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Das Geheimnis der Abtei

Aus den Erinnerungen einer Erzieherin

I

Über mich selbst habe ich nur wenig und nichts Erhebliches zu sagen. Früh verwaist, wurde ich zu dem Berufe einer Erzieherin heran gebildet und begann, kaum siebzehn Jahre alt, diese Laufbahn, mit keinem sehr großen Schatze von Kenntnissen. Ich lernte jedoch durch den Unterricht selbst viel zu, so dass ich im Alter von fünfundzwanzig Jahren ziemlich festen Fuß in meinem Berufe hatte, und dass mir die besten Empfehlungen zur Seite standen. Ich habe deshalb von keinen traurigen Verhältnissen, keinem bitteren Kummer, keinen trüben Erinnerungen zu erzählen; mein Leben floss ruhig und gleichmäßig in der Ausübung der erwählten Pflichten hin, und die darin erreichbaren Erfolge waren das einzige Ziel meines bescheidenen Ehrgeizes. Nie litt ich Hunger, nie war ich der Gefahr ausgesetzt, Misshandlungen zu erdulden; wenn auch oft vernachlässigt, zuweilen sogar lieblos behandelt, genoss ich doch öfter Güte und Achtung, und war im Alter von zweiundfünfzig Jahren im Stande, von meinen Mühen auszuruhen und mich mit den Einkünften aus langjährigen Ersparnissen und aus einer kleinen Erbschaft in einer behaglichen Wohnung, nahe bei zwei früheren und mir teuer gebliebenen Zöglingen, niederzulassen. Auf den Wunsch der letzteren geschieht es, dass ich die seltsamen Ereignisse niederschreibe, welche sich in einer Familie zutrugen, der ich meine Dienste gewidmet hatte.

Der Schauplatz meiner grauenvollen Geschichte war ein unregelmäßiges Gebäude von großer Ausdehnung, dessen einzelne Teile aus verschiedenen Zeiten, und manche aus der früheren Klosterzeit herrührten. Es wurde »die graue Abtei« genannt, war ehemals ein Kapuzinerkloster gewesen und lag in einer einsamen Gegend von Cornwall, nahe an der Meeresküste. Meine Zöglinge waren zwei junge Mädchen, Zwillinge und die Töchter eines pensionierten Offiziers der ostindischen Armee, welcher ein junges, geliebtes Weib in Indien verloren hatte und mit zerrütteter Gesundheit und gebrochenem Lebensmute zurückgekommen war, um in England von seiner kleinen Pension zu leben, so gut er konnte. Die einzige ihm verwandte Person, für die er große Anhänglichkeit hegte, war eine Cousine, welche, in jugendlich blühender Schönheit stehend, einen mürrischen, gichtbrüchigen alten Baronet von bedeutendem Vermögen geheiratet hatte. Auf ihren Wusch ließ sich Capitain Sinclair mit seinen zwei kleinen Töchtern in einem Dorfe nieder, welches nahe bei der Abtei gelegen war, in der die Dame, Lady Deighton, mit ihrem unliebenswürdigen Gemahle zur Zeit seiner Rückkehr nach England wohnte.

Nachdem der Baronet die Prophezeiungen seiner Ärzte mehrmals dadurch Lügen gestraft hatte, dass er sich von heftigen gichtischen Anfällen in Kopf und Magen wieder erholte, und nachdem er von einem Schlagfluss getroffen worden war, der ihn ganz hilflos machte, wurde der alte Mann eines Morgens, ungefähr ein Jahr nach Capitain Sinclairs Niederlassung im Dorfe, tot in seinem Bett gefunden.

Lady Deighton's Wittum, welches ihr schlauer und habsüchtiger Vater der Tochter vor der Heirat gesichert hatte, war sehr beträchtlich. Mit dem Tode ihres Gemahls fielen ihr nämlich »die graue Abtei« ein prachtvolles Schloss in Hampshire, Fairly Park genannt, und viele tausend Pfund jährlicher Renten zu. Ein jeder, der die Dame kannte, nahm an, dass sie sich, sobald die Trauerzeit es erlaubte, nach der gefälligeren Residenz in Hampshire begeben und dort das in der ersten Zeit ihrer Ehe geführte vergnügungssüchtige Leben wieder beginnen werde; denn das Gerücht ging, dass sie von ihrem eifersüchtigen Gemahle nach der Abtei gelockt und dann gezwungen worden sei, dort zu bleiben. Der Schlaganfall des letzteren war ungefähr ein Jahr nach ihrer Ankunft dort erfolgt, und bis zum Augenblicke seines Todes hatte die unglückliche Frau unaufhörlich die Ausbrüche seiner Heftigkeit und seines Eigensinnes tragen müssen. Nunmehr war sie jedoch frei.

Ein prachtvolles Leichenbegängnis geleitete die Überreste des Baronets nach der Familiengruft in der Kirche des Dorfes, und seine schöne junge Witwe verweilte während des folgenden Trauerjahres in sittsamer Zurückgezogenheit in der Abtei. Aber an dem Tage nach Ablauf dieser Zeit schritt sie Arm in Arm mit ihrem Vetter Sinclair nach derselben Kirche, und kehrte als ehelich Verbundene mit ihm zurück. Ungefähr sieben Jahre nach diesem Ereignis trat ich in die Familie als Erzieherin der beiden Sinclairschen Zwillingstöchter, welche damals das zwölfte Jahr zurückgelegt hatten. Jüngere Kinder waren nicht vorhanden. Fairly Park blieb unbewohnt, denn Lady Deighton war im Lauf der Zeit sehr leidend und kränklich geworden und verließ die düsteren, früher so sehr gehassten Mauern der Abtei nicht wieder. Jeder mit Geld zu beschaffende Luxus umgab mich in meiner neuen Wohnung, mein Gehalt war hoch, meine Zimmer bequem und in einem neueren Teile des Gebäudes; gelegen; die Kinder zeigten sich fleißig und folgsam, und ihr Vater beobachtete stets die größte Artigkeit gegen mich. Er war ein liebenswürdiger, schwacher und etwas melancholischer Mann, der mir sehr dankbar war, dass ich ihm die Unannehmlichkeit ersparte, seine Kinder in die Schule schicken zu müssen. Viele Erzieherinnen waren vor mir dort gewesen, aber keine derselben hatte die Einsamkeit und Einförmigkeit des Lebens in der Abtei ertragen können; und als daher ein Monat nach dem anderen verstrich und der zärtliche Vater sah, dass ich völlig zufrieden war und ihn nie quälte, seine Einwilligung zu Ausflügen und Besuchen zu geben, die, obgleich angeblich zum Besten seiner Töchter, auch für mich eine angenehme Zerstreuung gewesen wären, so ließ er erkennen, dass er mir in Wahrheit dankbar war.

Nach meiner Ankunft sah ich mehrere Tage lang nur den Capitain Sinclair und die beiden Töchter, Ellen und Janet. Er äußerte einige unverständliche Entschuldigungen in Betreff seiner Frau, in denen die Worte Gesundheit, Nerven, Stimmung usw., ohne Angabe eines besonderen Leidens, gemurmelt wurden. Bald jedoch erfuhr ich von der freundlichen und verständigen Frau des Ortspfarrers, dass allgemein vermutet werde, sie habe während der langen und anstrengenden Pflege ihres verstorbenen Gemahls so sehr gelitten, dass sich jetzt zuweilen Geistesstörungen bei ihr zeigten, in denen sie die sonderbarsten Dinge begehe und seltsame Reden führe. Mrs. Dalton die erwähnte Dame, — die einzige, welche mich zuweilen besuchte — schilderte die in Lady Deightons Gesundheit und Lebensweise sich zeigenden Veränderungen als allmälig eingetreten. Einige Zeit nach dem Tode ihres Gemahles schien sie sich der Befreiung von den Ausbrüchen seiner rasenden Heftigkeit und von einem Leben sklavischer Unterwerfung zu freuen; sie besuchte bis zu ihrer zweiten Heirat regelmäßig die Kirche, ging spazieren und ritt oder fuhr aus, wie sie früher getan, allein wenige Monate später begann sie zu kränkeln und wurde sehr reizbar. Das Übel bestand in einer mit Nervenleiden verbundenen Abzehrung. Die grellsten Wechsel zeigten sich in ihrer Stimmung, so wie Schroffheit und Eigensinn in ihrem Benehmen. Obgleich sie alle Speisen mit einer wahren Gier genoss, wurde sie doch im Gesicht und am Körper immer magerer und widersetzte sich hartnäckig jedem Versuche einer Veränderung der Luft und des Aufenthaltes, welche ihr als das beste Heilmittel empfohlen worden war. Endlich jedoch ließ sie sich einmal bewegen, einen in der Umgegend gelegenen Badeort auf einige Wochen zu besuchen. Ein Haus wurde gemietet und elegant eingerichtet, und die Familie langte mit einem zahlreichen Gefolge von Dienstboten daselbst an; allein schon am folgenden Morgen weckte Capitain Sinclair vor Tagesanbruch den erstaunten Haushalt und ließ anspannen, und wenige Stunden später traf die ganze Gesellschaft in der Abtei wieder ein.

»Von jener Zeit an,« fügte meine Berichterstatterin hinzu, »stieg Lady Deighton nie wieder in einen Wagen; ihre Spaziergänge im Garten wurden immer seltener, und seit Jahresfrist hat sie ihre Zimmer, die ältesten und düstersten in der ganzen Abtei, nicht mehr verlassen. Ihr Gemahl bewohnt sie nicht mit ihr, denn nicht einmal eine Dienerin will sie in ihrem Gemache schlafen lassen, welches jeden Abend ängstlich von ihr verriegelt wird, als fürchtete sie ermordet zu werden.«

»Lässt sie niemand außer ihrer Familie zu sich?«

»Nein, selbst keinen Arzt. Seit Jahren ist sie in keiner Kirche gewesen und hat weder mit mir noch mit meinem Gatten gesprochen. Der arme Sinclair unterwirft sich ihrem Willen in jeder Beziehung. Sieben Jahre sind sie jetzt verheiratet, aber er hat gewiss noch keine sieben glücklichen Monate mit ihr verlebt.«

»Wie erträgt er seine Lage?«

»Wie Sie sehen. Er wälzt sich im Lehnsessel umher, oder geht spazieren und reitet mit den Kindern aus, raucht und liest in den zahllosen von London kommenden Zeitungen, und vertreibt sich auf diese Weise die Zeit.

»Hat er keine andere Gesellschaft?«

»Wenig oder keine. Alle Einladungen lehnt er regelmäßig ab, und in die Verwaltungsangelegenheiten der Grafschaft mischt er sich nie. Mit meinem Gatten kommt er dann und wann zusammen, und die Ärzte, welche früher seine Frau behandelten, besuchen ihn von Zeit zu Zeit, hören wie es ihr geht, und empfangen ihre Gebühren für die Versicherung, dass ihr Zustand hoffnungslos sei. Aber er ist ein sehr zärtlicher Vater, ein gütiger Dienstherr, und stets bereit, den Armen zu helfen. Nie versagt er seinen Beistand, wenn mein Gatte seine Börse für irgendeinen Hilfsbedürftigen in Anspruch nimmt. Er hält ihn für einen sehr guten Menschen, aber hegt die Überzeugung, dass Sinclairs Herz mit seiner jungen Gattin in Indien bestattet worden sei, und dass er für Lady Deighton nie etwas anderes als Dankbarkeit und verwandtschaftliche Freundschaft empfunden habe. Überdies,« fügte die Frau lächelnd hinzu, »glaube ich, dass seine Dankbarkeit gegen Sie unbegrenzt sein wird, wenn Sie das Leben in der Abtei ertragen können, was bisher noch keine andere Dame in Ihrer Stellung vermocht hat.«

»Heute abend soll ich Lady Deighton vorgestellt werden,« bemerkte ich; »wir werden Tee bei ihr trinken.«

»Ja, ich weiß, das geschieht zuweilen,« erwiderte Mrs. Dalton, »allein Ihre Vorgängerinnen beklagten sich immer sehr über diese Sitte. Wie sie mir erzählten, schlichen sich die Kinder nach dem Tee stets so bald als möglich davon, und Capitain Sinclair pflegte wenig oder nichts zu sprechen, so dass sie die sonderbaren Reden der Lady so lange anhören mussten, bis die Schlafzeit ihrer Zöglinge ihnen gestattete, sich zu entfernen.«

»Sonderbare Reden?« wiederholte ich.

»Ja, ihr Gespräch ist zuweilen sehr sonderbar,« versetzte die Frau. »So selten ich sie überhaupt gesehen habe, weiß ich doch, dass sie auch schon früher, ehe ihr einsiedlerisches Leben begann, sehr seltsame Reden führen konnte. Ihr Vater war, wie man sagt, ein erklärter Atheist, dem alle religiösen Grundsätze und Empfindungen fehlten. Er lebte nur von seiner Geschicklichkeit im Spiel und von Wetten bei Pferderennen. Der Elende verkaufte förmlich seine schöne Tochter an Sir Thomas Deighton, denn das ihr kontraktlich ausgesetzte Wittum war ungeheuer. Ohne Zweifel hoffte er den alten gichtbrüchigen Baronet lange zu überleben, allein diese Erwartung erfüllte sich nicht, denn kurze Zeit nach der Hochzeit setzte ein Schlagfluss seinem Leben ein Ende.«

»Aber von welcher Art sind denn die sonderbaren Reden?«

»Ihr Vater war abgesehen von seiner Ungläubigkeit ein wütender Republikaner und hatte lange Zeit in Frankreich gelebt, wo er vertraute Freunde unter den Führern der Revolution besessen haben soll. Drei wichtige Jahre in dem Leben seiner Tochter, die vom zwölften bis zum fünfzehnten,« hatte sie unter allen Schrecken der Revolution während der Zeit von 1790 bis 1793 in Paris verlebt. Sie ist deshalb mit der Guillotine ebenso bekannt wie mit ihrer Schere und spricht ganz ruhig und sogar billigend von Menschen und Dingen, welche für uns Gegenstände des Abscheus sind.«

»Ach, ich wünschte, mein erster Abend bei ihr wäre vorüber!« rief ich unwillkürlich.

Der erste Abend bei Lady Deighton ging besser vorüber, als ich erwartet hatte. Ihre Zimmer lagen in der Nähe der alten Kapelle, teilweise über der großen Klosterküche, und die Sage erzählte, dass sie ehemals von den herrschenden Äbten der Brüderschaft bewohnt worden seien. Es gab in diesem Teile des Gebäudes viele kleine, düstere Räume und zahllose verworrene Gänge und geheime Treppen. Sie hatte zwei Gemächer inne, ein Wohnzimmer und ein Schlafgemach, deren Fenster nach einem inneren Hofe der Abtei gingen. Ein etwas labyrinthischer Verbindungsweg brachte uns endlich zu einer großen, schweren Tür, welche sich auf eine Art von Vorsaal öffnete, und dann schritt der mich führende Capitain durch eine zweite große Tür voran und trat mit mir in ein düsteres Gemach von mittelmäßiger Größe. Im nächsten Augenblicke stand ich vor Lady Deighton.

Sie war eine große, stark gebaute Frau, aber von schönem Wuchse, und hatte edle Züge, ein römisches Profil und große, tiefblaue Augen, die aus dem Kopfe gleichsam herauszuspringen schienen, was an der außerordentlichen Magerkeit ihres Gesichtes lag. Die Farbe desselben war ehedem wahrscheinlich von zarter Weiße und blühend gewesen, aber jetzt war an Stelle derselben eine gelbliche Blässe getreten, während auf den Backenknochen ein brennend roter Fleck ruhte. Ihre niedrige Stirn trug zahlreiche Falten, welche sich bis an die Schläfe erstreckten, und die Augenbrauen und Wimpern waren von fast rötlicher Farbe. Eine wallende Fülle lichten Haares, stark mit Grau gemischt, aber immer so nachlässig geordnet, dass es fast unordentlich aussah, war von einem schwarzen Spitzenschleier bedeckt, welcher unter dem Kinn von einem losen Knoten zusammengehalten wurde, und ihre schmalen, purpurroten Lippen ließen die weißen, etwas vorspringenden Oberzähne, namentlich beim Sprechen, teilweise unbedeckt. Ihre Kleidung bestand aus einem Hausrocke von schwerer Seide, welcher vorn offen war; ein kostbarer Shawl ruhte auf ihren Schultern, und zwei oder drei andere lagen auf dem Sofa, auf dem sie saß. Nie habe ich sie in einer anderen Kleidung gesehen. Vor ihr stand ein Tisch mit einigen Büchern und Schreibmaterialien. Das übrige Mobiliar des Zimmers war alt und schwerfällig. Alles sah darin aus, als wenn die Bewohnerin keinen Wert auf geschmackvolle Ordnung legte. So war es auch. Die Freuden des Auges sowie jede andere Freude, hatten das unglückliche Weib für immer verlassen.

»Sie stand auf und empfing mich sehr artig. Im Lauf diesses Abende sprach sie nur wenig, aber ihr Benehmen war das einer feingebildeten Frau, und in ihren Reden zeigte sich nichts Auffallendes. Später jedoch, nachdem sie bekannter mit mir geworden war, bemerkte ich eine zunehmende Veränderung in Ton und Sprache. Sie stellte häufig paradoxe Behauptungen auf, welche alle Moralität über den Haufen warfen. Oft war es schwer zu erkennen, ob sie im Ernste spreche; aber häufig zeigte sich auch unverkennbar eine bittere Aufrichtigkeit in dem heftigen Tone, mit dem sie die Meinung zu verteidigen suchte, dass es eigentlich kein wirkliches Vergehen gebe. Die Spuren der entsetzlichen Erfahrungen, welche sie in Frankreich unter der Herrschaft der Guillotine gemacht hatte, zeigten sich in ihren Definitionen vom Totschlag und Mord. Ihrer Theorie zufolge konnten »die Umstände« einen so mildernden Schatten über das schreiendste Verbrechen werfen, dass der ganze Charakter desselben dadurch verändert wurde.

Sinclair schien stets auf unangenehme Weise berührt zu werden, wenn sie so wilde Behauptungen vorbrachte. Die Töchter schlichen regelmäßig davon, sobald der Tee vorüber war; und wenn die Unterhaltung eine dem Vater unangenehme Wendung nahm, pflegte er aufzustehen, im Zimmer hin und her zu gehen und der Tür näher und näher zu kommen, bis er endlich auch die Gesellschaft verließ. Ich mochte nicht gegen die Dame streiten, allein da ich mich nicht wohl vor der Schlafzeit der Kinder entfernen konnte, so war es unmöglich, Erwiderungen und selbst Einwendungen zu vermeiden. Diese ertrug sie mit großer Ruhe, meistens mit einer Miene, welche das Bewusstsein von Superiorität und Mitleid für meine hartnäckigen Vorurteile ausdrückte; allein es gab auch Momente, wenngleich selten, in denen sie von meinen Worten ergriffen und erweicht zu werden schien, seltsamerweise namentlich dann, wenn ich eine Stelle aus dem heiligen Buche zitierte, das sie scheinbar verachtete. Nicht ohne Staunen nahm ich wahr, wie tief sie bei solchen Gelegenheiten berührt wurde, und einige Augenblicke pflegte sich dann in ihren Zügen ein Ausdruck von so peinlicher Hilflosigkeit zu zeigen, dass ich sie kaum ansehen konnte. Es war jedoch nichts als Mitleid und eine gewisse Neugierde, was ich empfand, denn angezogen von ihr fühlte ich mich niemals.

Ich war ungefähr ein Jahr in der Abtei gewesen, als sie an einem Abende — dem letzten, den wir zusammen verlebten — gesprächiger als gewöhnlich war. Es wurde von der zwischen den Zwillingstöchtern bestehenden Ähnlichkeit gesprochen, und wir waren beide der Meinung, dass dieselbe nicht größer sei als die, welche häufig zwischen Geschwistern verschiedenen Alters bestehe.

