Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Das Geheimnis der Abtei - Erinnerungen einer Erzieherin - Kapitel 4
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Das Geheimnis der Abtei

Aus den Erinnerungen einer Erzieherin

IV

Unmöglich kann ich beschreiben, in welchem Geisteszustande ich mich befand, als ich es bis zum Schluss durchgelesen hatte. Jetzt erscheint es mir sonderbar, dass ich von dem darin geschilderten schrecklichen Verbrechen, dem tiefen Elende der unglücklichen Frau und der wunderbaren Entdeckung ihrer Schuld nicht noch mehr ergriffen wurde; allein ich war betäubt und mein vorherrschender Gedanke bezog sich auf die lebende Zeugin des Verbrechens, jenes junge Wesen, das sieben lange Jahre, vom Kindes- bis zum Jungfrauenalter, einsam in jenen geheimen Gemächern zugebracht hatte, ohne je einen Lichtstrahl der Sonne oder ein menschlichen Antlitz zu sehen.

»Sie ist hier,« sagte ich zu mir selbst, »sie ist unter diesem Dache! Vielleicht wenige Schritte von mir entfernt bringt sie traurig diese lange Nacht zu, wie sie deren Hunderte verlebt hat. Noch wenige Stunden, und ich werde sie sehen, sie sprechen. Wie werde ich sie finden? Hat sie die Klarheit des Verstandes verloren? Wird sie nun verstehen, — unseren Worten glauben und uns einlassen?«

Ich erinnerte mich des kleinen bleichen Kindes, welches das Portrait in der Hütte der Großmutter vorstellte, und entwarf jetzt ein ähnliches Bild von ihr, nur größer von Gestalt und mit älteren, vor der Zeit gealterten Zügen. Ich dachte mir ein verwelktes, lebensmüdes Weib von neunzehn Jahren.

Schlafen konnte ich in dieser Nacht nicht und ging deshalb gar nicht zu Bett, sondern erfrischte mich nur, ehe Mr. Davis in früher Morgenstunde zu mir kam, durch Waschen und Umkleiden. Auch er schien wenig Ruhe genossen zu haben. Anfangs drückten wir uns nur die Hand und schwiegen. Das Manuskript lag offen auf dem Tische. Unwillkürlich richteten sich unsere Blicke darauf, und endlich sagte ich flüsternd:

»Was ist zu tun?«

»Nehmen Sie Platz, meine liebe Miss Vernon,« erwiderte er, einen Stuhl hervorziehend und sich neben mich setzend, »wir müssen diese schreckliche Angelegenheit ruhig besprechen. Capitain Sinclair hat uns überlassen, alles zu tun, was nötig ist. Natürlich muss unser erster Schritt sein, das unglückliche Opfer jenes verbrecherischen Weibes in Freiheit zu setzten, allein es bedarf reiflicher Überlegung. Diesen Schritt zu tun, ohne das traurige Sachverhältnis bekannt werden zu lassen, scheint fast unmöglich; und doch enthielten Sinclairs letzte Worte, als er mir zum Abschiede die Hand drückte, die flehende Bitte, jede Bloßstellung seiner Frau zu vermeiden, soweit es möglich sei. Was würden Sie vorschlagen? Können Sie ein Mittel entdecken? Mac Ivor, der jetzt wieder vollkommen ruhig und gesammelt ist, meint, wir täten am besten, uns den Daltons zu vertrauen.«

»Das wäre auch mein Vorschlag,« versetzte ich. »Es scheint mir unmöglich, ohne fremden Beistand das unglückliche Mädchen zu befreien und ihr ein vorläufiges Unterkommen zu verschaffen. Der Pfarrer und dessen Frau sind vortreffliche, warmfühlende und verständige Leute, denen wir unbedingt vertrauen können, und die nie daran denken werden, das unglückliche Weib der Gerechtigkeit zu überliefern.«

Bei den letzten Worten bemerkte ich einen seltsamen Ausdruck in den Zügen von Mr. Davis.

»Das unglückliche Weib,« sagte er, »hat auf dieser Welt nichts mehr zu fürchten.«

»Ach,« rief ich, »sie führte Gift bei sich, — sie sagt es in ihren Geständnissen.«

»Ja, sie wurde tot aus dem Wagen gehoben,« bemerkte er. »Ein expresser Bote langte gestern Abend erst spät an und überbrachte diesen Brief.«

Er legte ihn in meine Hände. Die Schrift war sehr undeutlich, und nur mit Mühe konnte ich den folgenden Inhalt entziffern:

»Lieber Davis! Meine Frau ist tot. Sie saß sprach-

und regungslos neben mir, bis wir in geringer Ent-

fernung von L— waren; dann legte sie ihre Hand in

die meinige. Ich konnte sie nicht zurückstoßen. Sie

drückte meine Hand und hielt sie einige Minuten lang

fest, worauf ihre Finger sich langsam lösten und ich

meine Hand zurückzog, gerade als wir vor dem Gast-

hofe anhielten. Ich stieg zuerst aus, und die Diener

des Hauses traten an den Wagen, um ihr behilflich

zu sein. Plötzlich entstand eine Verwirrung. Ich hörte

mehrere Ausrufungen des Staunens und Schreckens,

und sah endlich meine Frau tot aus dem Wagen

heben. In ihrer linken Hand hielt sie ein kleines

Fläschchen. Ich werde hier bleiben, die Leute hier

sind sehr artig und teilnehmend. Tun Sie für

mich, was Sie können, und schonen Sie ihrer, soweit

es möglich. Nehmen Sie Rücksprache mit Miss Ver-

non. Gott sei mit Ihnen!

