Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Achtundvierzigstes Kapitel
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Blinde Liebe

Achtundvierzigstes Kapitel

Am nächsten Morgen verließ Lord Harry das Haus in Begleitung des Doktors.

Nach langer Abwesenheit kam er allein zurück. Die schlimmsten Vermutungen seiner Gattin, die durch das, was Fanny ihr mitgeteilt hatte, wach geworden waren, wurden mehr als bestätigt durch die auffallende Veränderung, die sie jetzt an ihm wahrnahm. Seine Augen waren blutunterlaufen, sein Gesicht entstellt und seine Bewegungen langsam und matt. Er sah aus wie ein Mann, der durch einen inneren Konflikt heftig mitgenommen und fortwährend in Angst und Furcht erhalten war.

»Ich bin zum Tode müde«, sagte er; »gib mir ein Glas Wein!«

Rasch kam sie seinem Wunsche nach und wartete ängstlich auf die belebende Wirkung des Reizmittels.

Ohne ihn anzusehen sagte Iris:

»Du scheinst schlechte Nachrichten bekommen zu haben?«

Ebenfalls ohne aufzublicken, antwortete Lord Harry:

»Ja, auf dem Zeitungsbureau.«

Sie wusste, dass er sie belog, und sie fühlte, dass er es wusste. Eine Zeit lang sprachen beide kein Wort.

Die trägsten aller langsamen Minuten, die Minuten, die der Zweifel zählt, schlichen zögernd und immer zögernder dahin, bevor die ersten Anzeichen einer Veränderung sichtbar wurden. Er hob sein niedergesunkenes Haupt. Traurig und verlangend blickte er nach ihr hin. Der untrügliche Instinkt bewog sie, ihn anzureden.

»Ich wünschte, ich könnte Dir Deine Sorgen erleichtern«, sagte sie einfach. »Gibt es denn wirklich nichts, wodurch ich Dir helfen kann?«

»Komm her zu mir, Iris!«

Sie stand auf und ging zu ihm. In den vergangenen Tagen der Flitterwochen und ihrer süßen Tändeleien hatte sie oft auf seinen Knien gesessen. Er zog sie auch jetzt wieder auf seine Knie und schlang seinen Arm um sie.

»Gib mir einen Kuss!« sagte er.

Aus vollem Herzen küsste sie ihn. Er seufzte schwer; seine Augen ruhten auf ihr mit einem vertrauensvollen, bittenden Blicke, den sie noch niemals in ihnen bemerkt hatte.

»Warum trägst Du Bedenken, mir Dein Vertrauen zu schenken?« fragte sie. »Liebster Harry, glaubst Du denn, ich könnte nicht sehen, dass Dich etwas bedrückt?«

»Ja«, sagte er, »ich bedaure wirklich etwas!«

»Was denn?«

»Iris«, antwortete er, »ich bin betrübt darüber, dass ich Vimpany aufgefordert habe, zu uns zu kommen.«

Bei diesem unerwarteten Bekenntnis überflog ein leuchtender Strahl der Freude und des Stolzes das Gesicht seiner jungen Frau. Wiederum war es der untrügliche Instinkt der wahren Liebe, welcher sie zur Entdeckung der Wahrheit führte. Ihre Ansicht über seinen schlechten Freund musste sich im Laufe der geheimen Unterredung am heutigen Tage als zutreffend erwiesen haben. In der Absicht, ihren Gatten zu etwas Schlimmem zu verleiten, hatte Vimpany Worte ausgesprochen, die diesen verletzten und beleidigten. Das Ergebnis war, wie sie kaum zweifeln konnte, die Wiederherstellung ihres Einflusses im Hause - ob nur für eine Zeit lang oder für immer, darnach in diesem Augenblicke des Glückes zu forschen, lag nicht in ihrer Natur.

»Ich bin auch«, sagte sie, »von Herzen froh darüber, Dich allein nach Hause kommen zu sehen.«

Sie lebte der Hoffnung, dass der freundschaftliche Verkehr zwischen den beiden Männern nun zu Ende sei. Harrys Antwort enttäuschte sie bitter.

»Vimpany«, sagte er, »ist nur in Paris geblieben, um einen Empfehlungsbrief abzugeben. Er wird später nachkommen.«

»Bald?« fragte sie traurig.

»Ich denke, zum Diner.« Sie saß immer noch auf seinen Knien. Zärtlich drückte sie sein Arm an sich, als er sagte: »Hoffentlich wirst Du heute mit uns speisen, Iris?«

»Ja - wenn Du es wünschest.«

»Ich wünsche es sogar sehr. Es schreckt mich etwas davon ab, mit Vimpany allein zu speisen. Außerdem ist ein Mittagessen zu Hause ohne Dich gar kein Mittagessen.«

Sie dankte ihm für dieses kleine Kompliment durch einen freundlichen Blick. Doch wurde ihre Freude über die Liebenswürdigkeit ihres Gatten durch die Aussicht auf die Rückkehr des Doktors verbittert.