»Ich sah einmal in früherer Zeit,« sagte sie, »eine wunderbare Ähnlichkeit, und unter sehr eigentümlichen Verhältnissen, die ich nie vergessen werde. Als ich im Jahre 1792 mit meinem Vater in Paris lebte, lag unsere Wohnung in einer Straße, welche von einem der Gefängnisse nach dem Platze der Guillotine führte. Unsere Zimmer befanden sich im unteren Stockwerke, und oft sahen wir den mit Verurteilten angefüllten Karren dicht an unseren Fenstern vorüber fahren. Es gewährte mir Unterhaltung, den verschiedenen Ausdruck ihrer Gesichter zu beobachten und mir zu vergegenwärtigen, wie jeder von ihnen seine letzte Szene spielen werde. Meistens las ich darin Stolz oder dumpfe Verzweiflung, aber zuweilen auch eitlen Mut, für den ich Bewunderung hegen, und nicht selten eitle Todesfurcht, die ich verachten musste. Eines Morgens, als Santerre und der hässliche Danton bei uns frühstückten, vernahm ich den wohlbekannten Ton des nahenden Karrens. Keiner verließ jedoch seinen Sitz, bis ein plötzliches Krachen und ein lautes Geschrei uns sämtlich an die Fenster lockte. Ein Rad war gebrochen, und da es vor unserem Hause geschah, so konnten wir die Personen im Karren deutlich sehen. Es waren ihrer acht und von gewöhnlicher Erscheinung, ausgenommen ein junges Mädchen, deren Gesicht unseren Fenstern gerade zugekehrt war. Sobald mein Vater und dessen Freunde ihrer gewahr wurden, entfuhr ihnen unwillkürlich ein Ausruf der Verwunderung, und ich selbst staunte nicht minder, denn das Gesicht schien mir so bekannt zu sein. Ich glaubte das Mädchen kennen zu müssen, obgleich ich wusste, dass es mir fremd war, und erst nach mehreren Minuten wurde mir klar, dass ich mein eigenes Bild betrachtete. Ich galt damals für hübsch,« fuhr sie mit einem gespenstigen Lächeln fort, »und das junge Mädchen war ohne Zweifel sehr schön. Ihre Hautfarbe, das Haar, die Züge und die Gestalt waren der meinigen so ähnlich, dass ich in einen Spiegel zu blicken glaubte. Wir sahen einander unverwandt an, und als das Rad wieder befestigt war und der Karren sich fortbewegte, lächelte sie und warf mir mit ihrer schönen weißen Hand ein Lebewohl zu. Da stand ich in Fülle der Gesundheit, mich des Lebens freuend, während sie nach wenigen Minuten ihren jugendlichen Kopf auf den Block legen und für immer vom Dasein scheiden musste! Ich erinnere mich, eine geheime Freude empfunden zu haben, dass unser Geschick ebenso verschieden war, wie unsere Züge ähnlich. Später habe ich oft an das arme Mädchen gedacht, — oft gewünscht, dass ich an ihrem Platze dem Schafott zugefahren sein möchte.«

Sie hielt inne, und jener Ausdruck von peinlicher Hilflosigkeit schlich über ihr Gesicht, so dass ich mich versucht fühlte, zu sagen:

»Ja, wenn wir in die Zukunft blicken könnten, so würde das Leben unerträglich sein. Es ist eine barmherzige Einrichtung der Vorsehung, dass sie uns verborgen bleibt.«

Augenblicklich verschwand jener weichere Ausdruck in ihren Zügen und stolzer Trotz funkelte in ihren glänzenden Augen, indem sie antwortete:

»Barmherzigkeit? Wer ist barmherzig? Was ist Barmherzigkeit? Ist es nicht abgeschmackt, Worte zu gebrauchen, die keine Bedeutung haben? Wo ist Barmherzigkeit zu finden? Nicht auf Erden, wo jedes Geschöpf dem anderen nachstellt, und nicht im Himmel, der kalt und erbarmungslos auf das Elend herab blickt! Leben heißt leiden!«

Ich war sehr froh, dass in diesem Augenblicke das Eintreten eines Dienstboten sie nötigte abzubrechen, und dass die Uhr der Abtei die Stunde verkündete, welche mir gestattete, das Zimmer zu verlassen. Die Dame hatte mich an diesem Abende in eine so unbehagliche Stimmung versetzt, dass ich längere Zeit sinnend in meinem Zimmer verweilte, ehe ich mich zu den Kindern begab. Sie war es, die den einzigen Schatten über mein damaliges Leben warf. Bequemlichkeiten jeder Art umgaben mich, meine Zöglinge machten Fortschritte und hegten große Anhänglichkeit für mich, und selbst die Dienstboten, dem Beispiele des höflichen Herrn folgend, beobachteten eine Artigkeit gegen mich, die ich früher von ihresgleichen nie erfahren hatte. Nur Lady Deighton trübte mein Leben zuweilen, da ich mich an ihre Eigentümlichkeiten nicht gewöhnen konnte. Oft erschreckte sie mich in solchem Grade, dass ich es nicht wieder vergessen kaonte und von einer quälenden Neugier in Betreff ihrer ergriffen wurde, wegen deren ich mir häufig Vorwürfe machte. Allein dies war im Vergleich mit den vielen Annehmlichkeiten meiner Stellung ein kleines Übel, und das Ende meiner Reflexionen über diesen Gegenstand war deshalb stets der Entschluss, in der Abtei zu bleiben und alles zu tun, was in meinen Kräften stand, um die Zuneigung der unglücklichen Frau zu gewinnen und ihre Leiden, welchen Ursprung sie auch haben mochten, zu erleichtern. Keine Ahnung hatte ich an jenem Abende davon, dass schon am folgenden Tage ein zufälliges Ereignis eintreten werde, welches in kurzer Zeit die ganze Familie zerstreuen und mich nötigen sollte, eine andere Heimat zu suchen.

Wie bereits erwähnt, stand die Abtei in einer wilden und entlegenen Gegend von Cornwall, und die Wege in der Umgebung waren deshalb meistens sehr schlecht und teilweise sogar gefährlich. Von dieser Beschaffenheit war namentlich ein Weg, welcher von dem nördlich hinter der Abtei gelegenen steilen Hügel herab und in die durch das Dorf laufende Landstraße führte. Auf demselben erlitten am Morgen nach der soeben geschilderten Unterhaltung mit Lady Deighton zwei Reisende, während sie in ihrem eigenen Wagen den Hügel herab fuhren, einen Unfall. Es kam die Nachricht nach der Abtei, dass in geringer Entfernung ein Wagen zerschellt und einer der darin befindlich gewesenen Herren auf der Stelle getötet, der andere aber schwer verletzt worden sei. Als Capitain Sinclair jedoch in Begleitung mehrerer Dienstboten den Ort des Unfalls erreichte, ergab sich, dass die Sache nicht so schlimm war, wie sie geschildert worden. Man fand einen Chig, dessen Rad und Deichsel zerbrochen, und dessen Pferd mit den abgerissenen Strängen entflohen war, und einen Herrn, welcher augenscheinlich in großer Pein an der Seite des Weges auf der Erde lag, und dem sein unverletzter Begleiter beizustehen versuchte. Sinclair schickte sogleich einen reitenden Boten nach dem zunächst wohnenden Arzte ab, und ließ dann den Verletzten auf Kissen nach der Abtei tragen und in einem Zimmer des unteren Stockes niederlegen. Der Leidende erholte sich bald so weit, dass er aufstehen konnte, und erklärte dann, keine anderen Verletzungen erlitten zu haben, als einen Stoß an den Kopf, von dem er betäubt worden, und, wie er fürchte, einen Knochenbruch am linken Arme. Der Wundarzt versicherte nach genauer Untersuchung dass es nur ein einfacher Bruch über dem Handgelenke sei, der in kurzer Zeit heilen werde. Über die Verletzung am Kopfe konnte er sich nicht so bestimmt aussprechen. Er verordnete Blutegel und kalte Umschläge und befahl, dass der Kranke sich mindestens zwei Tage lang in einem verdunkelten Zimmer völlig ruhig verhalte.

Das Gemach, wohin er gebracht worden war, lag im neueren Teile der Abtei und wurde schnell mit einem Bett und anderen Erfordernissen versehen; und nachdem die Blutegel ihr Werk verrichtet hatten, wurde der Kranke der Hut und Pflege unserer alten Haushälterin überlassen.

Als Capitain Sinclair hierauf mit dem anderen Fremden in unser Wohnzimmer trat, erkannte ich in letzterem einen mir seit mehreren Jahren bekannten Herrn. Er war der Oheim einer Schülerin, deren Erziehung ich vollendet hatte, und mit der ich seitdem in sehr inniger Beziehung geblieben war. Wir freuten uns beide, einander zu sehen, und er bat mich sodann, ihn als Mr. Davis, den Pfarrer von Stepworth in Sommersetshire, dem Hausherren vorzustellen, indem er bemerkte, dass sein verletzter Reisegefährte ein junger Rechtsgelehrter aus Schottland namens Mac Ivor, sei, mit dem er einen kleinen Ausflug unternommen habe. Capitain Sinclair, dessen menschenfreundlichen Herz sich besser mit seiner in Indien gewohnten Gastfreundschaft, als mit der in der Abtei üblichen Lebensweise vertrug, erklärte Mr. Davis, dass er und sein Gefährte sich so lange als seine Gäste ansehen müssten, bis letzterer ohne Nachteil die Reise fortsetzen könne.

Bald darauf trennten wir uns, um für die Mittagstafel Toilette zu machen, und als wir wieder zusammenkamen, war ich angenehm überrascht zu sehen, wie sehr Sinclair sich durch diesen unerwarteten Besuch aus seiner gewöhnlichen Schlaffheit hatte erwecken lassen. Am nächsten Morgen brachte Mr. David gute Nachrichten von Mac Ivor. Letzterer versicherte ganz wohl zu sein und murrte entsetzlich über die beschränkenden Vorschriften des Arztes und die gewissenhafte Befolgung derselben von Seiten der alten Wärterin. Als noch ein Tag verstrichen und alle Befürchtung in Betreff der Verletzung am Kopfe verschwunden war, zeigte Mr. Davis an, dass Mac Ivor seinen Entschluss erklärt habe, am nächsten Tage in unserem Kreise zu erscheinen.

»Sie werden finden, dass er ein viel angenehmerer Gesellschafter ist als ich,« sagte er. »Jedermann hat ihn lieb.«

Capitain Sinclair, welcher selbst entfernte Verwandte in Schottland hatte, begann nach dem Clan und der Familie des jungen Rechtsgelehrten zu fragen.

»Er stammt aus einem sehr alten Geschlechte der Hochlande,« versetzte Mr. Davis, »und alle Glieder seiner Familie sollen ebenso geschickt und so sonderbar sein, wie er selbst ist. Es gibt keinen Mac Ivor der nicht sogenannte »Käfer« im Kopfe hat. Viele seiner Vorfahren waren berühmte Seher, sagt man. Auch seine Mutter gehörte der Familie durch ihre Geburt an, denn sie war Geschwisterkind mit seinem Vater. Er selbst hat deutliche Erinnerungen an gewisse Ereignisse, die sich beim Tode seines Vaters zutrugen und mindestens sehr sonderbar genannt zu werden verdienen. Er war damals sechs Jahre alt und ohne Zweifel ein Knabe von klarem Verstande. Der Vater hatte sich lange Zeit von Hause abwesend befunden, in England, und an einem stillen Sommerabende wurde seine Rückkehr stündlich erwartet. Zu ihrem von Gärten umgebenen Wohnhause führte eine lange Allee. Der Knabe saß im Kreise seiner älteren Geschwister, gespannt auf den fernen Schall von Rädern horchend, um beim ersten Zeichen hinaus zu springen und dem kommenden Vater entgegen zu eilen, als plötzlich die Mutter vom Sitze aufstand und, starr vor sich hin blickend, sagte: »Es ist ein Fremder, der uns naht!« In demselben Augenblicke vernahmen die Kinder auch das lange erwartete Rollen eines sich nahenden Wagens, allein gleichzeitig wurde ihre Aufmerksamkeit in höchst peinlicher Weise auf ihre Mutter gelenkt, welche zu Boden sank, ihren Kopf unter dem Shawle barg und, als der Wagen vor der Pforte hielt, mit leichenblassem Gesichte aufblickend, fortfuhr: » Euer Vater liegt sterbend auf einem englischen Bett, — Fremde wachen bei ihm! Er ist tot!« Mac Ivor versichert, dass alles, was sie gesagt, sich als vollkommen wahr erwiesen habe. Sein Vater war auf der Rückreise plötzlich schwer erkrankt, und der kommende Wagen brachte einen Boten mit dieser traurigen Nachricht. Wie sich später ergab, war der Vater bereits gestorben, ehe der Bote bei der Familie anlangte.«

»Und halten Sie das für wahr?« fragte ich.

»Was soll ich sagen?« war seine Antwort. »Hier handelt es sich um eine Tatsache, die ein Augenzeuge bekundet, welcher jeder Ausschmückung durch erdachte Hinzufügungen unfähig ist. Ich kann der Erzählung meinen Glauben nicht versagen, und danke nur Gott, dass unsere englischen Mütter keine solche Sehergabe besitzen, um ihre Kinder damit auf den Tod zu erschrecken.«

»Hat Ihr Freund diese seltsame Gabe nicht ererbt?« fragte der Capitain Sinclair.

»Nein —- ich glaube nicht,« entgegnete Mr. Davis etwas zögernd. »Mindestens habe ich nie gehört, dass er sich eines Blickes in die Zukunft rühmen könne. Aber wenn alles wahr ist, was man sich von ihm erzählt, so hat er zuweilen ein seltsames Erkenntnisvermögen in Bezug auf gegenwärtige Umstände.«

»Ein solches Erkenntnisvermögen ist nichts sehr Ungewöhnliches,« bemerkte ich lächelnd; »ich verstehe in der Tat nicht recht, was Sie meinen.«

»Ja, es ist schwer, das zu erklären, was man selbst nicht recht begreift. Er soll zu Zeiten eine Ahnung von der Nähe oder dem Vorhandensein eines Verbrechens haben. Er selbst spricht nicht gern darüber, denn nur einmal, so lange ich ihn kenne, habe ich aus seinem Munde eine darauf bezügliche Äußerung gehört und auch diese war nur ganz kurz ,als wenn er sich scheute, den Gegenstand zu berühren.«

»Was sagte er?«

»Er sagte, es sei wahr, dass ihn ein sonderbares, peinliches Gefühl an Orten beschleiche, wo eine böse Tat begangen worden, und dass er öfters durch dieses Gefühl auf eine nicht zu beschreibende Weise zu der Entdeckung des Verbrechers hingeführt worden sei.«

»Das ist nichts als eine Art von Wahnsinn,« sagte ich.

»Nie gab es wohl einen klareren und gesunderen Verstand auf Erden, als der seinige ist,« versetzte Mr. Davis mit Wärme.

»Hat er Beispiele von der Ausübung dieser seltsamen Fähigkeit angeführt?« fragte Sinclair.

»Nein. Er sagte, die Fälle seien selten und stets mit großer Unbehaglichkeit und selbst Qual für ihn verbunden. Damit Sie jedoch nicht glauben, dass ich selbst derartige wunderbare Geschichten erfinde, will ich Ihnen ein merkwürdiges Beispiel erzählen, das ich zwar nicht selbst erlebt, aber aus dem Munde seines Schreibers, eines ganz zuverlässigen Menschen, gehört habe, der dabei gegenwärtig war.«

»Oh, erzählen Sie!« riefen alle Stimmen, unter denen sich auch die meiner mit großer Spannung zuhörenden Zöglinge befanden.

»Ich brauche nicht die besonderen Umstände zu erwähnen,« begann er, »wegen deren Mac Ivor von einer verwitweten Dame zu Rat gezogen wurde, deren Schicksal von der Auffindung eines Testamentes abhing, welches ihr verstorbener Gatte errichtet hatte, und das, wie sie behauptete von irgendjemandem gestohlen und beiseite geschafft worden war. Die Witwe machte zwei Zeugen namhaft, welche es in ihrer Gegenwart unterschrieben hatten. Der eine derselben war gestorben; der andere, ein Dienstbote der Familie, bekundete, irgendein Dokument unterzeichnet zu haben, aber konnte nicht mehr mit Bestimmtheit angeben, was es betroffen habe, und glaubte, es sei nur eine Vollmacht für einen Anwalt gewesen. Mac Ivor hegte vom ersten Augenblicke an Misstrauen gegen den Neffen der Dame, welcher zwar ein reicher Mann, aber dennoch entschlossen war, sein Recht als nächster Intestaterbe geltend zu machen, obgleich die Witwe seines Oheims dadurch an den Bettelstab kommen musste. Er stieß jedoch bei Mac Ivor auf einen gefährlichen Gegner. Nachdem Letzterer in Erfahrung gebracht hatte, dass der noch lebende Zeuge von dem Neffen in Dienst genommen worden war, bestand er darauf, den Mann zu sehen und zu sprechen. Der Neffe machte viele Ausreden, schützte vor, derselbe sei abwesend, und später hieß es, er sei krank, allein Mac Ivor gab nicht nach; und nachdem er seine Absicht erklärt hatte, den Arzt zu sprechen, welcher den Mann behandelte, willigte der Neffe endlich ein, dass Mac Ivor ihn am folgenden Tage zu einer bestimmten Stunde in seinem Schlafzimmer besuchen dürfe. Bis dahin hatte Mac Ivor von dem beabsichtigten Besuche keinen anderen Erfolg erwartet, als den, durch ein scharfes Verhör des Mannes einiges Licht über das geheimnisvolle Verschwinden des Testamentes zu verbreiten. Der Schreiber, welcher mir die Geschichte erzählte, begleitete ihn nach dem Hause des Neffen und sagte, dass Mac Ivor sich auf dem Wege dahin ganz wie gewöhnlich mit ihm unterhalten, aber bei dem Eintritt in das Haus plötzlich starr um sich geblickt und die Farbe gewechselt habe. Ein Diener schritt ihm die Treppe hinauf voran, während der Schreiber hinter Mac Ivor folgte und deutlich sah dass sein Prinzipal mehrere Male wankte und sich halten musste. Als sie die Tür des Schlafzimmers erreichten, fasste er den Arm des Schreibers und zitterte sichtlich.«

»Aber,« erzählte Letzterer, »»als wir über die Schwelle traten, ließ mein Prinzipal meinen Arm los, stieß mich fast von sich und schritt geraden Wegs auf das Bett zu. Das Gemach war verdunkelt worden, so dass ich anfangs kaum den von den Kissen und Decken umhüllten angeblich Kranken zu erkennen vermochte. Mr. Mac Ivor riss die Decken fort und rief: »Hier ist keine Krankheit! Setzet Euch aufrecht!« Nie vorher hatte ich ihn mit einer so furchtbaren Stimme sprechen hören, wie in diesem Augenblicke. Der Mann richtete sich erschrocken auf, und sein Herr, welcher hinter den Bettvorhängen versteckt gewesen war, trat gleichfalls hervor und stand nun auf der anderen Seite des Bettes gegenüber. »Fragen Sie,« sagte er« »der Mann wird antworten. Er räumt ein, eine Unterschrift vollzogen zu haben, aber —.« Ohne seine Worte zu beachten, unterbrach ihn Mac Ivor. »Heraus damit!« rief er mit derselben Stimme wie vorher. »Heraus mit dem Testamente! Es liegt unter Eurem Kopfkissen!« Mit diesen Worten griff er unter das Bett und zog ein Dokument hervor. Der angebliche Kranke zitterte am ganzen Körper und war unfähig, es zu verhindern. Sein Herr tat einen Griff danach über das Bett und sagte einige sehr heftige Worte, aber Mac Ivor schob das Papier in seine Tasche und sagte nur: »Wenn ich nicht von Ihnen höre, so werden Sie von mir hören,« und verließ das Haus, während ich ihm wie ein Träumender folgte. Nie erwähnte er später des Vorfalls gegen mich, aber das Testament war gefunden, und die Dame erlangte ihr Recht.««

»Und was folgte darauf? Wurden der Diener und sein böser Herr nicht bestraft?« fragte ich.

»Der weitere Verlauf ist mir nicht bekannt,« versetzte Mr. Davis. »Die Dame wünschte dass die Sache verschwiegen bleibe. Es hieß, dass der Neffe über die Entdeckung des Testaments nicht minder als jeder andere erstaunt und der Meinung gewesen sei, dass der Mann die Urkunde vernichtet habe, welche er sich während der Krankheit seines früheren Herrn angeeignet hatte.«

»Die Erzählung befriedigt mich nicht recht,« bemerkte ich nach einer Pause; »über manche Punkte wünschte ich gründliche Auskunft zu haben.«

»Auch ich,« fügte Mr. Davis hinzu. »Einige Male habe ich versucht, bei Mac Ivor selbst auf die Sache anzuspielen, allein er fertigte mich jedes Mal kurz ab. Seine Antwort war nur, dass es allerdings ein merkwürdiger Fall sei, aber dass häufig vermisste Dokumente durch ganz zufällige Umstände wieder aufgefunden würden. Bei diesen Worten drückte sich zugleich eine solche Unruhe in seinem Gesichte aus, dass ich nicht länger von dem Gegenstande sprechen mochte.«

»Meine Meinung ist,« versetzte ich mit Bestimmtheit, »dass Mr. Ivor auf irgendeinem Privatwege Kenntnis von den Umständen erlangt hatte und mit Benutzung derselben den Mann einschüchterte und um Geständnisse brachte, sowie dass das Mystische in der Erzählung lediglich aus den Träumereien des Schreibers herrührt.«

Gegen diese Erklärung, welche der Geschichte allen Reiz raubte, protestierten meine beiden Zöglinge mit größtem Eifer, worauf sich die Unterhaltung einem anderen Gegenstande zuwendete.

Nachdem die Herren uns verlassen hatten, erschöpften sich beide Mädchen in Vermutungen über die Persönlichkeit dieses geheimnisvollen Mac Ivor. Janet, welche eine Neigung zum Romantischen hatte, meinte, dass er groß, mager und bleich sein, und schwarzes Haar, eine römische Nase und wild funkelnde, dunkle Augen haben müsse; wogegen Ellen behauptete, dass die Augen blau, die Nase griechisch und das Haar braun sein müssten.

Am nächsten Tage erschien der Held im Wohnzimmer, und zwar als ein freundlicher Mann, von kaum mittlerer Größe, mit einer sehr gewöhnlichen Nase, kleinen aber scharfen und klugen Augen und schwachem, rötlichem Haar. Er besaß jedoch ein sehr angenehmes Lächeln und eine fesselnde Ausdrucksweise, so dass wir alle bald mit größter Teilnahme der Schilderung seines Unfalls zuhörten, die er auf höchst komische Weise vortrug. Während des Mittagessens war er die Seele der Unterhaltung, voll von Anekdoten, und erzählte unaufhörlich, ohne ermüdend zu werden, so dass wir nichts tun konnten, als zuhören und lachen.