C. Sinclair.«

Schweigend gab ich ihm den Brief zurück, denn es war mir unmöglich zu sprechen. Dann erzählte mir Davis, was geschehen war, seitdem er mich in der Hütte der alten Frau gelassen hatte.

»Bei meiner Ankunft in der Abtei,« begann er, »traf ich Capitain Sinclair in der Vorhalle, bleich und ein wahres Bild des Schreckens. Er hatte eine Rolle Papier in der Hand und zog mich in das nächste Zimmer, wo er sich setzte und mir zurief: »Hier, lesen Sie diesen mit mir!« Ich leistete seinem Wunsche Folge, und wir durchlasen beide das Memoir über Lady Deightons Leben, welches ich Ihnen gestern gegeben habe. Währenddessen zitterte seine Hand so sehr, dass ich das Papier halten musste. Mit sichtbarer Angst und Ungeduld eilte er dem Ende zu und überschlug mehrere Seiten des Anfangs, bis sein Auge auf das Wort »die Abtei« fiel. Dann schien er alle Kraft zu sammeln und las gefasster weiter. Kurz vor dem grauenvollen Schlusse begann er von Neuem zu zittern, aber beherrschte seine Gefühle, und als wir geendet hatten, verhielt er sich so still, dass ich ihn einer Ohnmacht nahe glaubte. In diesem Augenblicke kam jedoch Lady Deightons Kammermädchen plötzlich in das Zimmer und sagte:

»Ach, hier sind Sie, ich habe Sie im ganzen Hause gesucht. Was soll ich tun? Mylady hat befohlen einzupacken und den Wagen anspannen zu lassen. Verreisen wir, und soll ich diesen Befehlen Folge leisten?«

»Ja,« flüsterte er mir zu, — »ja, das wird das Beste sein. Ich muss mit ihr fort von hier gehen; bleiben Sie hier und handeln Sie für mich.«

»Ich erbot mich zu Lady Deighton zu gehen, um ihre Wünsche zu erfahren, und er gab mir ein Zeichen, es zu tun. Sie können sich denken, mit welchen Empfindungen ich nach dem Zimmer dieser Frau ging: aber Mac Ivor begegnete mir auf dem Wege dahin und hielt mich zurück. Er war völlig ruhig und gesammelt.

»Haben Sie Capitain Sinclair gesprochen? Wissen Sie alles?« fragte er.

»Ja,«· war meine Antwort.

»Es ist Ihnen also auch bekannt, dass Lady Deighton die Abtei verlassen will?«

»Ja,« wiederholte ich.

»Sie tut recht,« bemerkte er, »es ist der weiseste Entschluss, den sie fassen konnte.«

Während dieser Worte traten wir in sein Zimmer, wo er die Tür verschloss und dann fortfuhr:

»Als ich die Abtei erreichte, ging ich geraden Weges nach ihren Gemächern und trat ein, ohne mich auf irgendeine Weise anzumelden. Sinclair befand sich zufällig dort. Ich handelte unter dem Einflusse eines unwiderstehlichen Dranges und habe jetzt die Umstände nicht klar vor Augen; später werden sie mir vielleicht einfallen. So viel mir erinnerlich ist, beschuldigte ich sie mit dürren Worten des doppelten Verbrechens der Ermordung ihres Gemahls und der heimlichen Gefangenhaltung des jungen Mädchens, Grace Wilson. Nie hat es ein solches Weib gegeben, glaube ich, und wird es nie wieder geben. Ihre Kälte und Entschlossenheit machten mich selbst in meiner übernatürlichen Aufregung starr. Ohne eine Miene zu verziehen, blickte sie mich stolz und entschieden an, öffnete ein Schreibpult nahm ein Bündel Papiere heraus, welche sie dem Capitain Sinclair mit den Worten reichte:

»Lies die letzten zwei oder drei Bogen und führe mich von hier fort.« Dann stand sie auf und ging langsamen, festen Schrittes in das Nebenzimmer. Sinclair verließ auch das Gemach, mit den Papieren in der Hand, wie ein Träumer. Ich blieb zurück, in der Erwartung, dass sie wieder kommen oder mich rufen lassen werde. Es war mir lieb, allein zu sein, meine Gedanken sammeln und überlegen zu können, was jetzt zu tun sei. Nach wenigen Augenblicken kam jedoch die Kammerjungfer in großer Eile und Verwirrung herein. Sie erschrak bei meinem Anblicke, aber schien mit ihren eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt zu sein, um etwas anderes zu beachten; und froh, jemand zu finden, gegen den sie sich aussprechen konnte, begann sie mir zu erzählen, dass Mylady ihrer Meinung nach wahnsinnig geworden sein müsse, da sie plötzlich befohlen habe, anspannen zu lassen und Alles zu einer schleunigsten Abreise vorzubereiten.«

Ich fragte, ob die Dame krank sei.

»Keineswegs,« erwiderte das Mädchen in ärgerlichem Tone, »nichts fehlt ihr, so viel ich sehen kann. Von allen ihren sonderbaren Einfällen ist das der sonderbarste; aber ich werde zum Capitain gehen und fragen, was er dazu sagt.«

Dann verließ sie das Zimmer und ich folgte ihr, um Sinclair aufzusuchen, als ich Sie traf.

