter denen der Brief entdeckt worden war. Wie schrumpfte nun mein eigenes Verdienst zusammen. Der geringfügigste Umstand hätte den ganzen Lauf der Begebenheiten ändern können. Ich hatte mich fortwährend bemüht, Ariel zu verhindern, ihren Herrn um die Geschichte zu bitten. Wenn sie trotz meiner Einmischung nicht zum Ziel gelangt wäre, würden Miserrimus Dexters letzte klare Gedanken vielleicht nimmer auf die Tragödie von Gleninch gekommen sein. Und wiederum, wenn ich meinen Stuhl bewegt, und Benjamin dadurch das Signal zum Einstellen seines Schreibens gegeben, würde er nicht die anscheinend sinnlosen Worte aufgezeichnet haben, welche zur Entdeckung der Wahrheit führten. Wenn ich auf jene Begebenheiten zurückblickte, mußte mir der Brief Schrecken einflößen. Ich verfluchte den Tag, an welchem seine Fragmente gefunden worden. Gerade zu der Zeit, wo Eustace seine Gesundheit wieder erlangt, gerade zu der Zeit, die uns in Glück und Freude vereinigt und uns in ein oder zwei Monaten Vater- und Mutterfreuden verhieß, gerade in dieser Zeit tauchte das dunkle Gespenst von Gleninch wieder auf. Aus jenem Briefe blickte es mich an und bedrohte meines Gatten Ruhe, wenn nicht sein Leben. Die Stunde schlug von der Uhr unter dem Spiegel. Es war die Zeit, in welcher Eustace mir seinen Morgenbesuch zu machen pflegte. Er konnte jeden Augenblick eintreten und mir den Brief ans der Hand reißen. In, einem Anfall des Schreckens ergriff ich das elende Papier und warf es ins Feuer. Es war ein Glück, daß ich nur die Copie besaß. Hätte ich das Original gehabt, würde es dasselbe Schicksal ereilt haben. Der letzte Rest des Briefes war eben verglimmt, als Eustace eintrat.

Er blickte nach dem Feuer. Der graue Rauch des verbrannten Papieres stahl sich eben in den Schornstein Eustace wußte, daß ich den Brief erhalten. Beargwöhnte er, was ich gethan? Er sagte nichts, sondern blickte ernst in das Feuer. Dann trat er näher und heftete seine Augen auf mich. Ich glaube, daß ich sehr bleich war. Seine ersten Worte fragten mich, ob ich krank sei.

Ich war entschlossen, ihn nicht zu täuschen.

»Ich fühle mich allerdings etwas nervös erregt,« antwortete ich.

Er sah mich wieder an, als wenn er noch mehr erwartete.

Ich blieb stumm. Er zog einen Brief aus der Brusttasche seines Rockes und legte ihn auf den Tisch, auf denselben Platz, den soeben der andere eingenommen.

»Ich habe auch diesen Morgen einen Brief gehabt,« sagte er.

»Und ich, Valeria, habe keine Geheimnisse vor Dir.«

Ich verstand den Vorwurf, der in meines Mannes letzten Worten war, aber ich ließ denselben unbeantwortet.

»Wünschest Du, daß ich ihn lesen soll?« war Alles, was ich darauf erwiderte.

»Ich habe bereits gesagt, daß ich keine Geheimnisse vor Dir habe,« wiederholte er. »Das Couvert ist offen. Ueberzeuge Dich, was darinnen ist.«

Ich nahm aus dem Couvert nicht etwa einen Brief, sondern einen Ausschnitt ans einer schottischen Zeitung.

»Lies es,« sagte Eustace.

Ich las Folgendes:

»Seltsame Vorgänge in Gleninch.