Der angenehme gesellige Verkehr in der Abtei währte mehrere Tage, in denen wir immer vertrauter mit den uns vom Zufalle zugeführten Gästen wurden. Sobald sie daher von ihrer Abreise zu sprechen begannen, erhob sich jede Stimme dagegen, und auch Capitain Sinclair bat sie, nicht eher daran zu denken, als bis Mac Ivor den Gebrauch seines gebrochenen Armes völlig wiedererlangt habe.«

»Auf jeden Fall« sagte Mr. Davis, »möchte ich vor unserer Abreise diese seltsame Mischung von Gebäuden, »die graue Abtei« genannt, in näheren Augenschein nehmen. ich bin nämlich ein halber Architekt und Altertümler, und habe bereits drei Höfe besichtigt und in so zahllose kleine Fenster geschaut, dass ich ein brennendes Verlangen trage, mit den Räumen und Gängen des Innern näher bekannt zu werden.«

»Sie müssen sich die Küche und die Kapelle ansehen,« bemerkte ich, »es sind die größten Merkwürdigkeiten des Gebäudes, — vielleicht die einzigen, welche wirklich sehenswert sind.«

»Erst der Segen, dann der Braten,« wandte Mac Ivor scherzend ein. »Sie hätten sagen sollen, die Kapelle und die Küche.«

»Sie können sie diesen Abend noch sehen, — in fünf Minuten, wenn es Ihnen gefällt,« bemerkte der Capitain Sinclair. »Was die übrigen, seit langer Zeit verschlossenen Teile der Abtei betrifft, so weiß ich wirklich nicht, ob die alte Haushälterin, welche mindestens seit fünfzig Jahren hier ist, alle Schlüssel dazu wird finden können. Ich selbst habe nie eine solche Reise versucht.«

»Ist es möglich?« rief Mac Ivor. »Wohnte ich hier, so würde ich nicht eher ruhen, als bis jeder Winkel untersucht worden wäre. Ich möchte gern mehr über diesen Ort hören. Ohne Zweifel gibt es hier Spukzimmer, verborgene Gänge, geheime Türen und dergleichen, und wahrscheinlich hat sich auch König Carl II. auf seiner Flucht hier verborgen gehalten.«

»Nun, Mr. Mac Ivor, « sagte ich« »Sie haben vielleicht mit Ihren Vermutungen nicht ganz unrecht. Es soll in der Tat ein geheimes Zimmer in der Abtei geben, — nicht wahr, Captain Sinclair?«

»Ja, ich habe so etwas gehört,« erwiderte er. »Aber wenn es auch da ist, so werden Sie es schwerlich sehen können, denn kein menschlichen Wesen weiß es zu finden.«

»Ist es möglich?« riefen beide Herren.

»Ganz gewiss,« versetzte der Capitain. »Meine Frau allein würde vielleicht im Besitze des Geheimnisses sein, wenn Sir Thomas nicht so plötzlich gestorben wäre. Es ist bekannt in der Umgegend, dass mindestens ein, vielleicht auch zwei und mehr geheime Zimmer in der Abtei vorhanden sind. Der Sage nach ist das Geheimnis jedem Besitzer des Grundstücks unter eidlicher Angelobung des tiefsten Schweigens von seinem Vorgänger vertraut und unter derselben Bedingung auf dessen Erben übertragen worden; allein obgleich meine Frau in den Besitz der Abtei gekommen ist, so hat ihr erster Gemahl, Sir Thomas, doch niemals über diesen Gegenstand mit ihr gesprochen.«

»Ich möchte doch an der Existenz dieser geheimen Zimmer zweifeln,« wandte ich ein.

»Etwas Wahres mag wohl daran sein,« erwiderte Sinclair. »Ein Farmer aus der Nachbarschaft erzählte mir, dass er sich deutlich des Geschreis und Lärmens in der Umgegend zur Zeit des Prätendenten wegen mehrerer verdächtiger Personen erinnere, deren Spuren bis zur Abtei verfolgt worden waren. Es wurde strenge Nachsuchung in allen Teilen des Gebäudes gehalten, und eine Abteilung Soldaten bewachte es mehrere Wochen lang, allein nichts ließ sich von den Flüchtlingen innerhalb und außerhalb der Mauern entdecken. Später jedoch, nachdem die Nachforschungen als fruchtlos aufgegeben worden waren, erzählte mein Berichterstatter, habe sein Vater in der Nacht mehrere Personen die Abtei verlassen, an das Meeresufer eilen, dort ein Boot besteigen und nach einem in geringer Entfernung liegenden Schiffe fahren sehen. Der Mann, welcher einen kleinen Schmuggelhandel betrieb, war genötigt gewesen, sich in einer Höhle der Klippen zu verbergen, aus der er ein dort verstecktes Fass Rum hatte holen wollen, und erkannte bei dieser Gelegenheit deutlich Sir Ralph Deighton, den damaligen Besitzer der Abtei, welcher die erwähnten Personen bis an das Ufer begleitet hatte, von ihnen Abschied nahm und dann nach der Abtei zurückkehrte.

»Haben Sie nie den Versuch gemacht, diese Zimmer zu entdecken?« fragte Mac Ivor.

»Unser Pfarrer, Mr. Dalton, hat unaufhörlich danach gesucht und die Pläne der älteren Teile des Gebäudes, in denen sich diese Gemächer befinden müssen, sofern sie überhaupt vorhanden sind, dabei zu Rate gezogen, aber —«

»Ohne Erfolg?«

»Ohne den geringsten.«.

»Dennoch würde ich nicht eher ruhen, als bis ich sie gefunden hätte,« erklärte Mac Ivor.

»Aber zu welchem Zwecke?« versetzte der ruhige Sinclair. »Es sind mehr als hundert zugängliche Zimmer in der Abtei vorhanden; welchen Nutzen hätte es also, die Zahl derselben noch um zwei oder drei zu vermehren, die mutmaßlich ebenso verfallen und unbequem sein würden, wie die anderen?«

Gegen dieses vernünftige Argument konnte niemand etwas einwenden, und fröhlichen Sinnes brachen wir sämtlich auf, um unseren Gästen die Merkwürdigkeiten der Abtei zu zeigen, ohne zu ahnen, dass die nächste Stunde das erste Glied einer Kette von Ereignissen bringen werde, welche schweres Unglück über unseren gütigen und gefälligen Wirt verhängen sollten.

Zuerst besuchten wir die Küche, in deren Einrichtung wenig verändert sein mochte seit jener Zeit, in der sie mehr als hundert Mönche und Dienstleute gespeist hatte. Es mochten übrigens jetzt beinahe ebenso viele Personen ihre Nahrung aus derselben empfangen, denn die Zahl der Dienstboten war sehr groß, und außer ihnen wurden noch viele Tagelöhner in der Abtei beschäftigt. Das Feuer, welches ohne Unterbrechung auf dem Herde brannte, war vielleicht nicht kleiner als jenes gewesen, das zur Zeit der Äbte gebrannt hatte.

Nicht ungern verließen wir die glühende Atmosphäre, um uns nach der Kapelle zu begeben, welche mit der Küche einen ganzen Flügel der Abtei einnahm. Hier gab es viel Interessantes für Männer von Bildung und Geschmack. Die dort befindlichen Schnitzereien waren sehr schön, aber alles sah vernachlässigt und dem Verfall entgegengehend aus. Am westlichen Ende, dem Altar gegenüber und oberhalb der Tür, durch die wie eingetreten waren, befand sich die sogenannte Abtsgalerie. Sie erstreckte sich durch die ganze Breite dieses Teiles der Kapelle, welche man von ihr aus überblicken konnte, und hatte an jedem Ende einen für zwei Personen genügenden Raum, der durch ein reich geschnitztes hölzernes Gitter verdeckt war. Hier war, so hieß es, der Sitz des Abtes gewesen, um die Mönche ungesehen beobachten zu können. In der hinteren Wand der Galerie befand sich eine Tür, welche einen Verbindungsweg zu den Zimmern des Abtes eröffnete; und zu der Galerie selbst gelangte man von der Kapelle aus durch eine kleine Wendeltreppe, die zu einer niedrigen Pforte oberhalb führte.

Wir wanderten zerstreut umher, uns durch Zurufen auf die verschiedenen Sehenswürdigkeiten aufmerksam machend, als ich Mac Ivor, an einen Pfeiler gelehnt und in Gedanken versunken, am westlichen Ende der Kapelle stehen sah. Bald darauf stieg er die eben erwähnte kleine Treppe hinauf, ging durch die oben befindliche Pforte und entschwand meinen Blicken. Ich suchte ihn in dem offenen Teile der Galerie, aber konnte ihn nicht entdecken; und da mich in demselben Augenblicke jemand anredete, so vergaß ich ihn, bis wir die Kapelle zu verlassen im Begriffe waren und Mr. Davis nach seinem Freunde Mac Ivor zu rufen begann.

»Ich sah ihn vor wenigen Minuten die Abtstreppe hinaufgehen,« sagte ich.

»Aber ich sehe ihn doch nicht in der Galerie,« erwiderte er und begann von Neuem zu rufen.

»Er wird durch den Gang in die Abtei gegangen sein,« bemerkte eins der beiden jungen Mädchen.

Capitain Sinclair blickte mich an, so wie ich ihn, und ich sah, dass er gleich mir an die Nähe der von seiner Frau bewohnten Zimmer dachte. Ohne ein Wort zu äußern stieg er schnell die Treppe hinauf und erschien in der Galerie.

»Davis,« rief er gleich darauf herab, kommen Sie hierher! Ihrem Freunde ist etwas zugestoßen, er hat einen Anfall, eine Ohnmacht, oder etwas Ähnliches bekommen.«

Mr. Davis rannte eiligst hinauf, und ich folgte, weil ich zufällig etwas flüchtiges Salz bei mir hatte. Letzterer hob den am Boden liegenden Mac Ivor auf, welcher bleich und bewusstlos war, während seine Augen starr und weit geöffnet waren.

»Wir müssen ihn nach der Abtei schaffen,« sagte Sinclair, worauf beide den Ohnmächtigen den Gang entlang zu tragen begannen, als plötzlich Lady Deighton die Türe ihres Wohnzimmers öffnete, an der sie vorüber mussten, und nach der Ursache des ungewöhnlichen Geräusches fragte.

Sie war bald erklärt. Natürlich hatte die Dame von der Anwesenheit der Gäste gehört, aber beide nie gesehen, und bestand jetzt mit aller ihr dann und wann zu Gebote stehenden Höflichkeit darauf, dass der Kranke in ihr Zimmer gebracht und dort auf das Sofa gelegt werde. Ich hielt das Salz an seine Nase, dessen Schärfe ihn bald zu sich brachte. Er hob den Kopf auf und blickte wild umher. Sein Gesicht war leichenblass, der Mund sprachlos und die Augen stierten sinnlos die ihn umgebenden Gegenstände an, bis sie endlich auf Lady Deighton ruhen blieben und ein sonderbarer Ausdruck in seinen Zügen hervortrat.

»Ich bin Ihrem Freunde unbekannt, was nicht sein sollte,« sagte die Dame lächelnd zu Mr. Davis »allein jedermann kennt mich als eine Leidende und hat deshalb Nachsicht mit mir. Sie werden auch, hoffe ich,« fuhr sie, Mac Ivor näher tretend mit so einnehmender Miene, fort, wie ich selten an ihr wahrgenommen, »Sie werden auch. hoffe ich —«

Plötzlich aber hielt sie inne, und man denke sich unser Erstaunen, als wir ihn beide Hände heftig vorstrecken sahen, als wollte er sie von sich stoßen.

»Zurück!« rief er. »Zurück!«

Sie blieb stehen, und wir blickten uns alle erstaunt an.

»Fort!« wiederholte er schwächer als vorher, aber mit demselben Ausdrucke von Abscheu.

Mr. Davis ergriff in seiner Bestürzung Mac Ivors Arm und sagte: »Wir müssen ihn nach seinem eigenen Zimmer bringen!« worauf Sinclair nicht minder verwirrt und erschreckt, den anderen Arm desselben mit der Bemerkung ergriff, dass er den Weg zeigen wolle. Sie verließen das Zimmer und ich folgte ihnen, kaum wissend was ich tat. Welchen Eindruck dieses seltsame Benehmen auf Lady Deighton machte, habe ich nie erfahren. Erst nachdem ich mich bereits einige Zeit in meinem Zimmer befunden hatte, fiel mir ein, dass ich sie nach einem so sonderbaren Ereignis nicht hätte verlassen sollen, allein es war geschehen und nicht mehr zu ändern. Meine Zöglinge waren uns nicht nach der Abtsgalerie gefolgt, sondern hatten die Kapelle auf dem gewöhnlichen Wege verlassen.

Als Mr. Davis sich beim Tee wieder zu uns gesellte, sah er sehr aufgeregt aus, aber brachte dessen ungeachtet gute Nachricht in Betreff seines Freundes, indem er sagte, dass derselbe sich von dem Anfalle völlig erholt habe und nur auf seine Bitte zu Bett gegangen sei, weil er sich noch angegriffen fühle. Eine Erklärung von Mac Ivors Betragen gegen Lady Deighton gab er nicht, und erwähnte desselben mit keinem Worte. Nach dem Tee kehrte er zu seinem Freunde zurück, und kam erst in dem Augenblicke wieder zu uns, als wir im Begriffe waren, uns für die Nacht zu trennen. Während ich einen nach meinem Zimmer führenden Gang entlang schritt, hörte ich ein leises Geräusch hinter mir und gewahrte, rückwärts blickend, Mr. Davis, welcher mit leisen und eiligen Schritten mich einzuholen suchte.

»Miss Vernon,« flüsterte er mir zu, »hätten Sie die Gefälligkeit, morgen früh allein in den Garten zu kommen? Ich wünschte, mit Ihnen sprechen zu können. Bitte, kommen Sie, wenn es möglich ist, Sie werden mir dadurch eine große Gunst erzeigen.«

»Gewiss,« erwiderte ich erstaunt, und fügte nach kurzem Bedenken hinzu: »Ich werde um sieben Uhr auf der Bank in der Laube sein.«

»Danke, danke!« rief er und entfernte sich.

Die eigentümliche Beschaffenheit dieses kurzen Gesprächs machte einen solchen Eindruck auf mich, dass ich alles, was sich seit Mac Ivors Anfall in der Kapelle ereignet hatte, zu Papier brachte. Später folgten die seltsamsten Begebenheiten so schnell auf einander, dass ich jeden Abend die Ereignisse des Tages umständlich niederschrieb, was mich in den Stand setzt, jetzt eine getreue Schilderung jener kurzen, aber entsetzlichen Episode in meinem bis dahin so ruhigen Leben zu geben.

Um sieben Uhr traf ich Mr. Davis an dem verabredeten Orte bereits an. Er grüßte freundlich, und als wir uns gesetzt hatten, begann er folgendermaßen:

»Meine liebe Miss Vernon, ich kann Ihnen nicht sagen, wie lieb es mir ist, hier eine Freundin in Ihnen gefunden zu haben, denn ich weiß wahrlich nicht, was ich tun soll, und bedarf des Rates.«

Ich murmelte etwas von Bereitwilligkeit, obgleich ich selbst nicht geringe Verlegenheit empfände, worauf er mir dankte und fortfuhr:

»So groß auch meine peinliche Unruhe ist, so kann ich mir doch nicht verhehlen, dass etwas Lächerliches in der Mittheilung liegt, welche ich Ihnen zu machen habe. Mac Ivor hat wieder eine Anwandlung seiner Sehergabe, und zwar in Bezug auf diese alte Abtei gehabt. Diesen Morgen ist er ruhiger und vernünftiger, aber in der vorigen Nacht phantasierte er unaufhörlich von einer verbrecherischen Atmosphäre, die ihn umgebe. In der Küche erwachte das Gefühl in ihm, sagte er, und wurde in der Kapelle und namentlich in der Abtsgalerie jeden Augenblick stärker, so dass es ihn endlich vollkommen übermannte, und als er, aus der Betäubung erwachend, Lady Deighton vor sich sah, war ihm augenblicklich klar, dass es sich auf sie beziehe.«

»Gerechter Himmel!«

»Ja, das mögen Sie wohl rufen. Unmöglich kann ich Ihnen erzählen, was er in der vorigen Nacht alles gesagt hat; aber selbst diesen Morgen bleibt er bei der Behauptung stehen, dass ein schweres Verbrechen hier begangen worden sei. Etwas Näheres und Bestimmtes kann er nicht angeben, aber er versichert, dass es in irgendeiner Beziehung zu Lady Deighton stehe. Sie habe entweder Sir Thomas ermordet, vermutet er, oder letzterer lebe noch irgendwo in der Abtei versteckt, — vielleicht in einem der geheimen Gemächer, und —«

»Er ist verrückt,« rief ich ärgerlich. »Sir Thomas starb in seinem Bett, gerade so, wie es die Ärzte unzählige Male prophezeit hatten, und zu verwundern war nur, dass er überhaupt so lange gelebt hat. Nicht tot und begraben, —- eine lächerliche Idee! Dr. Sanders sah und untersuchte den Leichnam und schilderte uns den Ausdruck seiner Züge, wie ich mehrere Male aus seinem Munde gehört habe. Was sollen wir mit dem Wahnsinnigen machen, Mr. Davis? Gut ist es, dass Sie gestern so entschieden von der Abreise gesprochen haben. Es tut mir unendlich leid, allein Sie werden einsehen, dass er schleunigst von hier entfernt werden muss.«

»Ja,« erwiderte Davis mit komisch trauriger Miene, »das ist schon wahr, allein —- er will nicht gehen.«

»Will nicht gehen?«

»Nein, er weigert sich ganz entschieden und erklärt, dass er nach der Entdeckung einer solchen Spur warten müsse, um zu sehen, wohin sie führe. Nie zuvor, versichert er, sei dieses übernatürliche Gefühl so gewaltig in ihm gewesen. Er will sich ganz ruhig verhalten, aber nicht eher den Ort verlassen, als bis ihm völlige Aufklärung geworden.«

»Das ist unerträglich und kann unmöglich gestattet werden,« versetzte ich. »Sie müssen an seine Verwandten schreiben. Hat er keine Brüder?«

»Ja, zwei Brüder, von denen der eine sich glücklicherweise gerade jetzt in Bath befindet und ein recht verständiger Mann ist. Ich will ihm sogleich schreiben und ihn bitten, hierher zu kommen. Wenn ich den Brief nach heute auf die Post gebe, so kann er am Donnerstagabend schon hier sein.«

»Gut,« sagte ich, »so lange, bis er eintrifft, müssen wir alles tun, was in unseren Kräften steht, um Ihren Freund zu unterhalten und zu zerstreuen: namentlich muss er viel in der freien Luft und der Abtei möglichst fern gehalten werden. Es gibt manche hübsche Punkte in der hiesigen Umgegend, die besucht werden müssen, so dass jeder Tag eine Abwechslung bietet. Meine Zöglinge werden sich freuen. Schade, recht schade! Nie habe ich Capitain Sinclair so heiter und umgänglich gesehen, wie in der Zeit Ihres Hierseins.«

»Ihr Plan scheint mir der zweckmäßigste zu sein, den wir finden können.« bemerkte Mr. Davis. »Auf diese Weise wird Mac Ivor von seinen Gedanken abgezogen werden, ermüdet heim kommen und sich dann ruhig verhalten. Ein paar Tage vergehen schnell.«

»Ja,« erwiderte ich, aber um eins muss ich bitten.«

»Was ist es?« fragte er.

»Mich nie mit meinen Zöglingen in seiner Gesellschaft allein zu lassen.«

»O, das will ich gern versprechen,« antwortete er lachend. »Gefährlich ist er durchaus nicht, aber dessen ungeachtet will ich strenge Wache über ihn halten.«

Nach dieser Unterhaltung begaben wir uns zum Frühstück. Das Folgende ist die Abschrift dessen, was ich am Abende desselben Tages für mein Tagebuch niederschrieb.

II

Was für ein schrecklicher Tag der heutige gewesen ist! Kaum kann ich meine Gedanken genügend sammeln, um eine klare Schilderung davon zu geben, obgleich ich fühle, wie wichtig es ist, alles, was sich ereignet hat, schnell niederzuschreiben, um jede Entstellung oder Unvollständigkeit zu vermeiden. Der Schlaf flieht mich, deshalb will ich versuchen sämtliche Ereignisse genau so zu schildern, wie sie sich zugetragen haben.

Mac Ivor erschien beim Frühstück zwar bleich und erschöpft, allein vollkommen ruhig und gesammelt. Er antwortete auf unsere Fragen nach seinem Befinden, dass er sich wieder ganz wohl fühle, aber sprach sehr wenig und genoss fast gar nichts. Das Wetter hatte sich leider seit dem Morgen verändert, und der Himmel war zu drohend geworden, um einen weiten Ausflug unternehmen zu können. Wir beschlossen jedoch, einen schon seit mehreren Tagen besprochenen kürzeren Spaziergang nach der Meeresküste zu machen, um dort eine eigentümliche Felsengruppe in Augenschein zu nehmen.

Mr. Davis schrieb den Brief und sandte ihn ab. Dann brachen wir sämtlich auf, obgleich die Wolken noch sehr drohend waren. Mac Ivors Stimmung heiterte sich während des Spazierganges auf. Er fand großen Gefallen an den sonderbaren Höhlen des felsigen Ufers und ihren von der See erzeugten Bewohnern, deren Natur und Eigentümlichkeit er meinen Zöglingen auf so fesselnde Weise beschrieb, dass sie ihm entzückt zuhörten. Endlich wurde der Rückweg angetreten, und schon waren wir bis in die Nähe der Abtei gelangt, als der Regen mit entsetzlicher Heftigkeit zu fallen begann. Kein anderer Zufluchtsort bot sich nun in der Nähe, als ein kleines, von einer alten Frau bewohntes Haus, gegen die der verstorbene Sir Thomas gewisse Verpflichtungen gehabt zu haben schien.

Bei Lebzeiten hatte er ihr die Hütte nebst Garten unentgeltlich überlassen und in seinem Testamente hatte er ihr ein Legat aufgesetzt. Zweimal war ich mit meinen Zöglingen dort gewesen, um ihr Zahlungen in Gemäßheit dieser letztwilligen Bestimmung zu leisten, und hatte jedes Mal eine Tochter bei ihr angetroffen, welche die Frau eines Handwerkers in einer nahe gelegenen Stadt war, ein hübsches Weib von ungefähr vierzig Jahren, dessen Blicke und Benehmen jedoch sehr frei und dreist waren. Die Alte schien sich für eine bevorrechtete Person zu halten, aber mir erschien sie umso unangenehmer. Ihr Gesicht war hart, finster, mürrisch und hatte durchaus nichts Ehrwürdiges. Als ich sie zum erstere Male sah, blickte sie mir frech in das Gesicht und sagte nur: »Ah, Sie sind wohl die neue Gouvernante?«

In diesem Augenblicke blieb uns jedoch keine Wahl, wir mussten bei ihr Zuflucht suchen und wurden mit leidlicher Artigkeit empfangen. Sie befand sich allein, da das Mädchen, welches die häuslichen Dienste bei ihr verrichtete, sich gerade auf einem Geschäftswege im Dorfe befand.