Ich sagte ihm, dass das Mädchen bereits ihren Herrn gesprochen habe, und dass dieser in der Tat mit Lady Deighton die Abtei verlassen werde. Hierauf begaben wir uns in das Wohnzimmer, wo ich Capitain Sinclair verlassen hatte, und fanden ihn noch dort, mit dem Lesen des Manuskripts beschäftigt. Er war in einem sehr angegriffenen Zustande, unfähig zu denken und zusammenhängend zu sprechen. Wir reichten ihm ein Glas Wein und bemühten uns, ihn zu beruhigen, aber es währte lange, bis er uns nur verstehen und vernünftig antworten konnte; und als er sich endlich genügend gesammelt hatte, um uns anzuhören, fügte er sich allen Anordnungen wie ein Kind.«

Hier endete Mr. Davis seine Erzählung, und Sinclairs Brief wieder aufnehmend, zeigte er mir eine Nachschrift, worin letzterer ihn, Mac Ivor und mich inständigst bat, alles Erforderliche zu tun, indem er zugleich eine Anweisung auf eine sehr bedeutende Stimme bei seinem Bankier beifügte.

»Das stimmt mit dem überein,« bemerkte er, »was ich mit ihm beim Abschiede verabredet hatte; wir sollten hier die traurigen Geschäfte übernehmen, und er wollte mit Lady Deighton vorläufig im Gasthofe in L— bleiben.«

Schaudernd hielt er inne und fügte dann hinzu:

»Es ist schrecklich, an sie zu denken, gleichviel ob lebend oder tot, aber verhehlen können wir uns nicht, dass ihr Tod eine große Schwierigkeit beseitigt. Es bleibt uns noch genug zu tun. Was sollen wir mit dem unglücklichen Kinde anfangen?«

»Kind?« unterbrach ich ihn. »Sie muss beinahe zwanzig Jahre alt sein.«

»Freilich!« versetzte er sinnend. »Wir müssen schnell handeln, Miss Vernon, denn die Maßregel, welche wir gestern zur Entfernung Mac Ivors von hier getroffen, vermehrt unsere Verlegenheiten in nicht geringem Grade. Sein Bruder kann schon übermorgen eintreffen.«

»Ja, wahrlich,« rief ich, »daran habe ich nicht gedacht.«

»Ich glaube,« fuhr Mr. Davis fort, »es wird am besten sein, Ihrem ersten Plane zu folgen. Fremde Hilfe müssen wir durchaus haben, um die arme Gefangene in der Stille zu befreien und ihr ein vorläufiges Unterkommen zu verschaffen; und da Sie eine so hohe Meinung von den Daltons haben, so dürfen wir ihnen wohl vertrauen.«

Ich wiederholte die Versicherung von ihrer Rechtschaffenheit und ihrem guten Willen überzeugt zu sein, worauf Davis mich verließ, um sogleich mit dem Pfarrer zu sprechen. Wie sich denken lässt, waren der Schreck und das Erstaunen des letzteren nicht gering, und sobald es ihm nach Anhörung eines so entsetzlichen Geheimnisses möglich war, teilte er es vorsichtig seiner Frau mit. Sie war eine Dame von klarem Verstande, warmem Herzen, großer Energie, und mehr befähigt, die geeigneten Mittel zur Ausführung unserer Pläne zu entdecken, als ihr Gatte. Beide erinnerten sich des Verschwindens der armen Grace Wilson und hatten sie in früherer Zeit öfter gesehen, aber waren wegen des abstoßenden Charakters ihrer Großmutter nie in Berührung mit ihr gekommen. Die ersten Vorschläge der guten Pfarrersfrau beseitigten sogleich mehrere erhebliche Schwierigkeiten. Sie sagte, ihr Gatte sei gewohnt, wenn er fremde Gäste bei sich erwarte, den von London kommenden Kutschen bis zu einem gewissen, ungefähr drei Meilen vom Dorfe entlegenen Orte in seinem eigenen Wagen entgegen zu fahren. Die letzte Kutsche passiere jenen Ort abends zwischen elf und zwölf Uhr, und sie schlage deshalb vor, dass ihr Gatte zur rechten Zeit vom Hause abfahre und die Anweisung hinterlasse, dass er eine Dame mitbringen werde, zu deren Empfange die nötigen Vorrichtungen zu treffen seien. Inzwischen sollten wir die Gefangene auf ihre Erlösung vorbereiten, und sie dann an jenen Ort bringen, wo Mr. Dalton mit seinem Wagen ihrer wartete.

Dieser Plan war nur in allgemeinen Umrissen angegeben worden, weshalb Mr. Davis die Frau ersuchte, ihm nach der Abtei zu folgen, um das Nähere mit mir zu besprechen. Ich hatte während seiner Abwesenheit ein eiliges Frühstück mit meinen Zöglingen genossen, und ihnen den plötzlichen Tod ihrer Stiefmutter angezeigt. Die Kinder erschraken natürlich bei dieser Nachricht, aber waren zu jung und zu ehrlich, um einen Schmerz zu erheucheln, den sie nicht empfanden. Die Dienstboten hatten das Ereignis durch den Mann erfahren, von dem Sinclairs Brief überbracht worden war. Sie machten pflichtgemäß ernste Gesichter und taten also alles, was von ihnen zu erwarten war; denn das unglückliche Weib hatte bei niemand Liebe oder Achtung gewonnen.

Ich war noch damit beschäftigt, die Anordnungen für die Trauer und andere Dinge zu geben, als mir gemeldet wurde, dass die Daltons gekommen seien. Davis und Mac Ivor fand ich bereits bei ihnen, und nach kurzer Begrüßung gingen wir sogleich auf den Gegenstand der Beratung ein, nämlich auf Mrs. Daltons Vorschlag. Ich erlaubte mir noch einiges hinzuzufügen, namentlich, dass die zu erwartende Dame ihr Gepäck durch irgend einen Unfall auf der Reise verloren habe und dadurch genötigt werde, Wäsche und Kleider von Miss Dalton zu entlehnen, so wie ferner, dass den Dienstboten vorher gesagt werde, die anlangende Dante sei leidend und werde sich sogleich zu Bett begeben.

