Deutsche Wilkie Collins Fanpage - Blinde Liebe - Zweiter Band - Dreiundsechzigstes Kapitel
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Blinde Liebe

Dreiundsechzigstes Kapitel

»Ich habe dieses schreckliche Ding schon einmal ungeschickterweise liegen lassen,« sagte Lord Harry und nahm das Bild vom Tische. »Ich will es jetzt lieber an einen sichereren Platz bringen.« Er schloss eine Schublade auf. »Ich will es hier hineinlegen. Aber da liegt ja mein Testament!« rief er aus, als ob er plötzlich an etwas anderes dächte. »Das werde ich wahrscheinlich nächstens auch einmal auf dem Tisch liegen lassen. Meine süße Iris, ich habe Dir alles hinterlassen, alles wird einst Dein gehören. Bewahre das Testament daher jetzt für mich.« Er nahm das Dokument heraus. »Es ist Dein, Du kannst es ebenso gut schon jetzt haben, und ich weiß, dass es in Deinen treuen, sorgsamen Händen gut aufgehoben sein wird. Ich habe Dir nicht nur alles hinterlassen, sondern Du bist auch die einzige Vollstreckerin meines Willens.«

Iris nahm das Testament, ohne ein Wort zu sagen. Sie verstand jetzt, was es bedeutete. Wenn sie die einzige Vollstreckerin war, so würde sie zu handeln haben. Wenn ihr alles gehören sollte, was er hinterließ, so würde sie auch das Geld bekommen. Auf diese Weise wurde sie durch einen einzigen Schritt nicht nur Mitwisserin des Verbrechens, sondern auch das Hauptwerkzeug, um es auszuführen.

Nachdem dies geschehen war, hatte Lord Harry ihr nur noch zu sagen, was sie jetzt infolge ihrer verfrühten Ankunft tun musste. Er hatte, wie er ihr sagte, geplant, sie nicht eher kommen, sie nicht eher etwas von der Wahrheit wissen oder vermuten zu lassen, als bis das Geld von der Versicherungsgesellschaft an seine Witwe ausbezahlt worden wäre. Wie nun aber einmal die Dinge lägen, so würde es das Beste für sie beide sein, Passy sofort zu verlassen, noch an diesem Abend, bevor irgendjemand etwas von ihrer Ankunft erführe. Vimpany sollte das noch Erforderliche allein besorgen. Sie könnten ihm vollständig trauen; er würde alles, was nötig sei, ausführen.

»Die Behörde wird von dem Doktor schon die Nachricht von meinem Tod erlitten haben. Gestern abend schrieb er an verschiedene, auch an meinen Bruder - der Teufel soll ihn holen! - und an den Rechtsanwalt unserer Familie. In jedem Augenblick, den ich noch hier verweile, wächst die Gefahr für mich, gesehen oder erkannt zu werden, nachdem die Behörde schon davon benachrichtigt ist, dass ich gestorben bin.«

»Wohin wollen wir denn gehen?«

»Daran habe ich auch schon gedacht. Es gibt eine kleine, ruhige Stadt in Belgien, wohin überhaupt niemals ein Engländer kommt. Dahin wollen wir uns wenden. Dann wollen wir einen andern Namen annehmen. Wir werden für die Außenwelt begraben sein und für die übrige Zeit unseres Lebens für uns allein leben. Bist Du damit einverstanden?«

»Ich will alles tun, Harry, was Du für das Beste hältst.«

»Es wird nur für eine gewisse Zeit sein. Wenn alles so weit in Ordnung ist, dann wirst Du vor die Front zu treten haben, das Testament in Deiner Hand wird eröffnet werden, und Du wirst alles erhalten, was Dir als der Witwe des Lord Harry Norland zukommt. Dann wirst Du - aber erst nach einiger Zeit, um allen Argwohn zu vermeiden, nach Belgien zurückkehren und dort wieder die Frau von William Linville werden.«

Iris seufzte schwer. Als sie aber sah, dass die Augen ihres Gatten zweifelnd auf ihr ruhten, zwang sie sich, zu lächeln.

»In allem, Harry,« sagte sie, »bin ich Deine Dienerin. Wann wollen wir abreisen?«

»Sofort. Ich habe nur noch einen Brief an den Doktor zu schreiben. Wo ist Dein Gepäck? Ist das alles? Ich will erst hinausgehen, um zu sehen, ob niemand in der Nähe ist. Hast Du das Testament? - Ah so, hier ist es, in Deiner Reisetasche.«

Er eilte dann schnell die Treppen hinunter, kam aber rasch wieder herauf.

»Die Pflegerin ist zurückgekehrt,« sagte er; »sie ist in dem Zimmer, welches der Kranke bewohnte.«

»Welche Pflegerin?«

»Die Pflegerin, die der Doktor kommen ließ, nachdem uns Fanny verlassen hatte. Der Däne befand sich besser, aber Vimpany hielt es doch für geraten, noch eine neue Wärterin zu engagieren,« setzte er eilig auseinander. Iris fand damals nichts Verdächtiges darin; erst später sollte es dazu kommen. »Geh jetzt ruhig hinunter und verlass das Haus durch die Türe an der Rückseite, dann wird Dich die Wärterin nicht sehen.«

Iris gehorchte und tat, wie Lord Harry ihr gesagt hatte. Sie schlich sich aus ihrem eigenen Hause wie ein Dieb, ebenso wie es ihr Kammermädchen Fanny Mere vor kurzem gemacht hatte. Sie ging durch den Garten und trat dann auf die Straße hinaus; dort wartete sie auf ihren Gatten.

Lord Harry aber setzte sich nieder und schrieb an den Doktor.