Die Herren in unserer Gesellschaft wollten eine Unterhaltung mit ihr anknüpfen, aber bekamen nur sehr kurze und grobe Antworten. Inzwischen floss der Regen in Strömen herab, so dass ein kleiner Bach, welcher am Wege entlang floss und den zur Hütte gehörenden Garten von dem Gebiete der Abtei trennte, furchtbar anschwoll und dadurch unseren Rückweg unmöglich machte. Mr. Davis sagte, dass er, sobald der Regen nachlassen werde, nach Hause eilen und einen Wagen schicken wolle. Die jungen Mädchen sprachen mit der alten Frau, deren mürrische Antworten sie belustigten, und währenddessen betrachtete ich mit Mac Ivor die an den Wänden hängenden Bilder. Sie waren alt, wertlos, und manche unter ihnen sehr sonderbar, so dass die Herren verschiedene Fragen in Betreff derselben an die Frau, Mrs. Wilson, richteten. Diese Aufmerksamkeit für den Schmuck ihres Zimmers schien ihr zu gefallen, und allmälig begann sie etwas freundlicher zu werden. Unter den Bildern befand sich ein kleines Gemälde in Wasserfarben, welches so hübsch ausgeführt war, dass es augenblicklich unsere Aufmerksamkeit erregte. Es stellte die Figur eines zarten, bleichen jungen Mädchens, von ungefähr zwölf Jahren, mit lichtem Haar und kindlichen Zügen vor, und machte auf uns den eigentümlichen Eindruck, den man häufig beim Anblicke von Portraiten unbekannter Persönlichkeiten empfindet, nämlich den, dass es kein Phantasiebild, sondern das getreue Abbild irgendeines lebenden Wesens sei.

»Wer auch die kleine Dame gemalt haben mag,« sagte Mac Ivor, »es muss ein Künstler gewesen sein.«

»Ja,« bemerkte die alte Frau« »ein junger Mensch aus unserem Dorfe hat es gemalt. Später ist er nach London gegangen und soll sich dort schon einen großen Ruf erworben haben,«

Sie nannte seinen Namen, von dem Mr. Davis schon gehört zu haben glaubte.

»Auf jeden Fall ist es ein gutes Portrait,« sagte er, »und wahrscheinlich eine Tochter von Ihnen, Mrs. Wilson?«

»Nein,« entgegnete die Frau trocken, »eine Enkelin.«

»Wie,« riefen meine beiden Zöglinge zu gleicher Zeit, »haben Sie denn eine Enkelin? Davon wissen wir ja nichts!«

»Kann wohl sein,« erwiderte die alte Frau.

Die jungen Mädchen bestürmten nunmehr die alte Frau mit Fragen darüber, wo ihre Enkelin sei, wie sie heiße, ob sie bei ihrer Mutter in der nächsten Stadt wohne, und dergleichen mehr.

»Nein,« versetzte die Frau, »sie hat nie bei ihrer Mutter gewohnt, — der Mann derselben wollte sie nicht dulden.«

»Wie, nicht seine eigene Tochter?«

»Er war nicht ihr Vater,« — gleichviel, wer es war!«

»Aber bei wem ist sie denn jetzt?«

»Sie wohnte früher bei mir,« erwiderte Mrs. Wilson. »Ich musste sie behalten, denn sonst hätte Brown, mein Schwiegersohn, meine Tochter nicht geheiratet.«

»Ist sie tot?« fragte Janet mit ernster Miene.

»Niemand weiß es!« war die kurze, schroffe Antwort der Alten.

Ich war von diesem Gespräche unwillkürlich angezogen worden und blickte die alte Frau bei den letzten Worten erstaunt an.

»Ja, sehen Sie mich nur an,« fuhr sie fort. »Niemand weiß es! Manche sagen, sie sei mit den Zigeunern davon gegangen, die sie ihrer hübschen Stimme wegen mitgenommen hätten, und ein Mann behauptete, er habe sie in einer Jahrmarktsbude tanzen sehen, aber die meisten halten sie für tot. Ich weiß es nicht und kümmere mich auch nicht darum. Ich habe sie früher nicht gemocht und möchte sie auch jetzt nicht wieder haben.«

Einige Augenblicke hielt sie inne und fügte dann wie als Antwort auf eine Frage, die jedoch niemand von und getan hatte, hinzu:

»Wissen Sie, wir waren keine guten Freunde. Sie muss davon gelaufen sein, denn um gestohlen zu werden, war sie schon zu alt.«

»Wie alt war sie denn?«

»Wenige Tage vor dem Tode des alten Herrn, Sir Thomas, war sie zwölf Jahre alt geworden. Seitdem sind jetzt über acht Jahre verflossen; also würde sie nunmehr zwanzig sein. Dort auf dem Bette steht das Buch, —- jenes rote, welches er ihr am letzten Geburtstage schenkte.«

Davis nahm es herab und las auf der ersten Seite:

»Von Sir Thomas seiner lieben kleinen Grace an ihrem zwölften Geburtstage.«

»Seiner lieben kleinen Grace?« wiederholte ich etwas erstaunt.

»Ja, er hatte sie sehr gern, und nicht ohne Ursache,« versetzte die Alte, mich mit widerlichem Grinsen anblickend, und fuhr dann, als hätte sie sich plötzlich entschlossen, alles zu erzählen, fort: »Fast täglich ließ er sie zu sich nach der Abtei kommen. Sie war ein schlaues Ding und musste ihm vorlesen und vorsingen und endlich wurde sogar ein Bett für sie in einem Kabinett neben seinem Schlafzimmer aufgestellt, so dass sie häufig selbst die Nacht in seiner Nähe zubrachte. Nie wusste ich, ob sie bald wieder nach Hause kommen werde, oder nicht, und kümmerte mich auch nicht darum; denn am liebsten war es mir, wenn ich sie nicht sah. Das ist auch der Grund, weshalb es so lange dauerte, bis sie vermisst wurde.«

»Wieso — vermisst?«

»Ja, fast drei Tage vergingen, ehe wir uns überzeugt halten, dass sie weder hier noch in der Abtei zu finden war.«

Unsere Aufmerksamkeit schien die alte Frau zu freuen, denn sie wurde lebendiger und fuhr fort:

»Sehen Sie, ich hatte einen Streit mit ihr beim Frühstücke, und als es vorüber war, nahm sie ihr Tuch und sagte: »»Großmutter, ich gehe nach der Abtei.«

»Geh nur, ich mag Dich hier so nicht haben,« erwiderte ich. »»Ja, ich weiß, Du magst mich nicht, deshalb will ich zu Sir Thomas gehen,« versetzte sie.

»Gehe nur, Du brauchst auch nicht wiederzukommen,« wiederholte ich. »Oh, er freut sich immer, mich zu sehen,« entgegnete sie höhnisch und den Kopf in die Höhe werfend. Noch jetzt sehe ich das weiße, kleine Gesicht dort vor mir an der Tür stehen! Aber es war das letzte Mal, seitdem habe ich sie nicht wiedergesehen.«

»Nicht wiedergesehen?«

»Nein. Sie kam am Abende nicht heim, doch das wunderte und kümmerte mich nicht, weil es oft geschah. Am folgenden Morgen sah ich einen von den Reitknechten in der Abtei — einen Burschen, den ich wohl kannte — den Weg herab und in mein Haus und in dieses Zimmer kommen, wo er ganz außer sich rief: »Denken Sie nur, Sir Thomas ist tot in seinem Bett gefunden worden!«

Ein solcher Fall war schon lange nicht unerwartet gewesen und endlich eingetreten. Mehr konnte mir der Bursche nicht sagen. Er war abgeschickt worden, um einen Arzt zu holen, und war auf dem Rückwege zu mir gekommen. Ich sprach an jenem Abende noch andere Dienstboten, welche mir erzählten, dass der Arzt erklärt habe, der Baron müsse schon drei bis vier Stunden tot gewesen sein, als der Bediente ihn am Morgen in seinem Zimmer leblos gefunden habe, und noch viele andere Dinge von Mylady und der Trauer, die nun stattfinden werde. So wurde es Abend, ehe ich an das Kind dachte, das noch immer nicht heimgekommen war. Ich konnte mir das Ausbleiben nicht anders erklären, als dass sie in der Abtei zurückgehalten werde, um bei irgendeinem Geschäfte Hilfe zu leisten. Am folgenden Morgen kam die Haushälterin in einem Wagen zu mir. Sie wollte nach der Stadt fahren, um den Stoff zu den Trauerkleidern für die Dienstboten einzukaufen, und fragte mich nach einer Arbeiterin daselbst, welche meiner Tochter bekannt war. Von ihr hörte ich alles noch einmal, und als sie endlich gehen wollte, blieb sie plötzlich stehen und fragte: »Wo ist Grace? Vielleicht führe sie gern mit mir nach der Stadt, um ihre Mutter zu besuchen.« Ich erwiderte ihr, dass das Mädchen bereits vor zwei Tagen nach der Abtei gegangen und noch nicht zurückgekommen sei. Sie blickte mich erstaunt an und sagte: »Das wundert mich, denn seit vorgestern, wo ich ihr auf der Hintertreppe begegnete, habe ich sie in der Abtei nicht gesehen.« Grace pflegte nämlich immer durch eine kleine Seitentür, zu der sie den Schlüssel hatte, und auf einer schmalen Treppe zu dem Zimmer des Baronets hinauf zu gehen, so dass ihr Kommen und Gehen von niemand bemerkt wurde. Die Haushälterin meinte, sie werde von den Dienstboten zurückgehalten worden sein, um bei der Näherei zu helfen. »Aber diesen Abend,« fügte sie hinzu, »werde ich sie heimschicken.« »Ich brauche sie nicht,« war meine Antwort. Allein am folgenden Morgen kam die Frau wieder, sah ganz bestürzt aus und fragte sogleich: »Ist Grace hier?« und als ich verneinte, erzählte sie mir, dass die ganze Abtei durchsucht worden, aber keine Spur von ihr zu finden gewesen sei. Seit jener Zeit ist sie verschwunden. Im Zimmer des Baronet, wenn sie überhaupt dort gewesen, hat sie niemand gesehen. Manche sind der Meinung, sie sei nur bis zum Abende vor seinem Tode in der Abtei geblieben und habe sich dann zu einer alten Zigeunerin geschlichen, mit der sie viel zu verkehren pflegte. Gewiss ist, dass die Zigeuner am folgenden Tage die Gegend verließen und —«

»Aber wenn sie mit den Zigeunern fortgezogen wäre,« unterbrach ich die Alte, »so würden Sie doch gewiss im Laufe so vieler Jahre einmal von ihr gehört haben.«

»Ja,« erwiderte die Frau »es ist ein Mann hier, welcher behauptet, sie vor zwei Jahren weit entfernt von hier in einer Jahrmarktsbude tanzen gesehen zu haben. Ich aber glaube, dass sie tot ist. Sie Thomas hatte sie so lieb, dass er sie wahrscheinlich mitgenommen hat, — das meinen viele. Gewiss wenigstens ist, dass sie seit jenem Tage von niemand wieder mit Bestimmtheit gesehen worden ist.«

Sie hielt inne, und ich wollte etwa antworten, als mein Auge plötzlich auf Mac Ivor fiel, infolgedessen ich unwillkürlich auf Davis blickte, um ihn durch einen Wink auf seinen Freund aufmerksam zu machen. Mac Ivor stand regungslos und wie vom Schlage getroffen da. Sein Gesicht war totenbleich und hatte einen höchst peinlichen Ausdruck, während das dünne Haar wie vom Winde aufrecht erhoben stand. Es folgte eine Pause, in der wir sämtlich vor Staunen sprach- und bewegungslos blieben. Dann trat er einige Schritte vor, starrte uns an, ohne einen zu erkennen, wie es schien, und sagte mit grauenvollem Flüstern mehrere Male: »Eine Zeugin! Eine Zeugin!« worauf er, die Arme wild in die Luft werfend und dieselben Worte wiederholend, mit unbedecktem Kopfe aus dem Zimmer und in den strömenden Regen hinaus stürzte. Wir sahen ihn über den Bach springen, den Weg nach der Abtei verfolgen und in wenigen Sekunden verschwinden.

Ich schaute Mr. Davis an. In furchtbarer Aufregung kam er zu mir und sagte:

»Ich muss ihm nacheilen. Der Himmel weiß, was er im Sinne hat. Ich werde Ihnen einen Wagen schicken.«

Dann nahm er seinen Hut und ging schnell fort, während ich mit nicht zu beschreibendem Staunen und Schrecken zurückblieb. Die jungen Mädchen kamen zu mir und fragten mich, was der Auftritt bedeute, und die alte Frau sagte verwundert: »Weshalb laufen denn die beiden Herren so eilig davon?« Ich konnte keine dieser Fragen beantworten und zu keinem anderen Schlusse gelangen, als dass der kranke Geisteszustand des jungen Mannes plötzlich in völligen Wahnsinn übergegangen sei.

Mit Unruhe dachte ich daran, was er bei seiner Ankunft in der Abtei sagen oder tun könne; denn ich hielt es für unmöglich, dass Mr. Davis, ein viel älterer Mann, ihn, der überdies einen Vorsprung hatte, werde einholen können. Abgeschmackt erschien es mir, seinen plötzlichen Anfall mit der Geschichte des alten Weibes in Verbindung zu bringen, aber dennoch musste ich unwillkürlich das Portrait wieder ansehen. Es war nur das eines mageren, bleichen Kindes; nichts ließ sich daraus erklären, und verzweiflungsvoll setzte ich mich nieder.

Während dessen regnete es mit ununterbrochener Heftigkeit fort, und der bereits geschwollene Bach wuchs mit jedem Augenblicke. Angstvoll zog ich meinen Stuhl an das Fenster und wartete mit peinlicher Ungeduld auf das Erscheinen des versprochenen Wagens.

Inzwischen kam das Hausmädchen nach Hause und begann die Vorbereitungen zum Tee zu treffen. Meine Zöglinge unterhielten sich damit, ihr beim Rösten des Brotes zu helfen. Dann ließen sie sich das Mahl wohl schmecken, und ich genoss auch eine Tasse Tee, immer noch unruhig wartend. Mehrere Stunden verstrichen, aber niemand schien sich meiner zu erinnern, und schon brach die Dämmerung an, als endlich der Wagen nahte. Verwundert sah ich, dass es eine schwere, alte Kutsche war, die seit Jahren unbenutzt in einem Schuppen gestanden hatte, und eilte deshalb an die Haustür, um den Bedienten zu befragen, warum nicht die gewöhnlich benutzte Chaise genommen worden sei. Der Mann sprang vom Bock herab und gab mir ein Schreiben mit dem Bemerken, dass Mr. Davis mich bitten lasse, es sogleich zu lesen. Er sah dabei ängstlich und verstört aus, wie es mir schien, und ohne ein Wort zu erwidern, nahm ich deshalb den Brief und trat an das Licht im Zimmer. Er enthielt folgende Zeilen:

»Liebe Miss Vernon! — Richten Sie keine Fragen an

»die Dienstboten und schicken Sie die Kinder so bald

»als möglich zu Bett. Wenn Sie ganz allein sind,

»öffnen Sie das Fach ihres Schreibpultes, in das ich

»ein Paket gelegt habe. Lesen Sie es diesen Abend

»und bleiben Sie in Ihrem eigenen Zimmer. Morgen

»früh werde ich zeitig zu Ihnen kommen.«

Während ich diese Zeilen las, hatten die jungen Mädchen sich zur Abreise bereit gemacht. Über das sonderbare Fuhrwerk verwundert, stiegen sie schwatzend und mich voll Fragen bestürmend ein, auf die sie jedoch nur kurze Antworten von mir erhielten, da ich zu aufgeregt und unruhig war. Unser Weg war die von der Abtei nach der Stadt führende Straße, und kaum hatten wir die Hütte zehn Minuten hinter uns, als Ellen zu ihrer Schwester sagte: »Sieh nur die Lichter dort, Janet, es muss uns ein Wagen entgegen kommen!« Janet blickte hinaus und erwiderte: »Es ist unsere Chaise, und wenn ich mich nicht täusche, so sitzt Mary, Lady Deightons Kammermädchen, auf dem Bock.« In demselben Augenblicke fuhr der Wagen an uns vorüber, und ich sah ihn deutlich. Durfte ich meinen Augen trauen? Das helle Licht der Wagenlampen zeigte mir Sinclairs totbleiches Gesicht, in eine Ecke gedrückt, um nicht, wie es schien, von mir gesehen zu werden; und neben ihm saß ein in Shawle gehülltes Frauenzimmer, mit einem Spitzentuche über dem Gesichte. Ich kannte das Tuch und die Shawle und konnte mich deshalb in der Person nicht irren; ich wusste gewiss, dass es Lady Deighton war, so unglaublich es auch erscheinen mochte. Dennoch war der Wagen kaum vorbei, als ich mir einzureden suchte, dass es Täuschung gewesen sei. Welche unerhörten Umstände mussten es sein, die ihren so lange gefassten Entschluss, die Abtei nie zu verlassen, umstoßen konnten? Meine Überzeugung, dass Mac Ivor wahnsinnig sei, erweckte sehr schreckliche Vermutungen; er konnte sich entleibt oder anderen ein Leid zugefügt und Lady Deighton, welche vielleicht Augenzeuge dabei gewesen, dadurch veranlasst haben, den Ort zu verlassen. Das erklärte auch das Schreiben des Mr. Davis; er wollte mich so schonend als möglich vorbereiten. Der kommende Morgen musste mir Aufklärung bringen, denn jedenfalls kehrte dann die Chaise zurück und führte mich mit meinen Zöglingen nach dem von ihrem Vater erwählten Zufluchtsorte. Eine andere Lösung des Rätsels konnte ich nicht finden, aber auch selbst diese erklärte nicht das Paket in meinem Schreibpulte. Ich sah jedoch ein, dass ich nichts Besseres tun konnte, als den Anordnungen des guten Mr. Davis unbedingt Folge zu leisten.

An einer Seitenpforte der Abtei stiegen wir aus, und ich brachte die jungen Mädchen ohne Hilfe eines Dienstboten sogleich zu Bett, indem ich ihnen sagte, dass mutmaßlich Lady Deighton plötzlich erkrankt sei, was wir am nächsten Morgen hören würden.

Nachdem ich sie verlassen und die Lichter in meinem Zimmer angesteckt hatte, verweilte ich noch eine Zeit lang zögernd, ehe ich den Mut fand, das Schreibpult zu öffnen. Endlich geschah es mit zitternder Hand, und ein großes Paket, von Mr. Davis an mich adressiert, lag vor mir. Es enthielt mehrere mit enger Schrift gefüllte Bogen Papier, deren Züge mir unbekannt waren, und zwei Briefe von Mr. Davis. Der eine mit No. 1 bezeichnet, war mit den Worten überschrieben: »Lesen Sie diesen zuerst,« und der andere, No. 2, trug die Bemerkung; »Lesen Sie dieses Schreiben nicht eher, als bis Sie das Manuskript beendigt haben.« Das erste Briefchen enthielt nur die Worte: »Lesen Sie heute Abend das Manuskript und dann mein Schreiben No. 2, ich werde dafür sorgen, dass Sie nicht gestört werden.«

Nach genommener Abschrift der an mich eingeschlossenen Papiere will ich jetzt die in ihnen enthaltene Erzählung mit ihren eigenen Worten folgen lassen.

III

Lady Deightons Eröffnung an Capitain Sinclair gerichtet

»Meine Beweggründe für das Niederschreiben dieser Mitteilungen werden sich am Ende derselben ergeben, und manche kurze Andeutungen dessen, was ich zu bekennen mich gedrungen fühle, werden sich an verschiedenen Orten finden, die ohne Zweifel bei meinem Tode oder im Falle einer schweren Krankheit nicht ununtersucht bleiben. Diejenigen, welche die Papiere lesen, mögen von ihrem Inhalte denken, was sie wollen. Sie enthalten die Schilderungen einer Tat, mit Anweisungen, danach zu handeln. Sie wird die Leser wahrscheinlich mit Abscheu erfüllen, aber nichts ist mir gleichgültiger. Ein Wesen gibt es jedoch, welches ich gern überzeugen möchte, dass Liebe zu ihm allein die Triebfeder meines elenden, irre geleiteten Daseins gewesen ist. Auch soll er erfahren, von welcher Art dieses Dasein war, ehe ich ihn kannte, und nachdem ich ihn kennen gelernt hatte. Oh, hätte er mir seine erste Liebe geben können, wie ganz anders würde sich mein Leben gestaltet haben!

Ich habe keine Erinnerung an meine Mutter, aber ich glaube, dass sie nicht meines Vaters Frau gewesen und entweder jung gestorben ist, oder ihn verlassen hat.

