Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Geheimnis der Abtei - Erinnerungen einer Erzieherin - Kapitel 3
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Das Geheimnis der Abtei

Aus den Erinnerungen einer Erzieherin

III

Lady Deightons Eröffnung an Capitain Sinclair gerichtet

»Meine Beweggründe für das Niederschreiben dieser Mitteilungen werden sich am Ende derselben ergeben, und manche kurze Andeutungen dessen, was ich zu bekennen mich gedrungen fühle, werden sich an verschiedenen Orten finden, die ohne Zweifel bei meinem Tode oder im Falle einer schweren Krankheit nicht ununtersucht bleiben. Diejenigen, welche die Papiere lesen, mögen von ihrem Inhalte denken, was sie wollen. Sie enthalten die Schilderungen einer Tat, mit Anweisungen, danach zu handeln. Sie wird die Leser wahrscheinlich mit Abscheu erfüllen, aber nichts ist mir gleichgültiger. Ein Wesen gibt es jedoch, welches ich gern überzeugen möchte, dass Liebe zu ihm allein die Triebfeder meines elenden, irre geleiteten Daseins gewesen ist. Auch soll er erfahren, von welcher Art dieses Dasein war, ehe ich ihn kannte, und nachdem ich ihn kennen gelernt hatte. Oh, hätte er mir seine erste Liebe geben können, wie ganz anders würde sich mein Leben gestaltet haben!

Ich habe keine Erinnerung an meine Mutter, aber ich glaube, dass sie nicht meines Vaters Frau gewesen und entweder jung gestorben ist, oder ihn verlassen hat.

Nie habe ich ihn von ihr sprechen hören. Die frühsten Eindrücke meines Gedächtnisses führen mich zu verschiedenen kleinen Wohnungen in Seestädten und Badeorten, wo irgendein schmutziges Mädchen meiner wartete. Nach zurückgelegtem achten Jahre hatte ich keine Wärterin mehr, sondern sorgte für mich selbst, oder hing von dem Temperament und den Gewohnheiten unserer verschiedenen Wirtsfrauen ab, bei denen ich mich aufzuhalten und meine Mahlzeiten zu empfangen pflegte. Eine derselben muss eine sehr gutherzige Frau gewesen sein. Sie hatte früher eine kleine Schule gehalten und lehrte mich lesen und schreiben, was ich sehr schnell begriff, und wodurch mir ein neues Licht über mein seltsames Leben aufging. Mein Vater war fast immer abwesend, und wenn er sich zu Hause befand, so tat er nichts als Karten und Würfel spielen oder Novellen lesen. Diese Bücher lagen stets umher und wurden bald meine tägliche und liebste Unterhaltung. Auch traf ich in einer unserer Wohnungen einen Knaben, welcher eine sehr hübsche Stimme hatte und in dem Theater und in öffentlichen Lokalen zu singen pflegte. Er war gutmütig, fand Gefallen an meiner Stimme und lehrte mich verschiedene Lieder nach seiner Weise singen, — ein Umstand, der später zu einer großen Veränderung in unserer Lebensweise führte.

Ich war ungefähr elf Jahre alt, als ich eines Tages, auf dem schlechten Sofa unseres einzigen Wohnzimmers sitzend, mit geschlossenen Augen und größtem Eifer alle erlernten Arien und Lieder absang. Ein leises Geräusch ließ mich plötzlich aufblicken, und ich sah in der Tür des Zimmers einen Freund meines Vaters stehen, den ich von Ansehen kannte. Er nickte mir zu und fragte, ob mein Vater zu Hause sei. Ich verneinte, worauf er sich umwandte und fortging. An demselben Abende brachte mein Vater diesen Mann mit sich, um mit ihm zu rauchen, zu trinken. Während ich dann mit meinem schmutzigen Novellenbuche in einer Ecke des Zimmers saß, hörte ich manches von ihrer Unterhaltung. Einmal sagte der Mann: »Sie wird hübsch werden,« und ein anderes Mal: »Mit einem solchen Gesichte und einer solchen Stimme muss sie bei gehörigem Unterrichte eine wahre Goldgrube für Dich werden!« Meines Vaters Antwort konnte ich nicht verstehen denn er sprach absichtlich sehr leise, aber nach wenigen Minuten vernahm ich wieder die Worte den anderen: »Ich könnte Dir ein Schreiben an einen mir bekannten Mann in Paris geben, der alles für sie tun würde, was nötig wäre.« Weiter wurde, wie es mir schien, nichts über den Gegenstand gesprochen, und da ich überhaupt mit keiner besonderen Neugierde und Spannung zugehört hatte, so dauerte es lange, bis ich diese Unterhaltung mit unserer etwa zwei Monate später erfolgenden Übersiedelung nach Paris in Verbindung brachte. Wir wohnten dort bei einem Musiklehrer, einem wütenden Demokraten, von dem ich täglich Unterricht im Gesange und im Klavierspiel erhielt. Auch Tanzstunden hatte ich und bekam Unterweisung in der sogenannten Anstandslehre. Meine neuen Studien gefielen mir, und nicht minder der schmeichelhafte Beifall, welcher mir überall zuteil wurde, so dass ich unsere Lebensweise in Paris bei weitem der früheren in England vorzog. Drei Jahre, die merkwürdigen drei von 1790 bis 1793 blieben wir in Paris, bis ich fünfzehn Jahre alt war. Mein Vater hatte unter den Revolutionsmännern viele Freunde und Bekannte, und ich könnte viel von dem erzählen, was ich in jener Zeit gesehen und gehört habe. Er wurde zwar nicht reich, aber es fehlten ihm auch nie die Mittel, um alle Bedürfnisse seiner Lebensweise zu befriedigen. Häufig hatten wir Gäste bei uns, meistens aus den näheren Bekannten meines Vaters bestehend, und öfters hörte ich mit gespannter Aufmerksamkeit den rückhaltlos geäußerten Ideen der verwegensten Geister, der entschiedensten Freidenker jener schrecklichen Zeit zu, die für Recht und Freiheit kämpften, aber meistens ihren Bestrebungen als Opfer fielen. Ich war durch keine Vorurteile der Erziehung gefesselt und geblendet, mein Geist war eine Leere, und mit aller Kraft meines Herzens griff ich deshalb nach dieser neuen Kenntnis, die mir später immer zur Seite gestanden hat.«