Während unserer Besprechungen musste ich unwillkürlich daran denken, in welchem Dunkel wir uns eigentlich befanden, denn keiner von uns wusste, in welchem Zustande wir das arme Wesen finden würden, ob sie uns einlassen werde, und ob sie überhaupt aus dem Gefängnis werde entfernt werden können. Derartige Zweifel drängten sich mir fortwährend auf. Davis und ich sollten das Geschäft übernehmen, der Gefangenen die bevorstehende wichtige Veränderung anzuzeigen und sie darauf vorzubereiten; wir kamen überein, dass eine schriftliche Mitteilung am zweckmäßigsten sein werde. Sobald uns daher der Pfarrer und seine Frau verlassen hatten, entwarf ich ein Schreiben in den sanftesten Ausdrücken, worin ich dem unglücklichen Mädchen Lady Deightons Tod anzeigte und eins der von ihr hinterlassenen Papiere beifügte, welches eine genaue Beschreibung der geheimen Zugänge zu den verborgenen Gemächern und das Bekenntnis enthielt, dass eine Person darin gefangen gehalten werde. Ich sagte ihr, wer ich sei, versicherte sie meiner innigen Teilnahme und fügte hinzu, dass sie vorläufig in dem Hause des ihr bekannten Pfarrers, Mr. Dalton, ein Unterkommen finden werde, also nicht zu ihrer Großmutter gebracht werden solle, und dass fernerhin Freunde liebend für sie sorgen und nichts tun würden, was ihren Wünschen entgegen sei. Dann teilte ich ihr unsere Absicht mit, sie in der folgenden Nacht, wenn alles im Hause schlafe, aus dem Gefängnisse abzuholen, bat sie dringend, die inneren Riegel zu öffnen, und bemerkte, dass ich in einer Stunde kommen würde, um ihre Antwort zu erfahren, ohne jedoch dann einen Versuch zu machen, sie zu sehen.

Als ich dessen gewiss war, dass alle Dienstboten der Abtei sich beim Mittagessen befanden, schlich ich mit Mr. Davis, den von Lady Deighton gegebenen schriftlichen Anweisungen folgend, durch das zu den geheimen Gemächern führende Labyrinth und langte vor der scheinbar massiven Wand an, hinter der der Eingang lag. Mr. Davis entdeckte bald die Feder, welche die drehbare Maschine vorspringen ließ, und der Brief wurde hinein getan. In atemlosem Schweigen wartete ich dessen, was darauf erfolgen werde, und zitterte so sehr, dass ich mich auf den Fußboden niedersetzen musste, während mein Begleiter mit fest geschlossenen Händen und starr auf die Wand gerichteten Augen neben mir stand. Eine peinliche, endlos scheinende Pause folgte. Endlich drehte sich die Maschine wieder, und ein Streifen Papier fiel heraus, auf dem mit deutlicher, aber zitternder Hand die Worte geschrieben standen: »Heute abend um zehn Uhr werde ich die Riegel öffnen. Gott vergebe Ihnen, wenn Sie mich täuschen!«

Es lag etwas außerordentlich Rührendes in diesen wenigen Worten, — scheues Vertrauen und natürliche Bangigkeit. So sonderbar es scheinen mag, war ich doch überrascht von der Gewissheit, dass die entsetzliche Geschichte wirklich wahr sei. Ja, dort hinter jener Mauer befand sich das arme Wesen, Grace Wilson, die Zeugin des Mordes, die siebenjährige Gefangene. Dieser Gedanke überwältigte mich so, dass Mr. Davis mehrere Male rufen musste, ehe ich mich genügend ermannen konnte, um aufzustehen und den Ort zu verlassen.

Alle unsere Pläne wurden glücklich ausgeführt. Als die Kinder sich im Bett befanden und alles still in der Abtei war, kam Mr. Davis, und wir begaben uns in den nach den geheimen Gemächern führenden Gang, wo wir warteten, bis die Glocke zehn Uhr schlug. Dann drückte er an die Feder, welche die Oberfläche der scheinbar massiven Wand auf die Seite schob und eine schmale Tür in der eigentlichen Wand des Zimmers sichtbar werden ließ. Wir näherten uns und hörten deutlich das Rasseln der inneren Riegel, welche zurückgezogen wurden. Mr. Davis legte die Hand auf den Türgriff und drückte nach kurzem Zaudern; die Tür öffnete sich, und er zog mich mit sich in das Zimmer. Mein Herz schlug so heftig, dass mir fast schwindelte. Ich sah nur ein erleuchtetes Zimmer, aber konnte anfangs keinen einzelnen Gegenstand erkennen. Erst mehrere Stunden später, als ich mich allein befand, vermochte ich mir die näheren Umstände klar zu machen, welche unseren Eintritt in jenes Gemach, den Schauplatz einer so großen Schuld und eines so schweren Leidens, begleiteten, denn im Augenblicke selbst sah, hörte und handelte ich wie eine Träumende.

