Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Erster Band - Fünfzehntes Kapitel
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Blinde Liebe

Fünfzehntes Kapitel.

Verwunderung ließ Hugh einen Augenblick verstummen. Iris verstand den Blick, welchen er auf sie warf und erwiderte ihn.

»Ich bin vollständig von dem überzeugt,« sagte sie zu ihm, »was ich soeben ausgesprochen habe.«

Mountjoys bedächtiger, nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringender Sinn trug Bedenken, ein allzu schnelles Urteil zu fällen.

»Ich bin sicher, dass Sie von dem, was Sie mir gesagt haben, vollständig überzeugt sind,« entgegnete er. »Aber Irrtümer kommen doch bisweilen bei der Beurteilung von Handschriften vor.«

Infolge des lebhaft erregten Zustandes, in dem sich Iris jetzt befand, war sie sehr leicht beleidigt. Er hatte ja selbst, wie sie ihm ins Gedächtnis zurückrief, in früherer Zeit die Handschrift Lord Harrys gesehen. War denn überhaupt bei diesem dick geschriebenen Buchstaben ein Irrtum möglich?

»O Hugh!« rief sie aus; »ich bin elend genug, versuchen Sie es nicht, mir noch abstreiten zu wollen, was ich genau weiß! Nur denken zu müssen, dass eine so liebenswürdige, so freundliche, so uneigennützig erscheinende Frau - nur denken zu müssen, dass Mrs. Vimpany mich getäuscht hat!«

Es lag nicht der geringste Grund vor, dem, was sich ereignet hatte, diese Auslegung zu geben. Mountjoy machte daher auch besänftigende Einwendungen.

»Meine liebe Iris, wir wissen wirklich noch nicht, ob Mrs. Vimpany in der Tat nach Vorschriften von Lord Harry gehandelt hat. Warten Sie daher noch eine kurze Zeit, bevor Sie Ihre Reisegefährtin beschuldigen, dass sie Ihnen nur in der Absicht ihre Dienste angeboten habe, um Sie zu täuschen.«

Iris war von neuem ärgerlich über ihren Freund.

»Warum aber hat mir Mrs. Vimpany nie gesagt, dass sie Lord Harry kennt? Ist das nicht verdächtig?«

Mountjoy lächelte.

»Erlauben Sie, dass ich auch meinerseits eine Frage stelle,« sagte er. »Haben Sie denn Mrs. Vimpany erzählt, dass Sie Lord Harry kennen?«

Iris gab keine Antwort, aber ihr Gesicht sprach stattdessen. »Nun also,« fuhr er fort, »ist vielleicht ihr Schweigen verdächtig? Merken Sie wohl, ich bin weit davon entfernt, zu sagen, dass dieses, wenn es der Fall wäre, nicht eine sehr unangenehme Entdeckung sein würde. Aber lassen Sie uns nur erst vollkommen sicher sein, dass wir recht haben.«

Neben den meisten weiblichen Vorzügen besaß Miss Henley auch viele Fehler der Frauen. Sie hielt an ihrer eigenen Meinung fest und fragte nur Hugh, wie sie denn hoffen könnten, zu einer Gewissheit darüber zu kommen, da sie doch ihre Fragen an eine Person richten müssten, welche sie schon getäuscht hätte.

Mountjoys unerschöpfliche Geduld suchte Mrs. Vimpany immer noch zu verteidigen.

»Wenn sie zurückkommt,« sagte er, »so werde ich schon eine passende Gelegenheit zu finden wissen und Lord Harrys Namen erwähnen. Wenn sie dann sagt, dass sie ihn kennt, so können wir mit gutem Gewissen ihr auch weiterhin trauen.«

»Angenommen nun, sie heuchelt Unkenntnis,« fuhr Iris hartnäckig fort, »und gibt sich den Anschein, als ob sie niemals zuvor seinen Namen gehört hätte.«

»In diesem Falle werde ich gern zugeben, dass ich im Unrecht war, und werde Sie bitten, mir zu verzeihen.«

Da fühlte sich Iris denn doch beschämt.