In Mrs. Macallans Landhause scheint sich ein Roman des wirklichen Lebens abspielen zu wollen. Auf einem vereinsamten Müllhaufen haben geheime Nachgrabungen stattgefunden. Jedenfalls ist etwas entdeckt worden, man weiß aber noch nicht was. So viel steht fest, daß vor einigen Wochen zwei Fremde nach Gleninch kamen, welche unter Beaufsichtigung unseres Landsmannes Mr. Playmore Tag und Nacht in der Bibliothek bei verschlossenen Thüren arbeiteten. Sollte dennoch ein neues Licht auf die geheimnißvollen Vorgänge geworfen werden, welche unsere Leser aus der Vergangenheit von Gleninch kennen gelernt haben? Vielleicht kann Mr. Macallan bei seiner Rückkehr Aufschluß darüber geben. Bis dahin müssen wir unsere, Neugier bezähmen.«

Ich legte den Zeitungsausschnitt mit keiner sehr dankbaren Gesinnung gegen den Schreiber auf den Tisch. Wahrscheinlich die Hinterbringung eines Reporters und die Uebersendung eines Unbefugten. Da ich durchaus nicht wußte, was ich sagen sollte, wartete ich, bis Eustace sprechen würde.

»Verstehst Du, was das bedeuten soll, Valeria?«

Ich antwortete bejahend.

Er wartete wiederum, als wenn er noch mehr von mir hören wollte. Ich schwieg.

»Soll ich denn nicht mehr erfahren, als ich bis jetzt weiß?« sagte er nach einer Pause. »Willst Du mir nicht mittheilen, was in meinem Hause geschieht?«

»Du hast versprochen, mir zu vertrauen,« begann ich.

Er gab das zu.

»Um Deiner selbst willen muß ich Dich bitten, Eustace, mir dies Vertrauen noch etwas länger zu schenken. Du sollst Alles wissen, wenn Du mir noch etwas mehr Zeit läßt.«

»Wie lange soll ich denn noch warten?« fragte er mit gerunzelter Stirn.

Ich sah ein, daß die Zeit gekommen, wo das Hinhalten nichts mehr nützen konnte.

»Küsse mich,« sagte ich, »bevor ich Dir erzähle.

Er zögerte, aber ich bestand darauf. Er gab nach. Nachdem er mir einen, gerade nicht sehr zärtlichen Kuß gegeben, bestand er von Neuem darauf, zu wissen, wie lange er noch zu warten habe.

»Bis unser Kind geboren ist,« sagte ich.

Die Bedingung setzte ihn in Erstaunen. Ich preßte zärtlich seine Hand und blickte ihn freundlich an.

»Sage Du mir, daß Du damit zufrieden bist,« entgegnete ich.

Er bestätigte es mir.

So hatte ich wiederum Zeit gewonnen mit Benjamin und Mr. Playmore zu berathschlagen. Während Eustace mit mir im Zimmer war, hatte ich der Tröstung genug gewonnen, um mit ihm sprechen zu können. Als er mich aber bald nachher verließ, überkam mich tiefe Trauer, wenn ich daran dachte, wodurch ich so viele Güte und Nachsicht wohl verdient. Endlich erleichterte ein Thränenstrom die Bedrückung meiner Seele.



Kapiteltrenner

Zwanzigstes Kapitel.

Vergangenheit und Zukunft.

Da ich aus der Erinnerung schreibe, weiß ich nicht mehr ganz genau, wie lange wir im Auslande blieben. Jedenfalls mehrere Monate. Selbst als Eustace seine Kräfte schon wiedergewonnen hatte, bestanden die Aerzte auf ferneres Verbleiben in Paris, weil sie eine Schwäche des linken Lungenflügels entdeckt hatten, und deshalb der Ansicht waren, daß die trocknere Luft Frankreichs der feuchten Englands vorzuziehen sei.

So kam es, daß wir noch in Paris waren, als ich die nächsten Nachrichten aus Gleninch erhielt.

Diesmal wurden sie aber nicht durch einen Brief überbracht, sondern zu meiner großen Freude und nicht geringerem Erstaunen erschien eines guten Morgens der alte Benjamin selbst. Er benahm sich dermaßen ängstlich, namentlich in Gegenwart meines Mannes, daß dieser bereits mißtrauisch wurde, und ich den Augenblick herbeisehnte, wo ich den alten Freund allein sprechen konnte.

Später am Tage bekam ich hierzu Gelegenheit.