Nie habe ich ihn von ihr sprechen hören. Die frühsten Eindrücke meines Gedächtnisses führen mich zu verschiedenen kleinen Wohnungen in Seestädten und Badeorten, wo irgendein schmutziges Mädchen meiner wartete. Nach zurückgelegtem achten Jahre hatte ich keine Wärterin mehr, sondern sorgte für mich selbst, oder hing von dem Temperament und den Gewohnheiten unserer verschiedenen Wirtsfrauen ab, bei denen ich mich aufzuhalten und meine Mahlzeiten zu empfangen pflegte. Eine derselben muss eine sehr gutherzige Frau gewesen sein. Sie hatte früher eine kleine Schule gehalten und lehrte mich lesen und schreiben, was ich sehr schnell begriff, und wodurch mir ein neues Licht über mein seltsames Leben aufging. Mein Vater war fast immer abwesend, und wenn er sich zu Hause befand, so tat er nichts als Karten und Würfel spielen oder Novellen lesen. Diese Bücher lagen stets umher und wurden bald meine tägliche und liebste Unterhaltung. Auch traf ich in einer unserer Wohnungen einen Knaben, welcher eine sehr hübsche Stimme hatte und in dem Theater und in öffentlichen Lokalen zu singen pflegte. Er war gutmütig, fand Gefallen an meiner Stimme und lehrte mich verschiedene Lieder nach seiner Weise singen, — ein Umstand, der später zu einer großen Veränderung in unserer Lebensweise führte.

Ich war ungefähr elf Jahre alt, als ich eines Tages, auf dem schlechten Sofa unseres einzigen Wohnzimmers sitzend, mit geschlossenen Augen und größtem Eifer alle erlernten Arien und Lieder absang. Ein leises Geräusch ließ mich plötzlich aufblicken, und ich sah in der Tür des Zimmers einen Freund meines Vaters stehen, den ich von Ansehen kannte. Er nickte mir zu und fragte, ob mein Vater zu Hause sei. Ich verneinte, worauf er sich umwandte und fortging. An demselben Abende brachte mein Vater diesen Mann mit sich, um mit ihm zu rauchen, zu trinken. Während ich dann mit meinem schmutzigen Novellenbuche in einer Ecke des Zimmers saß, hörte ich manches von ihrer Unterhaltung. Einmal sagte der Mann: »Sie wird hübsch werden,« und ein anderes Mal: »Mit einem solchen Gesichte und einer solchen Stimme muss sie bei gehörigem Unterrichte eine wahre Goldgrube für Dich werden!« Meines Vaters Antwort konnte ich nicht verstehen denn er sprach absichtlich sehr leise, aber nach wenigen Minuten vernahm ich wieder die Worte den anderen: »Ich könnte Dir ein Schreiben an einen mir bekannten Mann in Paris geben, der alles für sie tun würde, was nötig wäre.« Weiter wurde, wie es mir schien, nichts über den Gegenstand gesprochen, und da ich überhaupt mit keiner besonderen Neugierde und Spannung zugehört hatte, so dauerte es lange, bis ich diese Unterhaltung mit unserer etwa zwei Monate später erfolgenden Übersiedelung nach Paris in Verbindung brachte. Wir wohnten dort bei einem Musiklehrer, einem wütenden Demokraten, von dem ich täglich Unterricht im Gesange und im Klavierspiel erhielt. Auch Tanzstunden hatte ich und bekam Unterweisung in der sogenannten Anstandslehre. Meine neuen Studien gefielen mir, und nicht minder der schmeichelhafte Beifall, welcher mir überall zuteil wurde, so dass ich unsere Lebensweise in Paris bei weitem der früheren in England vorzog. Drei Jahre, die merkwürdigen drei von 1790 bis 1793 blieben wir in Paris, bis ich fünfzehn Jahre alt war. Mein Vater hatte unter den Revolutionsmännern viele Freunde und Bekannte, und ich könnte viel von dem erzählen, was ich in jener Zeit gesehen und gehört habe. Er wurde zwar nicht reich, aber es fehlten ihm auch nie die Mittel, um alle Bedürfnisse seiner Lebensweise zu befriedigen. Häufig hatten wir Gäste bei uns, meistens aus den näheren Bekannten meines Vaters bestehend, und öfters hörte ich mit gespannter Aufmerksamkeit den rückhaltlos geäußerten Ideen der verwegensten Geister, der entschiedensten Freidenker jener schrecklichen Zeit zu, die für Recht und Freiheit kämpften, aber meistens ihren Bestrebungen als Opfer fielen. Ich war durch keine Vorurteile der Erziehung gefesselt und geblendet, mein Geist war eine Leere, und mit aller Kraft meines Herzens griff ich deshalb nach dieser neuen Kenntnis, die mir später immer zur Seite gestanden hat.«

Unsere Rückkehr nach England erfolgte, als ich fünfzehn Jahre alt war. In einer Hafenstadt, dem ersten Orte, wo wir uns längere Zeit aufhielten, traf mein Vater zufällig einen entfernten Verwandten, einen jungen Mann, der zum Offiziere in einem Regimente der ostindischen Armee ernannt worden war und im Begriffe stand, dahin abzusegeln, aber durch widrige Winde in der Hafenstadt zurückgehalten wurde. Er verweilte mehrere Wochen dort, welche für mein späteres Leben entscheidend waren. Charles Sinclair brachte seine ganze Zeit bei uns zu. Er kannte niemand im Orte und war zu jung und liebenswürdig, um ahnen zu können, von welcher Art die Beschäftigungen meines Vaters und seiner Gefährten waren. Er sah sie überhaupt wenig, aber befand sich dagegen fast fortwährend in meiner Gesellschaft. Wir schweiften miteinander durch die Felder oder ließen uns am Ufer nieder, wo wir die blaue See und den wolkenlosen Himmel betrachten konnten. Auf diese Weise verstrichen vier Wochen, die einen unauslöschlichen Eindruck auf mein Leben zurückließen. Für ihn jedoch waren es nur angenehme Stunden, die er in Gesellschaft eines Wesens zubrachte, für das er eine Art von brüderlicher Zuneigung, aber kein wärmeres Gefühl hegte. Als wir endlich schieden, geschah es mit dem Versprechen, einander nie zu vergessen und oft zu schreiben.

Nach dieser Trennung fühlte ich mich namenlos unglücklich. Selbst mein Vater wurde endlich auf mein Gemütsleiden aufmerksam und mochte eine Anwandlung von Besorgnis um mich empfinden, die ihm jedoch bald lästig wurde; denn da wir kurze Zeit darauf nach einer anderen Stadt gingen, fand er völlige Beruhigung in dem Gedanken, dass mir nichts not tue als Luft- und Ortsveränderung. Ein Brief, den mir Sinclair vom Cap aus schickte, gab mir neues Leben, und absichtlich die darin enthaltenen freundlichen Ausdrücke missdeutend, begann ich mich bereits als die verlobte Braut meines Vetters anzusehen. Meine Briefe an ihn enthielten jedoch auch, gleich den seinigen, nur süße Erinnerungen an die Vergangenheit und unbestimmte Hoffnungen für die Zukunft. Ich glaube, es war ein weiblicher Instinkt, der mir gebot, im Ausdrucke meiner Gefühle die Grenzen zu beobachten, welche er in seinen eigenen Briefen gleichsam vorgezeichnet hatte. Mein Vater las sie selten und die meinigen nie. Er hatte gegen unseren Briefwechsel nichts einzuwenden und mochte ihn kaum der Mühe wert halten, einen Augenblick daran zu denken. Inzwischen verfloss die Zeit, und Vorbereitungen zu meinem ersten Auftritt als öffentliche Sängerin wurden getroffen. Etwa drei Jahre nach der Abreise meines Vetters begaben wir uns zu diesem Zwecke nach Bath. Hier traten jedoch verschiedene Hindernisse und Verzögerungen ein, welche in den mir ganz unbekannten Verhältnissen meines Vaters ihren Grund hatten; und dann wurde ich in Folge einer heftigen Erkältung mehrere Monate lang völlig unfähig zu singen. In dieser Zeit lernten wir Sir Thomas Deighton kennen. Ich brauche ihn nicht zu schildern. Sein großer Reichtum, sein abscheulicher Charakter, sein teuflisches Temperament sind jedem bekannt, der von ihm gehört hat. Er wurde von einer heftigen Leidenschaft für mich ergriffen, während ich ihn verabscheute. Es war mir schon peinlich, ihn nur anzusehen und sprechen zu hören; aber mein Vater sah die vielfachen Vorteile, welche für ihn aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu mir entspringen konnten, und er wusste ihn bald zu einem Spielwerk seiner Hände zu machen. Diese Rücksichten, in Verbindung mit der Besorgnis, dass ich meine Stimme für immer verlieren könne, bestimmten ihn, die Besuche des Baronets zu begünstigen und mich durch Vorstellungen und Drohungen zu vermögen, dass ich seine Gesellschaft duldete und die gewöhnliche Höflichkeit gegen ihn beobachtete. Damals ahnte ich noch nicht die Absichten, welche seinem fortwährenden Verkehr mit meinem Vater zu Grunde lagen; ich glaubte nur, dass er gern spiele und unsere Privatwohnung den öffentlichen Lokalen vorziehe. Schon früher hatte ich oft Männer freundlich empfangen müssen, die mir Widerwillen einflößten, und war gegen niedrige Schmeichelei abgehärtet. Allein endlich wurde mir die Wahrheit klar, und ich erkannte den Abgrund, zu dem mein Vater mich und meinen bejahrten Anbeter hindrängte. Jeder Tag konnte die Entscheidung meines Loses bringen, und ich sammelte deshalb alle meine Kräfte zu einem entschiedenen Widerstande.«

»Als jedoch der gefürchtete Augenblick kam, war ich machtlos, jedes Widerstandes unfähig und gleichgültig gegen mein zukünftiges Los, so wie gegen das Leben überhaupt. Am Tage vorher, ehe mein Vater mir die glänzenden Anträge des Baronets mitteilte, hatte ich einen Brief von meinem Vetter Sinclair erhalten, worin er mir seine Verheiratung mit einem jungen Mädchen anzeigte, das ebenso arm wie er selbst war. Mit Begeisterung schilderte er ihre Schönheit, Sanftmut und sonstigen Vorzüge. Jetzt sah ich, wie verblendet ich gewesen war, dass er mich nie wirklich geliebt hatte, und sank fast unter dem Schlage. Meine Selbsttäuschung, der Wahnsinn meiner Liebe zu ihm, meine törichten Hoffnungen, alles wurde mir klar; aber stärker als jede bittere Empfindung war der Entschluss, dass niemand erfahren solle, was ich leide. Noch am demselben Tage sandte ich an Sinclair meine wärmsten Glückwünsche und sagte ihm, dass ich mich über sein Glück innig freue. Am folgenden Tage war ich des Baronets verlobte Braut.«

Meine Heirat führte mich in eine Welt der leichtsinnigsten Verschwendung und fortwährender Vergnügungen ein. Sie Thomas Deighton, stolz auf sein junges Weib, versammelte in seinem fürstlichen Schlosse, Fairly Park, Gäste von ausschweifenden Sitten und zweifelhaftem Rufe. Mein Vater ermunterte ihn und gab sich ganz den Schwelgereien hin, welche seinem Geschmacke so sehr zusagten und die er früher hatte entbehren müssen. Er glaubte sich ein Leben ununterbrochenen Genusses gesichert zu haben, indem er Sorge getragen, mir ein bedeutendes, von meinem Gemahle ganz unabhängiges Einkommen auszubedingen. Der verliebte alte Mann hatte sich allen seinen Forderungen gefügt und ihm die Bestimmung des Nadelgeldes und Wittums ganz überlassen. Er war um mehrere Jahre älter als mein Vater und noch kraftloser, als sein Alter rechtfertigte, und ich sah deutlich, dass mein Vater sich des Gedankens freute, ihn zu überleben und mit Hilfe seines Reichtums zu schwelgen. Allein kurze Zeit nach meiner Verbindung wurde er am Kartentische von einem Hirnschlage getroffen und gab wenige Stunden darauf seinen Geist auf. Ich erheuchelte keinen Schmerz, denn selbst in meiner Kindheit hatte ich nie Liebe für ihn empfunden, und als ich heranwuchs und seine Lebensweise kennen lernte, war es nur Verachtung, was mich gegen ihn erfüllte. Allein bald sah ich ein, dass er mir dennoch eine Stütze, ein Schutz gewesen war. Bis dahin hatte ich mich wenig um die zunehmende Übellaunigkeit meines Gemahls gekümmert, aber nach dem Tode meines Vaters wurde sie immer unerträglicher. Er war eigensinnig und heftig, und außerdem zeigte sich bei ihm eine wahnsinnige Eifersucht. Jedes Vergnügen, an dem ich Gefallen fand, störte und verhinderte er, und jeden Mann, der mir einige Aufmerksamkeit bewies, beleidigte er. Nachdem die von der Gegenwart meines Vaters aufrecht erhaltene Schranke gefallen war, lebten wir in einem vollständigen Kriege. So verflossen mehrere Monate, während der ich ebenso wenig Nachgiebigkeit zeigte, wie er, als er plötzlich seinen hartnäckigen Widerstand gegen alle meine Wünsche aufgeben zu wollen schien und mich sogar aufforderte, an einem fröhlichen Ausfluge Teil zu nehmen, den mehrere unserer Bekannten durch die westlichen Grafschaften machen wollten. Er knüpfte daran nur die Bedingung, dass ich ihn einige Tage vor der Abreise unserer Freunde nach der hiesigen Abtei begleiten solle, um mich ihnen anzuschließen, wenn sie in diese Gegend kämen. Ohne seine Absichten zu ahnen, fügte ich mich. Die Folgen sind bekannt. Ich betrat die düsteren Mauern und wurde eine Gefangene in ihnen.

Es wäre unnütz zu beschreiben, wie verzweifelt ich mich wehrte und wie teuflisch mein Gemahl sich seines Triumphes freute. Dagegen muss ich hier erwähnen, dass er mir in den ersten Tagen nach unserer Ankunft, ehe er die Maske abwarf, das Geheimnis der verborgenen Zimmer in der Abtei mitteilte, welches jeder Besitzer seinem Nachfolger zu eröffnen gehalten ist, und dass er mir vertraute, weil die Abtei zu meinem Wittum gehörte. Mit großer Genauigkeit beschrieb er die sinnreiche Art ihrer Verbergung und die Unmöglichkeit der Entdeckung, da der sehr schwierige Zugang durch eine scheinbar geschlossene Wand führt, deren innere Federn so stark und fest sind, dass man keine Ritze oder Spalte darin entdecken kann, solange der dahinter verborgene Bewohner der Gemächer die Riegel und Federn unberührt lässt. Diese Schilderung erweckte meine Neugierde, und ich trug Verlangen, die Zimmer zu sehen. Es sind zwei kleine Räume, von denen der eine dicht hinter der Wand des Küchenherdes liegt und im kältesten Wetter immer warm ist, während der andere kühl und durch verschiedene in der Decke angebrachte Öffnungen verhältnismäßig luftig bleibt. In dem Winterzimmer zeigte mir Sir Thomas mehrere in der Küchenwand befindliche Schränke, in denen Betttücher, Bettzeug und Matratzen zusammengerollt lagen und zu jeder Zeit zum Gebrauche bereit waren. In dem Sommerzimmer befanden sich Vorräte von Wachslichtern, gelb vom Alter, und einige Bücher. Auch der erforderliche Zufluss von Wasser fehlte in beiden Gemächern nicht, welche mit hinreichenden Möbeln und jeder nötigen Bequemlichkeit versehen waren. Speisen und andere Gegenstände können den Bewohnern dieser Zimmer durch ein bewegliches Stück der Wand zugeführt werden, welches ein scheinbar ebenso integrierter Teil derselben wie der Eingang ist. In den Papieren, welche man nach meinem Tode finden wird, habe ich eine genaue Beschreibung davon gegeben, auf welche Weise der Eingang zu öffnen ist. Hier will ich nur noch bemerken, dass Sir Thomas, als er seine Absicht erklärte, in der Abtei zu bleiben, mir während des darauf folgenden heftigen Streites zu verstehen gab, dass eine widerspenstige Person mit Leichtigkeit in jene Gemächer eingesperrt werden könne.

»Sie sind stets zum Gebrauche eingerichtet,« fügte er hinzu, »und wer wird, wenn eine lebenslustige Dame plötzlich verschwinden sollte, etwas anderes denken, als dass sie mit irgendeinem ihr angenehmen Begleiter nach fernen Ländern gegangen sei?«

»Aber durch welche Mittel könnte sie dahin gebracht werden?« fragte ich empört und mit erzwungenem Lachen.

»Geld, mein Kind,« war seine höhnische Antwort, — »Geld würde bald die Mittel beschaffen und auch Schweigen sichern.«

Ich fügte mich nicht gutwillig in meine Gefangenschaft, sondern schrieb an meine Verwandten, aber erhielt nur den Rat Geduld zu haben, da Sir Thomas ohne Zweifel von seinen jetzigen Entschlüssen bald wieder abgehen und ich allmälig wieder zu voller Freiheit gelangen werde. Dem äußeren Anscheine nach hatte ich auch keine Ursache zu klagen, denn viele Dienstboten, Wagen und Pferde standen mir zu Gebot, und jede Art von Luxus umgab mich; allein mein Leben in der Abtei war öde und einsam. Das große mir ausgesetzte Einkommen wurde für mich völlig wertlos, während Sir Thomas mir mit hämischer Freude am Schlusse eines jeden Quartals erzählte, dass der Betrag an meinen Bankier in London pünktlich eingezahlt worden sei.

Bald jedoch erwachte ein neues Interesse in mir und machte mich gegen allen andere gleichgültig. Mein Vetter, Charles Sinclair schrieb und teilte mir mit, dass er ein trostloser Witwer geworden und Vater von Zwillingstöchtern sei. Seine Gesundheit hatte in Indien gelitten, und ungefähr zwei Jahre nach der Geburt seiner Kinder war er genötigt worden, mit einer sehr kleinen Pension den Abschied zu nehmen. Gerade in dieser Zeit wurde Sir Thomas von einer Lähmung befallen, die mir einige Befreiung von meiner Knechtschaft gewährte, und ich segnete jetzt den vorher so wertlosen Reichtum, da er mir die Mittel gab, für Sinclair und seine Kinder ein kleines Haus im Dorfe, dicht bei der Abtei, einzurichten. Ich sah ihn wieder und fühlte, dass es noch etwas gab, das mir das Leben wert machte. Die Hilflosigkeit meines Gemahls gestattete mir, einen großen Teil des Tages nach Belieben zuzubringen, und mein Herz jubelte, als ich sah, dass mein Vetter allmälig Gesundheit und Kraft wieder erlangte. Allein es standen Sir Thomas noch immer viele Mittel zu Gebote um mich zu quälen, und hätte ich nicht gefürchtet, in der Achtung meines edlen und liebenswürdigen Vetters zu verlieren, so würde ich keinen Anstand genommen haben, meinen Gemahl gänzlich den Händen und der Wartung der Dienstboten zu überlassen. Diese Rücksicht bewog mich es nicht zu tun. Ich besuchte deshalb Sinclair und seine Kinder nur einmal des Tages und zwar des Morgens, nach einem kurzen Spaziergange, und kehrte dann in die Abtei und zu dem Elende zurück, das an der Seite des Gemahls meiner wartete. Sein teuflisches Temperament wurde durch die Hilflosigkeit noch schlimmer. Grässlich war es zu hören, wie der alte Mann lästerte und sich der Macht freute, mich kränken und zur Verzweiflung treiben zu können. Gegen die Dienstboten, die seiner warteten, benahm er sich nicht minder heftig und unvernünftig, so dass nur hohe Löhne und häufige Geschenke sie vermochten, in ihren Stellen zu bleiben. Nur ein Wesen gab es, das sich eines Schattens von Güte bei ihm erfreuen konnte. Es war ein kleines Mädchen, damals ungefähr zwölf Jahre alt, dessen Mutter die Tochter einer im Dorfe wohnenden alten Frau war, und dessen Vater Sir Thomas selbst sein sollte, wie es allgemein hieß. Die Großmutter, Mrs. Wilson, hatte das Kind bei sich und empfing dafür ein jährliches Kostgeld von Sir Thomas. Die Mutter hatte einige Jahre vorher einen Handwerker in der nächsten Stadt geheiratet, und zwar mit einer hübschen Ausstattung aus derselben Quelle. Das Mädchen war im Lesen und Schreiben unterrichtet worden, was nach der Meinung ihres Vaters alles war, dessen ein Frauenzimmer bedurfte. Es war ein stilles, bleiches Kind, mit einer wohlklingenden Stimme, weshalb mein Gemahl sie oft nach der Abtei kommen ließ, um sich die Zeitungen vorlesen zu lassen. Nach dem Schlaganfalle, welcher ihn lähmte und an das Bett fesselte, ließ er ein Bett für sie in einem an sein Zimmer stoßenden Kabinett aufstellen, dessen Tür sich in einer tiefen Wandnische befand, in der sein eigenes Bett stand; und wenn das Wetter ungünstig oder sonst ein Grund vorhanden war, der das Dortbleiben der Kleinen wünschenswert machte, so schlief sie in der Abtei. Ich beachtete sie nicht und schenkte ihrem Kommen und Gehen durchaus keine Aufmerksamkeit.

So verflossen die Tage, deren jeder meine Qualen erhöhte. Erlösung konnte mir nur mein eigener Tod oder der meines Gemahls bringen. Oft dachte ich daran, dass ich mich gerade in einer solchen Enge befand, wie sie von meinem Vater und seinen Freunden in Paris häufig besprochen worden war. Sie pflegten oft über den Begriff des Verbrecherischen und Sündhaften zu disputieren, und führten dann Fälle an, in denen Handlungen, welche nach allgemeinen Grundsätzen verdammt werden, zu rechtfertigen seien. Zum Beispiel den Fall eines Mannes, der, um seine verhungernde Familie zu retten, einem hartherzigen Geizhalse einen kleinen Teil seiner Reichtümer raubt; oder den einer Frau, welche einen nachlässigen und grausamen Gatten verlässt, um in den Armen des Mannes ihrer ersten und einzigen Liebe, von dem sie nur durch Betrug oder Gewalt getrennt worden war, Schutz zu suchen; oder den eines völlig wertlosen, unnützen Lebens, das kein Gutes wirkt und nur Böses verbreitet, anderen Glück und Freiheit raubt, und dessen Vernichtung nur die Vertilgung eines menschlichen Schandfleckes wäre. Die Wahrheit solcher Argumentationen sah ich vollkommen ein, denn kein religiöses Vorurteil stand mir im Wege, und nichts Anstößiges lag für mich in solchen Ansichten. Ich fühlte oft, dass ich nach ihnen hätte handeln können, allein die Furcht vor Entdeckung und selbst vor Verdacht hielt mich ab; denn die Liebe meines ganzen Herzens gehörte einem Manne, der in den Fesseln von Aberglauben und Vorurteilen lag und die Rechtmäßigkeit einer solchen Handlung nie hätte verstehen können.