»Ich bin es,« erwiderte sie, »die um Verzeihung bitten muss. O, wie oft ist es schon mein Wunsch gewesen, dass ich mir alles genau vorher überlegen könnte, bevor ich es ausspreche; wie anmaßend und ungezogen bin ich jetzt wieder gewesen, aber angenommen, Hugh, es stellte sich heraus, dass ich doch recht hätte, was werden Sie dann tun?«

»Dann, meine liebe Iris, würde es meine Pflicht sein, Sie und Ihr Kammermädchen so schnell wie möglich aus diesem Hause wegzubringen und Ihrem Vater zu sagen, welch gewichtige Gründe dafür vorhanden sind.«

Er hielt in seiner Rede plötzlich inne. Mrs. Vimpany betrat soeben das Zimmer; sie war wieder in dem vollständigen Besitz ihrer vornehmen Höflichkeit, welche durch ein verbindliches Lächeln gemildert wurde.

»Ich habe Sie, Miss Henley, in solch guter Gesellschaft gelassen,« sagte sie mit einem graziösen Neigen ihres Kopfes gegen Mountjoy, »dass ich wohl kaum nötig habe, meine Entschuldigung zu wiederholen. Es müsste denn sein, dass ich eine vertrauliche Unterredung durch mein Kommen gestört hätte.«

Die günstige Gelegenheit, dem vorgenommenen Versuch mit Lord Harrys Namen zu machen, schien sich jetzt schon von selbst dargeboten zu haben. Mountjoy ergriff sie rasch.

»Sie haben durchaus nichts gestört, was irgendwie vertraulich gewesen wäre,« beeilte er sich, Mrs. Vimpany zu versichern. »Wir haben nur von einem leichtsinnigen jungen Edelmann gesprochen, den wir beide sehr gut kennen. Wenn das, was ich von ihm höre, wahr ist, so ist er schon eine öffentliche, allgemein bekannte Persönlichkeit geworden; seine Abenteuer und tollen Streiche haben bereits ihren Weg in verschiedene Zeitungen gefunden.«

Hier hätte nun Mrs. Vimpany, wenn sie den Erwartungen Hughs entsprochen haben würde, fragen sollen, wer denn der junge Edelmann wäre; sie hörte aber nur mit höflichem Stillschweigen zu.

Mit der schnellen Auffassungsgabe der Frau hatte Iris sofort erkannt, dass Mountjoy die Gelegenheit, zu fragen, nicht allein zu früh ergriffen, sondern dass er auch mit einer allzu handgreiflichen Deutlichkeit gesprochen hatte, welche eine so kluge und schlaue Person wie Mrs. Vimpany war, vorsichtig machen musste. In dem Bestreben jedoch, ihn von der Verfolgung seines unglücklichen Versuches abzuhalten, verfiel Iris in denselben Fehler wie Hugh Mountjoy. Sie ergriff ebenfalls zu früh die ihr passend erscheinende Gelegenheit, das heißt, sie war allzu voreilig, das Gespräch auf einen andern Gegenstand zu bringen.

»Sie sprachen soeben, Hugh, von den Abenteuern unseres Freundes,« sagte sie; »ich fürchte, Sie werden sich selbst in ein Abenteuer von nicht sehr angenehmer Art verwickelt haben, wenn Sie in dem Gasthofe ein Nachtquartier zu finden hoffen. Ich habe noch niemals zuvor ein so erbärmliches Wirtshaus wie das hiesige gesehen.«

»Nicht doch, meine liebe Miss Henley,« beeilte sich Mrs. Vimpany einzuwenden, »das Gasthaus ist viel reinlicher und wohnlicher als Sie annehmen. Ein hartes Bett und eine dürftige Ausstattung sind die schlimmsten Unannehmlichkeiten, welche Ihr Freund zu fürchten hat. - Wissen Sie,« fuhr sie dann, zu Mountjoy gewendet, fort, »dass ich lebhaft an einen meiner Bekannten erinnert wurde, als Sie vorhin von dem jungen Edelmann sprachen, von dessen Abenteuern schon in den Zeitungen berichtet wurde? Sollte es denn möglich sein, dass Sie damit den Bruder des gegenwärtigen Earl of Norland gemeint haben? Ein hübscher junger Irländer, mit dem ich seit vielen Jahren bekannt bin! Habe ich recht in meiner Annahme, dass Sie und Miss Henley Lord Harry kennen?« fragte sie.

