Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Morris und der Fremde - I
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Fräulein Morris und der Fremde



I.

Als ich ihn zum ersten Mal sah, hatte er sich in eine der öden an der Südküste Englands gelegenen Städte verirrt, nach Sandwich. Soll ich Sandwich beschreiben? Ich denke nicht. Die Wahrheit zu gestehen, Beschreibungen von Orten, wie hübsch sie auch gehalten sein mögen, haben immer etwas mehr oder weniger Langweiliges, und ich hasse das natürlich, da ich ein Weib bin. Aber vielleicht wird doch aus meinem Berichte über die Unterhaltung, die wir miteinander hatten, als wir uns zum ersten Mal als Fremde in der Straße begegneten, so eine Art Beschreibung von Sandwich gleichsam herauströpfeln.

Ärgerlich redete er mich an: »Ich habe mich verirrt.«

»Leuten, die die Stadt nicht kennen, passiert dies oft« bemerkte ich.

Er fuhr fort: »Welches ist der Weg zum Gasthofe zur Lilie?«

Um diesen zu erreichen, musste er zuerst auf demselben Wege wieder zurückgehen, alsdann links sich wenden, dann so lange weiter gehen, bis er zwei sich kreuzende Straßen fand, dann die Straße zur Rechten einschlagen, sich dann umsehen nach einer zweiten links abbiegenden Straße und dann dieser veränderten Richtung folgen, bis er Ställe roch – dort war der Gasthof. Ich erklärte ihm dies in der deutlichsten Weise und war bei keinem einzigen Worte im Zweifel.

»Wie zum Teufel soll ich das alles im Gedächtnis behalten?« rief er.

Das war ungezogen. Wir sind natürlich sehr ungehalten über einen Mann, der sich uns gegenüber ungezogen benimmt. Aber ob wir ihm mit Verachtung den Rücken wenden, oder ob wir barmherzig sind und ihm eine Lektion über Höflichkeit geben, das hängt ganz von dem Manne ab. Er kann ein Bär sein, aber er kann doch auch seine versöhnenden Eigenschaften haben. Jener hatte solche. Ob er schön oder hässlich war, jung oder alt, gut oder schlecht gekleidet, das kann ich nicht mit Bestimmtheit sagen. Aber mit Bestimmtheit kann ich von seinen persönlichen Vorzügen sprechen, die auf ihn aufmerksam werden ließen. So zum Beispiel war der Ton seiner Stimme überzeugend. (Las man jemals eine unserer Geschichten, in der wir es unterließen, bei der Stimme unseres Helden zu verweilen?) Dann auch war sein Haar leidlich lang.(Kennt man eine Frau, die einen Mann mit kurzgeschnittenem Kopfhaare leiden mag?) Überdies war er von hoher Statur. (Es muss schon eine sehr hochgewachsene Frau sein, die sich zu einem kleinen Manne hingezogen fühlt.) Endlich war der Schelm, obgleich seine Augen in Form und Farbe nur mäßig hübsch sich präsentierten, doch auf eine unerklärliche Weise in den Besitz sehr schöner Augenwimpern gekommen.

Sie waren sogar schöner als die meinigen. Ich schreibe in völligem Ernste. Es gibt eine Frau, die über die gewöhnliche Schwäche der Eitelkeit erhaben ist – und sie hält eben die Feder in der Hand.

Ich gab also meinem verirrten Fremden eine Lektion über Höflichkeit und kleidete sie in eine verfängliche Form. Ich fragte ihn, ob er es gerne sehe, dass ich ihm den Weg zum Gasthofe zeige. Er war noch darüber verdrießlich, dass er sich verirrt hatte, und antwortete, wie ich dies vorausgesehen hatte, schwerfällig: »Ja!«

»Als Sie noch ein Knabe waren und etwas wünschten« fragte ich, »lehrte Sie da Ihre Mutter nicht sagen 'Bitte'?« Er errötete wirklich.

»Sie tat dies« gab er zu, »und sie lehrte mich auch sagen: 'Ich bitte um Verzeihung', wenn ich ungezogen war. Ich will daher jetzt sagen: Ich bitte um Verzeihung.«

Diese sonderbare Entschuldigung bestärkte mich in meinem Glauben an seine versöhnenden Eigenschaften. Ich führte ihn den Weg zum Gasthofe. Schweigend folgte er mir. Aber keine Frau, welche sich selbst achtet, kann das Schweigen ertragen, wenn sie in der Gesellschaft eines Mannes sich befindet. Ich brachte ihn zum Sprechen.