Mr. Benjamin war auf spezielles Verlangen von Mr. Playmore nach Paris gesandt worden, um mich über die Vergangenheit aufzuklären und über die Zukunft um Rath zu fragen. Von der Vergangenheit interessirte mich eigentlich nur ein Punkt. Mr. Playmore schrieb unter Anderem:

Obgleich Dexter bei dem Verhör feig genug war, den Freund im Verdacht zu lassen, zeigt er hier wenigstens noch den guten Willen, das Tagebuch zu zerstören, weil er dessen Folgenschwere bei dem Verhör voraussah. Der Gedanke war so mächtig in ihm geworden daß er sich selbst den Beamten bei Ausübung ihrer Pflicht widersetzte.

Dieselben Motive, welche ihn leiteten, sich der Beschlagnahme des Tagebuches zu widersetzen und seine Zeugen-Aussage zu Gunsten des Angeklagten abzugeben, veranlaßten ihn auch, den Brief zu bewahren bis das Urtheil gesprochen war. Noch einmal auf seine letzten Worte zurückblickend, können wir uns der Ueberzeugung nicht entschlagen daß, wenn das Urtheil »Schuldig« gelautet, er nicht gezögert haben wurde, den unschuldigen Gatten durch Vorzeigung des Briefes seiner Frau zu retten. Da das Urtheil aber »nicht bewiesen« lautete, war Dexter elend genug, den Brief, welcher seine Eitelkeit verletzte und ihn der Verachtung preisgab, zu unterdrücken, aber er war nicht elend genug, einen unschuldigen Mann dem Schaffot zu überliefern. Er war fähig, den verhaßten Nebenbuhler in der öffentlichen Meinung als Mörder gebrandmarkt zu lassen, aber er schreckte vor dem Gedanken zurück, ihn am Galgen zu sehen. Aus dieser Ideenverbindung ergiebt sich, wie er, obgleich ein gewissenloser Schurke, gelitten haben muß, als er das Bekenntniß der Frau las.

Seine Absicht ging dahin ihre Liebe zu dem Gatten zu untergraben. Und was hatte er erreicht? Er hatte das Weib, das er liebte, zu der letzten Zuflucht des Selbstmordes getrieben. Die Selbstvorwürfe, die ihn schließlich dem Wahnsinn verfallen ließen zeugen doch wenigstens dafür, daß das Bessere in ihm noch nicht ganz erloschen war.

Nachdem Benjamin dies und noch so manches Andere, was mich jetzt weniger beschäftigte, gelesen legte er das Papier fort und nahm die Brille ab.

»Wir haben es nicht für nothwendig erachtet, weiter zu gehen,« sagte er. »Ist Ihnen noch irgend etwas unklar geblieben?«

Ich dachte nach.

»Haben Sie mit Mr. Playmore jemals über meines Gatten frühere Zuneigung für Mrs. Beanly gesprochen?« fragte ich. »Hat Mr. Playmore Ihnen nicht gesagt, weshalb Eustace sie nicht geheirathet?«

Was Benjamin mir hierauf antwortete, stimmte genau mit dem überein was mir einst Miserrimus Dexter über die Sache gesagt. Mrs. Beanly war Zeugin der öffentlichen Entehrung meines Mannes gewesen; das war genügend, um seine Verheirathung mit ihr zu verhindern. Er brach aus denselben Gründen mit ihr, die ihn veranlaßt hatten, sich von mir zu trennen.

Endlich war meine eifersüchtige Neugier befriedigt. Mr. Benjamin begann jetzt, mir Fragen vorzulegen. Zuerst erkundigte er sich danach, ob mein Gatte von den Vorgängen in Gleninch eine Ahnung habe.

Ich erzählte ihm Alles, und wie es mir gelungen sei, einen Aufschub zu erlangen.

»Das wird gute Zeitung für Mr. Playmore sein,« sagte Benjamin freundlich. »Unser gemeinschaftlicher Freund ist sehr besorgt, daß unsere Entdeckungen Ihnen hätten Unannehmlichkeiten bereiten können. In einer Beziehung will er Eustace natürlich den Kummer ersparen den er bei Lesung des letzten Briefes seiner Frau empfinden muß. In der andern Beziehung aber ist es unmöglich, in den Augen Ihres noch ungeborenen Kindes, dereinst die Unschuld seines Vaters darzuthun, wenn wir dies wichtige Dokument unterdrücken.«

Mit dieser Bemerkung hatte Benjamin einen tiefen Schatten auf unsere Zukunft geworfen.