Ich komme jetzt zu der Begebenheit welche mich bestimmt hat, diese Mitteilung niederzuschreiben.

Zu der Zeit, von der ich rede, war der Kammerdiener meines Gemahls ein geistig beschränkter Mann, von mittlerem Alter, der sich den lästigen Pflichten seiner Stellung um seiner Familie willen unterzog. Er war von Natur gutmütig und hätte mir gern manche Unannehmlichkeit erspart; denn oft erbot er sich, nachdem Sir Thomas von ihm zu Bett gebracht worden war, bei ihm zu bleiben und sogar in seinem Zimmer zu schlafen. Allein mein Gemahl ließ es nicht zu, da das Vergnügen, mir so lange als möglich den Schlaf zu rauben, für ihn zu groß war. Sobald er sich daher im Bett befand, erhielt der Kammerdiener den Befehl, das Zimmer zu verlassen, und ich musste an seine Seite kommen und die schmachvollsten Reden anhören, bis der Elende für gut fand, seinen Schlaftrunk zu verlangen. Erst dann durfte ich mich in mein anstoßendes Zimmer zurückziehen.

In einer Nacht wurde er noch mehr als gewöhnlich von Schmerz und übler Laune geplagt. In stummer, ergebener Verzweiflung saß ich dabei und ließ alle Schmähungen über mich ergehen, bin er endlich nach seiner Medizin verlangte und sich aufrichtete, um sie zu nehmen. Währenddessen stand ich neben ihm, und er gab mir den Löffel grinsend zurück, indem er mit einem grässlichen Fluche und einem gemeinen Schimpfworte sagte: »Nicht wahr, Du wolltest, es wäre Gift?« Eine Art von Bewusstlosigkeit überkam mich bei diesen empörenden Worten, und fast ohne zu wissen, was ich tat, zog ich ein Kissen hinter ihm hervor, warf es über sein Gesicht und legte mich mit dem ganzen Gewichte meinen Körpers darauf. Nur ein kurzer schwacher Kampf fand von seiner Seite statt. Ich wich nicht, stand nicht eher auf, bis alles vorüber sein musste. Dann erhob ich mich und warf das Kissen beiseite. Da lag er — der Fluch und die Last meines Lebens — ruhig und still. Ich hatte gefürchtet, dass sein Anblick schrecklich sein werde, aber es war nicht der Fall; das Gesicht des Elenden trug jetzt einen weniger furchtbaren Ausdruck als es oft bei Lebzeiten gehabt hatte, wenn es von bösen Leidenschaften verzerrt worden war. Die herrschende Stille war mir entsetzlich, allein nach wenigen Augenblicken machte ich die Bemerkung, dass nicht völlige Stille herrschte. Ein Laut ließ sich hören, — ein schwacher, aber unverkennbarer Laut, der aus der Nähe, des Bettes zu kommen schien. Es klang wie ein leises unterdrücktes Atmen. Ich schaute den Toten an, — doch er lag still und regungslos, kein Atmen, kein Zucken war mehr an ihm wahrzunehmen. Ein kalter Schauder überlief mich von Kopf zu Füßen, mein Haar sträubte sich und die Augen schweiften unwillkürlich über das Bett. Ja —- dort —- dort regte sich etwas, — der Bettvorhang teilte sich — und ein kleines bleiches Gesicht starrte mich mit erschreckten Blicken an. Ich erkannte das Wesen, — es war Grace Wilson!

Sie war ohne Zweifel in der Abtei geblieben, um die Nacht in dem anstoßenden Kabinett zuzubringen. Alles war mir augenblicklich klar. Sie war erweckt worden, heraus geschlichen und Zeugin meiner Tat gewesen. Sie sah den Toten, sie sah mich, und mit dem Ausdrucke namenlosen Grauens ruhten ihre starren Blicke auf mir. Unwillkürlich machte ich eine Bewegung nach dem Fuße des Bettes, um zu ihr auf die andere Seite zu gelangen, allein ehe ich sie erreichen konnte, sank das Kind bewusstlos zu Boden. Was war zu tun? Ich hob es auf und schaute, mit der leichten Last auf dem Arme, ratlos um mich, als könnten der Leichnam und das stille Zimmer mir sagen, was ich tun solle. Plötzlich fielen mir die verborgenen Gemächer ein, wohin ich durch einen ganz unbewohnten Teil der Abtei ohne Schwierigkeit gelangen konnte. Kaum weiß ich, wie ich das Mädchen dahin brachte, und erinnere mich nur, dass es mir Mühe machte, das Licht zu halten und den geheimen Zugang zu öffnen; allein ich war von Natur stark, und die drängende Notwendigkeit verdoppelte meine Kräfte. Endlich erreichte ich die Zimmer. Das Kind war noch bewusstlos. Ich legte es auf den Fußboden, zog eine Matratze und Decken hervor und bereitete ein bequemes Lager für die Ohnmächtige, worauf ich zurückeilte, um Kleider und Wiederbelebungsmittel für sie zu holen. Kaltes Wasser hatte die gewünschte Wirkung; sie begann sich zu erholen und einige Worte zu murmeln. Nachdem ich Wasser und Wein an ihre Seite und ein Licht an einen sicheren Ort gestellt, so wie auch mehrere von den Wachslichtern neben dasselbe gelegt hatte, blieb ich am Eingange stehen und wartete, bis ihr Bewusstsein deutlicher zurückkehrte. Dann schlich ich mich leise aus dem Gemach, verschloss es sorgfältig und eilte nach dem Zimmer, wo der Tote lag.

Ich ordnete das Bett der kleinen Grace wieder und entfernte alle Zeichen dessen, dass sie dort geschlafen hatte, ging hierauf in mein eigenes Gemach, stellte das Licht auf den Tisch und setzte mich, um über die Begebenheiten der letzten halben Stunde nachzudenken. Meine ersten Empfindungen waren Freude und Triumph. Ich war frei, erlöst von dem täglichen, stündlichen Fluch! Damals ahnte ich nicht, dass ein neuer und noch schwererer Fluch mich hinfort täglich, stündlich und allnächtlich verfolgen werde. Ich malte mir in Gedanken die künftige Existenz des jungen Mädchens aus und suchte mich glauben zu machen, dass ihr Verschwinden kein sonderliches Aufsehen erregen, und dass es leicht sein werde, sie durch Geschenke oder Drohungen zum Schweigen zu bringen. Gegen die im Wege stehenden Hindernisse und Unmöglichkeiten verschloss ich absichtlich meine Augen und warf sie absichtlich beiseite, um zu einer anderen Zeit zu erwägen, durch welche Mittel sie zu beseitigen seien. Dennoch ging ich nach dem verborgenen Gemache zurück und schob durch die neben dem Eingange angebrachte geheime Öffnung einige Zwiebacke hinein. Ich hörte das Mädchen einen leisen Schrei ausstoßen und fühlte mich dadurch beruhigt. Sie lebte und war mit Kleidern und Nahrung versehen. Für jetzt mochte ich nicht weiter an sie denken, sondern ging zu Bett und erwartete den Morgen.

Er kam, und die Nachricht von dem plötzlichen Tode meines Gemahls überraschte niemand. Die Dienstboten hatten bereits den Arzt gerufen, ehe sie mein Zimmer betraten. Er langte an, als ich meine Toilette beendigt hatte, erklärte, dass er einen solchen Fall schon lange erwartet habe, und übernahm statt meiner die Anordnung alles dessen, was jetzt geschehen müsste. Ein prächtiges Leichenbegängnis fand statt, und ich legte die Kleider einer trauernden Witwe an, über die ich innerlich lachen musste.

Unter keinen Verhältnissen dieser sonderbaren Welt genießt wohl ein Weib größere Freiheit, als in denen einer jungen Witwe, wie ich nun war, welche weder Vater, Bruder noch sonst jemanden hat, dessen Vorstellungen oder Vorschriften ihren Willen beschränken könnten. Ohne jenes unglückliche Kind wäre mein Dasein jetzt sonnenhell gewesen. Ich hegte die Hoffnung, das Mädchen durch Geschenke oder Drohungen zum Schweigen zu bringen und sie nach einer fernen Gegend, vielleicht sogar in ein anderes Land schaffen zu können. Einen bestimmten klaren Plan hatte ich zwar nicht mit ihr, aber unter allen Umständen, dachte ich, werde ein solches Wesen mir in meinem Reichtume unmöglich gefährlich werden können. Über ihr Verschwinden wurde wenig gesprochen. Jede Spur dessen, dass sie in jener Nacht in der Abtei geschlafen, hatte ich sorgfältig verwischt, und hörte nach mehreren Tagen von meinem Kammermädchen, dass man allgemein vermute, sie sei mit einer Zigeunerbande fortgezogen, in deren Gesellschaft sie mehrere Tage vorher gesehen worden. Ihre alte Großmutter war ein sehr übellauniges altes Weib, und ihre eigene Mutter hatte sich, nachdem sie von Sir Thomas abgefunden worden war, fast ganz von ihr losgesagt. Es ließ sich daher wohl annehmen, dass sie, nachdem ihr einziger Freund gestorben war, ein wanderndes Zigeunerleben den traurigen Aussichten, welche ihr in der Heimat blieben, vorgezogen habe. Mutter und Großmutter schienen froh zu sein, dass sie ihrer los waren. Das ihnen ausgesetzte Jahrgeld war in dem Testamente sicher gestellt, und weiter wollten sie nichts.

Sogleich nach dem Tode meines Gemahles verließ ich das bin dahin bewohnte, neben seinem Zimmer gelegene Gemach. Nichts war natürlicher als dieser Schritt; dagegen erregte die Wahl meiner neuen Gemächer allgemeines Staunen. Es waren diejenigen, welche die Äbte in früherer Zeit innegehabt hatten, — düstere, unbequeme und von allen übrigen bewohnten Teilen der Abtei weit entlegene Zimmer. Ich konnte jedoch von ihnen aus leicht in die Ahnengalerie gelangen, wo der geheime Zugang zu den verborgenen Gemächern liegt, und konnte bei Nacht, so wie unter gehöriger Vorsicht auch bei Tage ohne Gefahr der Beobachtung dahin gehen.

Es war beinahe Mitternacht jenes Tages, an welchem ich meine neuen Zimmer bezogen hatte, als ich, mit Speisen und Wein versehen, meinen ersten Besuch bei der Gefangenen zu machen versuchte. Allein ich konnte nicht zu ihr gelangen, denn sie hatte die inneren Riegel vorgeschoben, welche keine menschliche Kraft zu sprengen vermochte. Nachdem ich mich lange Zeit vergebens bemüht hatte einzudringen, und keinen Laut von innen vernahm, schob ich die für sie bestimmten Lebensmittel durch die Maschine hinein und war froh, an dem schnellen Verschwinden des Korbes zu bemerken, dass sie lebte und sich bewegen konnte. Unmöglich war es, von außen hinein zu sehen, und ich weiß selbst nicht, ob innerhalb eine Stimme von außen gehört werden konnte, denn auf wiederholte Fragen erhielt ich nie Antwort. So schloss sie sich von jenem ersten Augenblicke an, in welchem ich sie auf der Matratze liegend verlassen hatte, gänzlich ab, und ich habe sie später nie wieder gesehen, nie wieder eine Mitteilung von ihr erhalten. Ich machte wiederholte Versuche, schrieb mehrmals an sie in den dringendsten Ausdrücken, aber ohne Erfolg; nur an der Konsumption der Speisen und ihrer Zurücklieferung des Geschirres sah ich, dass sie lebte. Die Kleider und die Wäsche, welche ich ihr zukommen ließ, wurden natürlich von den meinigen entnommen, und sie musste sie unserer sehr verschiedenen Größe ungeachtet tragen, so gut es ging. Dagegen erhielt sie von mir fortwährend Schreibmaterialien und unterhaltende Bücher, die ich von Zeit zu Zeit wechselte, und Vorräte von Zwieback, Mandeln und überhaupt solchen Esswaren, welche sich lange aufbewahren ließen, so wie ihre regelmäßigen täglichen Mahlzeiten, die ich von meinem Tische entnahm, weshalb ich alle Speisen allein in meinem Zimmer genoss. Bemerkt sei hier noch, dass ich vom ersten Augenblicke ihrer Gefangenschaft an eine genaue Schilderung der zur Öffnung jener geheimen Gemächer anzuwendenden Mittel niederschrieb und dieselbe an einem Orte niederlegte, wo sie nach meinem Tode gleich gefunden werden müsste.«

»Lange Zeit ertrug ich die erdrückende Last dieses Geheimnisses mit Mut und Standhaftigkeit. Anfangs erschien es mir leicht im Vergleiche mit dem Elende, welches ich im Umgange mit meinem Gemahle erduldet hatte, und noch mehrere Monate lang nach meiner zweiten Heirat blieb mir die dunkle Hoffnung, dass ich mich allmälig an das Amt einer Gefangenenwärterin gewöhnen würde, und ich dachte sogar daran, die Abtei für kurze Zeit zu verlassen, während derer das Mädchen von den ihr gereichten Nahrungsmitteln leben könnte. Oft auch versuchte ich, die in meiner Jugend gehörten Ansichten und Lehren auf meine jetzige Lage anzuwenden. Hier war ein armes Mädchen, um das kein Wesen auf der Welt sich kümmerte, ob es lebte oder nicht. Nur zwei Personen standen ihr durch Blutsverwandtschaft nahe, von denen die eine, ihre Mutter, ihr Wiedererscheinen für ein Unglück gehalten haben würde, und die andere, ihre Großmutter, von dem Gedanken, sie wieder kleiden und ernähren zu müssen, nichts weniger als erfreut gewesen wäre. Wie viele ihres Standes gab es nicht, welche ihr Leben unter schweren Arbeiten hinbringen mussten, misshandelt, gedrückt und vernachlässigt wurden! Wenn sie die Freiheit entbehrte, dachte ich, so war sie wenigstens gegen die Leiden der Armut und eines mühseligen Lebens geschützt, wurde gekleidet, ernährt und konnte sich nach Belieben unterhalten. Allein solche Betrachtungen blieben wirkungslos, und meine Last stieg von Tag zu Tag. Auf welche lange Zeit namenlosen Elends kann ich jetzt zurückblicken! Wie viele Pläne entwarf ich nicht, um den Druck der mir selbst auferlegten Ketten zu mildern! Mut, Gesundheit und Kraft erlagen allmälig dem unersättlichen Feinde, welcher an meinem Herzen nagte. Zu Zeiten stieg sogar die Idee in mir auf, meinem Hause zu entfliehen und mich in eine entfernte Einöde zu begeben, mit Zurücklassung einer genauen Beschreibung des Eingangs zu den geheimen Gemächern, um dadurch die Gefangene finden zu können und sie selbst alles enthüllen zu lassen. Es war gewiss keine selbstsüchtige Rücksicht, was mich von der Ausführung dieses Gedankens abhielt, denn ich brachte nur wenig Glück zum Opfer; allein ich sah voraus, welches schwere Leid dadurch über das einzige Wesen kommen musste, das ich je geliebt hatte. Schmach und unaussprechlicher Kummer wurden ihm zuteil, und er versank mit seinen Kindern in tiefe Armut, da in diesem Falle sein gesamtes späteres Einkommen in der kleinen indischen Pension bestand. Ich trug also meine geheime, täglich zunehmende Qual weiter, wurde scheinbar immer schroffer und eigensinniger, und lebte abgeschlossen in meinen Zimmern, wo ich auch alle Mahlzeiten allein genoss, um dadurch die Mittel zur Ernährung meiner Gefangenen zu erlangen.

Im Laufe der Zeit erregte jedoch das Missverhältnis zwischen den Quantitäten von Speisen, welche ich scheinbar verzehrte, und meiner immer zunehmenden Abmagerung Aufmerksamkeit, so dass ich mich endlich dem Possenspiele eines Besuches von Seiten unseres Hausarztes unterwerfen musste. Ich hätte ihm in das Gesicht lachen können, als ich sah, mit welcher Aufmerksamkeit er meinen Puls untersuchte, meine Zunge prüfte und verschiedene Fragen über gewisse Zeichen und Empfindungen an mich richtete.

Obgleich völlig im Dunkeln tappend, glaubte er dennoch den Sitz des Übels gefunden zu haben und gab ihm einen wichtigen Namen ohne Bedeutung. Alles dieses klang ganz gut, allein die verordnete Luft- und Ortsveränderung und die Zerstreuungen, welche ich genießen sollte, waren mir peinlich. Endlich jedoch gab ich nach und ließ mich bereit finden, für kurze Zeit einen nahen Badeort zu besuchen. Wir begaben uns dahin. Am ersten Abende nahm ich Opium und versank in einen tiefen Schlaf, aus dem ich erst wieder erwachte, als wir uns bereits im Wagen und auf dem Rückwege befanden. Wie mir erzählt wurde, hatte ich in der Nacht das ganze Haus durch lautes Geschrei erweckt. Man fand mich in tiefem Schlafe, aber, wie es schien, von bösen Träumen geplagt. Ich fuhr fort, verworrene und abgebrochene Reden auszustoßen, von denen sich nichts verstehen ließ, als die Bitte, nach Hause gebracht zu werden, und die Worte: »Sie schreit, sie schreit!« Nach langen Bemühungen gelang es, mich zu beruhigen, und der Rückweg wurde angetreten: aber ich selbst habe, wie gesagt, keine Erinnerung an diesen Zustand.«

»Von dieser Zeit an wurden keine ähnlichen Versuche wieder gemacht, und ich blieb ungestört in meinen Gemächern. Natürlich konnte ich keine Dienerin bei mir schlafen lassen und befand mich deshalb Nacht und Tag allein. Ich scheute jeden Umgang mit anderen Personen, und die einzigen, welche ich außer meinem Gemahle und den Kindern zuweilen sah, waren die Erzieherinnen, deren eine nach der andern versuchte, die Abgeschiedenheit der düsteren Abtei ertragen zu lernen. Alle ermüdeten jedoch oder wurden von mir verscheucht. Ohne Zweifel hielten sie mich für halb wahnsinnig. Die letzte Erzieherin scheint bleiben zu wollen; sie ist eine gebildete und verständige Dame von sehr angenehmem Wesen, deren Freundschaft ich gern gewonnen hätte; allein sie hängt an Vorurteilen, bedauert mich, wie ich deutlich sehen kann, und fühlt sich abgestoßen von meinen Ansichten.«

»Es bleibt mir nichts mehr zu sagen. Ich schleppe mein vergifteten Dasein ein Jahr nach dem anderen hin und mein Opfer in seinem verborgenen Gefängnisse ist glücklicher als ich, — glücklich, keine menschliche Stimme zu hören und kein menschliches Gesicht zu sehen. Gern tauschte ich mit ihm, denn alles bringt mir Pein. Es ist peinlich für mich zu sehen, wie lang und schwer den armen Kindern, deren Liebe ich gewinnen sollte, die halbe Stunde wird, die sie zuweilen bei mir zubringen müssen, und namenlose Qual bereitet mir die immer deutlicher werdende Überzeugung, dass er, dem ich hier und jenseits — wenn es ein Jenseits gibt — alles geopfert habe, mich nie geliebt hat, und dass selbst sein sanftes Gemüt ängstlich und unruhig wird, wenn Pflicht oder Sitte ihn nötigen, bei mir zu sein. Er ahnt nicht, dass mein Leben ein ununterbrochenes Opfer für ihn war. Nichts hält mich hier zurück als der Umstand, dass ich weiß, welche Schmach, welches Elend mein Tod über ihn bringen würde. Ich trage fortwährend die Mittel bei mir, um zu jedem Augenblicke meinem qualvollen Dasein ein Ende setzen zu können, und sollte ihm mein Geheimnis durch irgendeinen Zufall bekannt werden, so bin ich fest entschlossen, nicht länger zu leben. Oft habe ich gefragt, was mich abhalte, mir diese erdrückende Last vom Halse zu schaffen? Einige Tropfen unter ihre Speisen gemischt, und ich bin frei. Ich habe mir schon einmal die Freiheit errungen, — warum nicht wieder? Allein immer kommt dann die Antwort aus meinem Innern, dass es mir unmöglich sei. Ginge solche Speise aus meinen Händen in ihr Gefängnis, so würde ich wahnsinnig werden. Die Unmöglichkeit, sie zu retten, würde mir den Verstand rauben, und ich würde alles verraten. Mit aller Macht wehre ich deshalb diesen Gedanken ab, und dennoch kehrt er immer wieder.«

»Häufig erwacht auch der alte Aberglaube in mir, den ich in meiner Jugend verachten gelernt habe, und ich möchte sehnend rufen: »Gott helfe mir!« Allein es gibt keine wirkliche Sünde, und nie war eine nach frömmelnder Redeweise sogenannte sündhafte Handlung leichter zu rechtfertigen, als die meinige. Ihre traurigen Folgen sind eine reine Zufälligkeit, denn ohne jene unfreiwillige kleine Zeugin wäre ich jetzt ein glückliches Weib. Ich weiß, dass mit diesem Leben alles endet, dass der Tod nur eine Vernichtung, ein Übergang in die ursprünglichen Elemente, in Atome ist, die von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nichts wissen. O ich Unglückliche! Dennoch möchte ich ausrufen: »Gott stehe mir bei!«

Hier endete das Manuskript.