»Er wird wohl noch oft bei uns essen?« fragte sie gerade heraus.

»Ich hoffe nicht.«

Vielleicht war er sich bewusst, dass er eine etwas zu bestimmte und bejahende Antwort gegeben hatte, denn er suchte wenigstens das Gespräch auf einen ihm angenehmeren Gegenstand zu bringen.

»Liebe Iris, Du hast den Wunsch ausgesprochen, mir meine Sorgen zu erleichtern«, sagte er; »Du kannst mir in der Tat beistehen. Ich habe einen Brief zu schreiben, Iris, der sowohl für Dein als auch für mein Interesse von großer Wichtigkeit ist. Er muss noch mit der heutigen Post nach Irland abgehen. Du sollst ihn jedoch vorher lesen und mir dann sagen, ob Du mein Vorgehen billigst. Sorge dafür, dass ich nicht gestört werde, denn dieser Brief, kann ich Dir sagen, wird schwere Anforderungen an mein armes Gehirn stellen. Ich muss mein Zimmer aufsuchen, um ihn dort zu schreiben.«

Als Iris mit ihren Gedanken, die in der verschiedenartigsten Weise ihren Geist beschäftigten, allein gelassen war, wurde ihre Aufmerksamkeit bald von neuen Eindrücken in Anspruch genommen. Fanny Mere kam zurück, um ihr über ihre Erlebnisse in Paris Bericht zu erstatten.

Fanny hatte ihre Abfahrt von Passy so eingerichtet, dass sie vor Lord Harry und Mr. Vimpany in Paris ankam und dort auf deren Ankunft mit einem späteren Zuge wartete. Vom Bahnhof waren sie nach dem Zeitungsbureau gefahren, und das Mädchen war ihnen in einem andern Wagen gefolgt. Nachdem sich die beiden Herren getrennt hatten, begab sich der Doktor zu Fuß nach dem Luxembourg-Garten. Fanny, die ein einfaches schwarzes Kleid trug und durch einen dichten Schleier sich vor Erkennung geschützt hatte, ging ihm nach, hielt aber vorsichtigerweise immer einen genügenden Abstand inne, bald auf der einen Seite der Straße, bald auf der andern. Als Mylord wieder mit ihm zusammengetroffen war, behielt sie beide im Auge. Das war aber auch alles, was sie erreichen konnte, denn sie gingen in dem einsamsten und freiesten Teile des Gartens, den sie ausfindig machen konnten, in eifrigem Gespräche auf und ab. Nachdem sie sich ausgesprochen hatten, trennten sie sich wieder. Ihr Herr war der erste gewesen, der den Garten verließ und auf die Straße trat; er ging schnell davon und schien sich in aufgeregter und verzweifelter Stimmung zu befinden. Später erschien Mr. Vimpany; beide Hände in den Hosentaschen, schlenderte er ganz gemächlich einher und machte ein äußerst vergnügtes Gesicht, als ob ihn seine eigenen heimtückischen Gedanken höchlich amüsierten. Fanny war jetzt noch mehr als vorher darauf bedacht, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Der Weg, den er einschlug, führte sie nach dem berühmten Hospital, welches den Namen »Hotel Dieu« führt.

Sie sah, wie er am Eingange einen Brief aus der Tasche zog und denselben dem Portier übergab. Bald darauf erschien ein Mann, der ihn höflich begrüßte und in das Haus führte. Länger als eine Stunde wartete Fanny, um den Doktor wieder heraustreten zu sehen; aber sie wartete vergeblich. Was konnte er wohl in einem französischen Hospital zu tun haben? Und warum blieb er so lange in dieser Anstalt? Da Fanny dieses Geheimnis zu ihrem großen Verdrusse nicht enträtseln konnte und außerdem von dem vielen Umherwandern sehr ermüdet war, hielt sie es für das Beste, wieder nach Hause zurückzukehren, um ihrer Herrin Bericht zu erstatten und mit ihr das weitere zu überlegen.

Aber selbst, wenn Iris imstande gewesen wäre, ihr eine Aufklärung zu geben, hätte jetzt dazu die Zeit und die Gelegenheit gefehlt, denn Lord Harry betrat das Zimmer und hielt den Brief, den er soeben geschrieben, in der Hand. Selbstverständlich musste Fanny das Zimmer verlassen.


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