Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Einundvierzigstes Kapitel
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Blinde Liebe

Einundvierzigstes Kapitel

Der höfliche Irländer verbeugte sich und wies mit der Hand auf einen Stuhl. Der wohlerzogene Engländer erwiderte die höfliche Verbeugung und setzte sich nieder. Lord Harry hob an:

»Sie werden mich hoffentlich entschuldigen, wenn ich im Zimmer auf und ab gehe; die Bewegung kommt mir zu statten, wenn ich in Verlegenheit bin, etwas in entsprechender Weise auszudrücken. Zuweilen irre ich um die Sache rund herum, bevor es mir möglich ist, sie zu erreichen, und ich fürchte, eben jetzt geht es mir so. - Beabsichtigen Sie, sich länger in Paris aufzuhalten?«

»Das hängt ganz von den Umständen ab«, antwortete Mountjoy.

»Sie sind zweifellos schon früher mehrere Male in Paris gewesen«, fuhr Lord Harry fort. »Finden Sie es jetzt im ganzen nicht still und langweilig?«

Hugh, der gar nicht wusste, was das eigentlich heißen sollte, entgegnete, dass er Paris niemals langweilig finde, und wartete immer ungeduldiger auf eine nähere Erklärung.

»Die meisten Leute sind der Ansicht«, entgegnete Lord Harry, »dass Paris nicht mehr so heiter ist, wie es früher war; es gibt jetzt keine so guten Theater, keine so guten Schauspieler mehr wie früher. Die Restaurants sind schlechter, und die Gesellschaft ist sehr gemischt. Die Fremden halten sich hier nicht mehr so lange auf, wie es früher der Fall war. Man hat mir sogar erzählt, dass Amerikaner sehr enttäuscht gewesen und zur Abwechslung nach London gegangen seien.«

Konnte er irgendeinen ernsthaften Zweck mit diesen unnötigen Redereien verfolgen - oder ging er jetzt, wie er selbst vorhin erzählt hatte, nur um den Hauptgegenstand, um seine Frau und seinen Gast herum, um erst später wirklich darauf zu sprechen zu kommen? Von Anfang an hatte Hugh vermutet, dass Eifersucht im Spiel sei; aber er verstand doch nicht - was vielleicht nur natürlich in seiner Lage war - die Rücksicht auf Iris und die Furcht, sie zu beleidigen, durch welche ihr eifersüchtiger Gatte jetzt noch zurückgehalten wurde. Lord Harry machte in der Tat den Versuch, - allerdings in sehr ungeschickter Weise - die Beziehungen zwischen seiner Frau und ihrem Freund abzubrechen, und wählte dazu Mittel, welche seine wahre Gemütsstimmung vor den beiden verbergen sollten. Da Hugh den Grund der Zurückhaltung des Lords nicht verstand, so hatte er den Eindruck, als ob man mit ihm spiele; er bezwang sich aber und verhielt sich daher ruhig.

»Sie scheinen meine Unterhaltung nicht besonders interessant zu finden«, bemerkte Lord Harry.

»Ich kann den Zusammenhang nicht herausfinden«, entgegnete Mountjoy, »der zwischen dem von Ihnen bis jetzt Gesagten und dem Gegenstand besteht, über welchen Sie mit mir zu sprechen beabsichtigten. Bitte, entschuldigen Sie, wenn es den Anschein hat, als ob ich Sie zur Eile antreiben wollte, falls Sie irgendeinen Grund haben, zu zögern.«

»Sie lesen in mir wie in einem Buch!« rief Lord Harry aus. »Es ist wirklich Verlegenheit, die mich jetzt zögern lässt. Ich bin ein sehr veränderlicher Mensch. Wenn ich irgendetwas ungern ausspreche, so kann ich es zuweilen nicht schnell genug tun, und zuweilen schiebe ich es immer und immer wieder hinaus. - Darf ich Ihnen nicht irgendeine Erfrischung anbieten?« fragte er, wieder ganz unvermittelt von dem Gegenstand des Gesprächs abspringend.

Hugh lehnte dankend ab.

»Nicht einmal ein Glas Wein? Solchen feinen Burgunder werden Sie selten zu trinken bekommen.«

Jetzt wurde endlich doch Hughs britische Hartköpfigkeit rege; er wiederholte seine Ablehnung kurz und bündig. Lord Harry sah ihn ernst an und kam nun endlich dem offenen Bekenntnis seiner Gefühle näher, als es bis jetzt geschehen war.