Mr. Davis folgend gelangte ich in das geheime Gemach, wo er stehen blieb und mich an seine Seite zog. Der erste Gegenstand, den ich erkannte, war ein langes, schmales Bett, welches der Tür gegenüber an der Wand stand, und auf dem eine unförmliche Gestalt in einem weiten sie umschlotternden Kleide saß. Ich dachte an das Bild des zarten Kindes in der Hütte, aber sah stattdessen ein schwerfälliges Wesen mit hellem Haar, bleichgelben Gesichte und verschwollenen, kaum sichtbaren Augen vor mir. Sie zitterte am ganzen Körper, sah nicht auf und sprach kein Wort. Ich ergriff eine ihrer Hände, und augenblicklich klammerte sie sich mit beiden an die meinige, senkte den Kopf darauf und ließ ein Stöhnen hören, das ich nie vergessen werde. Ich drückte ihre Hände an meine Brust, küsste sie auf ihre Stirn und versuchte zu sprechen, aber konnte nicht. Mr. Davis kam mir zur Hilfe, indem er sagte:

»Mein armes Kind, fürchten Sie nichts. Sie sind jetzt in Sicherheit und bei Freunden, die Ihnen allen Beistand leisten werden. Beruhigen Sie sich und kommen Sie mit uns!«

Dann reichte er mir ein Tuch und einen Hut, die wir zu dem Zwecke mitgenommen hatten. Es währte lange, bis ich einen Versuch machen konnte, ihr beides anzulegen, denn sie hielt sich an meine Hände, meine Schulter und mein Kleid geklammert, ohne dabei ein Wort zu sprechen. Plötzlich wurde ihr Atem kürzer, und im nächsten Augenblicke schrie sie gellend auf und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Wir hatten die Vorsicht gebraucht, einige stärkende Mittel mit uns zu nehmen, allein lange Zeit hatten diese durchaus keine Wirkung bei ihr. Endlich ließ jedoch die Heftigkeit des Anfalls nach, sie wurde ruhiger, und wir legten sie sanft auf das Bett. Ihr Gesicht war der Wand zugekehrt, und lautlos blieb sie jetzt liegen; aber von Zeit zu Zeit überlief ihren Körper noch ein krampfhaftes Zucken.

»In diesem Zustande können wir sie nicht von hier entfernen,« flüsterte ich Mr. Davis zu.

»Nein,« erwiderte er. »Wollen Sie hier bleiben, während ich zu Mr. Dalton gelte, um ihm die Ursache des Verzuges zu erklären?«

Notgedrungen willigte ich ein. Es war zwar nicht Furcht, was ich empfand, aber leugnen kann ich nicht, dass mich ein höchst unheimliches Gefühl beschlich, als er das Zimmer verließ. Das arme Wesen blieb, abgesehen von jenen unwillkürlichen Zuckungen, völlig regungslos liegen: auch diese wurden allmählig schwächer und hörten endlich ganz auf, und ich glaubte, sie sei eingeschlafen.

Das Gemach war klein, aber hoch, und die äußere Luft musste auf irgendeinem Wege an der Decke eindringen, denn eine herabhängende Lampe flatterte heftig, während das in der Mitte des Zimmers stehende Licht ganz ruhig brannte. Das Mobiliar bestand, außer dem Bett, in einigen Tischen und Stühlen. An den Wänden befanden sich Bretter, auf denen Bücher standen, und in denselben verschiedene Wandschränke, von denen einige offen waren und mit Porzellan und Glasgeschirr angefüllt zu sein schienen. Am anderen Ende des Zimmers führte eine offen stehende Tür zu einem zweiten, Gemache. Es war, wie Grace mir später sagte, das Winterzimmer, dessen eine Seite die hinter dem großen Küchenherd befindliche Seite bildete, und das deshalb immer warm war. In demselben befanden sich ein Gossenstein und eine Pumpe, welche vortreffliches Wasser gab. In den Ecken dieser Küchenwand waren Fächer angebracht, die das Bettzeug enthielten. Noch zu erwähnen ist, dass zur Bequemlichkeit und zur Erhaltung der Gesundheit der diese Räume bewohnenden Personen das innere Gemach mit einem Gange in Verbindung stand, welcher längs der Kapellenwand lief und die äußere Luft zuließ. Er war nur für eine Person breit genug und sollte augenscheinlich als eine Promenade dienen. Der Weg, auf dem diese Zimmer frische Luft erhielten, musste sehr verdeckt sein, denn nirgends fiel ein Lichtstrahl durch. Von dem Augenblicke an, in dem das unglückliche Mädchen an der Seite ihres ermordeten Vaters bewusstlos zu Boden gesunken war, hatte es nie wieder das Tageslicht gesehen.

Ruhig und unbeweglich blieb die Unglückliche auf dem Bett liegen, und ich saß ängstlich wachend neben ihr. Endlich flüsterte sie mit heiserer Stimme:

»Ich schlafe nicht, — ich glaube, ich könnte jetzt gehen.«

Ich hob sie so zart und sanft als möglich auf, denn unwillkürlich flossen meine Tränen, während ich leise ihre Stirn küsste. Sie fühlte die Tropfen auf ihr Gesicht fallen und sagte: »Ich glaube Ihnen, — ich traue Ihnen,« legte dann den Kopf an meine Schulter und weinte still, was ihr große Erleichterung zu gewähren schien.

Bald hatte sie sich so weit erholt, dass wir aufbrechen konnten. Den Hut befestigte sie selbst und ließ sich das Tuch von mir umhängen. Ich sah deutlich, dass ihre Kleidung aus Lady Deightons Garderobe entnommen war, denn sie hing schlotternd um ihren Körper. Während dieser Vorbereitungen kehrte auch Mr. Davis zurück und freute sich sehr, sie zum Aufbruche bereit zu finden. Ich fragte, ob sie etwas mitzunehmen wünsche, was sie jedoch kopfschüttelnd verneinte. Mr. Davis verlöschte hierauf die Lampe und das Licht, und wir verließen die Gemächer mit Hilfe einer mitgebrachten Laterne. Er verschloss die Tür, brachte die sie verdeckende Wand wieder in ihre Lage und überließ die nunmehr unbewohnten Räume wieder der früheren Stille.

