Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Fräulein Morris und der Fremde - VII
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Fräulein Morris und der Fremde



VII

Das Testament war eröffnet worden, und ich wurde benachrichtigt, dass die verlangte Urkunde in Vorbereitung sei, als Frau Fosdyke von ihrem Besuche in Schottland zurückkehrte.

Sie meinte, ich sehe sehr bleich und erschöpft aus.

»Die Zeit scheint mir gekommen zu sein,« sagte sie, »wo ich besser täte, Sie und Herrn Sax dazu zu bringen, sich gegenseitig zu verstehen. Haben Sie reuig über Ihr eigenes übles Benehmen nachgedacht?«

Die Schamröte trat mir ins Gesicht.

Ich hatte in der Tat über meine Aufführung Herrn Sax gegenüber nachgedacht, und ich schämte mich ihrer auch aufrichtig.

Frau Fosdyke fuhr, halb im Scherz, halb im Ernste, fort:

»Befragen Sie nur Ihr eigenes Schicklichkeitsgefühl! War der arme Mann zu tadeln, dass er nicht roh genug war, nein zu sagen, wenn eine Dame ihn bat, ihr das Blatt beim Vortrage umzuwenden? Konnte er es verhindern, wenn dieselbe Dame darauf aus war, mit ihm zu kokettieren? Er lief am nächsten Morgen vor ihr fort. Verdienten Sie, dass man Ihnen sagt, warum er uns verließ? Sicherlich nicht — nach der keifenden Weise, in der Sie Fräulein Melbury die Schlafzimmerkerze überreichten. Sie törichtes Mädchen! Glauben Sie, ich sähe nicht, dass Sie in ihn verliebt sind? Dem Himmel sei Dank, dass er zu arm ist, Sie zu heiraten und Sie von meinen Kindern jemals wegzunehmen. Das würde eine lange Verlobung geben, selbst wenn er großmütig genug ist, Ihnen zu verzeihen. Soll ich Fräulein Melbury bitten, mit ihm zurückzukommen?«

Sie hatte zuletzt Mitleid mit mir und setzte sich nieder, um an Herrn Sax zu schreiben. Seine Antwort, die von einem etwa zwanzig Meilen entfernt gelegenen Landhause datiert war, benachrichtigte sie, dass er in drei Tagen wieder in Carsham Hall sein werde.

Am dritten Tage kam das amtliche Schriftstück, das ich unterzeichnen sollte, mit der Post an. Es war an einem Sonntagmorgen, und ich war allein in meinem Schulzimmer.

Als mir der Rechtsanwalt schrieb, hatte er nur auf »einen überlebenden Angehörigen des Herrn von Damian, der sehr nahe mit ihm verwandt sei« angespielt. Die Urkunde sprach sich deutlicher aus. Sie bezeichnete den Anverwandten als einen Neffen des Herrn von Damian, als den Sohn seiner Schwester. Der Name folgte: es war Sextus Cyril Sax.

Ich habe auf drei verschiedenen Blättern versucht, die Wirkung zu beschreiben, welche diese Wahrnehmung auf mich hervorbrachte — und ich habe sie, eins nach dem andern, wieder zerrissen. Wenn ich nur daran denke, scheint schon mein Gemüt rettungslos in die Überraschung und Bestürzung jener Zeit zurückzusinken. Nach allem, was zwischen uns vorgefallen war, — war nun dieser Mann selbst auf dem Wege nach unserem Hause! Was würde er von mir denken, wenn er meinen Namen unter der Urkunde sah? Was um Gottes willen sollte ich tun?

Wie lange ich, die Urkunde im Schoße, bestürzt da saß, weiß ich nicht. Es klopfte jemand an der Tür des Schulzimmers, blickte herein, sagte etwas und ging wieder weg. Alsdann gab es eine Pause. Und dann wurde die Tür wieder geöffnet Eine Hand legte sich sanft auf meine Schulter. Ich blickte auf — und sah Frau Fosdyke, die mich in der größten Besorgnis fragte, was mir fehle. Der Ton ihrer Stimme brachte mich zum Sprechen. Ich konnte an nichts als an Herrn Sax denken; ich konnte nur sagen: »Ist er gekommen?«

»Ja, und er wartet darauf, Sie zu sehen.«

Indem sie in dieser Weise antwortete, blickte sie nach dem Aktenstück auf meinem Schoße. In meiner höchsten Hilflosigkeit handelte ich zuletzt wie ein verständiges Geschöpf. Ich erzählte Frau Fosdyke alles, was ich hier erzählt habe. Sie verharrte sprachlos auf ihrem Platze, bis ich zu Ende war. Dann war es ihr erstes, mich in die Arme zuschließen und mir einen Kuss zu geben. Nachdem sie mich so wieder aufgemuntert hatte, sprach sie zunächst von dem armen Herrn von Damian·

»Wir handelten alle sehr töricht« erklärte sie, »als wir ihn unnötigerweise durch unseren Einspruch gegen seine Wiederverehelichung kränkten. Ich meine Sie nicht — ich meine seinen Sohn, seinen Neffen und mich selbst. Wenn seine zweite Ehe ihn glücklich machte, was ging uns die Ungleichheit der Jahre zwischen ihm und seiner Frau an?