Was konnte ein unbefangenes Gemüt mehr verlangen? Nachdem Mountjoy bestätigt hatte, dass Lord Harry der junge Edelmann sei, von dem er und Miss Henley gesprochen hatten, stand er auf, um sich zu verabschieden.

Iris fühlte das dringende Bedürfnis, noch einige Worte mit Hugh allein zu sprechen. Der Vorwand dafür bot sich von selbst dar durch die entfernte Lage des Gasthauses.

»Sie werden niemals allein den Rückweg finden,« sagte sie, »durch das Labyrinth von krummen und winkeligen Gassen in dieser alten Stadt. Warten Sie einen Augenblick auf mich, ich werde Sie führen.«

Mrs. Vimpany machte dagegen Einwendungen und sagte: »Meine Liebe, das Dienstmädchen kann ja Ihrem Freund den Weg zeigen.« Iris hielt jedoch lachend an ihrem Entschlusse fest und eilte hinweg in ihr Zimmer. Mrs. Vimpany fügte sich in der liebenswürdigsten Weise diesen Beschluss. Die Beweggründe Miss Henleys konnten für sie kaum klarer sein, wenn Iris sie offen bekannt hätte.

»Welch ein reizendes Mädchen!« sagte sie zu Mountjoy, als sie allein war. »Wenn ich ein Mann wäre, so würde Miss Iris gerade die junge Dame sein, in die ich mich verlieben könnte.« Sie blickte bedeutungsvoll zu Mountjoy hin, da er aber nichts darauf erwiderte, fuhr sie fort: »Miss Henley muss schon viele Gelegenheiten gehabt haben, sich zu verheiraten, aber ich fürchte, der Rechte ist noch nicht erschienen.« Noch einmal blickte sie mit ihren sprechenden Augen herausfordernd auf Mountjoy, aber wiederum schwieg er still. Manche Frauen lassen sich leicht entmutigen; aber die unergründliche Mrs. Vimpany war eine von den anderen Frauen; sie war noch nicht fertig mit Mountjoy und lud ihn daher für den nächsten Tag zu Tische ein.

»Wir speisen schon sehr früh, um drei Uhr,« sagte sie bescheiden. »Bitte, geben Sie uns die Ehre. Ich hoffe dann bestimmt, das Vergnügen zu haben, Ihnen meinen Gatten vorstellen zu können.«

Mountjoy hatte gute Gründe, die Bekanntschaft mit Mr. Vimpany zu wünschen. Als er die Einladung annahm, kehrte Miss Henley zurück, um ihn nach dem Gasthof zu begleiten.

Iris richtete an Hugh, sobald sie das Haus des Doktors verlassen hatten, die unvermeidliche Frage:

»Nun, was sagen Sie jetzt zu Mrs. Vimpany?« »Meiner Ansicht nach muss sie eine Schauspielerin gewesen sein,« antwortete Mountjoy, »und benützt jetzt ihre auf der Bühne gemachten Erfahrungen im gewöhnlichen Leben.« »Was beabsichtigen Sie nun zunächst zu tun?« »Ich beabsichtige zu warten und mir morgen den Gatten von Mrs. Vimpany anzusehen.« »Warum?«

»Mrs. Vimpany, liebe Iris, ist mir zu gescheit. Wenn sie - ganz abgesehen davon, ob es sich in Wirklichkeit so verhält oder nicht - wenn sie in der Tat Lord Harrys Kreatur ist, von ihm beauftragt, Sie zu überwachen und ihm mitzuteilen, wo Sie für die nächste Zeit in England Ihren Aufenthalt nehmen, dann will ich gern zugestehen, dass sie mich vollständig getäuscht hat. Wenn dies der Fall ist, so kann es gerade leicht möglich sein, dass ihr Gatte kein so vollendeter und ausgezeichneter Betrüger ist wie sein Weib. Und dann bin auch ich im Stande, ihn zu durchschauen. Ich kann natürlich nur den Versuch machen.«

Iris seufzte.

