Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Detektivgeschichten - Das Duell im Walde - Nr. 5 - Friedrich Darnel
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Das Duell im Walde

Vorläufige Erklärungen der Entlastungszeugen, aufgenommen auf dem Bureau des Verteidigers

Nr. 5. Herr Friedrich Darnel, Mitglied der Akademie der Wundärzte, bezeugt und sagt aus:

Ich bin gewohnt, in der freien Zeit, die mir die Pflichten meines Berufes lassen, mich mit dem Studium der Botanik zu befassen, wobei mir ein Freund und Nachbar zur Seite steht, dessen Neigungen in dieser Hinsicht den meinigen gleichen. Wenn ich eine oder zwei Stunden von der für meine Patienten bestimmten Zeit erübrigen kann, so gehen wir zusammen aus, Pflanzenproben zu suchen, Unser Lieblingsort ist der Hernewald. Er bietet dem Botaniker reiche Ausbeute und ist nur eine Meile von dem Dorfe entfernt, in dem ich wohne.

Anfangs Juli machten ich und mein Freund in dem Walde eine unerwartete und erschreckende Entdeckung. Wir fanden in der Lichtung einen Mann, der mit einer gefährlichen Wunde am Boden lag und allem Anscheine nach bereits tot war.

Wir trugen ihn in das Haus des Wildhüters am Saume des Waldes auf der unserem Dorfe nächstgelegenen Seite. Dieser war mit seinem Burschen ausgegangen, aber der leichte Wagen, in dem er in dem entfernteren Teile des Besitztums seines Herrn die Runde macht, befand sich im Hinterhause. Während mein Freund das Pferd anspannte, untersuchte ich die Wunde des Fremden. Sie war ihm kurz vorher erst beigebracht worden und ich bezweifelte, ob sie ihn wirklich getötet hatte. Mit Leinwand und kaltem Wasser, welches mir die Frau des Wildhüters darreichte, tat ich mein Möglichstes und dann brachten wir ihn vorsichtig auf dem Wagen in meine Wohnung. Ich wendete die nötigen Stärkungsmittel an, und überzeugte mich zu meiner Freude bald davon, dass die Lebenskräfte des Verwundeten wieder auflebten. Er war natürlich vollständig bewusstlos, aber die Tätigkeit des Herzens war deutlich wahrzunehmen, und ich fasste Hoffnung für seine Wiederherstellung. In einigen weiteren Tagen fand ich, dass diese durchaus gesichert sei; dann stellte sich das gewöhnliche Fieber ein.

Seiner Freunde wegen war ich genötigt, seine Kleider in Gegenwart eines Zeugen zu untersuchen. Wir fanden sein Taschentuch, seine Börse und seine Zigarrentasche, sonst aber nichts, weder einen Brief noch eine Visitenkarte. In seine Kleider waren nur Anfangsbuchstaben eingezeichnet. Es gab also nur ein Mittel, um seine Persönlichkeit festzustellen: zu warten, bis er wieder sprechen konnte. Als diese Zeit kam, gestand er mir, dass er sich absichtlich jeden Anhalts für die Feststellung seiner Person in der Besorgnis entäußert habe, dass im Falle eines Unfalls, der ihm zustoße, die Nachricht darüber seinen Eltern ohne Vorbereitung durch die Zeitungen zukommen möchte. Er habe an seinen Bankier in London einen Brief geschickt, der an seine Eltern befördert werden sollte, wenn jener innerhalb Monatsfrist ihn weder sähe noch von ihm höre. Sein Erstes war, diesen Brief zurückzuziehen. Die übrigen Einzelheiten, die er mir mitteilte, sind, wie ich höre, bereits bekannt. Ich habe nur noch hinzuzufügen, dass ich gern sein Geheimnis bewahrt habe, indem ich in der Nachbarschaft von ihm nur als von einem Reisenden aus der Fremde sprach, dem hier ein Unfall begegnet sei.

Seine Genesung ging nur langsam von statten. Es war bereits Anfang Oktober, als seine Gesundheit gänzlich wiederhergestellt war. Als er uns verließ, ging er nach London. Er benahm sich sehr freigebig gegen mich, und wir schieden voneinander mit den besten Wünschen auf beiden Seiten.


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