»Kommen Sie von Ramsgate zu uns?« fing ich an. Er nickte nur. »Wir halten hier nicht viel von Ramsgate« fuhr ich fort. »Es gibt nicht ein altes Bauwerk in diesem Orte. Und Ramsgates erster Oberbürgermeister wurde erst kürzlich gewählt!«

Dieser Gesichtspunkt schien ihm neu zu sein. Er machte keinen Versuch, ihn zu bestreiten; er blickte nur umher und sagte:

»Sandwich ist ein düsterer Ort, Fräulein!« Er machte so rasche Fortschritte in der Höflichkeit, dass ich ihn durch ein Lächeln ermutigte. Als zur Bürgerschaft von Sandwich gehörig darf ich sagen, dass wir es als ein Kompliment betrachten, wenn uns gesagt wird, dass unsere Stadt ein melancholischer Ort ist. Und warum nicht? Melancholie ist verbunden mit Würde und Würde mit dem Alter. Und wir sind ja alt. Ich lehre meine Zöglinge unter anderem Logik – das war eine Probe davon. Was auch immer Gegenteiliges gesagt werden möge, Frauen haben ein vernünftiges Urteil. Sie können auch phantasieren, und ich muss zugeben, dass ich dies eben tue. Erwähnte ich anfangs, dass ich Erzieherin war? Wenn nicht, so muss die Anspielung auf meine Zöglinge recht unvermittelt hierher geraten sein. Ich bitte um Entschuldigung und kehre zu meinem verirrten Fremden zurück.

»Gibt es in ganz Sandwich so etwas wie eine gerade Straße?« fragte er.

»Nicht eine gerade Straße im ganzen Städtchen.«

»Irgend welchen Handel, Fräulein?«

»So wenig wie möglich – und dieser ist im Verfall.«

»Kurzum, ein verkommener Ort?«

»Vollständig verkommen.«

Mein Ausdruck schien ihn in Erstaunen zu setzen. »Sie sprechen, als wenn Sie stolz darauf wären, dass Sandwich verkommen ist« sagte er.

Ich billigte gebührend seine Bemerkung, denn sie war sehr verständig. Wir freuen uns unseres Verfalles: er bildet unsere besondere Auszeichnung. Fortschritt und Gedeihen sonst überall, hier Verfall und Auflösung. Als notwendige Folge hiervon bringen wir unseren besonderen Eindruck hervor und wir lieben es, originell zu sein. Das Meer verließ uns vor langer Zeit: einst bespülte es unsere Mauern, jetzt ist es zwei Meilen von uns weg – wir vermissen das Meer nicht. Wir hatten zuweilen, der Himmel allein weiß, vor wie vielen Jahrhunderten, fünfundneunzig Schiffe in unserem Hafen; jetzt haben wir ein oder zwei kleine Küstenfahrzeuge, die die Hälfte ihrer Zeit in dem Schlamme eines kleinen Flusses liegen – wir vermissen unseren Hafen nicht. Aber ein Haus in der Stadt ist kühn genug, die Ankunft Wohnung suchender Fremden zu erwarten, und kündigt an, dass möblierte Zimmer zu vermieten seien. Welch ein passender Gegensatz zu unserem modernen Nachbar Ramsgate! Unser vornehmer Marktplatz veröffentlicht die von der Gemeindebehörde erlassenen Verordnungen, und jede Woche gibt es weniger Leute, die sie beobachten. Wie passend! Betrachten Sie unser einziges Magazin am Flusse – mit dem gewöhnlich unbenutzten Kranen, den meistens mit Brettern verschalten Fenstern und vielleicht mit einem einzigen Manne an der Tür, der sich nach Arbeit umsieht, die, wie sein Verstand ihm sagt, unmöglich kommen kann.Welch ein heilsamer Protest gegen die sonstige alles zerstörende Hast und Überanstrengung, die die Kräfte der Station zerrüttet haben. »Fern sei von mir und meinen Freunden« (um einen beredten Ausdruck Doktor Johnsons zu gebrauchen) »solch kühle Begeisterung, die uns ungerührt und gleichgültig« über die Brücke führt, auf der Sie Sandwich betreten und Brückengeld zahlen, wenn Sie zu Wagen kommen.