»Ich möchte fast hoffen,« sagte sie, »dass Sie keinen Erfolg hätten.« Mountjoy war betroffen über diese Worte und suchte das auch nicht zu verbergen.

»Ich dachte, Sie wollten nur die Wahrheit erfahren,« antwortete er.

»Mein Herz würde wahrscheinlich leichter sein, wenn ich im Zweifel geblieben wäre,« erwiderte sie. »Unrichtige Schlussfolgerungen haben meine armselige Meinung in Gegensatz zu der Ihrigen gebracht, aber ich komme jetzt wieder zu einer besseren Einsicht. Ich glaube, Sie waren vollständig im Rechte, als Sie versuchten, mich von voreiligen Schlüssen abzuhalten; es ist mehr denn wahrscheinlich, dass ich Mrs. Vimpany Unrecht getan habe. O Hugh, wenn ich es doch nur verstünde, mir einen Freund zu erhalten! Ich bin auch, wenn ich an den Edelmut denke, den Lord Harry in seiner aufopfernden Besorgnis für Arthurs Rettung bewiesen, nicht im Stande, an solchen verächtlichen Betrug zu glauben. Er hat doch erst in unsere Trennung eingewilligt und sollte mich nun in heimlicher Weise durch einen Spion überwachen lassen? Was wäre das für ein ungeheurer Widerspruch! Kann jemand daran glauben? Kann jemand das erklären?«

»Ich glaube, ich kann es erklären, Iris, wenn Sie mir erlauben, den Versuch zu machen. Sie sind, um damit zu beginnen, in einem großen Irrtum befangen.«

»In welchem Irrtum?«

»Sie werden es gleich erfahren. Es gibt auf der ganzen Erde kein Geschöpf, das ein vollständig konsequentes Wesen wäre. Lord Harry hat sich, wie Sie ganz richtig bemerkten, sehr edel benommen bei seinen Versuchen, meinem geliebten armen Bruder das Leben zu retten. Es sollte nun nach Ihrer Meinung in allen seinen Gedanken und Handlungen bis an das Ende seines Lebens immer edel sein. Nehmen Sie an, dass die Versuchung an ihn herantrete - eine solche schwere Versuchung, wie Sie selbst, Iris, ohne Ihren Willen für ihn sind - warum setzt er ihr nicht einen übermenschlichen Widerstand entgegen? Sie könnten ebenso gut fragen, warum ist er ein sterblicher Mensch! Glauben Sie nicht, dass auch in ihm Neigungen zum Bösen vorhanden sind, ebenso wie Neigungen zum Guten? Ah, ich sehe, dass Sie das nicht hören wollen! Es würde allerdings unendlich viel angenehmer sein, wenn Lord Harry einer von den vollkommen edlen Charakteren wäre, wie sie uns zuweilen in Romanen und Novellen entgegentreten. Die Wirklichkeit ist leider anders. Ich habe nicht etwa die Absicht, Sie verzagt zu machen, Iris; ich möchte Sie im Gegenteil dazu ermutigen, die Menschheit von einem weiteren und wahreren Standpunkt aus zu betrachten. Sie sollen nicht gleich zu sehr niedergeschlagen sein, wenn Sie Ihren Glauben an einen Menschen erschüttert finden, den Sie bisher für gut hielten. Der Betreffende ist in Versuchung geführt worden. Die Menschen sind im allgemeinen weder vollkommen gut noch vollkommen schlecht. Nehmen Sie sie, wie Sie sie finden.«

Sie trennten sich an der Tür des Gasthauses.


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