Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Zweiundsechzigstes Kapitel
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Blinde Liebe

Zweiundsechzigstes Kapitel

Mrs. Vimpany hatte natürlich vollständig recht gehabt. Iris war zu ihrem Gatten zurückgereist. Sie kam am Abend bei der Villa an, gerade bevor es dunkel wurde - zu der Zeit also, wo manche Menschen mehr als sonst empfänglich für Erscheinungen und Laute sind und die Augen leichter als zu anderen Zeiten durch sonderbare Truggebilde getäuscht werden. Iris trat in den Garten, fand aber niemand darin. Sie öffnete die Tür des Hauses mit ihrem eigenen Schlüssel und ging hinein. Das Haus kam ihr so sonderbar still und leer vor. Sie öffnete die Tür des Speisezimmers; auch dort war niemand. Wie alle französischen Esszimmer wurde es zu nichts anderem benutzt als zum Abhalten der Mahlzeiten und war daher auch nur mit den nötigsten Gegenständen ausgestattet. Sie schloss die Tür wieder und öffnete die des Empfangszimmers; auch das fand sie leer. Sie rief ihren Gatten; es kam keine Antwort. Sie rief den Namen der Köchin; auch hierauf ließ sich kein Laut vernehmen. Es war ein großes Glück, dass sie nicht auch noch die Tür des nächsten Zimmers aufmachte, denn dort lag der Leichnam des Verstorbenen. Sie stieg die Treppen hinauf in ihres Mannes Zimmer; das war auch leer, aber auf dem Tisch lag etwas, - eine Photographie. Sie nahm sie in die Hand; ihr Gesicht wurde plötzlich kreideweiß; sie schrie laut auf, dann ließ sie das Bild fallen und sank selbst ohnmächtig auf den Boden nieder, denn das Bild war kein anderes als das ihres Gatten, der tot dalag - in weißen Sterbekleidern, mit geschlossenen Augen und wachsbleichen Wangen.

Ihr Schrei drang zu den Ohren Lord Harrys, der sich unten im Garten befand. Er eilte in das Haus, hob seine Gattin auf und trug sie auf das Bett. Die Photographie sagte ihm deutlich, was geschehen war.

Iris kam bald wieder zu sich. Als sie aber ihren Gatten lebend vor sich sah und sich erinnerte, was sie gesehen hatte, da schrie sie wieder laut auf und bekam eine zweite Ohnmacht.

»Was ist jetzt zu tun?« fragte sich Lord Harry. »Was soll ich ihr sagen? Wie soll ich ihr das Ungeheuerliche verständlich machen?«

Es war niemand da, der helfen konnte. Die Pflegerin war ausgegangen, um einige Besorgungen zu machen; der Doktor traf die Vorbereitung zur Beerdigung Oxbyes unter dem Namen Lord Harry Norlands. Das Haus war leer.

Solch ein Ohnmachtsanfall dauert nicht ewig; auch Iris kam wieder zu sich, setzte sich in dem Bett aufrecht und blickte wild um sich.

»Was ist das,« schrie sie, »was soll das heißen?«

»Es heißt, Liebling, dass Du wieder zu Deinem Gatten zurückgekehrt bist.«

Er schlang seinen Arm um sie und küsste sie immer und immer wieder.

»Bist Du mein Harry? Lebend, mein Harry?«

»Dein Harry, mein Liebling! Wer sollte ich sonst sein?«

»Dann sage mir, was bedeutet das, jenes Bild, jenes schreckliche Bild?«

»Das Bild? - O, das bedeutet nichts! Eine Laune, ein Scherz des Doktors. Was könnte es auch anderes bedeuten?« Er hob es auf. »Ich lebe, wie Du siehst, mein Liebling, und befinde mich außerordentlich wohl. Was sollte es anderes bedeuten als einen Scherz?«

Er legte das Bild wieder auf den Tisch mit dem Gesicht nach unten, aber ihre Augen sagten ihm, dass sie nicht befriedigt war.