»Wie denkt Mr. Playmore dieser Schwierigkeit zu begegnen?« fragte ich.

»Er schlägt vor, das Original-Manuscript dieses Briefes zu versiegeln und einen genauen Bericht der Umstände beizufügen unter denen die Entdeckung gemacht wurde. Sie und ich müßten als Zeugen unterschreiben. Dies gethan bliebe es Ihnen überlassen wann Sie Ihren Gatten ins Vertrauen ziehen wollten. Schließlich käme es auf Eustace an, ob er den Brief lesen oder ihn versiegelt seinem Kinde hinterlassen wolle, demselben anheimgebend, das Dokument zu veröffentlichen. wann es Demselben räthlich erscheinen sollte. Sind Sie hiermit einverstanden oder wollen Sie Mr. Playmore den Auftrag der Angelegenheit überlassen.«

Ohne Zögern entschied ich mich, die Verantwortung selbst zu übernehmen. Benjamin stimmte meinem Entschlusse bei und wollte denselben sofort an Mr. Playmore mittheilen. Nun blieb nur noch die Frage zu entscheiden wann wir nach England zurückkehren wollten. Ich wollte den Arzt bei seinem nächsten Besuch darüber befragen.

Ehe Mr. Benjamin von mir ging, fragte ich ihn, ob er nichts von Miserrimus Dexter und Ariel gehört habe. Mein alter Freund seufzte bei der Berührung dieses peinlichen Themas.

»Das Beste, was dem unglücklichen Mann geschehen kann wird wohl bereits geschehen sein,« sagte er. »Wenn Sie nach England zurückkehren, werden Sie ihn wohl nicht mehr unter den Lebenden finden.«

»Und Ariel?« fragte ich.

»Ganz unverändert Vollkommen glücklich, wenn sie mit ihrem Herrn zusammen ist. Wie mir der Doktor sagt, hält sie Dexter nicht für ein sterbliches Wesen. Sie lacht, wenn man von seinem Tode spricht, und lebt der festen Ueberzeugung, daß er sie einst wiedererkennen werde.«



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Einundzwanzigstes Kapitel.

Das Letzte von der Geschichte.

Nach 10 Tagen kehrten wir, von Benjamin begleitet, nach England zurück.

Mrs. Macallan lud uns ein, in ihrem Hause zu bleiben, bis unser Kind geboren sei, und bis wir unsere Pläne für die Zukunft gemacht hätten.

Eine der ersten Nachrichten, die uns in London übermacht wurden, war die von Dexters Tode. Wenige Stunden, ehe er seinen letzten Seufzer ausgehaucht, hatte er Ariel an seinem Bett erkannt. Er hatte sie beim Namen genannt und dann nach mir gefragt. Es sollte nach mir geschickt werden, aber es war zu spät. Während man dem Boten Bescheid sagte, rief er plötzlich mit seinem alten Selbstgefühl: »Seid Alle still! Mein Kopf wird müde; ich will schlafen gehen.« Dann schloß er die Augen, um nicht wieder zu erwachen. Der Tod kam barmherzig über ihn, ohne Schmerz und ohne die letzten Gewissensbisse. So erlosch das Leben dieses seltsamen Mannes wie ein Traum!

Und was wurde mit Ariel?

Sie hatte für ihren Herrn gelebt, was konnte sie nach seinem Tode thun, als für ihn zu sterben?

Damit sie sich von dem wirklichen Tode ihres Herrn überzeugen könne, hatte man ihr erlaubt, dem Begräbnisse beizuwohnen. Sie war nicht zu überzeugen, sondern behauptete, daß der Herr sie verlassen habe. Als der Sarg in die Gruft gesenkt wurde, mußte man sie mit Gewalt zurückhalten, weil sie sich nachstürzen wollte. Durch dasselbe Mittel war sie auch nur vom Kirchhofe zu entfernen. Von dieser Zeit an wechselte ihr Leben zwischen wildem Delirium und dumpfem Hinbrüten. Bei dem jährlichen Fest, das im Irrenhause gegeben wurde, verbreitete sich plötzlich die Nachricht, daß Ariel fort sei. Die Musik und die vielen Fremden, die Theilnahme der Wärter an dem Fest hatten es veranlaßt, daß die Ueberwachung eine geringere geworden war. Die Nacht ging vorüber, ohne daß Ariel entdeckt wurde. Am nächsten Morgen hatte man sie kalt und todt auf Dexters Grabe gefunden.