Unserer Verabredung gemäß hielt Mr. Dalton in geringer Entfernung von der Abtei mit seinem Wagen. Wir halfen dem armen Mädchen einsteigen, und ich nahm an ihrer Seite Platz und legte meinen Arm um sie. Während der Fahrt erklärte ich ihr unseren Plan und sagte, dass Mr. Dalton sie bei sich aufnehmen und für sie sorgen werde. Auf einem Umwege erreichte der Wagen den Weg, welcher von der Londoner Landstraße nach dem Pfarrhause führte. Ich stieg aus und kehrte mit Mr. Davis, welcher auf einem kürzeren Wege durch die Felder dahin gekommen war, nach der Abtei zurück, wo wir uns trennten und zur Ruhe begaben.

Wie schon früher erwähnt, war ich mich des Eindrucks zur Zeit, als sie sich zutrugen, nicht klar bewusst. Ich dachte weder an Lady Deightons schwere Schuld, noch an die peinliche Lage des armen Sinclair, denn Grace Wilsons Leiden beschäftigten mich allein. Dessen ungeachtet schlief ich fest, da meine Ermüdung übermäßig war. Am folgenden Morgen erwachte ich mit einer wirren, dunkeln Erinnerung und konnte die Ereignisse des letzten Tages kaum für wirklich halten. Meine Zöglinge traf ich beim Frühstück und entband sie für diesen Tag von den Unterrichtsstunden. Sie erkundigten sich sehr angelegentlich nach ihrem Vater und gingen dann an ihre kindlichen Beschäftigungen. Davis und Mac Ivor hatten mit den Papieren und den eingegangenen Briefen zu tun, da Capitain Sinclair sie ermächtigt hatte, ihn in allen Beziehungen zu vertreten, und namentlich dem Hausmeister und der Haushälterin die nötigen Anweisungen zu erteilen.

Bald nach dem Frühstücke kam Mrs. Dalton, wie sie versprochen hatte, aber brachte nicht viel Neues. Grace hatte gut geschlafen und befand sich in einem verdunkelten Zimmer noch im Bett. Ihre Aufregung war gewichen, sie lag jetzt ganz ruhig und sprach sehr wenig. Mrs. Dalton meinte, ihr Geist sei jetzt bemüht, sich die vorgegangene große Veränderung klar zu machen. Ich begleitete sie nach dem Pfarrhause und fand daselbst das arme Mädchen noch still und ruhig liegen. Als ich die Hand derselben fasste, ergriff sie die meinige und küsste sie, ohne jedoch zu sprechen. Gegen Abend stand sie auf, und am folgenden Morgen verließ sie das Bett schon vor dem Frühstück. Mrs. Dalton gab ihr einen Augenschirm, mit Hilfe dessen sie sich in wenigen Tagen an das hellere Licht gewöhnte; aber sie blieb sehr schweigsam und schien immer in tiefe Gedanken versunken zu sein. Lange dauerte es, bis sie auf ein Gespräch einging, und noch länger, bis sie sich dazu verstand, eine Schilderung ihrer Leiden in den sieben einsamen Jahren zu geben, während deren sie weder eine menschliche Stimme vernommen noch das Tageslicht gesehen hatte. Über die Mordtat selbst konnte man ihr nie mehr als einige flüsternde Worte entlocken, und wer den Schrecken sah, welcher stets bei jeder Berührung dieses Gegenstandes in ihrem Gesichte ausdrückte, konnte unmöglich länger davon sprechen. Nur einmal schilderte sie ihre Empfindungen, als sie in dem geheimen Gemache zuerst das Bewusstsein wieder erlangt hatte. Sie sagte, es sei ihr bald klar gewesen, dass sie an einen geheimen Ort gebracht worden war, und habe deshalb nur einen grausamen Tod von derselben ruchlosen Hand erwartet, die vor ihren Augen den Vater ermordet hatte. Nach einiger Zeit habe sie jedoch die Riegel an der Tür wahrgenommen, diese eiligst vorgeschoben, und das Zimmer genau durchsucht, ob sich noch ein anderer Eingang finde, und als sie die Überzeugung gewonnen, dass sie in dieser Beziehung sicher sei, habe sie gebetet und sich dann, die Augen auf die Tür gerichtet, mit der Erwartung niedergesetzt, dass sie verhungern müsse, was ihr lieber gewesen sei, als jede Annäherung von Lady Deighton. Wie lange sie bei diesem Entschlusse beharrt hätte, wenn ihr keine Nahrung zugekommen wäre, lässt sich nicht sagen; aber nicht unwahrscheinlich ist es, dass eine Änderung nicht eher eingetreten wäre, als bis ihre Kraft zu weit geschwunden war, um noch die Riegel öffnen zu können, da sie fest glaubte, dass ihr Leben geopfert werden würde, sobald sie ihre Gefangenenwärterin einließ.

»Aber flößte Ihnen denn der Umstand keine Hoffnung ein,« fragte ich sie, »dass Sie regelmäßig Nahrung, Wäsche, Licht und alle anderen Bedürfnisse von ihr empfingen?«

»Nein,« versetzte sie, »denn ich war der Meinung, dass alles nur geschehe, um mich zu verlocken. Viele Briefe mit Bitten und Versprechungen schrieb sie mir, aber nach der Tat, deren Zeuge ich gewesen war, konnte ich ihr nicht mehr trauen! Meinen einzigen Freund, die einzige Person, die ich je geliebt hatte, hilflos im Bett zu —«

Hier brach sie ab, wie immer, wen der Mord berührt wurde. Ich wunderte mich, dass sie nie an Gift gedacht zu haben schien, aber fand später, dass ihr diese Befürchtung während der ganzen Gefangenschaft nicht fremd gewesen war, nur hatte sie aus irgend einer irrtümlichen Vorstellung die Idee gefasst, dass es nicht anders als in Flüssigkeiten beigebracht werden könne, und hatte deshalb nichts als Wasser und Tee getrunken, welchen sie sich selbst bereiten konnte.