Unsere Rückkehr nach England erfolgte, als ich fünfzehn Jahre alt war. In einer Hafenstadt, dem ersten Orte, wo wir uns längere Zeit aufhielten, traf mein Vater zufällig einen entfernten Verwandten, einen jungen Mann, der zum Offiziere in einem Regimente der ostindischen Armee ernannt worden war und im Begriffe stand, dahin abzusegeln, aber durch widrige Winde in der Hafenstadt zurückgehalten wurde. Er verweilte mehrere Wochen dort, welche für mein späteres Leben entscheidend waren. Charles Sinclair brachte seine ganze Zeit bei uns zu. Er kannte niemand im Orte und war zu jung und liebenswürdig, um ahnen zu können, von welcher Art die Beschäftigungen meines Vaters und seiner Gefährten waren. Er sah sie überhaupt wenig, aber befand sich dagegen fast fortwährend in meiner Gesellschaft. Wir schweiften miteinander durch die Felder oder ließen uns am Ufer nieder, wo wir die blaue See und den wolkenlosen Himmel betrachten konnten. Auf diese Weise verstrichen vier Wochen, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Leben zurückließen. Für ihn jedoch waren es nur angenehme Stunden, die er in Gesellschaft eines Wesens zubrachte, für das er eine Art von brüderlicher Zuneigung, aber kein wärmeres Gefühl hegte. Als wir endlich schieden, geschah es mit dem Versprechen, einander nie zu vergessen und oft zu schreiben.

Nach dieser Trennung fühlte ich mich namenlos unglücklich. Selbst mein Vater wurde endlich auf mein Gemütsleiden aufmerksam und mochte eine Anwandlung von Besorgnis um mich empfinden, die ihm jedoch bald lästig wurde; denn da wir kurze Zeit darauf nach einer anderen Stadt gingen, fand er völlige Beruhigung in dem Gedanken, dass mir nichts not tue als Luft- und Ortsveränderung. Ein Brief, den mir Sinclair vom Cap aus schickte, gab mir neues Leben, und absichtlich die darin enthaltenen freundlichen Ausdrücke missdeutend, begann ich mich bereits als die verlobte Braut meines Vetters anzusehen. Meine Briefe an ihn enthielten jedoch auch, gleich den seinigen, nur süße Erinnerungen an die Vergangenheit und unbestimmte Hoffnungen für die Zukunft. Ich glaube, es war ein weiblicher Instinkt, der mir gebot, im Ausdrucke meiner Gefühle die Grenzen zu beobachten, welche er in seinen eigenen Briefen gleichsam vorgezeichnet hatte. Mein Vater las sie selten und die meinigen nie. Er hatte gegen unseren Briefwechsel nichts einzuwenden und mochte ihn kaum der Mühe wert halten, einen Augenblick daran zu denken. Inzwischen verfloss die Zeit, und Vorbereitungen zu meinem ersten Auftritt als öffentliche Sängerin wurden getroffen. Etwa drei Jahre nach der Abreise meines Vetters begaben wir uns zu diesem Zwecke nach Bath. Hier traten jedoch verschiedene Hindernisse und Verzögerungen ein, welche in den mir ganz unbekannten Verhältnissen meines Vaters ihren Grund hatten; und dann wurde ich in Folge einer heftigen Erkältung mehrere Monate lang völlig unfähig zu singen. In dieser Zeit lernten wir Sir Thomas Deighton kennen. Ich brauche ihn nicht zu schildern. Sein großer Reichtum, sein abscheulicher Charakter, sein teuflisches Temperament sind jedem bekannt, der von ihm gehört hat. Er wurde von einer heftigen Leidenschaft für mich ergriffen, während ich ihn verabscheute. Es war mir schon peinlich, ihn nur anzusehen und sprechen zu hören; aber mein Vater sah die vielfachen Vorteile, welche für ihn aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu mir entspringen konnten, und er wusste ihn bald zu einem Spielwerk seiner Hände zu machen. Diese Rücksichten, in Verbindung mit der Besorgnis, dass ich meine Stimme für immer verlieren könne, bestimmten ihn, die Besuche des Baronets zu begünstigen und mich durch Vorstellungen und Drohungen zu vermögen, dass ich seine Gesellschaft duldete und die gewöhnliche Höflichkeit gegen ihn beobachtete. Damals ahnte ich noch nicht die Absichten, welche seinem fortwährenden Verkehr mit meinem Vater zu Grunde lagen; ich glaubte nur, dass er gern spiele und unsere Privatwohnung den öffentlichen Lokalen vorziehe. Schon früher hatte ich oft Männer freundlich empfangen müssen, die mir Widerwillen einflößten, und war gegen niedrige Schmeichelei abgehärtet. Allein endlich wurde mir die Wahrheit klar, und ich erkannte den Abgrund, zu dem mein Vater mich und meinen bejahrten Anbeter hindrängte. Jeder Tag konnte die Entscheidung meines Loses bringen, und ich sammelte deshalb alle meine Kräfte zu einem entschiedenen Widerstande.«