IV

Unmöglich kann ich beschreiben, in welchem Geisteszustande ich mich befand, als ich es bis zum Schluss durchgelesen hatte. Jetzt erscheint es mir sonderbar, dass ich von dem darin geschilderten schrecklichen Verbrechen, dem tiefen Elende der unglücklichen Frau und der wunderbaren Entdeckung ihrer Schuld nicht noch mehr ergriffen wurde; allein ich war betäubt und mein vorherrschender Gedanke bezog sich auf die lebende Zeugin des Verbrechens, jenes junge Wesen, das sieben lange Jahre, vom Kindes- bis zum Jungfrauenalter, einsam in jenen geheimen Gemächern zugebracht hatte, ohne je einen Lichtstrahl der Sonne oder ein menschlichen Antlitz zu sehen.

»Sie ist hier,« sagte ich zu mir selbst, »sie ist unter diesem Dache! Vielleicht wenige Schritte von mir entfernt bringt sie traurig diese lange Nacht zu, wie sie deren Hunderte verlebt hat. Noch wenige Stunden, und ich werde sie sehen, sie sprechen. Wie werde ich sie finden? Hat sie die Klarheit des Verstandes verloren? Wird sie nun verstehen, — unseren Worten glauben und uns einlassen?«

Ich erinnerte mich des kleinen bleichen Kindes, welches das Portrait in der Hütte der Großmutter vorstellte, und entwarf jetzt ein ähnliches Bild von ihr, nur größer von Gestalt und mit älteren, vor der Zeit gealterten Zügen. Ich dachte mir ein verwelktes, lebensmüdes Weib von neunzehn Jahren.

Schlafen konnte ich in dieser Nacht nicht und ging deshalb gar nicht zu Bett, sondern erfrischte mich nur, ehe Mr. Davis in früher Morgenstunde zu mir kam, durch Waschen und Umkleiden. Auch er schien wenig Ruhe genossen zu haben. Anfangs drückten wir uns nur die Hand und schwiegen. Das Manuskript lag offen auf dem Tische. Unwillkürlich richteten sich unsere Blicke darauf, und endlich sagte ich flüsternd:

»Was ist zu tun?«

»Nehmen Sie Platz, meine liebe Miss Vernon,« erwiderte er, einen Stuhl hervorziehend und sich neben mich setzend, »wir müssen diese schreckliche Angelegenheit ruhig besprechen. Capitain Sinclair hat uns überlassen, alles zu tun, was nötig ist. Natürlich muss unser erster Schritt sein, das unglückliche Opfer jenes verbrecherischen Weibes in Freiheit zu setzten, allein es bedarf reiflicher Überlegung. Diesen Schritt zu tun, ohne das traurige Sachverhältnis bekannt werden zu lassen, scheint fast unmöglich; und doch enthielten Sinclairs letzte Worte, als er mir zum Abschiede die Hand drückte, die flehende Bitte, jede Bloßstellung seiner Frau zu vermeiden, soweit es möglich sei. Was würden Sie vorschlagen? Können Sie ein Mittel entdecken? Mac Ivor, der jetzt wieder vollkommen ruhig und gesammelt ist, meint, wir täten am besten, uns den Daltons zu vertrauen.«

»Das wäre auch mein Vorschlag,« versetzte ich. »Es scheint mir unmöglich, ohne fremden Beistand das unglückliche Mädchen zu befreien und ihr ein vorläufiges Unterkommen zu verschaffen. Der Pfarrer und dessen Frau sind vortreffliche, warmfühlende und verständige Leute, denen wir unbedingt vertrauen können, und die nie daran denken werden, das unglückliche Weib der Gerechtigkeit zu überliefern.«

Bei den letzten Worten bemerkte ich einen seltsamen Ausdruck in den Zügen von Mr. Davis.

»Das unglückliche Weib,« sagte er, »hat auf dieser Welt nichts mehr zu fürchten.«

»Ach,« rief ich, »sie führte Gift bei sich, — sie sagt es in ihren Geständnissen.«

»Ja, sie wurde tot aus dem Wagen gehoben,« bemerkte er. »Ein expresser Bote langte gestern Abend erst spät an und überbrachte diesen Brief.«

Er legte ihn in meine Hände. Die Schrift war sehr undeutlich, und nur mit Mühe konnte ich den folgenden Inhalt entziffern:

»Lieber Davis! Meine Frau ist tot. Sie saß sprach-

und regungslos neben mir, bis wir in geringer Ent-

fernung von L— waren; dann legte sie ihre Hand in

die meinige. Ich konnte sie nicht zurückstoßen. Sie

drückte meine Hand und hielt sie einige Minuten lang

fest, worauf ihre Finger sich langsam lösten und ich

meine Hand zurückzog, gerade als wir vor dem Gast-

hofe anhielten. Ich stieg zuerst aus, und die Diener

des Hauses traten an den Wagen, um ihr behilflich

zu sein. Plötzlich entstand eine Verwirrung. Ich hörte

mehrere Ausrufungen des Staunens und Schreckens,

und sah endlich meine Frau tot aus dem Wagen

heben. In ihrer linken Hand hielt sie ein kleines

Fläschchen. Ich werde hier bleiben, die Leute hier

sind sehr artig und teilnehmend. Tun Sie für

mich, was Sie können, und schonen Sie ihrer, soweit

es möglich. Nehmen Sie Rücksprache mit Miss Ver-

non. Gott sei mit Ihnen!

C. Sinclair.«

Schweigend gab ich ihm den Brief zurück, denn es war mir unmöglich zu sprechen. Dann erzählte mir Davis, was geschehen war, seitdem er mich in der Hütte der alten Frau gelassen hatte.

»Bei meiner Ankunft in der Abtei,« begann er, »traf ich Capitain Sinclair in der Vorhalle, bleich und ein wahres Bild des Schreckens. Er hatte eine Rolle Papier in der Hand und zog mich in das nächste Zimmer, wo er sich setzte und mir zurief: »Hier, lesen Sie diesen mit mir!« Ich leistete seinem Wunsche Folge, und wir durchlasen beide das Memoir über Lady Deightons Leben, welches ich Ihnen gestern gegeben habe. Währenddessen zitterte seine Hand so sehr, dass ich das Papier halten musste. Mit sichtbarer Angst und Ungeduld eilte er dem Ende zu und überschlug mehrere Seiten des Anfangs, bis sein Auge auf das Wort »die Abtei« fiel. Dann schien er alle Kraft zu sammeln und las gefasster weiter. Kurz vor dem grauenvollen Schlusse begann er von Neuem zu zittern, aber beherrschte seine Gefühle, und als wir geendet hatten, verhielt er sich so still, dass ich ihn einer Ohnmacht nahe glaubte. In diesem Augenblicke kam jedoch Lady Deightons Kammermädchen plötzlich in das Zimmer und sagte:

»Ach, hier sind Sie, ich habe Sie im ganzen Hause gesucht. Was soll ich tun? Mylady hat befohlen einzupacken und den Wagen anspannen zu lassen. Verreisen wir, und soll ich diesen Befehlen Folge leisten?«

»Ja,« flüsterte er mir zu, — »ja, das wird das Beste sein. Ich muss mit ihr fort von hier gehen; bleiben Sie hier und handeln Sie für mich.«

»Ich erbot mich zu Lady Deighton zu gehen, um ihre Wünsche zu erfahren, und er gab mir ein Zeichen, es zu tun. Sie können sich denken, mit welchen Empfindungen ich nach dem Zimmer dieser Frau ging: aber Mac Ivor begegnete mir auf dem Wege dahin und hielt mich zurück. Er war völlig ruhig und gesammelt.

»Haben Sie Capitain Sinclair gesprochen? Wissen Sie alles?« fragte er.

»Ja,«· war meine Antwort.

»Es ist Ihnen also auch bekannt, dass Lady Deighton die Abtei verlassen will?«

»Ja,« wiederholte ich.

»Sie tut recht,« bemerkte er, »es ist der weiseste Entschluss, den sie fassen konnte.«

Während dieser Worte traten wir in sein Zimmer, wo er die Tür verschloss und dann fortfuhr:

»Als ich die Abtei erreichte, ging ich geraden Weges nach ihren Gemächern und trat ein, ohne mich auf irgendeine Weise anzumelden. Sinclair befand sich zufällig dort. Ich handelte unter dem Einflusse eines unwiderstehlichen Dranges und habe jetzt die Umstände nicht klar vor Augen; später werden sie mir vielleicht einfallen. So viel mir erinnerlich ist, beschuldigte ich sie mit dürren Worten des doppelten Verbrechens der Ermordung ihres Gemahls und der heimlichen Gefangenhaltung des jungen Mädchens, Grace Wilson. Nie hat es ein solches Weib gegeben, glaube ich, und wird es nie wieder geben. Ihre Kälte und Entschlossenheit machten mich selbst in meiner übernatürlichen Aufregung starr. Ohne eine Miene zu verziehen, blickte sie mich stolz und entschieden an, öffnete ein Schreibpult nahm ein Bündel Papiere heraus, welche sie dem Capitain Sinclair mit den Worten reichte:

»Lies die letzten zwei oder drei Bogen und führe mich von hier fort.« Dann stand sie auf und ging langsamen, festen Schrittes in das Nebenzimmer. Sinclair verließ auch das Gemach, mit den Papieren in der Hand, wie ein Träumer. Ich blieb zurück, in der Erwartung, dass sie wieder kommen oder mich rufen lassen werde. Es war mir lieb, allein zu sein, meine Gedanken sammeln und überlegen zu können, was jetzt zu tun sei. Nach wenigen Augenblicken kam jedoch die Kammerjungfer in großer Eile und Verwirrung herein. Sie erschrak bei meinem Anblicke, aber schien mit ihren eigenen Gedanken zu sehr beschäftigt zu sein, um etwas anderes zu beachten; und froh, jemand zu finden, gegen den sie sich aussprechen konnte, begann sie mir zu erzählen, dass Mylady ihrer Meinung nach wahnsinnig geworden sein müsse, da sie plötzlich befohlen habe, anspannen zu lassen und Alles zu einer schleunigsten Abreise vorzubereiten.«

Ich fragte, ob die Dame krank sei.

»Keineswegs,« erwiderte das Mädchen in ärgerlichem Tone, »nichts fehlt ihr, so viel ich sehen kann. Von allen ihren sonderbaren Einfällen ist das der sonderbarste; aber ich werde zum Capitain gehen und fragen, was er dazu sagt.«

Dann verließ sie das Zimmer und ich folgte ihr, um Sinclair aufzusuchen, als ich Sie traf.

Ich sagte ihm, dass das Mädchen bereits ihren Herrn gesprochen habe, und dass dieser in der Tat mit Lady Deighton die Abtei verlassen werde. Hierauf begaben wir uns in das Wohnzimmer, wo ich Capitain Sinclair verlassen hatte, und fanden ihn noch dort, mit dem Lesen des Manuskripts beschäftigt. Er war in einem sehr angegriffenen Zustande, unfähig zu denken und zusammenhängend zu sprechen. Wir reichten ihm ein Glas Wein und bemühten uns, ihn zu beruhigen, aber es währte lange, bis er uns nur verstehen und vernünftig antworten konnte; und als er sich endlich genügend gesammelt hatte, um uns anzuhören, fügte er sich allen Anordnungen wie ein Kind.«

Hier endete Mr. Davis seine Erzählung, und Sinclairs Brief wieder aufnehmend, zeigte er mir eine Nachschrift, worin letzterer ihn, Mac Ivor und mich inständigst bat, alles Erforderliche zu tun, indem er zugleich eine Anweisung auf eine sehr bedeutende Stimme bei seinem Bankier beifügte.

»Das stimmt mit dem überein,« bemerkte er, »was ich mit ihm beim Abschiede verabredet hatte; wir sollten hier die traurigen Geschäfte übernehmen, und er wollte mit Lady Deighton vorläufig im Gasthofe in L— bleiben.«

Schaudernd hielt er inne und fügte dann hinzu:

»Es ist schrecklich, an sie zu denken, gleichviel ob lebend oder tot, aber verhehlen können wir uns nicht, dass ihr Tod eine große Schwierigkeit beseitigt. Es bleibt uns noch genug zu tun. Was sollen wir mit dem unglücklichen Kinde anfangen?«

»Kind?« unterbrach ich ihn. »Sie muss beinahe zwanzig Jahre alt sein.«

»Freilich!« versetzte er sinnend. »Wir müssen schnell handeln, Miss Vernon, denn die Maßregel, welche wir gestern zur Entfernung Mac Ivors von hier getroffen, vermehrt unsere Verlegenheiten in nicht geringem Grade. Sein Bruder kann schon übermorgen eintreffen.«

»Ja, wahrlich,« rief ich, »daran habe ich nicht gedacht.«

»Ich glaube,« fuhr Mr. Davis fort, »es wird am besten sein, Ihrem ersten Plane zu folgen. Fremde Hilfe müssen wir durchaus haben, um die arme Gefangene in der Stille zu befreien und ihr ein vorläufiges Unterkommen zu verschaffen; und da Sie eine so hohe Meinung von den Daltons haben, so dürfen wir ihnen wohl vertrauen.«

Ich wiederholte die Versicherung von ihrer Rechtschaffenheit und ihrem guten Willen überzeugt zu sein, worauf Davis mich verließ, um sogleich mit dem Pfarrer zu sprechen. Wie sich denken lässt, waren der Schreck und das Erstaunen des letzteren nicht gering, und sobald es ihm nach Anhörung eines so entsetzlichen Geheimnisses möglich war, teilte er es vorsichtig seiner Frau mit. Sie war eine Dame von klarem Verstande, warmem Herzen, großer Energie, und mehr befähigt, die geeigneten Mittel zur Ausführung unserer Pläne zu entdecken, als ihr Gatte. Beide erinnerten sich des Verschwindens der armen Grace Wilson und hatten sie in früherer Zeit öfter gesehen, aber waren wegen des abstoßenden Charakters ihrer Großmutter nie in Berührung mit ihr gekommen. Die ersten Vorschläge der guten Pfarrersfrau beseitigten sogleich mehrere erhebliche Schwierigkeiten. Sie sagte, ihr Gatte sei gewohnt, wenn er fremde Gäste bei sich erwarte, den von London kommenden Kutschen bis zu einem gewissen, ungefähr drei Meilen vom Dorfe entlegenen Orte in seinem eigenen Wagen entgegen zu fahren. Die letzte Kutsche passiere jenen Ort abends zwischen elf und zwölf Uhr, und sie schlage deshalb vor, dass ihr Gatte zur rechten Zeit vom Hause abfahre und die Anweisung hinterlasse, dass er eine Dame mitbringen werde, zu deren Empfange die nötigen Vorrichtungen zu treffen seien. Inzwischen sollten wir die Gefangene auf ihre Erlösung vorbereiten, und sie dann an jenen Ort bringen, wo Mr. Dalton mit seinem Wagen ihrer wartete.

Dieser Plan war nur in allgemeinen Umrissen angegeben worden, weshalb Mr. Davis die Frau ersuchte, ihm nach der Abtei zu folgen, um das Nähere mit mir zu besprechen. Ich hatte während seiner Abwesenheit ein eiliges Frühstück mit meinen Zöglingen genossen, und ihnen den plötzlichen Tod ihrer Stiefmutter angezeigt. Die Kinder erschraken natürlich bei dieser Nachricht, aber waren zu jung und zu ehrlich, um einen Schmerz zu erheucheln, den sie nicht empfanden. Die Dienstboten hatten das Ereignis durch den Mann erfahren, von dem Sinclairs Brief überbracht worden war. Sie machten pflichtgemäß ernste Gesichter und taten also alles, was von ihnen zu erwarten war; denn das unglückliche Weib hatte bei niemand Liebe oder Achtung gewonnen.

Ich war noch damit beschäftigt, die Anordnungen für die Trauer und andere Dinge zu geben, als mir gemeldet wurde, dass die Daltons gekommen seien. Davis und Mac Ivor fand ich bereits bei ihnen, und nach kurzer Begrüßung gingen wir sogleich auf den Gegenstand der Beratung ein, nämlich auf Mrs. Daltons Vorschlag. Ich erlaubte mir noch einiges hinzuzufügen, namentlich, dass die zu erwartende Dame ihr Gepäck durch irgend einen Unfall auf der Reise verloren habe und dadurch genötigt werde, Wäsche und Kleider von Miss Dalton zu entlehnen, so wie ferner, dass den Dienstboten vorher gesagt werde, die anlangende Dante sei leidend und werde sich sogleich zu Bett begeben.

Während unserer Besprechungen musste ich unwillkürlich daran denken, in welchem Dunkel wir uns eigentlich befanden, denn keiner von uns wusste, in welchem Zustande wir das arme Wesen finden würden, ob sie uns einlassen werde, und ob sie überhaupt aus dem Gefängnis werde entfernt werden können. Derartige Zweifel drängten sich mir fortwährend auf. Davis und ich sollten das Geschäft übernehmen, der Gefangenen die bevorstehende wichtige Veränderung anzuzeigen und sie darauf vorzubereiten; wir kamen überein, dass eine schriftliche Mitteilung am zweckmäßigsten sein werde. Sobald uns daher der Pfarrer und seine Frau verlassen hatten, entwarf ich ein Schreiben in den sanftesten Ausdrücken, worin ich dem unglücklichen Mädchen Lady Deightons Tod anzeigte und eins der von ihr hinterlassenen Papiere beifügte, welches eine genaue Beschreibung der geheimen Zugänge zu den verborgenen Gemächern und das Bekenntnis enthielt, dass eine Person darin gefangen gehalten werde. Ich sagte ihr, wer ich sei, versicherte sie meiner innigen Teilnahme und fügte hinzu, dass sie vorläufig in dem Hause des ihr bekannten Pfarrers, Mr. Dalton, ein Unterkommen finden werde, also nicht zu ihrer Großmutter gebracht werden solle, und dass fernerhin Freunde liebend für sie sorgen und nichts tun würden, was ihren Wünschen entgegen sei. Dann teilte ich ihr unsere Absicht mit, sie in der folgenden Nacht, wenn alles im Hause schlafe, aus dem Gefängnisse abzuholen, bat sie dringend, die inneren Riegel zu öffnen, und bemerkte, dass ich in einer Stunde kommen würde, um ihre Antwort zu erfahren, ohne jedoch dann einen Versuch zu machen, sie zu sehen.

Als ich dessen gewiss war, dass alle Dienstboten der Abtei sich beim Mittagessen befanden, schlich ich mit Mr. Davis, den von Lady Deighton gegebenen schriftlichen Anweisungen folgend, durch das zu den geheimen Gemächern führende Labyrinth und langte vor der scheinbar massiven Wand an, hinter der der Eingang lag. Mr. Davis entdeckte bald die Feder, welche die drehbare Maschine vorspringen ließ, und der Brief wurde hinein getan. In atemlosem Schweigen wartete ich dessen, was darauf erfolgen werde, und zitterte so sehr, dass ich mich auf den Fußboden niedersetzen musste, während mein Begleiter mit fest geschlossenen Händen und starr auf die Wand gerichteten Augen neben mir stand. Eine peinliche, endlos scheinende Pause folgte. Endlich drehte sich die Maschine wieder, und ein Streifen Papier fiel heraus, auf dem mit deutlicher, aber zitternder Hand die Worte geschrieben standen: »Heute abend um zehn Uhr werde ich die Riegel öffnen. Gott vergebe Ihnen, wenn Sie mich täuschen!«

Es lag etwas außerordentlich Rührendes in diesen wenigen Worten, — scheues Vertrauen und natürliche Bangigkeit. So sonderbar es scheinen mag, war ich doch überrascht von der Gewissheit, dass die entsetzliche Geschichte wirklich wahr sei. Ja, dort hinter jener Mauer befand sich das arme Wesen, Grace Wilson, die Zeugin des Mordes, die siebenjährige Gefangene. Dieser Gedanke überwältigte mich so, dass Mr. Davis mehrere Male rufen musste, ehe ich mich genügend ermannen konnte, um aufzustehen und den Ort zu verlassen.

Alle unsere Pläne wurden glücklich ausgeführt. Als die Kinder sich im Bett befanden und alles still in der Abtei war, kam Mr. Davis, und wir begaben uns in den nach den geheimen Gemächern führenden Gang, wo wir warteten, bis die Glocke zehn Uhr schlug. Dann drückte er an die Feder, welche die Oberfläche der scheinbar massiven Wand auf die Seite schob und eine schmale Tür in der eigentlichen Wand des Zimmers sichtbar werden ließ. Wir näherten uns und hörten deutlich das Rasseln der inneren Riegel, welche zurückgezogen wurden. Mr. Davis legte die Hand auf den Türgriff und drückte nach kurzem Zaudern; die Tür öffnete sich, und er zog mich mit sich in das Zimmer. Mein Herz schlug so heftig, dass mir fast schwindelte. Ich sah nur ein erleuchtetes Zimmer, aber konnte anfangs keinen einzelnen Gegenstand erkennen. Erst mehrere Stunden später, als ich mich allein befand, vermochte ich mir die näheren Umstände klar zu machen, welche unseren Eintritt in jenes Gemach, den Schauplatz einer so großen Schuld und eines so schweren Leidens, begleiteten, denn im Augenblicke selbst sah, hörte und handelte ich wie eine Träumende.