Nun zu einem freudigeren Thema. Seit jenem letzten Diner, auf dem ich die Bekanntschaft der Lady Clarinda gemacht, hatte ich nichts von Major Fitz-David gehört. Ich hatte ihn undankbarer Weise fast ganz vergessen, als ich eines Morgens durch die Verlobungskarte des modernen Don Juan überrascht wurde. Endlich hatte er sich also zu einem ruhigen Leben entschlossen. Und wen hatte er zur Gefährtin seiner letzten Jahre gewählt? Die künftige Königin des Gesanges, die rundäugige, aberwitzig gekleidete junge Dame mit der schneidenden Sopranstimme. Pflichtschuldigerweise machten wir dem Major unsern Gratulations-Besuch.

Die Aussicht auf seine Heirath hatte den heiteren und galanten Damenfreund fast bis zur Unkenntlichkeit verändert. Er hatte alle Ansprüche auf Jugend aufgegeben und war ein alter hilfloser Mann geworden. Er blickte mit ängstlichem Gehorsam aus seine künftige Frau, als wenn er zu jedem Worte, das er sprechen wollte, ihrer Erlaubniß bedürfe. Wenn sie ihn, was nicht selten geschah, unterbrach, so fügte er sich mit sklavischer Unterwerfung.

»Ist sie nicht schön?« fragte er mich. »Welche Figur! Und welche Stimme! Ein unersetzlicher Verlust für die Bühne. Ich begehe ein Verbrechen an der Menschheit, indem ich sie heirathe.«

Mich begrüßte das Mädchen als alte Bekannte. Während Eustace mit dem Major sprach, zog mich die Braut bei Seite und setzte mir die Motive auseinander, welche sie bewogen hatten, den Major heirathen zu wollen.

»Wir sind eine starke Familie, sehen Sie.

Hunger und Kummer überall,« flüsterte sie in mein Ohr. »Es ist alles recht gut gesagt mit der Königin des Gesanges. Ich habe aber keine Lust dazu, sehen Sie, und lieber will ich einen alten Mann heirathen als mich alle Abend auszuputzen und mir die Kehle wund zu schreien. Nun bin ich versorgt und meine ganze Familie ist auch versorgt.«

Ich erwiderte das Geschwätz mit einer höflichen Redensart, nahm mir aber vor, falls sie mich besuchen sollte, sie nicht weiter als bis an die Hausthüre zu lassen. Ich verachtete das Geschöpf. Es ist immerhin verächtlich, wenn sich ein Mädchen an einen Mann verkauft. Ob nachher der Segen der Kirche darüber gesprochen wird, ändert nicht viel an der Sache.

Indem ich an meinem Pult sitze und denke, verschwindet mir wieder das Bild des Majors und die letzte Scene meiner Geschichte tritt in den Vordergrund meiner Erinnerungen.

Der Schauplatz ist mein Schlafzimmer, die beiden Personen in demselben und zwar beide im Bett befindlich, sind ich und mein Sohn. Er ist bereits 3 Wochen alt und liegt nun schlafend an meiner Seite. Mein Onkel, der Prediger, ist nach London gekommen um ihn zu taufen. Die Taufzeugen werden meine Schwiegermutter, Mr. Benjamin und Mr. Playmore sein. Ich bin neugierig, ob die Taufe sich freudiger gestalten wird als meine Hochzeit. Der Arzt hat mich eben verlassen und zwar nicht ganz zufrieden mit meinem Zustande. Er hatte eine gewisse Erschöpfung an mir entdeckt und mich ins Bett zurückgeschickt, während ich sonst schon im Armstuhl saß.

Die Wahrheit zu gestehen habe ich dem Arzt nicht die Gründe für diese Erschöpfung mitgetheilt. Es sind Angst und Besorgniß.