»Lassen Sie uns von meiner Frau sprechen. Als ich heute morgen mit Vimpany wegging, - er ist diesmal kein so guter Gesellschafter, wie er es sonst zu sein pflegt; der Arme ist durch Unglück verbittert, ich wünschte, er kehrte nach London zurück. Also, was ich gesagt habe - das heißt, was ich sagen wollte: Ich ließ Sie heute morgen in Lady Harrys Gesellschaft zurück. Zwei alte Freunde, dachte ich mir, werden froh darüber sein, dass sie sich über vergangene Zeiten unterhalten können. Als ich wieder nach Hause zurückkomme, finde ich Sie allein, und mir wird gesagt, Lady Harry sei in ihrem Zimmer. Und was sehe ich, als ich dorthin komme? - Ich sehe die schönsten zwei Augen von der Welt, und die Geschichte, die sie mir erzählen, lautet: ,Wir haben geweint.' Als ich dann frage, was denn geschehen sei - ,nichts, mein Liebling!' ist die ganze Antwort, die ich bekomme. Welcher Gedanke musste mir da sofort aufsteigen? - Es hat ein Streit stattgefunden zwischen Ihnen und meiner Frau?«

»Ich kann es durchaus nicht in diesem Licht sehen, Lord Harry.«

»Weil Sie kein Irländer sind. Sie als Engländer werden uns begreifen. Aber lassen wir das. Eines nur, Mr. Mountjoy, möchte ich mir die Freiheit nehmen, Ihnen sogleich zu sagen: ich würde es Ihnen Dank wissen, wenn Sie nächstens einmal einen Streit mit mir anfangen wollten.«

»Sie zwingen mich, Ihnen zu sagen, Mylord, dass Sie in einer vollständigen Täuschung befangen sind, wenn Sie annehmen, dass irgendein Streit oder auch nur der Gedanke eines Streites zwischen Lady Harry und mir entstanden ist.«

»Versichern Sie mir das auf Ihr Ehrenwort als Gentleman?«

»Ganz gewiss.«

»Sir, ich bedaure tief, dieses zu hören.«

»Was bedauern Sie tief, Mylord? Dass ich Ihnen mein Ehrenwort gegeben habe, oder dass ich mich nicht mit Lady Harry gestritten habe?«

»Beides, Sir. Bei dem Flötenspieler, der einst vor Moses spielte, beides!«

Hugh stand auf und ergriff seinen Hut.

»Wir werden bessere Gelegenheit haben, uns zu verstehen«, bemerkte er, »wenn Sie die Güte haben wollen, mir zu schreiben.«

»Legen Sie Ihren Hut noch einmal hin, Mr. Mountjoy, und haben Sie, bitte, noch einen Augenblick Geduld. Ich habe versucht, mich mit Ihnen zu befreunden, aber ich muss Ihnen offen gestehen, dass es mir nicht gelungen ist, irgendeinen Berührungspunkt zwischen uns ausfindig zu machen. Vielleicht beleidigt Sie dieses freie Geständnis?«

»Weit davon entfernt; Sie gehen nun doch schließlich geradenwegs auf den Gegenstand los, wenn ich es wagen darf, das auszusprechen.«

Die gute Haltung des irischen Lords war jetzt vollständig verschwunden. Sein hübsches Gesicht hatte sich verhärtet, und seine Stimme war rauh geworden. Seine Eifersucht, die bis dahin ehrenwerte Gefühle zurückgehalten hatten, brach jetzt ungehindert hervor. Seine Sprache verriet, wie schon bei früheren Gelegenheiten, den Umgang mit schlechter Gesellschaft, der eine der traurigen Folgen seines abenteuerlichen Lebens gewesen war.

»Es mag sein, dass ich gerader vorgehe, als es Ihnen angenehm ist«, erwiderte er. »Ich befinde mich Ihnen gegenüber in einer geteilten Stimmung. Mein gesunder Verstand sagt mir, dass Sie der Freund meiner Frau sind, und die besten Freunde streiten sich bisweilen. Gut, Sir. Sie leugnen dies Ihrerseits; ich sehe mich jedoch in die Notwendigkeit versetzt, meinem andern Gefühl zu folgen - und dieses, kann ich Ihnen sagen, ist durchaus kein angenehmes. Sie dürfen der Freund meiner Frau sein, mein Verehrtester, aber Sie sind mehr als das. Sie haben sie immer geliebt und lieben sie auch jetzt noch. Ich danke Ihnen für Ihren Besuch, aber wiederholen Sie ihn nicht. Nun, verstehen wir uns endlich?«

»Ich empfinde eine viel zu aufrichtige Hochachtung für Lady Harry, um Ihnen zu antworten«, entgegnete Mountjoy. »Zu gleicher Zeit lassen Sie mich auch bekennen, Mylord, dass ich Ihnen sehr verpflichtet bin. Sie haben mich daran erinnert, dass ich eine große Dummheit beging, als ich ohne Einladung Sie besuchte. Ich stimme mit Ihnen darin vollständig überein, je eher ich meinen Fehler wieder gut mache, um so besser ist es.«

Nach diesen Worten verließ Mountjoy das Zimmer und das Haus.

Auf dem Rückweg in sein Hotel erwog er in düsterem Sinnen den Stand der Dinge.

Seine eigene Handlungsweise, die freilich nach den Worten, die er hören musste, unerlässlich war, hatte ihm die Türen der Villa verschlossen und allen ferneren Zusammenkünften zwischen Iris und ihm ein Ende gemacht. Wenn sie versuchen wollten, brieflich miteinander zu verkehren, so würde Lord Harry Gelegenheiten genug haben, diese Korrespondenz zu entdecken und daraus natürlich neuen Stoff für seine Eifersucht zu schöpfen. Während der schlaflosen Nacht musste Hugh immer an seine ratlose Lage denken; es schien ihm keine andere Wahl übrig zu bleiben, als sich ruhig in sein Schicksal zu ergeben und nach England zurückzukehren.


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