Mr. Davis folgend gelangte ich in das geheime Gemach, wo er stehen blieb und mich an seine Seite zog. Der erste Gegenstand, den ich erkannte, war ein langes, schmales Bett, welches der Tür gegenüber an der Wand stand, und auf dem eine unförmliche Gestalt in einem weiten sie umschlotternden Kleide saß. Ich dachte an das Bild des zarten Kindes in der Hütte, aber sah stattdessen ein schwerfälliges Wesen mit hellem Haar, bleichgelben Gesichte und verschwollenen, kaum sichtbaren Augen vor mir. Sie zitterte am ganzen Körper, sah nicht auf und sprach kein Wort. Ich ergriff eine ihrer Hände, und augenblicklich klammerte sie sich mit beiden an die meinige, senkte den Kopf darauf und ließ ein Stöhnen hören, das ich nie vergessen werde. Ich drückte ihre Hände an meine Brust, küsste sie auf ihre Stirn und versuchte zu sprechen, aber konnte nicht. Mr. Davis kam mir zur Hilfe, indem er sagte:

»Mein armes Kind, fürchten Sie nichts. Sie sind jetzt in Sicherheit und bei Freunden, die Ihnen allen Beistand leisten werden. Beruhigen Sie sich und kommen Sie mit uns!«

Dann reichte er mir ein Tuch und einen Hut, die wir zu dem Zwecke mitgenommen hatten. Es währte lange, bis ich einen Versuch machen konnte, ihr beides anzulegen, denn sie hielt sich an meine Hände, meine Schulter und mein Kleid geklammert, ohne dabei ein Wort zu sprechen. Plötzlich wurde ihr Atem kürzer, und im nächsten Augenblicke schrie sie gellend auf und brach in ein krampfhaftes Schluchzen aus. Wir hatten die Vorsicht gebraucht, einige stärkende Mittel mit uns zu nehmen, allein lange Zeit hatten diese durchaus keine Wirkung bei ihr. Endlich ließ jedoch die Heftigkeit des Anfalls nach, sie wurde ruhiger, und wir legten sie sanft auf das Bett. Ihr Gesicht war der Wand zugekehrt, und lautlos blieb sie jetzt liegen; aber von Zeit zu Zeit überlief ihren Körper noch ein krampfhaftes Zucken.

»In diesem Zustande können wir sie nicht von hier entfernen,« flüsterte ich Mr. Davis zu.

»Nein,« erwiderte er. »Wollen Sie hier bleiben, während ich zu Mr. Dalton gelte, um ihm die Ursache des Verzuges zu erklären?«

Notgedrungen willigte ich ein. Es war zwar nicht Furcht, was ich empfand, aber leugnen kann ich nicht, dass mich ein höchst unheimliches Gefühl beschlich, als er das Zimmer verließ. Das arme Wesen blieb, abgesehen von jenen unwillkürlichen Zuckungen, völlig regungslos liegen: auch diese wurden allmählig schwächer und hörten endlich ganz auf, und ich glaubte, sie sei eingeschlafen.

Das Gemach war klein, aber hoch, und die äußere Luft musste auf irgendeinem Wege an der Decke eindringen, denn eine herabhängende Lampe flatterte heftig, während das in der Mitte des Zimmers stehende Licht ganz ruhig brannte. Das Mobiliar bestand, außer dem Bett, in einigen Tischen und Stühlen. An den Wänden befanden sich Bretter, auf denen Bücher standen, und in denselben verschiedene Wandschränke, von denen einige offen waren und mit Porzellan und Glasgeschirr angefüllt zu sein schienen. Am anderen Ende des Zimmers führte eine offen stehende Tür zu einem zweiten, Gemache. Es war, wie Grace mir später sagte, das Winterzimmer, dessen eine Seite die hinter dem großen Küchenherd befindliche Seite bildete, und das deshalb immer warm war. In demselben befanden sich ein Gossenstein und eine Pumpe, welche vortreffliches Wasser gab. In den Ecken dieser Küchenwand waren Fächer angebracht, die das Bettzeug enthielten. Noch zu erwähnen ist, dass zur Bequemlichkeit und zur Erhaltung der Gesundheit der diese Räume bewohnenden Personen das innere Gemach mit einem Gange in Verbindung stand, welcher längs der Kapellenwand lief und die äußere Luft zuließ. Er war nur für eine Person breit genug und sollte augenscheinlich als eine Promenade dienen. Der Weg, auf dem diese Zimmer frische Luft erhielten, musste sehr verdeckt sein, denn nirgends fiel ein Lichtstrahl durch. Von dem Augenblicke an, in dem das unglückliche Mädchen an der Seite ihres ermordeten Vaters bewusstlos zu Boden gesunken war, hatte es nie wieder das Tageslicht gesehen.

Ruhig und unbeweglich blieb die Unglückliche auf dem Bett liegen, und ich saß ängstlich wachend neben ihr. Endlich flüsterte sie mit heiserer Stimme:

»Ich schlafe nicht, — ich glaube, ich könnte jetzt gehen.«

Ich hob sie so zart und sanft als möglich auf, denn unwillkürlich flossen meine Tränen, während ich leise ihre Stirn küsste. Sie fühlte die Tropfen auf ihr Gesicht fallen und sagte: »Ich glaube Ihnen, — ich traue Ihnen,« legte dann den Kopf an meine Schulter und weinte still, was ihr große Erleichterung zu gewähren schien.

Bald hatte sie sich so weit erholt, dass wir aufbrechen konnten. Den Hut befestigte sie selbst und ließ sich das Tuch von mir umhängen. Ich sah deutlich, dass ihre Kleidung aus Lady Deightons Garderobe entnommen war, denn sie hing schlotternd um ihren Körper. Während dieser Vorbereitungen kehrte auch Mr. Davis zurück und freute sich sehr, sie zum Aufbruche bereit zu finden. Ich fragte, ob sie etwas mitzunehmen wünsche, was sie jedoch kopfschüttelnd verneinte. Mr. Davis verlöschte hierauf die Lampe und das Licht, und wir verließen die Gemächer mit Hilfe einer mitgebrachten Laterne. Er verschloss die Tür, brachte die sie verdeckende Wand wieder in ihre Lage und überließ die nunmehr unbewohnten Räume wieder der früheren Stille.

Unserer Verabredung gemäß hielt Mr. Dalton in geringer Entfernung von der Abtei mit seinem Wagen. Wir halfen dem armen Mädchen einsteigen, und ich nahm an ihrer Seite Platz und legte meinen Arm um sie. Während der Fahrt erklärte ich ihr unseren Plan und sagte, dass Mr. Dalton sie bei sich aufnehmen und für sie sorgen werde. Auf einem Umwege erreichte der Wagen den Weg, welcher von der Londoner Landstraße nach dem Pfarrhause führte. Ich stieg aus und kehrte mit Mr. Davis, welcher auf einem kürzeren Wege durch die Felder dahin gekommen war, nach der Abtei zurück, wo wir uns trennten und zur Ruhe begaben.

Wie schon früher erwähnt, war ich mich des Eindrucks zur Zeit, als sie sich zutrugen, nicht klar bewusst. Ich dachte weder an Lady Deightons schwere Schuld, noch an die peinliche Lage des armen Sinclair, denn Grace Wilsons Leiden beschäftigten mich allein. Dessen ungeachtet schlief ich fest, da meine Ermüdung übermäßig war. Am folgenden Morgen erwachte ich mit einer wirren, dunkeln Erinnerung und konnte die Ereignisse des letzten Tages kaum für wirklich halten. Meine Zöglinge traf ich beim Frühstück und entband sie für diesen Tag von den Unterrichtsstunden. Sie erkundigten sich sehr angelegentlich nach ihrem Vater und gingen dann an ihre kindlichen Beschäftigungen. Davis und Mac Ivor hatten mit den Papieren und den eingegangenen Briefen zu tun, da Capitain Sinclair sie ermächtigt hatte, ihn in allen Beziehungen zu vertreten, und namentlich dem Hausmeister und der Haushälterin die nötigen Anweisungen zu erteilen.

Bald nach dem Frühstücke kam Mrs. Dalton, wie sie versprochen hatte, aber brachte nicht viel Neues. Grace hatte gut geschlafen und befand sich in einem verdunkelten Zimmer noch im Bett. Ihre Aufregung war gewichen, sie lag jetzt ganz ruhig und sprach sehr wenig. Mrs. Dalton meinte, ihr Geist sei jetzt bemüht, sich die vorgegangene große Veränderung klar zu machen. Ich begleitete sie nach dem Pfarrhause und fand daselbst das arme Mädchen noch still und ruhig liegen. Als ich die Hand derselben fasste, ergriff sie die meinige und küsste sie, ohne jedoch zu sprechen. Gegen Abend stand sie auf, und am folgenden Morgen verließ sie das Bett schon vor dem Frühstück. Mrs. Dalton gab ihr einen Augenschirm, mit Hilfe dessen sie sich in wenigen Tagen an das hellere Licht gewöhnte; aber sie blieb sehr schweigsam und schien immer in tiefe Gedanken versunken zu sein. Lange dauerte es, bis sie auf ein Gespräch einging, und noch länger, bis sie sich dazu verstand, eine Schilderung ihrer Leiden in den sieben einsamen Jahren zu geben, während deren sie weder eine menschliche Stimme vernommen noch das Tageslicht gesehen hatte. Über die Mordtat selbst konnte man ihr nie mehr als einige flüsternde Worte entlocken, und wer den Schrecken sah, welcher stets bei jeder Berührung dieses Gegenstandes in ihrem Gesichte ausdrückte, konnte unmöglich länger davon sprechen. Nur einmal schilderte sie ihre Empfindungen, als sie in dem geheimen Gemache zuerst das Bewusstsein wieder erlangt hatte. Sie sagte, es sei ihr bald klar gewesen, dass sie an einen geheimen Ort gebracht worden war, und habe deshalb nur einen grausamen Tod von derselben ruchlosen Hand erwartet, die vor ihren Augen den Vater ermordet hatte. Nach einiger Zeit habe sie jedoch die Riegel an der Tür wahrgenommen, diese eiligst vorgeschoben, und das Zimmer genau durchsucht, ob sich noch ein anderer Eingang finde, und als sie die Überzeugung gewonnen, dass sie in dieser Beziehung sicher sei, habe sie gebetet und sich dann, die Augen auf die Tür gerichtet, mit der Erwartung niedergesetzt, dass sie verhungern müsse, was ihr lieber gewesen sei, als jede Annäherung von Lady Deighton. Wie lange sie bei diesem Entschlusse beharrt hätte, wenn ihr keine Nahrung zugekommen wäre, lässt sich nicht sagen; aber nicht unwahrscheinlich ist es, dass eine Änderung nicht eher eingetreten wäre, als bis ihre Kraft zu weit geschwunden war, um noch die Riegel öffnen zu können, da sie fest glaubte, dass ihr Leben geopfert werden würde, sobald sie ihre Gefangenenwärterin einließ.

»Aber flößte Ihnen denn der Umstand keine Hoffnung ein,« fragte ich sie, »dass Sie regelmäßig Nahrung, Wäsche, Licht und alle anderen Bedürfnisse von ihr empfingen?«

»Nein,« versetzte sie, »denn ich war der Meinung, dass alles nur geschehe, um mich zu verlocken. Viele Briefe mit Bitten und Versprechungen schrieb sie mir, aber nach der Tat, deren Zeuge ich gewesen war, konnte ich ihr nicht mehr trauen! Meinen einzigen Freund, die einzige Person, die ich je geliebt hatte, hilflos im Bett zu —«

Hier brach sie ab, wie immer, wen der Mord berührt wurde. Ich wunderte mich, dass sie nie an Gift gedacht zu haben schien, aber fand später, dass ihr diese Befürchtung während der ganzen Gefangenschaft nicht fremd gewesen war, nur hatte sie aus irgend einer irrtümlichen Vorstellung die Idee gefasst, dass es nicht anders als in Flüssigkeiten beigebracht werden könne, und hatte deshalb nichts als Wasser und Tee getrunken, welchen sie sich selbst bereiten konnte.

Eine seltsame Ruhe war ihrem ganzen Wesen eigen, die ihr ohne Zweifel natürlich, aber durch die lange Einsamkeit gewiss sehr genährt worden war. Ein Geist von höherem Schlage würde nie in eine solche Erschlaffung versunken sein, wie die war, in der sie den größten Teil der Zeit zugebracht hatte; dagegen hätte ein noch tiefer fühlendes Gemüt als das ihrige, furchtbar gelitten und würde entweder wahnsinnig geworden oder dem Tode erlegen sein. Grace Wilson besaß eine natürliche Ruhe, welche besonders geeignet war, einer Prüfung, wie die ihr auferlegte, zu ertragen. Sie besaß ziemlich gute Fähigkeiten und hatte so viel gelernt, dass sie geläufig lesen und schreiben konnte. Ohne Zweifel war sie weder ein träges, noch ein geistig beschränktes Kind bis zu dem Augenblicke gewesen, der sie von ihren Mitmenschen trennte; aber ebenso gewiss hatte sie seitdem auch keine Fortschritte gemacht. Als ich sie mit der Zeit besser kennen lernte, fand ich, dass sie einen gesunden Verstand, ein gutes Herz und ein offenes Gemüt besaß; allein nie gab sie mir Wunsch zu erkennen, sich weiter auszubilden, und war in manchen Beziehungen sehr lässig. Die ihr eigene Ruhe hatte ohne Zweifel viel zur Erhaltung ihrer Gesundheit beigetragen, denn wunderbarer Weise war sie in der ganzen Zeit ihrer Gefangenschaft nie krank gewesen und hatte, obgleich sie mit der Zeit sehr beleibt und schwerfällig wurde, doch niemals einer Arznei bedurft.

Wir blieben mehrere Monate beisammen, während deren Sinclair sich von dem Schlage, der ihn getroffen, zu erholen und Schritte für die Zukunft zu tun suchte. Auf den Rat von Davis, dessen Eingebungen und Vorschlägen er unbedingt Folge leistete, bat er mich, mit Grace Wilson und seinen beiden Töchtern nach einem entfernten Orte zu gehen, wo uns niemand kannte. Lady Deighton hatte ihm eine sehr bedeutende Summe vermacht, aber richtig vorausgesehen, dass er ein solches Vermächtnis nicht annehmen werde. In einem Nachtrage zu ihrem Testamente bestimmte sie deshalb für diesen Fall, dass jede seiner Töchter ein Legat von zehntausend Pfund erhalten solle, welches der Vater nicht abzulehnen befugt war, und das bis zur Volljährigkeit der Kinder von Vormündern verwaltet werden sollte. Sinclair selbst nahm nur eine dritte Summe von zehntausend Pfund an und ließ sie auf Grace Wilson übergeben. Lady Deightons gesamte übrige Verlassenschaft wurde dem gesetzlichen Erben, einem Seitenverwandten, ausgeantwortet.

Mac Ivor, welcher sich bewusst war, ein schweres Missgeschick, wenn auch wider Willen, über einen so ehrenwerten Mann wie Capitain Sinclair gebracht zu haben, und viel Bekanntschaft mit einflussreichen Personen hatte, bot alles auf, um ihm eine Anstellung bei der Regierung zu verschaffen. Seine Bemühungen blieben auch nicht fruchtlos, und Sinclair wurde zum englischen Konsul in einer Hafenstadt des östlichen Europas ernannt, was seinen Wünschen ganz entsprechend war. Er wurde dadurch von dem verhasst gewordenen England entfernt und der Möglichkeit entzogen, mit denjenigen Personen zusammen zu kommen, welche Lady Deightons Geschichte kannten. Nie konnte er es über sich bringen, Grace Wilson zu sehen, und auch mich besuchte er nicht eher wieder, als bis ich mit meinen Zöglingen nach einem entfernt gelegenen Dorfe gezogen war. In seinem ganzen Wesen und Benehmen zeigte sich, als ich ihn dann wiedersah, eine große Veränderung. Er bewies sich zwar sehr dankbar und freigebig gegen mich, aber sein Auge konnte dem meinigen nicht begegnen, und vor jedem von mir geäußerten Worte schien er sich zu fürchten. Seine Pläne für die Zukunft waren damals noch unklar, aber bald darauf wurde ihm jene Stelle angeboten. Von dem Augenblicke an schien er ein ganz anderer Mensch zu werden. Bereitwillig nahm er sie an und beschäftigte sich dann eifrigst mit den Vorbereitungen zur sofortigen Abreise.

Als alles fertig war, kam er, um seine Töchter zu holen. Bei dem Abschiede von mir war er sehr weich, und auch Ellen und Janet zeigten sich so bewegt, wie Mädchen in einem solchen Alter sein können, wenn sie eine ihnen vom Vater mit den glänzendsten Farben ausgemalte schöne Aussicht vor sich haben. Wir schieden, und ich wusste, dass es der letzte Abschied war. Anfangs schrieben die jungen Mädchen häufig und liebevoll an mich, aber allmälig wurden ihre Briefe seltener, und endlich hörten sie ganz auf. Wie ich später erfahren habe, sind beide glücklich an Ausländer verheiratet.

Ich hatte mich verbindlich gemacht, mindestens ein Jahr lang nach Sinclairs Abreise von England bei Grace Wilson zu bleiben. Wir lebten mit einander friedlich und freundschaftlich. In Folge der jetzt gesünderen Lebensweise veränderte sich ihre äußere Erscheinung sehr vorteilhaft. Sie verlor die entstellende Beleibtheit und bekam eine frischere Farbe. Ihre Augen wurden größer und heller, und der schwerfällige Ausdruck schwand aus ihren Zügen und ihrer Haltung. Ich hätte leicht die arme Grace zu einer interessanten Persönlichkeit machen können, wenn es meine Absicht gewesen wäre, eine Geschichte zu erdenken, statt gewissenhafte Begebenheiten nach der strengen Wahrheit zu erzählen. Dennoch ist die Wendung, welche ihr Schicksal unerwartet nahm, so seltsam, dass sie auch einer Novelle als Schluss dienen könnte.

Das Dorf, in welchem wir wohnten, lag in einem entlegenen Tale der westlichen Grafschaften von England. Im Laufe der Zeit lernten wir dort einen jungen Mann kennen, der uns Interesse abgewann. Er war der Sohn eines achtbaren Farmers und taubstumm, und hatte seine Erziehung in einer Anstalt für Gebrechliche dieser Art genossen. Sein Wesen und Benehmen war sanft und angenehm, und der angeborene Mängel ungeachtet galt er für einen geschickten Farmer. Seine Mutter kannten wir von Anfang unseres dortigen Aufenthaltes an, da sie uns regelmäßig Milch und Geflügel geliefert hatte. Sie war eine brave, verständige Frau, und nicht ohne Bildung. Der Vater war etwas rauher in seinem Äußeren, aber ein durchaus guter Mann. Die Eltern hingen mit großer Liebe an ihrem unglücklichen Sohne, und ich gewann ihre Herzen leicht dadurch, dass ich mit der Fingersprache bekannt war. Der Sohn wollte sich im Zeichnen üben, und ich übernahm es, ihm Unterricht zu erteilen, lieh ihm Bücher und fand, dass er gute, natürliche Fähigkeiten besaß. Unsere Vertraulichkeit nahm zu, denn auch Grace hatte die Fingersprache erlernt und war viel in der Gesellschaft des jungen Mannes.

Eines Morgens wurde ich durch einen Besuch vom Vater desselben überrascht und war nicht wenig erstaunt, als der Mann nach einer langen und weitschweifigen Rede endlich mit dem Geständnisse hervorrückte, dass sein »armer Sohn,« wie er ihn nannte, eine heftige Neigung zu Grace Wilson gefasst habe. Augenblicklich sah ich, wie blind ich gewesen war; tausend kleine Umstände fielen mir ein, die ich früher unbeachtet gelassen hatte. — namentlich des Mädchens schnelles und eifriges Erlernen der Fingersprache, — die mich jetzt vermuten ließen, dass von ihrer Seite keine große Abneigung gegen den Antrag zu erwarten sein werde. Es war so, wie ich erwartet hatte. Ihr Vermögen überraschte den Liebhaber und seine Eltern in hohem Grade, denn sie waren natürlich der Meinung gewesen, dass das junge Mädchen von mir ganz abhängig sei. Ich erklärte ihnen ihre Verhältnisse und sagte offen, dass sie die natürliche Tochter eines sehr reichen Mannes sei, aber unterließ jede Erwähnung Lady Deightons, da Sinclair bei Überweisung des Legats an Grace zur Bedingung gemacht hatte, dass tiefes Schweigen über die Verirrungen und das Ende seiner unglücklichen Frau bewahrt werde. Grace hatte es gelobt und hielt das Versprechen um so leichter, als auch ihr die Erinnerung an die in der Abtei ausgestandenen Leiden immer unerträglicher wurde.

Konnte ich meinen Pflegling unter günstigeren Umständen verlassen, — an der Seite eines zwar taubstummen, aber braven Gatten und bei liebenden Eltern? Zuweilen hatte ich daran gedacht, dass der Schutz, den ich diesem armen Mädchen zuteil werden ließ, obgleich ich es innig liebte, auf die Dauer eine drückende Fessel für mich werden könne, und fühlte mich daher gewissermaßen von einer Last befreit, als ich sie so glücklich verheiratet sah.

Ihr Gatte trug sie auf Händen und hielt sich für den glücklichsten Menschen. Im Laufe der Zeit wurden sie mit drei Kindern gesegnet, von denen keins das Gebrechen des Vaters erbte. Grace schreibt von Zeit zu Zeit an mich, und zweimal habe ich sie bereits besucht und mich überzeugt, dass ihrem jetzigen Glücke nichts fehlt.

Die alte Abtei ist niedergerissen und ein neues Gebäude an ihrer Stelle errichtet worden. Ob das unvermeidliche Bekanntwerden von der Existenz der geheimen Gemächer in der Umgegend großes Aufsehen erregte, weiß ich nicht, da Mr. Dalton nach einer anderen und entfernten Stelle versetzt wurde und dadurch alle Verbindung zwischen mir und jener Gegend aufhörte. Aber wenngleich die Spuren des dort begangenen Verbrechens vertilgt worden sind, so wird die Erinnerung daran doch nicht aufgehört haben. Lady Deightons Name wird, wie mir versichert worden, dort noch jetzt nur mit Abscheu genannt. Auf dem Grabsteine, welcher ihren Namen trägt, hat Capitain Sinclair, wie ich von Mr. Dalton erfahren habe, als Inschrift nur die Worte hinzugefügt:

»Gott ist barmherzig!«


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