»Man pflegt nicht mit dem Tode zu scherzen; es ist ein wirklich trauriger Spaß, einem Menschen Sterbekleider anzuziehen und ihn zu Photographieren, als ob er gestorben wäre.«

»Aber Du, meine Iris, Du bist hier! Sage mir, wie, warum, wann kamst Du? Erzähle mir alles! Denke nicht mehr an jenes einfältige Bild, erzähle mir!«

»Ich erhielt Deinen Brief, Harry,« antwortete sie.

»Meinen Brief?« wiederholte er. »Du hast meinen Brief erhalten und ersahst daraus, dass Dein Gatte Dich noch liebt?«

»Ich konnte es nicht mehr ohne Dich aushalten, was auch vorgefallen war. Ich blieb weg, so lange ich konnte. Tag und Nacht dachte ich an Dich, und endlich - endlich kehrte ich - kehrte ich zurück. Bist Du mir deswegen böse, Harry?«

»Böse, guter Gott, meiner Iris böse?« Er küsste sie leidenschaftlich - nicht weniger leidenschaftlich, als wenn sie nicht zu einer so schrecklichen Zeit zurückgekehrt wäre. Was sollte er ihr sagen, und wie sollte er es ihr sagen? Während er sie mit seinen Küssen fast erstickte, stellte er sich selbst diese Fragen. Wenn sie es herausbekam, wenn er ihr die volle Wahrheit bekennen würde, dann würde sie ihn sicherlich wieder verlassen. Doch er verstand nicht die Natur der Frau, welche liebt. Er hielt sie in seinen Armen; seine Küsse sprachen für ihn, sie beherrschten sie ganz; sie war bereit, zu glauben und selbst ihre Wahrheitsliebe und Ehrliebe aufzugeben, und sie war bereit, obgleich sie es nicht wusste, die Teilnehmerin an einem Verbrechen zu werden. Lieber, als dass sie ihren Gatten wieder verließ, würde sie alles tun.

Lord Harry fühlte jedoch, dass er etwas verheimlichen müsste: er konnte ihr alles gestehen, nur nicht die Ermordung des Dänen. Kein einziges Wort des Bekenntnisses war über die Lippen des Doktors gekommen, aber Lord Harry wusste nur zu gut, dass der Mann vergiftet worden war, und das war vollständig nutzlos gewesen, so weit wenigstens die Ähnlichkeit Mr. Oxbyes mit ihm in Betracht kam.

»Ich habe Dir sehr viel zu erzählen, Liebling,« sagte Lord Harry, während er ihre beiden Hände zärtlich in den seinigen hielt. »Du wirst sehr viel Geduld mit mir haben müssen. Du musst Dich darauf gefasst machen, dass Du anfangs sehr erschrecken wirst, obgleich ich imstande sein werde, Dich zu überzeugen, dass wirklich nichts anderes getan werden konnte, wirklich nichts anderes.«

»O, fang an, Harry. Erzähle mir alles. Verschweige nichts.«

»Ich will Dir alles erzählen, Liebling,« antwortete er.

»Zuerst, wo ist der arme Mann, den der Doktor herbrachte, und den Fanny pflegte, und wo ist Fanny selbst?«

»Der arme Mann,« antwortete er leichthin, »machte so rasche Fortschritte in seiner Wiedergenesung, dass er bald vollständig wieder auf seinen Beinen war und abreisen konnte. Soviel ich weiß, wollte er zunächst in das Spital zurückgehen, aus dem er kam. Es ist ein sehr großer Triumph für den Doktor, dessen neue Behandlung von Lungenkranken sich jetzt als erfolgreich bewiesen hat. Er wird sehr viel Geschrei damit machen. Ich darf sagen, wenn alles das, was er erzählt, wahr ist, dann hat er in der Tat einen großen Schritt in der Heilung dieser Krankheit getan.«

Iris war nicht lungenkrank und interessierte sich daher auch sehr wenig für diese wissenschaftlichen Sachen.