»Der Mann« (auch nach Doktor Johnson) »ist wenig zu beneiden« der sich in unsere labyrinthischen Straßen verirren kann und nicht fühlte, dass er die willkommenen Grenzen des Fortschritts erreicht und einen Hafen der Ruhe in diesem Zeitalter der Hast gefunden hat.

Ich phantasiere wieder. Man dulde die unüberlegte Begeisterung einer Bewohnerin Sandwichs, die die Jahre der Besonnenheit erst an ihrem letzten Geburtstage erreicht hat. Wir werden mit Sandwich bald fertig sein; denn wir sind ganz nahe dem Gasthofstore.

»Sie können jetzt nicht mehr irre gehen, mein Herr« sagte ich.

»Guten Morgen.«

Er blickte unter seinen schönen Augenwimpern hervor und sah auf mich herab (habe ich erwähnt, dass ich eine kleine Frau bin?) und er fragte in seiner überzeugenden Art: »Müssen wir wirklich Lebewohl sagen?«

Ich verbeugte mich.

»Würden Sie mir erlauben, Sie sicher nach Hause zu bringen?« warf er ein.

Ein anderer Mann würde mich gekränkt haben. Dieser Mann errötete wie ein Knabe und blickte auf das Pflaster, anstatt mich anzusehen. Unterdessen hatte ich meinen Entschluss gefasst. Er war zweifellos nicht bloß ein gebildeter Herr, er war auch ein schüchterner Mann. Sein unbeholfenes Benehmen und seine sonderbaren Äußerungen waren, wie ich mir dachte, teils Anstrengungen, seine Schüchternheit zu verbergen, teils Hilfsmittel, durch die er die eigene Empfindung davon zu verscheuchten suchte. Ich beantwortete seinen kühnen Vorschlag freundlich und mit einem Scherze. »Sie würden nur nochmals den Weg verfehlen« sagte ich; »und ich müsste Sie zum zweiten Mal nach dem Gasthofe zurückbringen.« Unnütze Wortverschwendung! Mein halsstarriger Fremder machte nun einen neuen Vorschlag.

»Ich habe hier das Frühstück bestellt« sagte er, »und ich bin ganz allein.«

Er hielt verlegen inne und nahm eine Miene an, als wenn er eher erwarte, von mir eine Ohrfeige zu bekommen. »Ich werde an meinem nächsten Geburtstage vierzig Jahre alt sein« fuhr er fort, »ich bin alt genug, Ihr Vater zu sein.« Ich brach beinahe in lautes Lachen aus und schritt über die Straße meiner Wohnung zu. Er folgte mir. »Wir könnten ja die Wirtin einladen, uns Gesellschaft zu leisten« sagte er und bot dafür das Bild eines überstürzten Mannes, den das Bewusstsein seiner eigenen Unvorsichtigkeit erschreckt hat. »Könnten Sie mir nicht die Ehre erweisen, mit mir zu frühstücken, wenn wir die Wirtin bei uns hätten?« fragte er.

Das war doch ein wenig zu viel. »Davon kann gar keine Rede sein, mein Herr – und Sie sollten dies wissen« sagte ich mit strenger Miene.

Zögernd streckte er mir die Hand entgegen. »Wollen Sie mir nicht einmal die Hand reichen?« fragte er in kläglichem Tone. Wenn wir einem Manne in der geziemendsten Weise einen Tadel ausgesprochen haben, was ist es für eine Verkehrtheit, ihn schon eine Minute nachher schwächlich zu bemitleiden? Ich war töricht genug, diese mir vollständig fremden Manne die Hand zu reichen. Und nachdem ich dies getan, zeigte ich vollendes, dass mir jede Würde mangele, indem ich weglief. Unsere armen kleinen Straßen mit ihren Krümmungen entzogen mich bald seinen Blicken.

Als ich im Hause meines Herrn die Türschelle zog, fuhr mir ein Gedanke durch den Kopf, der auch für jemand von einer geordneteren Gemütsverfassung beunruhigend gewesen sein mochte.

»Angenommen, der Fremde würde nach Sandwich zurückkehren.«


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