»Als jedoch der gefürchtete Augenblick kam, war ich machtlos, jedes Widerstandes unfähig und gleichgültig gegen mein zukünftiges Los, so wie gegen das Leben überhaupt. Am Tage vorher, ehe mein Vater mir die glänzenden Anträge des Baronets mitteilte, hatte ich einen Brief von meinem Vetter Sinclair erhalten, worin er mir seine Verheiratung mit einem jungen Mädchen anzeigte, das ebenso arm wie er selbst war. Mit Begeisterung schilderte er ihre Schönheit, Sanftmut und sonstigen Vorzüge. Jetzt sah ich, wie verblendet ich gewesen war, dass er mich nie wirklich geliebt hatte, und sank fast unter dem Schlage. Meine Selbsttäuschung, der Wahnsinn meiner Liebe zu ihm, meine törichten Hoffnungen, alles wurde mir klar; aber stärker als jede bittere Empfindung war der Entschluss, dass niemand erfahren solle, was ich leide. Noch am demselben Tage sandte ich an Sinclair meine wärmsten Glückwünsche und sagte ihm, dass ich mich über sein Glück innig freue. Am folgenden Tage war ich des Baronets verlobte Braut.«

Meine Heirat führte mich in eine Welt der leichtsinnigsten Verschwendung und fortwährender Vergnügungen ein. Sie Thomas Deighton, stolz auf sein junges Weib, versammelte in seinem fürstlichen Schlosse, Fairly Park, Gäste von ausschweifenden Sitten und zweifelhaftem Rufe. Mein Vater ermunterte ihn und gab sich ganz den Schwelgereien hin, welche seinem Geschmacke so sehr zusagten und die er früher hatte entbehren müssen. Er glaubte sich ein Leben ununterbrochenen Genusses gesichert zu haben, indem er Sorge getragen, mir ein bedeutendes, von meinem Gemahle ganz unabhängiges Einkommen auszubedingen. Der verliebte alte Mann hatte sich allen seinen Forderungen gefügt und ihm die Bestimmung des Nadelgeldes und Wittums ganz überlassen. Er war um mehrere Jahre älter als mein Vater und noch kraftloser, als sein Alter rechtfertigte, und ich sah deutlich, dass mein Vater sich des Gedankens freute, ihn zu überleben und mit Hilfe seines Reichtums zu schwelgen. Allein kurze Zeit nach meiner Verbindung wurde er am Kartentische von einem Hirnschlage getroffen und gab wenige Stunden darauf seinen Geist auf. Ich erheuchelte keinen Schmerz, denn selbst in meiner Kindheit hatte ich nie Liebe für ihn empfunden, und als ich heranwuchs und seine Lebensweise kennen lernte, war es nur Verachtung, was mich gegen ihn erfüllte. Allein bald sah ich ein, dass er mir dennoch eine Stütze, ein Schutz gewesen war. Bis dahin hatte ich mich wenig um die zunehmende Übellaunigkeit meines Gemahls gekümmert, aber nach dem Tode meines Vaters wurde sie immer unerträglicher. Er war eigensinnig und heftig, und außerdem zeigte sich bei ihm eine wahnsinnige Eifersucht. Jedes Vergnügen, an dem ich Gefallen fand, störte und verhinderte er, und jeden Mann, der mir einige Aufmerksamkeit bewies, beleidigte er. Nachdem die von der Gegenwart meines Vaters aufrecht erhaltene Schranke gefallen war, lebten wir in einem vollständigen Kriege. So verflossen mehrere Monate, während der ich ebenso wenig Nachgiebigkeit zeigte, wie er, als er plötzlich seinen hartnäckigen Widerstand gegen alle meine Wünsche aufgeben zu wollen schien und mich sogar aufforderte, an einem fröhlichen Ausfluge Teil zu nehmen, den mehrere unserer Bekannten durch die westlichen Grafschaften machen wollten. Er knüpfte daran nur die Bedingung, dass ich ihn einige Tage vor der Abreise unserer Freunde nach der hiesigen Abtei begleiten solle, um mich ihnen anzuschließen, wenn sie in diese Gegend kämen. Ohne seine Absichten zu ahnen, fügte ich mich. Die Folgen sind bekannt. Ich betrat die düsteren Mauern und wurde eine Gefangene in ihnen.

Es wäre unnütz zu beschreiben, wie verzweifelt ich mich wehrte und wie teuflisch mein Gemahl sich seines Triumphes freute. Dagegen muss ich hier erwähnen, dass er mir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft, ehe er die Maske abwarf, das Geheimnis der verborgenen Zimmer in der Abtei mitteilte, welches jeder Besitzer seinem Nachfolger zu eröffnen gehalten ist, und dass er mir vertraute, weil die Abtei zu meinem Wittum gehörte. Mit großer Genauigkeit beschrieb er die sinnreiche Art ihrer Verbergung und die Unmöglichkeit der Entdeckung, da der sehr schwierige Zugang durch eine scheinbar geschlossene Wand führt, deren innere Federn so stark und fest sind, dass man keine Ritze oder Spalte darin entdecken kann, solange der dahinter verborgene Bewohner der Gemächer die Riegel und Federn unberührt lässt. Diese Schilderung erweckte meine Neugierde, und ich trug Verlangen, die Zimmer zu sehen. Es sind zwei kleine Räume, von denen der eine dicht hinter der Wand des Küchenherdes liegt und im kältesten Wetter immer warm ist, während der andere kühl und durch verschiedene in der Decke angebrachte Öffnungen verhältnismäßig luftig bleibt. In dem Winterzimmer zeigte mir Sir Thomas mehrere in der Küchenwand befindliche Schränke, in denen Betttücher, Bettzeug und Matratzen zusammengerollt lagen und zu jeder Zeit zum Gebrauche bereit waren. In dem Sommerzimmer befanden sich Vorräte von Wachslichtern, gelb vom Alter, und einige Bücher. Auch der erforderliche Zufluss von Wasser fehlte in beiden Gemächern nicht, welche mit hinreichenden Möbeln und jeder nötigen Bequemlichkeit versehen waren. Speisen und andere Gegenstände können den Bewohnern dieser Zimmer durch ein bewegliches Stück der Wand zugeführt werden, welches ein scheinbar ebenso integrierter Teil derselben wie der Eingang ist. In den Papieren, welche man nach meinem Tode finden wird, habe ich eine genaue Beschreibung davon gegeben, auf welche Weise der Eingang zu öffnen ist. Hier will ich nur noch bemerken, dass Sir Thomas, als er seine Absicht erklärte, in der Abtei zu bleiben, mir während des darauf folgenden heftigen Streites zu verstehen gab, dass eine widerspenstige Person mit Leichtigkeit in jene Gemächer eingesperrt werden könne.