Eine seltsame Ruhe war ihrem ganzen Wesen eigen, die ihr ohne Zweifel natürlich, aber durch die lange Einsamkeit gewiss sehr genährt worden war. Ein Geist von höherem Schlage würde nie in eine solche Erschlaffung versunken sein, wie die war, in der sie den größten Teil der Zeit zugebracht hatte; dagegen hätte ein noch tiefer fühlendes Gemüt als das ihrige, furchtbar gelitten und würde entweder wahnsinnig geworden oder dem Tode erlegen sein. Grace Wilson besaß eine natürliche Ruhe, welche besonders geeignet war, einer Prüfung, wie die ihr auferlegte, zu ertragen. Sie besaß ziemlich gute Fähigkeiten und hatte so viel gelernt, dass sie geläufig lesen und schreiben konnte. Ohne Zweifel war sie weder ein träges, noch ein geistig beschränktes Kind bis zu dem Augenblicke gewesen, der sie von ihren Mitmenschen trennte; aber ebenso gewiss hatte sie seitdem auch keine Fortschritte gemacht. Als ich sie mit der Zeit besser kennen lernte, fand ich, dass sie einen gesunden Verstand, ein gutes Herz und ein offenes Gemüt besaß; allein nie gab sie mir Wunsch zu erkennen, sich weiter auszubilden, und war in manchen Beziehungen sehr lässig. Die ihr eigene Ruhe hatte ohne Zweifel viel zur Erhaltung ihrer Gesundheit beigetragen, denn wunderbarer Weise war sie in der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft nie krank gewesen und hatte, obgleich sie mit der Zeit sehr beleibt und schwerfällig wurde, doch niemals einer Arznei bedurft.

Wir blieben mehrere Monate beisammen, während deren Sinclair sich von dem Schlage, der ihn getroffen, zu erholen und Schritte für die Zukunft zu tun suchte. Auf den Rat von Davis, dessen Eingebungen und Vorschlägen er unbedingt Folge leistete, bat er mich, mit Grace Wilson und seinen beiden Töchtern nach einem entfernten Orte zu gehen, wo uns niemand kannte. Lady Deighton hatte ihm eine sehr bedeutende Summe vermacht, aber richtig vorausgesehen, dass er ein solches Vermächtnis nicht annehmen werde. In einem Nachtrage zu ihrem Testamente bestimmte sie deshalb für diesen Fall, dass jede seiner Töchter ein Legat von zehntausend Pfund erhalten solle, welches der Vater nicht abzulehnen befugt war, und das bis zur Volljährigkeit der Kinder von Vormündern verwaltet werden sollte. Sinclair selbst nahm nur eine dritte Summe von zehntausend Pfund an und ließ sie auf Grace Wilson übergeben. Lady Deightons gesamte übrige Verlassenschaft wurde dem gesetzlichen Erben, einem Seitenverwandten, ausgeantwortet.

Mac Ivor, welcher sich bewusst war, ein schweres Missgeschick, wenn auch wider Willen, über einen so ehrenwerten Mann wie Capitain Sinclair gebracht zu haben, und viel Bekanntschaft mit einflussreichen Personen hatte, bot alles auf, um ihm eine Anstellung bei der Regierung zu verschaffen. Seine Bemühungen blieben auch nicht fruchtlos, und Sinclair wurde zum englischen Konsul in einer Hafenstadt des östlichen Europas ernannt, was seinen Wünschen ganz entsprechend war. Er wurde dadurch von dem verhasst gewordenen England entfernt und der Möglichkeit entzogen, mit denjenigen Personen zusammen zu kommen, welche Lady Deightons Geschichte kannten. Nie konnte er es über sich bringen, Grace Wilson zu sehen, und auch mich besuchte er nicht eher wieder, als bis ich mit meinen Zöglingen nach einem entfernt gelegenen Dorfe gezogen war. In seinem ganzen Wesen und Benehmen zeigte sich, als ich ihn dann wiedersah, eine große Veränderung. Er bewies sich zwar sehr dankbar und freigebig gegen mich, aber sein Auge konnte dem meinigen nicht begegnen, und vor jedem von mir geäußerten Worte schien er sich zu fürchten. Seine Pläne für die Zukunft waren damals noch unklar, aber bald darauf wurde ihm jene Stelle angeboten. Von dem Augenblicke an schien er ein ganz anderer Mensch zu werden. Bereitwillig nahm er sie an und beschäftigte sich dann eifrigst mit den Vorbereitungen zur sofortigen Abreise.

Als alles fertig war, kam er, um seine Töchter zu holen. Bei dem Abschiede von mir war er sehr weich, und auch Ellen und Janet zeigten sich so bewegt, wie Mädchen in einem solchen Alter sein können, wenn sie eine ihnen vom Vater mit den glänzendsten Farben ausgemalte schöne Aussicht vor sich haben. Wir schieden, und ich wusste, dass es der letzte Abschied war. Anfangs schrieben die jungen Mädchen häufig und liebevoll an mich, aber allmälig wurden ihre Briefe seltener, und endlich hörten sie ganz auf. Wie ich später erfahren habe, sind beide glücklich an Ausländer verheiratet.