Der Brief lautete:

»Lieber Doktor!

»Während Sie die auswärtigen Angelegenheiten besorgen, ist im Innern ein unerwartetes Ereignis eingetreten. Nichts passiert öfter als das Unerwartete. Meine Frau ist zurückgekommen, und das ist doch das unerwartetste Ereignis, welches vorkommen konnte. Alles andere hätte hingehen können. Glücklicherweise hat sie das Krankenzimmer nicht gesehen und weiß infolge dessen auch nicht, was darin ist.

»Über diesen Punkt können Sie sich selbst die Gewissheit holen.

»Meine Frau ist nämlich schon wieder fort. Sie fand auf dem Tisch Ihren ersten photographischen Versuch. Beim Anblick desselben - sie hatte mich nämlich noch nicht gesehen - bekam sie eine kleine Ohnmacht, von der sie sich indessen sehr bald wieder erholte.

»Ich habe ihr die Dinge bis zu einem gewissen Punkt erklärt. Sie sieht die Notwendigkeit ein, dass Lord Harry gestorben sein muss. Sie versteht aber nicht, warum wir ein Begräbnis haben wollen; es liegt auch gar kein zwingender Grund vor, sie darüber aufzuklären. Sie sieht, wie ich glaube, vollständig ein, dass sie nicht hier gewesen sein darf, deshalb geht sie auch sofort wieder weg.

»Die Wärterin hat sie nicht gesehen, sie ist überhaupt von keinem Menschen gesehen worden.

»Sie versteht ferner, dass sie als die Witwe, Erbin und Testamentsvollstreckerin von Lord Harry sein Testament eröffnen lassen und das Geld, welches die Versicherungsgesellschaft ihrem Gatten schuldig ist, in Empfang nehmen muss. Sie will dies tun aus Liebe zu ihrem Gatten. Ich glaube, die Überredungskünste eines gewissen Mannes sind bis jetzt noch nicht nach ihrem vollen Wert gewürdigt worden.

»In Anbetracht der außerordentlichen Dringlichkeit, Iris von hier zu entfernen, bevor sie irgendetwas von dem Inhalt des Krankenzimmers wahrgenommen, und in Anbetracht der außerordentlichen Dringlichkeit, dass ich von hier fortkomme, ehe irgendwelche obrigkeitlichen Nachforschungen stattfinden, werden Sie, wie ich glaube, mit mir übereinstimmen, dass ich recht daran tue, Passy und Paris noch heute nachmittag mit Lady Harry zu verlassen.

»Sie können an William Linville in Louvain in Belgien postlagernd schreiben. Sie werden, wie ich sicher hoffe, diesen Brief sofort vernichten.

»Louvain ist ein ruhiger, weltentlegener Ort, wo man ganz getrennt von den alten Freunden leben kann und noch dazu sehr billig.

»In Anbetracht der kleinen Summe Geldes, die sich noch in meinem Besitz befindet, rechne ich auf Ihr außerordentliches Geschick, mit der größten Sparsamkeit vorzugehen. Ich weiß nicht, wie lange es dauern wird, bis unsere gerechten Forderungen befriedigt werden - vielleicht zwei Monate, vielleicht aber auch ein halbes Jahr. Jedenfalls ist, bis die Angelegenheit in Ordnung kommt, große Sparsamkeit vonnöten.

»Zu gleicher Zeit wird es Lady Harry keine Schwierigkeit verursachen, wenn sie nach London kommt, noch sonst einige Vergünstigungen in pekuniärer Hinsicht mit Hilfe des Rechtsanwalts von der Familie ihres verstorbenen Gatten zu erhalten.

»Ich bedaure sehr, mein lieber Doktor, dass ich Sie allein lassen muss während der Beerdigung dieses unglücklichen jungen Edelmanns. Sie werden auch, wie ich höre, sehr viel Schreibereien mit seiner Familie haben. Sie werden möglicherweise sogar deswegen nach England reisen müssen; aber Sie werden dies alles allein besorgen können, und werden es sehr gut besorgen. Die Rechnung für Ihren ärztlichen Beistand werden Sie gut tun, an die Witwe einzusenden.

»Noch einige Worte: Das Kammermädchen Fanny Mere hat sich nach London begeben, jedoch Lady Harry nicht gesehen. Sobald sie hören wird, dass ihre Herrin London verlassen hat, wird sie natürlich sofort nach Passy zurückkehren. Sie kann daher jeden Moment kommen. Wenn ich Sie wäre, dann würde ich diese Person an der Gartentür empfangen und wieder fortschicken. Das ist wenigstens nach meiner Meinung das Beste; jedenfalls wäre es sehr unangenehm, wenn sie vor dem Begräbnis käme.

»Mein lieber Doktor, ich rechne auf Ihren Verstand, Ihre Klugheit und Ihre Findigkeit.

Ihr ganz ergebener

englischer Freund.«

Lord Harry las den Brief, nachdem er ihn geschrieben hatte, noch einmal sehr sorgfältig durch. Nach seiner Meinung stand nichts irgendwie Gefahrbringendes darin, und doch deutete etwas auf Gefahr. Er ließ den Brief indessen so. Es wäre nahegelegt gewesen, den Doktor noch einmal zur größten Vorsicht zu ermahnen; er musste aber seine Frau so schnell wie möglich und unauffällig wegbringen.

Nachdem er den Brief in ein Couvert geschlossen und denselben an den Doktor adressiert hatte, packte er seine Sachen rasch zusammen und eilte nach dem Bahnhof. Passy sah ihn niemals wieder.

Am nächsten Tage wurden die sterblichen Überreste Lord Harry Norlands bestattet.


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