»Sie sind stets zum Gebrauche eingerichtet,« fügte er hinzu, »und wer wird, wenn eine lebenslustige Dame plötzlich verschwinden sollte, etwas anderes denken, als dass sie mit irgendeinem ihr angenehmen Begleiter nach fernen Ländern gegangen sei?«

»Aber durch welche Mittel könnte sie dahin gebracht werden?« fragte ich empört und mit erzwungenem Lachen.

»Geld, mein Kind,« war seine höhnische Antwort, — »Geld würde bald die Mittel beschaffen und auch Schweigen sichern.«

Ich fügte mich nicht gutwillig in meine Gefangenschaft, sondern schrieb an meine Verwandten, aber erhielt nur den Rat Geduld zu haben, da Sir Thomas ohne Zweifel von seinen jetzigen Entschlüssen bald wieder abgehen und ich allmälig wieder zu voller Freiheit gelangen werde. Dem äußeren Anscheine nach hatte ich auch keine Ursache zu klagen, denn viele Dienstboten, Wagen und Pferde standen mir zu Gebot, und jede Art von Luxus umgab mich; allein mein Leben in der Abtei war öde und einsam. Das große mir ausgesetzte Einkommen wurde für mich völlig wertlos, während Sir Thomas mir mit hämischer Freude am Schlusse eines jeden Quartals erzählte, dass der Betrag an meinen Bankier in London pünktlich eingezahlt worden sei.

Bald jedoch erwachte ein neues Interesse in mir und machte mich gegen allen andere gleichgültig. Mein Vetter, Charles Sinclair schrieb und teilte mir mit, dass er ein trostloser Witwer geworden und Vater von Zwillingstöchtern sei. Seine Gesundheit hatte in Indien gelitten, und ungefähr zwei Jahre nach der Geburt seiner Kinder war er genötigt worden, mit einer sehr kleinen Pension den Abschied zu nehmen. Gerade in dieser Zeit wurde Sir Thomas von einer Lähmung befallen, die mir einige Befreiung von meiner Knechtschaft gewährte, und ich segnete jetzt den vorher so wertlosen Reichtum, da er mir die Mittel gab, für Sinclair und seine Kinder ein kleines Haus im Dorfe, dicht bei der Abtei, einzurichten. Ich sah ihn wieder und fühlte, dass es noch etwas gab, das mir das Leben wert machte. Die Hilflosigkeit meines Gemahls gestattete mir, einen großen Teil des Tages nach Belieben zuzubringen, und mein Herz jubelte, als ich sah, dass mein Vetter allmälig Gesundheit und Kraft wieder erlangte. Allein es standen Sir Thomas noch immer viele Mittel zu Gebote um mich zu quälen, und hätte ich nicht gefürchtet, in der Achtung meines edlen und liebenswürdigen Vetters zu verlieren, so würde ich keinen Anstand genommen haben, meinen Gemahl gänzlich den Händen und der Wartung der Dienstboten zu überlassen. Diese Rücksicht bewog mich es nicht zu tun. Ich besuchte deshalb Sinclair und seine Kinder nur einmal des Tages und zwar des Morgens, nach einem kurzen Spaziergange, und kehrte dann in die Abtei und zu dem Elende zurück, das an der Seite des Gemahls meiner wartete. Sein teuflisches Temperament wurde durch die Hilflosigkeit noch schlimmer. Grässlich war es zu hören, wie der alte Mann lästerte und sich der Macht freute, mich kränken und zur Verzweiflung treiben zu können. Gegen die Dienstboten, die seiner warteten, benahm er sich nicht minder heftig und unvernünftig, so dass nur hohe Löhne und häufige Geschenke sie vermochten, in ihren Stellen zu bleiben. Nur ein Wesen gab es, das sich eines Schattens von Güte bei ihm erfreuen konnte. Es war ein kleines Mädchen, damals ungefähr zwölf Jahre alt, dessen Mutter die Tochter einer im Dorfe wohnenden alten Frau war, und dessen Vater Sir Thomas selbst sein sollte, wie es allgemein hieß. Die Großmutter, Mrs. Wilson, hatte das Kind bei sich und empfing dafür ein jährliches Kostgeld von Sir Thomas. Die Mutter hatte einige Jahre vorher einen Handwerker in der nächsten Stadt geheiratet, und zwar mit einer hübschen Ausstattung aus derselben Quelle. Das Mädchen war im Lesen und Schreiben unterrichtet worden, was nach der Meinung ihres Vaters alles war, dessen ein Frauenzimmer bedurfte. Es war ein stilles, bleiches Kind, mit einer wohlklingenden Stimme, weshalb mein Gemahl sie oft nach der Abtei kommen ließ, um sich die Zeitungen vorlesen zu lassen. Nach dem Schlaganfalle, welcher ihn lähmte und an das Bett fesselte, ließ er ein Bett für sie in einem an sein Zimmer stoßenden Kabinett aufstellen, dessen Tür sich in einer tiefen Wandnische befand, in der sein eigenes Bett stand; und wenn das Wetter ungünstig oder sonst ein Grund vorhanden war, der das Dortbleiben der Kleinen wünschenswert machte, so schlief sie in der Abtei. Ich beachtete sie nicht und schenkte ihrem Kommen und Gehen durchaus keine Aufmerksamkeit.