Ich kann Ihnen sagen, Sextus war der erste von uns, der bedauerte, was er getan hatte. Wäre es nicht die einfältige Besorgnis gewesen, eines eigennützigen Beweggrundes beschuldigt zu werden, so würde Herr von Damian gefunden haben, dass in dem Sohne seiner Schwester doch viel Tüchtiges stecke.«

Frau Fosdyke ergriff plötzlich eine Abschrift des Testamentes, die ich bis jetzt nicht einmal bemerkt hatte.

»Sehen Sie, was der gute alte Mann von Ihnen sagt« fuhr sie fort, indem sie auf die betreffenden Worte zeigte.

Ich konnte sie nicht lesen, und sie war genötigt, sie mir vorzulesen »Ich überlasse mein Barvermögen der einzigen noch lebenden Person, die des Wenigen, was ich für sie getan habe, mehr als würdig gewesen ist, und deren einfacher, uneigennütziger Natur ich, wie ich weiß, vertrauen kann.«

Ich drückte Frau Fosdyke die Hand, aber ich war nicht imstande zu sprechen. Sie ergriff zunächst das entworfene Aktenstück.

»Üben Sie Gerechtigkeit gegen sich selbst, und zeigen Sie sich über lächerliche Bedenken erhaben« sagte sie. »Sextus ist so eingenommen für Sie, dass er wohl des Opfers wert erscheint, das Sie ihm bringen wollen. Unterzeichnen Sie — und ich werde dann als Zeugin unterzeichnen.«

Ich zögerte.

»Was wird er von mir denken?« sagte ich.

»Unterzeichnen Sie!« wiederholte Frau Fosdyke, »und wir werden dann sehen.«

Ich gehorchte. Sie bat um den Brief des Rechtsanwalts. Ich gab ihr ihn so, dass die Zeilen, die des Mannes gemeine Verdächtigung enthielten, zusammengefaltet und nur die Worte darüber sichtbar waren, des Inhalts, dass ich auf mein Vermächtnis verzichtet hatte, obwohl ich nicht einmal wusste, ob die beschenkte Person ein Mann oder eine Frau war. Sie nahm dies mit dem kurzen Entwurf meines eigenen Briefes und dem unterzeichneten Verzicht — und öffnete die Tür.

»Bitte, kommen Sie bald zurück und sagen Sie mir das weitere!« bat ich.

Sie lächelte, nickte und ging hinaus.

Ach, welch eine lange Zeit verging, ehe ich das lang erwartete Klopfen an der Tür hörte! »Herein!« rief ich ungeduldig.

Frau Fosdyke hatte mich getäuscht. Statt ihrer war Herr Sax eingetreten. Er schloss die Tür. Wir beide waren allein.

Herr Sax war totenbleich; seine Augen hatten, als sie auf mir ruhten, einen wilden Ausdruck der Bestürzung angenommen. Mit eisig kalten Fingern ergriff er meine Hand und zog sie schweigend an seine Lippen. Der Anblick seiner Erregung ermutigte mich – warum weiß ich bis heute nicht, wenn sie nicht etwa an mein Mitleid appellierte. Ich war kühn genug, nach ihm aufzublicken. Schweigend legte er die Briefe auf den Tisch — und das unterzeichnete Aktenstück daneben. Als ich das sah, wurde ich noch kühner. Ich brach zuerst das Schweigen.

»Sicherlich weisen Sie das Vermächtnis nicht zurück?« fragte ich. Er antwortete mir: »Ich danke Ihnen von ganzem Herzen; ich bewundere Sie mehr, als Worte dies vermögen, aber ich kann es nicht annehmen.«

»Warum nicht?«

»Das Vermögen gehört Ihnen« sagte er freundlich. »Bedenken Sie, wie arm ich bin, und fühlen Sie mit mir, wenn ich nichts weiter sage.«

Sein Kopf sank auf seine Brust. Er streckte die eine Hand aus und flehte mich schweigend an, ihn zu verstehen. Ich konnte dies nicht länger ertragen. Ich vergaß jede Rücksicht, die eine Frau in meiner Lage hätte nehmen müssen, und die verzweifelten Worte entschlüpften mir, ehe ich sie zurückdrängen konnte:

»Sie wollen mein Vermächtnis für sich allein nicht annehmen?«

»Nein.«

»Wollen Sie mich mit annehmen?«

An jenem Abend ließ Frau Fosdyke ihrer guten Laune noch in anderer Weise die Zügel schießen. Sie überreichte mir einen Kalender. »Nach allem, meine Liebe« bemerkte sie, »haben Sie nicht nötig, sich zu schämen, zuerst gesprochen zu haben. Sie haben nur von dem alten Vorrechte unseres Geschlechtes Gebrauch gemacht. Wir haben heuer ein Schaltjahr.« .


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