Erst am heutigen Tage hatte ich Kraft genug gesammelt, das meinem Gatten in Paris gegebene Versprechen zu halten. Jetzt weiß er, wie das Bekenntniß seiner Frau entdeckt wurde, jetzt weiß er, daß in dem Briefe der Beweis seiner Unschuld liegt. Schließlich ist ihm auch mitgetheilt worden daß jenes Geständniß ein versiegeltes Geheimniß vor ihm blieb aus Rücksicht für seinen eigenen Seelenfrieden wie um der Erinnerung jener Dame willen die einst seine Frau gewesen. Diese Mittheilungen habe ich meinem Gatten nicht mündlich, sondern durch die Briefe Benjamins und Mr. Playmores gemacht. Während ich krank im Bett lag, hatte er vollständige Muße zu lesen um darüber nachzudenken. Ich warte mit dem Original in der Hand und meine Schwiegermutter wartet im anstoßenden Zimmer, um zu hören, ob er das Siegel brechen wird oder nicht.

Die Minuten vergehen und noch immer nicht sein Schritt auf der Treppe. Zweifel und Ungeduld nehmen zu. Ich kann den Anblick des Briefes nicht mehr ertragen, ich kann ihn fast nicht mehr berühren; da kommt mir eine rettende Idee. Ich hebe eine Hand meines Kindes empor und lege den Brief unter dieselbe, auf diese Weise heilige und reinige ich den Bericht des Elends und der Sünde durch die Berührung der Unschuld. Die Minuten vergehen. Endlich höre ich ihn. Er klopft leise und öffnet die Thür. Er ist tödtlich bleich, und ich sehe Spuren von Thränen in seinen Augen. Er setzt sich aber ruhig an meine Seite. Ich bemerke, daß er meinetwegen gewartet hat, um sich erst zu beruhigen. Er nimmt meine Hand und küßt sie zärtlich.

»Valeria!« sagt er, »vergieb mir noch einmal Alles, was ich Dir gethan. Wenn ich auch nicht weiß, wie es zugegangen, so weiß ich doch, daß der Beweis meiner Unschuld aufgefunden worden ist, und zwar durch das treue Bemühen meines Weibes.«

»Willst Du den Brief lesen, Eustace?« fragte ich nach einer Pause.

Anstatt zu antworten fragte er mich:

»Hast Du den Brief hier?«

»Ja.«

»Versiegelt?«

»Versiegelt.«

Er dachte einige Minuten nach.

»Wenn ich nun darauf bestände, den Brief zu lesen —«

»O, thue das nicht,« unterbrach ich ihn. »Bitte, schone Dich —« .

»Ich denke ja nicht an mich,« unterbricht er nun ebenfalls. »Ich denke an meine verstorbene Frau. Handle ich denn wirklich, wie Ihr alle Drei behauptet, mitleidig und barmherzig an ihr, wenn ich das Siegel unerbrochen lasse?

»O, Eustace, daran kann kein Schatten von Zweifel sein.«

»Soll ich ein Sühneopfer bringen für allen Kummer, den ich ihr unbewußt zugefügt?«

»Ja, ja!«

»Soll ich Dir einen Gefallen thun, Valeria?«

»O, bitte, bitte!«

»Wo ist der Brief?«

»In der Hand Deines Sohnes.«

Er führt die kleine Hand des Kindes an seine Lippen. So bleibt er eine Weile in nachdenkender Stellung. Seine Mutter öffnet die Thür und beobachtet ihn wie ich ihn beobachte. Mit einem tiefen Seufzer legt er die Hand des Kindes wieder auf den Brief, als wenn er aussprechen wollte: »Ich überlasse es Dir!«

Und so endete es. Nicht, wie ich es glaubte, auch vielleicht nicht, wie der Leser es dachte. Gott aber wußte, wie es kommen würde — und das ist das beste.

Mir bleibt nichts mehr zu sagen als dies Postskriptum:

Gehe nicht zu hart mit den Irrtümern
meines Mannes zu Gericht, lieber Leser,
sondern mache lieber mich dafür
verantwortlich.

Um meinetwillen denke freundlich von Eustace!



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