So verflossen die Tage, deren jeder meine Qualen erhöhte. Erlösung konnte mir nur mein eigener Tod oder der meines Gemahls bringen. Oft dachte ich daran, dass ich mich gerade in einer solchen Enge befand, wie sie von meinem Vater und seinen Freunden in Paris häufig besprochen worden war. Sie pflegten oft über den Begriff des Verbrecherischen und Sündhaften zu disputieren, und führten dann Fälle an, in denen Handlungen, welche nach allgemeinen Grundsätzen verdammt werden, zu rechtfertigen seien. Zum Beispiel den Fall eines Mannes, der, um seine verhungernde Familie zu retten, einem hartherzigen Geizhalse einen kleinen Teil seiner Reichtümer raubt; oder den einer Frau, welche einen nachlässigen und grausamen Gatten verlässt, um in den Armen des Mannes ihrer ersten und einzigen Liebe, von dem sie nur durch Betrug oder Gewalt getrennt worden war, Schutz zu suchen; oder den eines völlig wertlosen, unnützen Lebens, das kein Gutes wirkt und nur Böses verbreitet, anderen Glück und Freiheit raubt, und dessen Vernichtung nur die Vertilgung eines menschlichen Schandfleckes wäre. Die Wahrheit solcher Argumentationen sah ich vollkommen ein, denn kein religiöses Vorurteil stand mir im Wege, und nichts Anstößiges lag für mich in solchen Ansichten. Ich fühlte oft, dass ich nach ihnen hätte handeln können, allein die Furcht vor Entdeckung und selbst vor Verdacht hielt mich ab; denn die Liebe meines ganzen Herzens gehörte einem Manne, der in den Fesseln von Aberglauben und Vorurteilen lag und die Rechtmäßigkeit einer solchen Handlung nie hätte verstehen können.

Ich komme jetzt zu der Begebenheit welche mich bestimmt hat, diese Mitteilung niederzuschreiben.

Zu der Zeit, von der ich rede, war der Kammerdiener meines Gemahls ein geistig beschränkter Mann, von mittlerem Alter, der sich den lästigen Pflichten seiner Stellung um seiner Familie willen unterzog. Er war von Natur gutmütig und hätte mir gern manche Unannehmlichkeit erspart; denn oft erbot er sich, nachdem Sir Thomas von ihm zu Bett gebracht worden war, bei ihm zu bleiben und sogar in seinem Zimmer zu schlafen. Allein mein Gemahl ließ es nicht zu, da das Vergnügen, mir so lange als möglich den Schlaf zu rauben, für ihn zu groß war. Sobald er sich daher im Bett befand, erhielt der Kammerdiener den Befehl, das Zimmer zu verlassen, und ich musste an seine Seite kommen und die schmachvollsten Reden anhören, bis der Elende für gut fand, seinen Schlaftrunk zu verlangen. Erst dann durfte ich mich in mein anstoßendes Zimmer zurückziehen.

In einer Nacht wurde er noch mehr als gewöhnlich von Schmerz und übler Laune geplagt. In stummer, ergebener Verzweiflung saß ich dabei und ließ alle Schmähungen über mich ergehen, bin er endlich nach seiner Medizin verlangte und sich aufrichtete, um sie zu nehmen. Währenddessen stand ich neben ihm, und er gab mir den Löffel grinsend zurück, indem er mit einem grässlichen Fluche und einem gemeinen Schimpfworte sagte: »Nicht wahr, Du wolltest, es wäre Gift?« Eine Art von Bewusstlosigkeit überkam mich bei diesen empörenden Worten, und fast ohne zu wissen, was ich tat, zog ich ein Kissen hinter ihm hervor, warf es über sein Gesicht und legte mich mit dem ganzen Gewichte meinen Körpers darauf. Nur ein kurzer schwacher Kampf fand von seiner Seite statt. Ich wich nicht, stand nicht eher auf, bis alles vorüber sein musste. Dann erhob ich mich und warf das Kissen beiseite. Da lag er — der Fluch und die Last meines Lebens — ruhig und still. Ich hatte gefürchtet, dass sein Anblick schrecklich sein werde, aber es war nicht der Fall; das Gesicht des Elenden trug jetzt einen weniger furchtbaren Ausdruck als es oft bei Lebzeiten gehabt hatte, wenn es von bösen Leidenschaften verzerrt worden war. Die herrschende Stille war mir entsetzlich, allein nach wenigen Augenblicken machte ich die Bemerkung, dass nicht völlige Stille herrschte. Ein Laut ließ sich hören, — ein schwacher, aber unverkennbarer Laut, der aus der Nähe, des Bettes zu kommen schien. Es klang wie ein leises unterdrücktes Atmen. Ich schaute den Toten an, — doch er lag still und regungslos, kein Atmen, kein Zucken war mehr an ihm wahrzunehmen. Ein kalter Schauder überlief mich von Kopf zu Füßen, mein Haar sträubte sich und die Augen schweiften unwillkürlich über das Bett. Ja —- dort —- dort regte sich etwas, — der Bettvorhang teilte sich — und ein kleines bleiches Gesicht starrte mich mit erschreckten Blicken an. Ich erkannte das Wesen, — es war Grace Wilson!