»Wo ist dann mein Kammermädchen?«

»Fanny? Sie ist fortgegangen; lass mich einmal nachrechnen: heute ist Freitag - am Mittwochmorgen. Es hatte keinen Zweck mehr, sie länger hier zu behalten. Der Mann war wieder gesund, und sie wünschte sehr, zu Dir zurückzukehren. Daher reiste sie am Mittwochmorgen ab mit der Absicht, von Dieppe aus das am Abend abgehende Dampfschiff zu benützen.«

»Sie muss sich dann irgendwo auf ihrer Reise aufgehalten haben. Sie wird aber jedenfalls Mrs. Vimpany in London aufsuchen; ich werde daher an die Frau des Doktors einige Zeilen schreiben.«

»Gewiss, da wird sie sicher zu finden sein.«

»Gut, Harry. Hast Du mir sonst noch etwas zu erzählen?«

»Noch sehr viel,« antwortete er, »noch die Hauptsache. Jene Photographie, Iris, welche Dich so sehr erschreckt hat, ist mit der größten Sorgfalt von Vimpany für einen bestimmten Zweck hergestellt worden.«

»Für welchen Zweck?«

»Es gibt Fälle,« entgegnete er, »in denen das Beste, was einem Mann geschehen kann, ist, dass man ihn gestorben wähnt. In einer solchen Lage befinde ich mich jetzt. Für mich und nicht minder für Dich ist es nützlich, ja sogar notwendig, dass die Welt glaubt, ich sei tot; ich muss daher hinfort als Toter gelten. Nicht etwa, dass ich irgendetwas getan hätte, das diese falsche Annahme erforderlich machte, oder dass ich. mich vor irgendetwas zu fürchten hätte; das brauchst Du nicht zu denken. Nein, es geschieht nur aus dem einfachen Grund, weil ich nicht einen einzigen Pfennig Geld mehr besitze und auch keine Quellen mehr habe, wo ich welches erhalten könnte. Aus diesem Grund allein muss ich gestorben sein. Wenn Du nicht so unerwartet zurückgekehrt wärest, so würdest Du durch den Doktor von meinem Tod gehört haben, und er würde es dem Zufall überlassen haben, eine passende Gelegenheit ausfindig zu machen, wie er Dir die Wahrheit hätte mitteilen können; ich bin indessen tief betrübt, dass ich so sorglos war und diese Photographie auf dem Tisch habe liegen lassen.«

»Ich verstehe Dich nicht,« sagte sie. »Du gibst vor, gestorben zu sein?«

»Ja, ich muss Geld haben, ich muss notwendigerweise Geld haben, und um es zu bekommen, muss ich gestorben sein.«

»Was soll das nützen?«

»Ich habe mein Leben versichert, und die Versicherungssumme wird nach meinem Tod ausbezahlt werden, aber nicht früher.«

»Aber musst Du denn Geld zu bekommen suchen, sogar durch einen -«

Sie zauderte.

»Nenne es eine kleine Intrige, Liebling, wenn Du willst. Da es gar keinen andern Weg gibt, Geld zu bekommen, so muss ich auf diese Weise in den Besitz desselben zu gelangen suchen.«

»O, das ist schrecklich - eine Intrige, Harry? - Ein - ein - ein Betrug!«

»Ja, wenn Du so willst; die Advokaten würden es wenigstens so nennen.«

»O Harry, das ist ja ein Verbrechen! Für solche Handlungen wird man in Untersuchung gezogen, schuldig befunden und verurteilt.«

»Gewiss, wenn es herauskommt. Indessen ist es nur das arme, unwissende, ungeschickte Volk, welches entdeckt wird. In der City geschehen solche Dinge jeden Tag als etwas ganz Selbstverständliches,« fügte er leichtsinnig hinzu. »Es ist nicht gebräuchlich, dass die Männer ihre Frauen bei so etwas ins Vertrauen ziehen; in diesem Fall muss es aber doch geschehen, ich habe keine Wahl, wie Du ohne weiteres einsehen wirst.«

»Sage mir, Harry, wer hat zuerst an diesen Ausweg gedacht?«

»Natürlich Vimpany. O, in solchen Fällen musst Du ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, wo es sich um wirkliche Klugheit und Schlauheit handelt. Vimpany hat den Plan ausgedacht. Als er mich genau in denselben verzweifelten Vermögensverhältnissen fand, unter denen er jetzt selbst schmachtet, da kam er auf den Ausweg, uns Geld zu verschaffen. Ich wollte, wie ich offen gestehen muss, zuerst nichts davon wissen. Aber wenn man sich so Angesicht gegen Angesicht mit dem vollständigen Ruin findet, dann ist man gern bereit, alles zu tun, und außerdem ist dies auch, wie ich Dir sogleich beweisen werde, kein eigentlicher Betrug; ich nehme einfach nur schon jetzt, was ich oder vielmehr meine Hinterbliebenen nach einigen Jahren doch bekommen werden. Es ist indessen noch ein anderer Grund vorhanden.«

