Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Einundsechzigstes Kapitel
Wilkie Collins - Logo - Klicken, um Navigationsmenü einzublenden
 

Blinde Liebe

Einundsechzigstes Kapitel

»Er ist ganz tot,« sagte der Doktor, indem er mit der einen Hand den Puls des Toten fühlte und mit der andern Hand sein Augenlid aufhob, »er ist tot. Ich dachte nicht, dass es so schnell gehen würde. Noch vor einer halben Stunde ließ ich ihn ganz ruhig atmend zurück. Hat er noch einige Zeichen von Bewusstsein gegeben?«

»Nein, Sir.«

»Heute morgen war er so heiter. Ein so plötzlich eintretender Umschlag ist nicht ungewöhnlich bei solchen Kranken. Ich habe ähnliches schon bei vielen Fällen meiner Praxis bemerkt. Gerade an dem letzten Morgen vor dem Sterben, in demselben Moment, in welchem der Tod mit aufgehobener Sense an der Schwelle steht, ist der Kranke munter und sogar heiter; er schaut hoffnungsvoller in die Zukunft als seit vielen Monaten. Er denkt - ja, er ist vollkommen überzeugt davon, dass er wieder gesund werden wird; er sagt, dass er über kurz oder lang aufstehen und seiner Wege gehen werde; seit dem Beginn seiner Krankheit hat er sich nie so kräftig gefühlt. Dann schlägt ihn der Tod nieder, und er sinkt dahin.«

Der Doktor brachte diese Darlegung in sehr einleuchtender Weise vor.

»Jetzt bleibt nichts anderes zu tun übrig, als die Ursache des Todes zu bestätigen, die üblichen Formalitäten zu erfüllen und so die Behörden zu befriedigen. Ich werde diese Verpflichtung auf mich nehmen. Der unglückliche junge Mann gehörte zu einer hoch angesehenen Familie. Ich werde an seine Verwandten und an seine Freunde schreiben und ihnen seine Papiere übersenden, und noch eine letzte Pflicht kann ich für ihn tun: ich werde im Interesse seiner Familie und Freunde eine letzte Photographie von ihm aufnehmen, wie er auf seinem Totenbette ruht.«

Lord Harry stand in dem Hausflur und hörte stöhnend und furchtsam zu. Er wagte es nicht, in das Zimmer einzutreten; es war das Sterbezimmer. Welchen Teil hatte er daran, den vernichtenden Engel gerufen zu haben, der den Befehlen und Wünschen eines jeden zu Gebot steht, selbst des Geringsten? Rufe ihn, und er kommt! Befiehl ihm, jemand niederzustrecken, und er gehorcht!

Schwer seufzend wendete sich Lord Harry von dem ihn schier erdrückenden Bilde des Todes ab und ging aus dem Hause. Eine Stunde lang wandelte er auf der Straße weiter, dann blieb er stehen und ging wieder zurück. Wie mit Stricken zog es ihn heim, er konnte nicht länger widerstehen. Es war ihm, als ob sich etwas ereignet haben müsste. Möglicherweise fand er den Doktor arretiert und die Polizei auf ihn selbst wartend, um ihn als Mitschuldigen oder als Anstifter eines Verbrechens zu verhaften.

Er fand jedoch bei seiner Rückkehr nichts Derartiges vor. Der Doktor saß in dem Salon, und vor ihm lagen verschiedene Briefe und amtliche Formulare. Vimpany blickte vergnügt zu ihm auf.

»Mein lieber Freund,« sagte er, »das unerwartet schnelle Ende des jungen irischen Lords ist ein sehr trauriges Ereignis. Ich habe den Namen des Rechtsanwalts der Familie ausfindig gemacht und an ihn geschrieben. Ich habe ferner an seinen Bruder geschrieben als das Haupt der Familie. Ich fand auch, als ich seine Papiere durchsuchte, dass er sein Leben versichert hatte; ich habe daher der Versicherungsgesellschaft seinen Tod mitgeteilt. Ferner haben die Behörden, die in solchen Dingen ganz besonders aufmerksam und peinlich sind, die notwendigen Berichte erhalten. Morgen, wenn alle gesetzlichen Formalitäten erfüllt sind, werden wir den Verstorbenen begraben.«

»So bald?«

»So bald?! Je schneller ein Toter in solchen Fällen von vorgeschrittener Lungenkrankheit begraben wird, um so besser ist es. Der französische Gebrauch einer schnellen Beerdigung kann als gesünder als der unsrige sehr wohl verteidigt werden; andererseits gebe ich aber auch zu, dass er viele bedenkliche Seiten hat. Verbrennung ist vielleicht die beste und einzige Methode, um den Toten fortzubringen, gegen die man nichts einzuwenden hat als nur das eine: ich meine nämlich die Möglichkeit, dass der Tote durch Gift aus dem Wege geräumt worden ist. Aber solche Fälle sind selten, und sie würden auch meistens von dem Arzt, der mit der Behandlung betraut worden ist, vor oder während des Todes entdeckt werden. Ich glaube, wir brauchen nicht - aber, mein lieber Freund, Sie sehen ja so schlecht aus, hat Sie denn so etwas Einfaches, wie der Tod eines Menschen, angegriffen? Erlauben Sie, dass ich Ihnen sogleich etwas verschreibe. Ein Glas unvermischten Cognac. So,« - er ging in das Esszimmer und kehrte mit seiner Medizin zurück - »jetzt trinken Sie das erst, dann wollen wir weiter mit einander reden.«