Sie war ohne Zweifel in der Abtei geblieben, um die Nacht in dem anstoßenden Kabinett zuzubringen. Alles war mir augenblicklich klar. Sie war erweckt worden, heraus geschlichen und Zeugin meiner Tat gewesen. Sie sah den Toten, sie sah mich, und mit dem Ausdrucke namenlosen Grauens ruhten ihre starren Blicke auf mir. Unwillkürlich machte ich eine Bewegung nach dem Fuße des Bettes, um zu ihr auf die andere Seite zu gelangen, allein ehe ich sie erreichen konnte, sank das Kind bewusstlos zu Boden. Was war zu tun? Ich hob es auf und schaute, mit der leichten Last auf dem Arme, ratlos um mich, als könnten der Leichnam und das stille Zimmer mir sagen, was ich tun solle. Plötzlich fielen mir die verborgenen Gemächer ein, wohin ich durch einen ganz unbewohnten Teil der Abtei ohne Schwierigkeit gelangen konnte. Kaum weiß ich, wie ich das Mädchen dahin brachte, und erinnere mich nur, dass es mir Mühe machte, das Licht zu halten und den geheimen Zugang zu öffnen; allein ich war von Natur stark, und die drängende Notwendigkeit verdoppelte meine Kräfte. Endlich erreichte ich die Zimmer. Das Kind war noch bewusstlos. Ich legte es auf den Fußboden, zog eine Matratze und Decken hervor und bereitete ein bequemes Lager für die Ohnmächtige, worauf ich zurückeilte, um Kleider und Wiederbelebungsmittel für sie zu holen. Kaltes Wasser hatte die gewünschte Wirkung; sie begann sich zu erholen und einige Worte zu murmeln. Nachdem ich Wasser und Wein an ihre Seite und ein Licht an einen sicheren Ort gestellt, so wie auch mehrere von den Wachslichtern neben dasselbe gelegt hatte, blieb ich am Eingange stehen und wartete, bis ihr Bewusstsein deutlicher zurückkehrte. Dann schlich ich mich leise aus dem Gemach, verschloss es sorgfältig und eilte nach dem Zimmer, wo der Tote lag.

Ich ordnete das Bett der kleinen Grace wieder und entfernte alle Zeichen dessen, dass sie dort geschlafen hatte, ging hierauf in mein eigenes Gemach, stellte das Licht auf den Tisch und setzte mich, um über die Begebenheiten der letzten halben Stunde nachzudenken. Meine ersten Empfindungen waren Freude und Triumph. Ich war frei, erlöst von dem täglichen, stündlichen Fluch! Damals ahnte ich nicht, dass ein neuer und noch schwererer Fluch mich hinfort täglich, stündlich und allnächtlich verfolgen werde. Ich malte mir in Gedanken die künftige Existenz des jungen Mädchens aus und suchte mich glauben zu machen, dass ihr Verschwinden kein sonderliches Aufsehen erregen, und dass es leicht sein werde, sie durch Geschenke oder Drohungen zum Schweigen zu bringen. Gegen die im Wege stehenden Hindernisse und Unmöglichkeiten verschloss ich absichtlich meine Augen und warf sie absichtlich beiseite, um zu einer anderen Zeit zu erwägen, durch welche Mittel sie zu beseitigen seien. Dennoch ging ich nach dem verborgenen Gemache zurück und schob durch die neben dem Eingange angebrachte geheime Öffnung einige Zwiebacke hinein. Ich hörte das Mädchen einen leisen Schrei ausstoßen und fühlte mich dadurch beruhigt. Sie lebte und war mit Kleidern und Nahrung versehen. Für jetzt mochte ich nicht weiter an sie denken, sondern ging zu Bett und erwartete den Morgen.

Er kam, und die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines Gemahls überraschte niemand. Die Dienstboten hatten bereits den Arzt gerufen, ehe sie mein Zimmer betraten. Er langte an, als ich meine Toilette beendigt hatte, erklärte, dass er einen solchen Fall schon lange erwartet habe, und übernahm statt meiner die Anordnung alles dessen, was jetzt geschehen müsste. Ein prächtiges Leichenbegängnis fand statt, und ich legte die Kleider einer trauernden Witwe an, über die ich innerlich lachen musste.

Unter keinen Verhältnissen dieser sonderbaren Welt genießt wohl ein Weib größere Freiheit, als in denen einer jungen Witwe, wie ich nun war, welche weder Vater, Bruder noch sonst jemanden hat, dessen Vorstellungen oder Vorschriften ihren Willen beschränken könnten. Ohne jenes unglückliche Kind wäre mein Dasein jetzt sonnenhell gewesen. Ich hegte die Hoffnung, das Mädchen durch Geschenke oder Drohungen zum Schweigen zu bringen und sie nach einer fernen Gegend, vielleicht sogar in ein anderes Land schaffen zu können. Einen bestimmten klaren Plan hatte ich zwar nicht mit ihr, aber unter allen Umständen, dachte ich, werde ein solches Wesen mir in meinem Reichtume unmöglich gefährlich werden können. Über ihr Verschwinden wurde wenig gesprochen. Jede Spur dessen, dass sie in jener Nacht in der Abtei geschlafen, hatte ich sorgfältig verwischt, und hörte nach mehreren Tagen von meinem Kammermädchen, dass man allgemein vermute, sie sei mit einer Zigeunerbande fortgezogen, in deren Gesellschaft sie mehrere Tage vorher gesehen worden. Ihre alte Großmutter war ein sehr übellauniges altes Weib, und ihre eigene Mutter hatte sich, nachdem sie von Sir Thomas abgefunden worden war, fast ganz von ihr losgesagt. Es ließ sich daher wohl annehmen, dass sie, nachdem ihr einziger Freund gestorben war, ein wanderndes Zigeunerleben den traurigen Aussichten, welche ihr in der Heimat blieben, vorgezogen habe. Mutter und Großmutter schienen froh zu sein, dass sie ihrer los waren. Das ihnen ausgesetzte Jahrgeld war in dem Testamente sicher gestellt, und weiter wollten sie nichts.

Sogleich nach dem Tode meines Gemahles verließ ich das bin dahin bewohnte, neben seinem Zimmer gelegene Gemach. Nichts war natürlicher als dieser Schritt; dagegen erregte die Wahl meiner neuen Gemächer allgemeines Staunen. Es waren diejenigen, welche die Äbte in früherer Zeit innegehabt hatten, — düstere, unbequeme und von allen übrigen bewohnten Teilen der Abtei weit entlegene Zimmer. Ich konnte jedoch von ihnen aus leicht in die Ahnengalerie gelangen, wo der geheime Zugang zu den verborgenen Gemächern liegt, und konnte bei Nacht, so wie unter gehöriger Vorsicht auch bei Tage ohne Gefahr der Beobachtung dahin gehen.