»War denn das Geld wirklich nicht auf eine andere Weise, auf ehrlichem Wege zu bekommen?«

Lord Harry beachtete diese Frage nicht, sondern fuhr fort: »Mein Liebling, Du kannst es vergessen und Du wirst es mir gewiss niemals vorwerfen, aber meine Liebe zu Dir wird es niemals dulden, dass ich vergesse, dass Dein kleines Vermögen bei einer zweifelhaften Spekulation durch mich verlorengegangen ist. Es ist alles fort und keine Aussicht vorhanden, es jemals wiederzugewinnen, und das, nachdem ich geschworen hatte, niemals einen Pfennig davon anzurühren.«

Er sprang auf und ging heftig erregt im Zimmer auf und ab.

»Iris, ich könnte ins Schuldgefängnis wandern, ich könnte meinen vollständigen Ruin ruhig mit ansehen; der Verlust meines ganzen Vermögens würde mir keinen Kummer verursachen, aber dass ich Dich um Dein Vermögen gebracht habe, das kann ich nicht ertragen.«

»Aber, Harry, als ob ich darnach etwas fragte! Alles, was ich besitze, gehört Dir; als ich mich Dir gab, gab ich Dir alles, was mein Eigentum ist. Nimm alles, verwende alles, verliere alles, ich werde niemals deswegen traurig sein, noch irgendein Wort des Vorwurfs und Tadels darüber aussprechen, teuerster Harry, wenn das alles ist.«

»Nein, dass ich weiß, dass Du mir niemals einen Vorwurf machen wirst, das wird gerade mein immerwährender Ankläger sein. Nach meinem Tod wirst Du alles wieder bekommen. Aber ich bin noch nicht alt, ich kann noch viele, viele Jahre leben. Wie kann ich auf meinen eigenen Tod warten, wenn ich imstande bin, dieses Unrecht mit einem Schlage wieder gut zu machen?«

»Aber nur durch ein anderes Unrecht oder durch noch etwas viel Schlimmeres.«

»Nein, kein neues Verbrechen mehr. Du musst bedenken, dass dieses Geld mir gehört. Es wird eines Tages meinen Erben zufallen, so sicher, wie morgen die Sonne scheinen wird. Früher oder später wird es mein sein; ich will es eben nur früher anstatt später haben, das ist alles. Die Versicherungsgesellschaft wird nichts weiter verlieren als die paar elenden Zinsen für den Rest meines Lebens. Mein Liebling, wenn das ein Unrecht ist, so will ich das Unrecht gern auf mich nehmen. Es ist leichter zu tragen als die immerwährenden Selbstvorwürfe, die ich mir machen müsste, so oft ich an Dich dächte und an den Verlust, den Du durch mich erlitten hast.«

Wiederum schloss er sie in seine Arme; er kniete vor ihr nieder und weinte. Dieser Anblick brachte Iris ganz außer sich, und sie versuchte keinen weiteren Widerstand.

»Ist es,« fragte sie furchtsam, »zu spät, umzukehren?«

»Es ist zu spät,« antwortete er, an den Toten unten denkend. »Es ist zu spät, alles ist schon fertig.«

»Mein armer Harry, was sollen wir tun? Wie sollen wir in Zukunft leben? Wie sollen wir es anstellen, nicht entdeckt zu werden?«

Sie wollte ihn nicht verlassen, sie fügte sich in die Verhältnisse. Er war ganz verwirrt über diese Bereitwilligkeit, welche sie zeigte, aber er verstand nicht, wie sie willens war, sich an ihn anzuklammern, selbst wenn er Schlimmeres getan hätte, als er gestanden.

Sie warf sich wieder in seine Arme und vergaß alles, willigte in alles. Von nun an sollte sie, obgleich sie es nicht wusste, das gefügige Werkzeug in der Hand zweier Schurken sein.


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