Der Doktor setzte die Unterhaltung in der liebenswürdigsten Weise fort, ohne dass er dabei jemals seine Tat und deren Folgen, die sie möglicherweise haben konnte, erwähnte. Er erzählte Geschichten aus den Hospitälern, welche von plötzlichen und unerwarteten Todesfällen handelten. Einige von ihnen behandelte er in scherzhafter Weise. Der Tote in dem nächsten Zimmer war ein Fall; er kannte noch viele ähnliche und gleich interessante Fälle. Sobald man einmal so weit gekommen ist, einen Toten für einen Fall anzusehen, dann ist nicht viel Furcht vor der gewöhnlichen menschlichen Schwachheit vorhanden, welche uns erzittern lässt in der erhabenen Gegenwart des Todes.

Draußen auf dem Korridor wurden jetzt Schritte hörbar. Der Doktor stand auf und verließ das Zimmer, kam aber schon nach wenigen Minuten zurück.

»Die Leichenträger sind da; sie sind jetzt mit der Pflegerin bei ihrer Arbeit beschäftigt. Für die anderen Menschen hat ihr Geschäft etwas Aufregendes; für sie ist es aber nichts weiter als ihre tägliche Arbeit. Ich habe auch, nebenbei gesagt, eine Photographie von dem Toten in Gegenwart der Pflegerin genommen; unglücklicherweise aber - nun. Sie werden ja selbst sehen.«

Lord Harry wendete sich ab. - »Ich will's nicht sehen, ich kann den Anblick nicht ertragen. Sie vergessen, ich war ja gerade dabei, als -«

»Sie waren nicht dabei, als er starb; seien Sie doch kein Narr. Was ich sagen wollte, war das: das Gesicht ist nicht im mindesten Ihnen ähnlich. Niemand, der Sie jemals auch nur einmal sah, würde glauben, dass es Ihr Gesicht ist. Der Mann - er hat uns umsonst viel Mühe verursacht - war Ihnen, als er kam, ein wenig ähnlich. Ich hatte unrecht, als ich annahm, dass diese Ähnlichkeit dauern würde. Nun er tot ist, ist keine Spur mehr davon vorhanden. Ich hätte daran denken sollen, dass die Ähnlichkeit mit dem Tod aufzuhören und zu verschwinden pflegt. - Kommen Sie, sehen Sie sich ihn an.«

»Nein, nein!«

»Verdammte Schwachheit! Der Tod gibt jedem Menschen seine Individualität wieder. Nicht zwei Menschen sehen sich im Tode gleich, wenn sie es auch im Leben gewesen sind. Gut; wir kommen also zu folgendem: Wir wollen Lord Harry Norland morgen begraben, und wir müssen eine Photographie von ihm haben, wie er auf seinem Totenbett liegt.«

»Nun?«

»Nun, mein Freund, gehen Sie hinauf in Ihr Zimmer, und ich werde Ihnen mit meinem photographischen Apparat nachkommen.«

Nach einer Viertelstunde hielt er das Glas gegen seinen Rockärmel.

»Ausgezeichnet!« sagte er. »Die Backen sind etwas eingefallen; das ist die Wirkung der Kreide und die richtige Anwendung des Schattens. Die Augen sind geschlossen, das Gesicht ist weih, und die Hände sind ruhig ausgestreckt. Es ist wunderbar! Wer behauptet nun noch, dass es uns nicht möglich ist, die Sonne zur Lügnerin zu machen?«

Er verwendete eine oder zwei Stunden darauf, von dem Negativ eine zweite Kopie zu nehmen. Diese gab er Lord Harry.

»Wir werden morgen noch einen bessern Abzug machen; hier ist der erste.«

Er hatte ihn auf einen Karton aufgezogen und darunter den Namen geschrieben, den der Tote einst getragen hatte, mit dem Datum seines Todes. Das Bild schien in der Tat das Bild eines Toten zu sein. Lord Harry schauderte.

»Alles andere,« sagte er, »ist für uns von keinem Nutzen gewesen; die Gegenwart des kranken Mannes, die Verdachtsgründe der Pflegerin, sein Tod, sogar sein Tod hat uns nichts genützt. Wir hätten uns das Andenken, das schreckliche Andenken an seinen Tod sparen können.«

»Sie vergessen, mein lieber Freund,« entgegnete Vimpany gelassen, »dass wir einen Leichnam brauchten. Wir müssen jemand begraben, warum also nicht den Dänen Oxbye?«


Vorheriges Kapitel
Nächstes Kapitel
Inhaltsverzeichnis für diese Geschichte