Es war beinahe Mitternacht jenes Tages, an welchem ich meine neuen Zimmer bezogen hatte, als ich, mit Speisen und Wein versehen, meinen ersten Besuch bei der Gefangenen zu machen versuchte. Allein ich konnte nicht zu ihr gelangen, denn sie hatte die inneren Riegel vorgeschoben, welche keine menschliche Kraft zu sprengen vermochte. Nachdem ich mich lange Zeit vergebens bemüht hatte einzudringen, und keinen Laut von innen vernahm, schob ich die für sie bestimmten Lebensmittel durch die Maschine hinein und war froh, an dem schnellen Verschwinden des Korbes zu bemerken, dass sie lebte und sich bewegen konnte. Unmöglich war es, von außen hinein zu sehen, und ich weiß selbst nicht, ob innerhalb eine Stimme von außen gehört werden konnte, denn auf wiederholte Fragen erhielt ich nie Antwort. So schloss sie sich von jenem ersten Augenblicke an, in welchem ich sie auf der Matratze liegend verlassen hatte, gänzlich ab, und ich habe sie später nie wieder gesehen, nie wieder eine Mitteilung von ihr erhalten. Ich machte wiederholte Versuche, schrieb mehrmals an sie in den dringendsten Ausdrücken, aber ohne Erfolg; nur an der Konsumption der Speisen und ihrer Zurücklieferung des Geschirres sah ich, dass sie lebte. Die Kleider und die Wäsche, welche ich ihr zukommen ließ, wurden natürlich von den meinigen entnommen, und sie musste sie unserer sehr verschiedenen Größe ungeachtet tragen, so gut es ging. Dagegen erhielt sie von mir fortwährend Schreibmaterialien und unterhaltende Bücher, die ich von Zeit zu Zeit wechselte, und Vorräte von Zwieback, Mandeln und überhaupt solchen Esswaren, welche sich lange aufbewahren ließen, so wie ihre regelmäßigen täglichen Mahlzeiten, die ich von meinem Tische entnahm, weshalb ich alle Speisen allein in meinem Zimmer genoss. Bemerkt sei hier noch, dass ich vom ersten Augenblicke ihrer Gefangenschaft an eine genaue Schilderung der zur Öffnung jener geheimen Gemächer anzuwendenden Mittel niederschrieb und dieselbe an einem Orte niederlegte, wo sie nach meinem Tode gleich gefunden werden müsste.«

»Lange Zeit ertrug ich die erdrückende Last dieses Geheimnisses mit Mut und Standhaftigkeit. Anfangs erschien es mir leicht im Vergleiche mit dem Elende, welches ich im Umgange mit meinem Gemahle erduldet hatte, und noch mehrere Monate lang nach meiner zweiten Heirat blieb mir die dunkle Hoffnung, dass ich mich allmälig an das Amt einer Gefangenenwärterin gewöhnen würde, und ich dachte sogar daran, die Abtei für kurze Zeit zu verlassen, während derer das Mädchen von den ihr gereichten Nahrungsmitteln leben könnte. Oft auch versuchte ich, die in meiner Jugend gehörten Ansichten und Lehren auf meine jetzige Lage anzuwenden. Hier war ein armes Mädchen, um das kein Wesen auf der Welt sich kümmerte, ob es lebte oder nicht. Nur zwei Personen standen ihr durch Blutsverwandtschaft nahe, von denen die eine, ihre Mutter, ihr Wiedererscheinen für ein Unglück gehalten haben würde, und die andere, ihre Großmutter, von dem Gedanken, sie wieder kleiden und ernähren zu müssen, nichts weniger als erfreut gewesen wäre. Wie viele ihres Standes gab es nicht, welche ihr Leben unter schweren Arbeiten hinbringen mussten, misshandelt, gedrückt und vernachlässigt wurden! Wenn sie die Freiheit entbehrte, dachte ich, so war sie wenigstens gegen die Leiden der Armut und eines mühseligen Lebens geschützt, wurde gekleidet, ernährt und konnte sich nach Belieben unterhalten. Allein solche Betrachtungen blieben wirkungslos, und meine Last stieg von Tag zu Tag. Auf welche lange Zeit namenlosen Elends kann ich jetzt zurückblicken! Wie viele Pläne entwarf ich nicht, um den Druck der mir selbst auferlegten Ketten zu mildern! Mut, Gesundheit und Kraft erlagen allmälig dem unersättlichen Feinde, welcher an meinem Herzen nagte. Zu Zeiten stieg sogar die Idee in mir auf, meinem Hause zu entfliehen und mich in eine entfernte Einöde zu begeben, mit Zurücklassung einer genauen Beschreibung des Eingangs zu den geheimen Gemächern, um dadurch die Gefangene finden zu können und sie selbst alles enthüllen zu lassen. Es war gewiss keine selbstsüchtige Rücksicht, was mich von der Ausführung dieses Gedankens abhielt, denn ich brachte nur wenig Glück zum Opfer; allein ich sah voraus, welches schwere Leid dadurch über das einzige Wesen kommen musste, das ich je geliebt hatte. Schmach und unaussprechlicher Kummer wurden ihm zuteil, und er versank mit seinen Kindern in tiefe Armut, da in diesem Falle sein gesamtes späteres Einkommen in der kleinen indischen Pension bestand. Ich trug also meine geheime, täglich zunehmende Qual weiter, wurde scheinbar immer schroffer und eigensinniger, und lebte abgeschlossen in meinen Zimmern, wo ich auch alle Mahlzeiten allein genoss, um dadurch die Mittel zur Ernährung meiner Gefangenen zu erlangen.