Ich hatte mich verbindlich gemacht, mindestens ein Jahr lang nach Sinclairs Abreise von England bei Grace Wilson zu bleiben. Wir lebten mit einander friedlich und freundschaftlich. In Folge der jetzt gesünderen Lebensweise veränderte sich ihre äußere Erscheinung sehr vorteilhaft. Sie verlor die entstellende Beleibtheit und bekam eine frischere Farbe. Ihre Augen wurden größer und heller, und der schwerfällige Ausdruck schwand aus ihren Zügen und ihrer Haltung. Ich hätte leicht die arme Grace zu einer interessanten Persönlichkeit machen können, wenn es meine Absicht gewesen wäre, eine Geschichte zu erdenken, statt gewissenhafte Begebenheiten nach der strengen Wahrheit zu erzählen. Dennoch ist die Wendung, welche ihr Schicksal unerwartet nahm, so seltsam, dass sie auch einer Novelle als Schluss dienen könnte.

Das Dorf, in welchem wir wohnten, lag in einem entlegenen Tale der westlichen Grafschaften von England. Im Laufe der Zeit lernten wir dort einen jungen Mann kennen, der uns Interesse abgewann. Er war der Sohn eines achtbaren Farmers und taubstumm, und hatte seine Erziehung in einer Anstalt für Gebrechliche dieser Art genossen. Sein Wesen und Benehmen war sanft und angenehm, und der angeborene Mängel ungeachtet galt er für einen geschickten Farmer. Seine Mutter kannten wir von Anfang unseres dortigen Aufenthaltes an, da sie uns regelmäßig Milch und Geflügel geliefert hatte. Sie war eine brave, verständige Frau, und nicht ohne Bildung. Der Vater war etwas rauher in seinem Äußeren, aber ein durchaus guter Mann. Die Eltern hingen mit großer Liebe an ihrem unglücklichen Sohne, und ich gewann ihre Herzen leicht dadurch, dass ich mit der Fingersprache bekannt war. Der Sohn wollte sich im Zeichnen üben, und ich übernahm es, ihm Unterricht zu erteilen, lieh ihm Bücher und fand, dass er gute, natürliche Fähigkeiten besaß. Unsere Vertraulichkeit nahm zu, denn auch Grace hatte die Fingersprache erlernt und war viel in der Gesellschaft des jungen Mannes.

Eines Morgens wurde ich durch einen Besuch vom Vater desselben überrascht und war nicht wenig erstaunt, als der Mann nach einer langen und weitschweifigen Rede endlich mit dem Geständnisse hervorrückte, dass sein »armer Sohn,« wie er ihn nannte, eine heftige Neigung zu Grace Wilson gefasst habe. Augenblicklich sah ich, wie blind ich gewesen war; tausend kleine Umstände fielen mir ein, die ich früher unbeachtet gelassen hatte. — namentlich des Mädchens schnelles und eifriges Erlernen der Fingersprache, — die mich jetzt vermuten ließen, dass von ihrer Seite keine große Abneigung gegen den Antrag zu erwarten sein werde. Es war so, wie ich erwartet hatte. Ihr Vermögen überraschte den Liebhaber und seine Eltern in hohem Grade, denn sie waren natürlich der Meinung gewesen, dass das junge Mädchen von mir ganz abhängig sei. Ich erklärte ihnen ihre Verhältnisse und sagte offen, dass sie die natürliche Tochter eines sehr reichen Mannes sei, aber unterließ jede Erwähnung Lady Deightons, da Sinclair bei Überweisung des Legats an Grace zur Bedingung gemacht hatte, dass tiefes Schweigen über die Verirrungen und das Ende seiner unglücklichen Frau bewahrt werde. Grace hatte es gelobt und hielt das Versprechen um so leichter, als auch ihr die Erinnerung an die in der Abtei ausgestandenen Leiden immer unerträglicher wurde.

Konnte ich meinen Pflegling unter günstigeren Umständen verlassen, — an der Seite eines zwar taubstummen, aber braven Gatten und bei liebenden Eltern? Zuweilen hatte ich daran gedacht, dass der Schutz, den ich diesem armen Mädchen zuteil werden ließ, obgleich ich es innig liebte, auf die Dauer eine drückende Fessel für mich werden könne, und fühlte mich daher gewissermaßen von einer Last befreit, als ich sie so glücklich verheiratet sah.

Ihr Gatte trug sie auf Händen und hielt sich für den glücklichsten Menschen. Im Laufe der Zeit wurden sie mit drei Kindern gesegnet, von denen keins das Gebrechen des Vaters erbte. Grace schreibt von Zeit zu Zeit an mich, und zweimal habe ich sie bereits besucht und mich überzeugt, dass ihrem jetzigen Glücke nichts fehlt.

Die alte Abtei ist niedergerissen und ein neues Gebäude an ihrer Stelle errichtet worden. Ob das unvermeidliche Bekanntwerden von der Existenz der geheimen Gemächer in der Umgegend großes Aufsehen erregte, weiß ich nicht, da Mr. Dalton nach einer anderen und entfernten Stelle versetzt wurde und dadurch alle Verbindung zwischen mir und jener Gegend aufhörte. Aber wenngleich die Spuren des dort begangenen Verbrechens vertilgt worden sind, so wird die Erinnerung daran doch nicht aufgehört haben. Lady Deightons Name wird, wie mir versichert worden, dort noch jetzt nur mit Abscheu genannt. Auf dem Grabsteine, welcher ihren Namen trägt, hat Capitain Sinclair, wie ich von Mr. Dalton erfahren habe, als Inschrift nur die Worte hinzugefügt:

»Gott ist barmherzig!«


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