Im Laufe der Zeit erregte jedoch das Missverhältnis zwischen den Quantitäten von Speisen, welche ich scheinbar verzehrte, und meiner immer zunehmenden Abmagerung Aufmerksamkeit, so dass ich mich endlich dem Possenspiele eines Besuches von Seiten unseres Hausarztes unterwerfen musste. Ich hätte ihm in das Gesicht lachen können, als ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit er meinen Puls untersuchte, meine Zunge prüfte und verschiedene Fragen über gewisse Zeichen und Empfindungen an mich richtete.

Obgleich völlig im Dunkeln tappend, glaubte er dennoch den Sitz des Übels gefunden zu haben und gab ihm einen wichtigen Namen ohne Bedeutung. Alles dieses klang ganz gut, allein die verordnete Luft- und Ortsveränderung und die Zerstreuungen, welche ich genießen sollte, waren mir peinlich. Endlich jedoch gab ich nach und ließ mich bereit finden, für kurze Zeit einen nahen Badeort zu besuchen. Wir begaben uns dahin. Am ersten Abende nahm ich Opium und versank in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst wieder erwachte, als wir uns bereits im Wagen und auf dem Rückwege befanden. Wie mir erzählt wurde, hatte ich in der Nacht das ganze Haus durch lautes Geschrei erweckt. Man fand mich in tiefem Schlafe, aber, wie es schien, von bösen Träumen geplagt. Ich fuhr fort, verworrene und abgebrochene Reden auszustoßen, von denen sich nichts verstehen ließ, als die Bitte, nach Hause gebracht zu werden, und die Worte: »Sie schreit, sie schreit!« Nach langen Bemühungen gelang es, mich zu beruhigen, und der Rückweg wurde angetreten: aber ich selbst habe, wie gesagt, keine Erinnerung an diesen Zustand.«

»Von dieser Zeit an wurden keine ähnlichen Versuche wieder gemacht, und ich blieb ungestört in meinen Gemächern. Natürlich konnte ich keine Dienerin bei mir schlafen lassen und befand mich deshalb Nacht und Tag allein. Ich scheute jeden Umgang mit anderen Personen, und die einzigen, welche ich außer meinem Gemahle und den Kindern zuweilen sah, waren die Erzieherinnen, deren eine nach der andern versuchte, die Abgeschiedenheit der düsteren Abtei ertragen zu lernen. Alle ermüdeten jedoch oder wurden von mir verscheucht. Ohne Zweifel hielten sie mich für halb wahnsinnig. Die letzte Erzieherin scheint bleiben zu wollen; sie ist eine gebildete und verständige Dame von sehr angenehmem Wesen, deren Freundschaft ich gern gewonnen hätte; allein sie hängt an Vorurteilen, bedauert mich, wie ich deutlich sehen kann, und fühlt sich abgestoßen von meinen Ansichten.«

»Es bleibt mir nichts mehr zu sagen. Ich schleppe mein vergifteten Dasein ein Jahr nach dem anderen hin und mein Opfer in seinem verborgenen Gefängnisse ist glücklicher als ich, — glücklich, keine menschliche Stimme zu hören und kein menschliches Gesicht zu sehen. Gern tauschte ich mit ihm, denn alles bringt mir Pein. Es ist peinlich für mich zu sehen, wie lang und schwer den armen Kindern, deren Liebe ich gewinnen sollte, die halbe Stunde wird, die sie zuweilen bei mir zubringen müssen, und namenlose Qual bereitet mir die immer deutlicher werdende Überzeugung, dass er, dem ich hier und jenseits — wenn es ein Jenseits gibt — alles geopfert habe, mich nie geliebt hat, und dass selbst sein sanftes Gemüt ängstlich und unruhig wird, wenn Pflicht oder Sitte ihn nötigen, bei mir zu sein. Er ahnt nicht, dass mein Leben ein ununterbrochenes Opfer für ihn war. Nichts hält mich hier zurück als der Umstand, dass ich weiß, welche Schmach, welches Elend mein Tod über ihn bringen würde. Ich trage fortwährend die Mittel bei mir, um zu jedem Augenblicke meinem qualvollen Dasein ein Ende setzen zu können, und sollte ihm mein Geheimnis durch irgendeinen Zufall bekannt werden, so bin ich fest entschlossen, nicht länger zu leben. Oft habe ich gefragt, was mich abhalte, mir diese erdrückende Last vom Halse zu schaffen? Einige Tropfen unter ihre Speisen gemischt, und ich bin frei. Ich habe mir schon einmal die Freiheit errungen, — warum nicht wieder? Allein immer kommt dann die Antwort aus meinem Innern, dass es mir unmöglich sei. Ginge solche Speise aus meinen Händen in ihr Gefängnis, so würde ich wahnsinnig werden. Die Unmöglichkeit, sie zu retten, würde mir den Verstand rauben, und ich würde alles verraten. Mit aller Macht wehre ich deshalb diesen Gedanken ab, und dennoch kehrt er immer wieder.«

»Häufig erwacht auch der alte Aberglaube in mir, den ich in meiner Jugend verachten gelernt habe, und ich möchte sehnend rufen: »Gott helfe mir!« Allein es gibt keine wirkliche Sünde, und nie war eine nach frömmelnder Redeweise sogenannte sündhafte Handlung leichter zu rechtfertigen, als die meinige. Ihre traurigen Folgen sind eine reine Zufälligkeit, denn ohne jene unfreiwillige kleine Zeugin wäre ich jetzt ein glückliches Weib. Ich weiß, dass mit diesem Leben alles endet, dass der Tod nur eine Vernichtung, ein Übergang in die ursprünglichen Elemente, in Atome ist, die von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts wissen. O ich Unglückliche! Dennoch möchte ich ausrufen: »Gott stehe mir bei!«

Hier endete das Manuskript.


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte